|
|
|
"Da entwickelt es sich"
Lorenz Westenrieder, ein vergessener Schriftsteller der
Aufklärung und Gegner der Zensur im 18. Jahrhundert, fürchtete
keinerlei schädliche Lektüre-Folgen. Im Gegenteil: Sein Roman
"Der Traum in drei Nächten" beschreibt die Utopie einer freiheitlichen
Stadt, und zwar München im Jahr 2082:
Ich bitte dich, sagte ich zu meinem Führer, wo habt ihr diese Art,
so zu denken erlernet? "Dadurch, gab mein Führer zur Antwort, daß
wir frei denken durften." Wie, ihr habt euch der Gefahr ausgesetzt, daß
die giftigsten Meinungen und die verderbtesten Grundsätze euer Land
überschwemmen? Wenn jeder denken darf, wie er will: welches Gemisch
von Denkungsarten muß da entstehen? Wird sich nicht jeder, nachdem
er Absichten und Leidenschaften besitzt, sein eigenes System bauen? Welches
Mittel bleibt dann noch übrig, hunderttausend Köpfe nach dem
Normal bestimmter Grundsätze zu lenken? -
"Also glaubst du, sagte mein Führer, daß man Gefahr laufe,
wie ein Missethäter verurtheilt zu werden, wenn man so und so denkt?
Ehe ich mich mit dir weiter einlasse, sagte er, muß ich erinnern,
daß, wenn ich hier von der Freiheit im Denken spreche, ich allein
diejenigen Angelegenheiten, welche jeden Staat angehen, verstehe. Hierin
sind sich in den Hauptgrundsätzen alle Weltalter gleich. Der Mensch
kann nie so verfallen, daß er das Gute für schändlich,
und das Böse für rühmlich ansähe. Die Gerechtigkeit,
die Enthaltsamkeit, die Uneigennützigkeit, der Muth, etws zu unternehmen,
und so die übrigen Tugenden, blieben stets die Eigenschaften, nach
welchen jedermann beurtheilt seyn wollte, und die Unwissenheit, der Müßiggang,
die Wollust wurden immer für Gebrechen angesehen, derer sich jedermann
schämte und die zu verbergen sich diejenigen am meisten angelegen
seyn ließen, die ihnen am unmäßigsten ergeben waren. ...
Es ist das, was die Menschen zusammenhält, nicht erfunden, nicht ersonnen,
noch durch Kunst, Anweisung oder Befehl in die Gemüther gekommen,
sondern in denselben liegt es; und, wo sie handeln, sich berathschlagen,
untersuchen, nachdenken, da entwickelt es sich."

|