Nr. 16,  August 1999
aaaaaaaaaaa
Essays Leseproben     Interview Net-Ticker     TextBilder Rubriken    Archiv

 
TextBilder
 
 
 
 
 
 
 
 
Buchkunst
Lyrik
Kurzprosa
Die Marginalie
 

 

Matthias Falke

Genußleben

Ein ästhetisch versierter Kaschmir=Tiger, der mit künstlerischer Anerkennung und mäzenatischem Wohlwollen auf den Hinterschenkeln des Gazellen=Füllens verweilt, das er zu seinem heutigen Abend=Mahl sich ausersehen hat, und der mit pawlow'sch gezwirbeltem Bart jede kitzige Bewegung, jedes Vibrieren der Muskulatur unter dem Flanell der Arsch=Backen - pardon! - verfolgt, versonnen und voraus=entträumt beim zwinkernd abgevöllten, träge zigarettenden Danach eines gedoppelten Futur: Ich werde genossen haben; - so war sein Blick an dem hakenschlagenden Gezückel angeleint und -angelrutet, das er auch im dickichtsten GeBare der dschungelnächtlichen Nicht=Schonzeit nicht für einen Kolibri=Schluckauf aus den fettleckigen Augen ließ, sondern mit mienenlosem Krokodilen und starr herumechsenden Pupillen verfolgte. - Mein Gott, sieh dir das an!, sheerkhante er und entglimmte eine Gauloises, und ich kapierte erst gar nicht, was passiert war, denn er wandte den Blick trotz allem nicht ab, sondern wischte sich blind und augenlos die kohligen Tabakkrümel von den verbrannten Lippen, tastete mit fibrillenden Fingern nach der befilterten Seite und zündete sich die ausge- und verspuckte Zigarette dann, leicht eingekniffen belidet, andersrum wieder an. 
- Amelie, du mußt mich interviewen!, mit diesem Satz hatte unsere de-Beauvoir-und- Sartre-Beziehung vor einigen Monaten ihren telephönernen Auftakt genommen, und obwohl ich ihn nur dem Essayen nach kannte - sein neuer Roman hatte es geschafft, großflukig aus der Flut der Tagesproduktionen aufzuwalen - und sowohl das Du wie auch die imperativische Form des anonymystischen Anrufes nicht eigentlich gerechtfertigt schienen, unterhielt ich mich zweimal zwölf Minuten mit ihm vor einer virtuellen Öffentlichkeit; und da er eh' gerade dabei war, nach M. umzuziehen, ergab sich auch der eine oder andere private - nun: Kontakt. Allerdings haben wir nur ein paarmal miteinander geschlafen, denn obwohl ich mich nach wie vor weigerte, dem fliehenden Pferd meiner durchgegangenen Jugend endgültig die Zügel schießen zu lassen, brachten es der dekaden(t)e Altersunterschied und die Tatsache, daß ich mit zwei Kindern herummutterte, doch mit sich, daß ich mich, wo nicht als Großtante, so doch als ältere Schwester des Jung=Dreißigers zu fühlen begann und mich auf die Rolle einer beratenden Freundin zurückzog, die ihn dafür mit dem einen oder anderen Ersatz=Stück und Nacht=Mahl entschädigte; und das ging so:
- Gooott, chwerwáhnsinnich, stöhnte er und gutturaalte sich in seiner Verzweiflung. Er hatte mit seinem Kriegs- und Handwerkszeug wieder einen ganzen beistelligen Tisch befestigt; da er über eine ziemlich ellenbogige Handschrift verfügte und daher großformatige Notizblöcke benötigte, zitadellte er feldherrlich über dem kriegsversehrten Marmor=Einbein, das seine Utensilien vollständig okkupierten. Seine Arbeitsweise, die er mir in postcoitaler Entspanntheit einmal verept hatte, sah so aus, daß jeder Satz in mindestens vier Durchgängen entstand: dem ersten Aufriß, in dem der Parcours der Handlung abgesteckt wurde, folgte die Aufstellung der Stichwortfähnchen, die den Nebensatz- und Parenthesen=Slalom - nb. eine Besonderheit seines Stils, der so die äußere Anlage proust'scher Bandwurmungetümer mit neologistischem Leben füllte - ausmäanderten. Der Niederschrift des zusammenhängenden Satzes in elaborierter Umgangssprache, schloß sich dann die Labiallautverwechslung der einzelnen Vokabeln an, die durch originellere, zumindest: niedagewesene ersetzt und benachfolgert wurden. Eventualiter kam es zu einem fünften Drübergang, der das Ergebnis noch einmal befeilte und überfirnißte. So konnte er den ganzen Abend an einem einzelnen Satz brüten, während er ein halb' Dutzend Weißbierflaschen leerte - er bestand darauf, sich immer selbst die Schaumgläser vollzuhefen - und seine rauchblinden Augen in den Erkern und Balkonen des studentischen Gekneipes herumvoyeurten. 
Wenn er sich dann an einem Zentner 18jährigen Mädchenfleisches festgesehen hatte - und es war unschwer herauszumendeln, welche es diesmal be- und getroffen hatte, denn zum einen kannte ich inzwischen seinen Geschmack ganz gut (dem ich by the way so wenig entsprach, daß ich mich inzwischen zu fragen begonnen hatte, was er damals von mir wollte), und ad zwei beglotzte er das Objekt seiner diesnächtlichen Wahl derart animalen, daß es nicht nur der Betreffenden, sondern der gesamten Lokalität bald auf- und auch gefiel -, dann mußte ich nämlich, der oralen Satzung unseres Rituals folgend, wie beiläufig an die Theke diskreten und hinterhandig lossprücheln. 
- Chdreh gleich durch, martyrte er - und eine Zigarette auszudrücken, hatte er immer noch nicht gelernt; er wimpernzuckte lieber durch den epilogenden Rauch, als einen Seitenblick zu investieren, um die fortraupende Glut vollständig zu verquetschen -: - Mein Gott! Sieh dir diesen Arsch an! Das ist - unanständig; man kann doch mit einem solchen Gesitze nicht herumöffentlichen. Was da alles passieren kann. Die Schenkel; kuckmal die Strammsteh=Stelle, wo die Ficus=Hüfte in den elasticussen Oberschenkelmuskel übergeht! Jedesmal, wenn sie da drüben zum Stammtisch hochtreppt, hab'ch angst, daß mir einer abgeht. Und noch knallenge Hosen an, das Luder!
Wenn ich mich - Marke: reife Frau und Vertraute gibt unerfahrener Aushilfsserviererin mal'n guten Tip - der jungen Dinger annahm und ihnen so zwei, drei Fakten steckte, kam in der Regel nur noch wenig Gegenwehr. Die meisten freuscheuten rot auf und nahmen den Kupferton einer herbstlichen Mondfinsternis an; nur einmal hatten wir einen handfesten Korb abgeführt: in einem Bistro in Schwabing hatte eine sehr Blonde zurückgekellnert: - Ich intressier mich nich für Literatur: ich bin Sängerin; laß mich bloß in Ruhe!, was mich doch auch ein bißchen getroffen hatte. Sonst haute es aber hin, und er ließ mich umso lieber vorantreibern, als er sich mit dem Gedanken zu bebusenfreunden schien, daß auch mich diese tigernen Pirsch- und Jagden irgendwie inspirierten. Bloß, das war seine liebste Phantas- und magorie, daß ich an den späternächtlichen Zusammen=Künften auch noch teilnehmen und seine Abenteuer beselbdritten sollte, dazu konnte und werde ich mich nicht hereinlassen. Es gibt keinen Herzens(jaja!)Wunsch, den man den Herren Männern erfüllen könnte, hinter dem nicht noch=perversere VorStellungen aufpraktiken und bordellen horizonten. 
- Amelie, du mußt was unternehm'! Es mußte schlimm sein, wenn er zu diesem Kommandoton überging, und so stereotypte ich richtung Barkeeper und fing das Hasilein - für meinen nicht=ausschlaggebenden Geschmack zu jung, zu blond, zu mecklenburgisch - an der Computerkasse ab, die sie eben zum hunderteinundneunzigsten Mal an diesem Abend mit ihrem Personalschlüssel penetrieren wollte, und sagte mein Sprüchlein, so ganz von Frau zu Frau: - Schul'jung; sehn Sie den Herrn dort hinten, ja wir sitzen schon'ne Weile hier, der jetzt plötzlich ganz unbeteiligt in sein' NotizBlock vertieft tut, das is, wenn Sie's intressiert, der Schriftsteller XY - hat letz'n Monat den ArthurMiller=Preis (oder war's doch Henry?) gekriegt -, und, wenn'ch Ihn'n das, ganz im Vertrauen, er hat glaub'ch ein Auge auf Sie geworfen; kann sein, daß er Sie nachher. Wie lange sind Sie denn noch...
Wenig später konnte ich dann heimwärtsen, mein Part hatte sich bis zum schön=kursiven Abgang manuskriptet. Wie ich so primadonnen entgarderobte und nicht=zwinkernd SchönAmdnoch! richtung Theke nickte, sah ich, wie sie ihm ein Kännchen Kaffee auftrug - das war das Sturmsignal und die Piratenflagge, wenn er auf Koffein umstieg - und schutzlos in die Enterhaken seiner blauankernden Augen lief. Ich zahlte natürlich nicht, sondern ver=wies leicht pikiert auf ihn; daß ich ihm zuvor zwei Scheine für meine und seine Zeche unter dem Tisch zugeheimlicht hatte, hatte ja hoffentlich niemand gesehen. Nun, er breitbeinte ganz kapitänen hinter seiner Schreibblock=Brücke - sie hatte doch etwas unbefangen=neugieriger zwischen ihm und seinem Ge=Einfalle hin und her getiefblickt - und steuerräderte, ein anderer Ahab, auf die weißwaligen Untiefen dieser Nacht zu. 

Am nächsten Vormittag, d.h. so gegen 14 Uhr, trafen wir uns im Englischen Garten an seiner Lieblingsulme; seine Augen donjuanten fernlich, als er mich zur Begrüßung embracierte, er wirkte fahl und heiser. Rauchte wohl zu viel. Während wir am träge scherbelnden See dahinplauschten, referierte er mir den Plot seiner neuesten Erzählung. Da er später einen Termin im Verlag hatte, wollte er noch einen Kaffee trinken, und so tapfer=fröstelten wir eine Stunde in einem heroisch=oktobernden Terrassenlokal. Man hatte die Laubkulissen umgestrichen und die Seeufer mit einem irgendwie altmodischen Braunrot ausgeschlagen. Auch mit der Beleuchtung schien was nicht zu stimmen, denn während es mir im Verhältnis zum blaugezirrten Himmel zu dämmrig vorkam - die hüftkranke Sonne schaffte es nicht mehr bis über die Buchenbrüstung -, maulte er herum, es sei viel zu hell für diese nachtschlafende Jahreszeit. Allmählich wurde ich doch neugierig und interviewte ihn, was denn in den letzten zwölf Stunden so abgegangen war. 
- Mein Gott - sie hat einen sehr schönen runden Hintern und durchdrainierte Oberschenkel, wirklich toll. Naja; ansonsten eher unbeleckt. Als ich das Wörtlein Fellatio in den Mund nahm, kuckte sie nur groß und kriegte ganz dünne Lippen. Und wie ich nach der dritten fad=konventionellen Nummer dann doch'n Stündchen schlafen wollte, schien sie irgendwie persönlich beleidigt. Hab sie dann noch becunnilingust und ihr, wie sie gar keine Ruhe geben wollte, nbißchen den Finger in ihrn schönen Arsch gesteckt. Heut morgen hat sie schon angefangen rumzunölen, und wie sie dann aus mir raushatte - achso: Schauspielschülerin übrigens -, äh=daß ich gar keine Verbindungen zum Film hab, ist sie stinkig abgezogen. Jetzt muß ich aber wirklich! See you tonight...

Abends rendezvousten wir in einer anderen KünstlerKneipe zusammen - er schien zuvörderst kein' App'tit mehr auf die gehabte Lokalität zu empfinden. Er war schon da, als ich so kurz vor Mitternacht, gerade dem Studio entfeierabend't, zu ihm hinaufkletterte. Er liebte naturgemäß Emporen oder freischwebende Solo=Tischchen, von denen aus er die Hamsterbahnen und Thekenkäfige, in denen die Stundenlohnkellnerinnen vorübermodellten, überblicken konnte. Vor ihm attributete das übliche Equipment herum: der aufgeschlagene DinA3=Block, auf dem in einer Randspalte nichtlesbarer Gedankenblitze das großflächige Prozedere des nächsten chromosomen Satzes aufgeworfen war, daneben das Schreibzeug, der Aschenbecher, der schon wieder ganz gut bei'nander war, das Weizenglas mit der fast=leeren Flasche, die er mit der linken Hand - ohne hinzusehen versteht sich - träge auf- und abrollte, um die letzten Flöckchen Hefetunke noch zusammenzupipetten, sowie ein Zweidutzendseiten=Manuskript: der bisherige Korpus der neuen Novelle. Ich überschlug kurz, wie viele Zigaretten, Bierflaschen und Bettlaken ihn das schon gekostet haben mußte - kein leichter Beruf so als Schriftsteller! Ich nahm, irgendwie hoff=betend, das mich hier niemand kannte, neben ihm Platz; ihm gegenüber war eher ungeschicklich, da ich ihm so a) die Sicht vertêtete, und b) umgekehrt nicht an seinen Leibes=Visitationen teilnehmen konnte. - Wie war's im Verlag?, leichthinte ich arglöser, als der späten Stunde angemessen war, denn sein Blick tigerte schon recht fadenkreuzlerisch im Parallelschwung mit einer eher pummeligen...
- Sieh mal; das Decolleté! Tiefbraun und garantiert samtweich, seh'ch von hier. Meinst du, wenn die die Brüstung abschnallt. Liebe Zeit; und noch ganz raffiniert ausgeschnitten. Warum tun Menschen einander sowas an? Mußt mal kucken: wenn sie dir was hinstellt, bückt sie sich noch fies vor, daß du im Abyss ihres tyrrhenischen Meer=Busens verschütt gehen kannst.
Und er durchatmete asthmatisch und augenrollte verzweifelselig, wie ein obsessiver Sammler und Philatelist, der nach einer mafiösen Razzia dazukommt, wie die Straße voller Hausrat und einzelstückeliger Kleinodien liegt, und der sich nun - sonst macht's ja keiner - allem Ischias und Knochenknirschen zum Trotz zwischen den platzenden Regen knien und im Schweiße seines Angesichts das millionenschätzige Geflatter eigenhändig aufsammeln und eintüten muß. Was'n Streß, dieses Genußleben!

Essays Leseproben     Interview Net-Ticker     TextBilder  Rubriken     Archiv