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Matthias Falke
Genußleben
Ein ästhetisch versierter Kaschmir=Tiger, der mit künstlerischer
Anerkennung und mäzenatischem Wohlwollen auf den Hinterschenkeln des
Gazellen=Füllens verweilt, das er zu seinem heutigen Abend=Mahl sich
ausersehen hat, und der mit pawlow'sch gezwirbeltem Bart jede kitzige Bewegung,
jedes Vibrieren der Muskulatur unter dem Flanell der Arsch=Backen - pardon!
- verfolgt, versonnen und voraus=entträumt beim zwinkernd abgevöllten,
träge zigarettenden Danach eines gedoppelten Futur: Ich werde genossen
haben; - so war sein Blick an dem hakenschlagenden Gezückel angeleint
und -angelrutet, das er auch im dickichtsten GeBare der dschungelnächtlichen
Nicht=Schonzeit nicht für einen Kolibri=Schluckauf aus den fettleckigen
Augen ließ, sondern mit mienenlosem Krokodilen und starr herumechsenden
Pupillen verfolgte. - Mein Gott, sieh dir das an!, sheerkhante er und entglimmte
eine Gauloises, und ich kapierte erst gar nicht, was passiert war, denn
er wandte den Blick trotz allem nicht ab, sondern wischte sich blind und
augenlos die kohligen Tabakkrümel von den verbrannten Lippen, tastete
mit fibrillenden Fingern nach der befilterten Seite und zündete sich
die ausge- und verspuckte Zigarette dann, leicht eingekniffen belidet,
andersrum wieder an.
- Amelie, du mußt mich interviewen!, mit diesem Satz hatte unsere
de-Beauvoir-und- Sartre-Beziehung vor einigen Monaten ihren telephönernen
Auftakt genommen, und obwohl ich ihn nur dem Essayen nach kannte - sein
neuer Roman hatte es geschafft, großflukig aus der Flut der Tagesproduktionen
aufzuwalen - und sowohl das Du wie auch die imperativische Form des anonymystischen
Anrufes nicht eigentlich gerechtfertigt schienen, unterhielt ich mich zweimal
zwölf Minuten mit ihm vor einer virtuellen Öffentlichkeit; und
da er eh' gerade dabei war, nach M. umzuziehen, ergab sich auch der eine
oder andere private - nun: Kontakt. Allerdings haben wir nur ein paarmal
miteinander geschlafen, denn obwohl ich mich nach wie vor weigerte, dem
fliehenden Pferd meiner durchgegangenen Jugend endgültig die Zügel
schießen zu lassen, brachten es der dekaden(t)e Altersunterschied
und die Tatsache, daß ich mit zwei Kindern herummutterte, doch mit
sich, daß ich mich, wo nicht als Großtante, so doch als ältere
Schwester des Jung=Dreißigers zu fühlen begann und mich auf
die Rolle einer beratenden Freundin zurückzog, die ihn dafür
mit dem einen oder anderen Ersatz=Stück und Nacht=Mahl entschädigte;
und das ging so:
- Gooott, chwerwáhnsinnich, stöhnte er und gutturaalte
sich in seiner Verzweiflung. Er hatte mit seinem Kriegs- und Handwerkszeug
wieder einen ganzen beistelligen Tisch befestigt; da er über eine
ziemlich ellenbogige Handschrift verfügte und daher großformatige
Notizblöcke benötigte, zitadellte er feldherrlich über dem
kriegsversehrten Marmor=Einbein, das seine Utensilien vollständig
okkupierten. Seine Arbeitsweise, die er mir in postcoitaler Entspanntheit
einmal verept hatte, sah so aus, daß jeder Satz in mindestens vier
Durchgängen entstand: dem ersten Aufriß, in dem der Parcours
der Handlung abgesteckt wurde, folgte die Aufstellung der Stichwortfähnchen,
die den Nebensatz- und Parenthesen=Slalom - nb. eine Besonderheit seines
Stils, der so die äußere Anlage proust'scher Bandwurmungetümer
mit neologistischem Leben füllte - ausmäanderten. Der Niederschrift
des zusammenhängenden Satzes in elaborierter Umgangssprache, schloß
sich dann die Labiallautverwechslung der einzelnen Vokabeln an, die durch
originellere, zumindest: niedagewesene ersetzt und benachfolgert wurden.
Eventualiter kam es zu einem fünften Drübergang, der das Ergebnis
noch einmal befeilte und überfirnißte. So konnte er den ganzen
Abend an einem einzelnen Satz brüten, während er ein halb' Dutzend
Weißbierflaschen leerte - er bestand darauf, sich immer selbst die
Schaumgläser vollzuhefen - und seine rauchblinden Augen in den Erkern
und Balkonen des studentischen Gekneipes herumvoyeurten.
Wenn er sich dann an einem Zentner 18jährigen Mädchenfleisches
festgesehen hatte - und es war unschwer herauszumendeln, welche es diesmal
be- und getroffen hatte, denn zum einen kannte ich inzwischen seinen Geschmack
ganz gut (dem ich by the way so wenig entsprach, daß ich mich inzwischen
zu fragen begonnen hatte, was er damals von mir wollte), und ad zwei beglotzte
er das Objekt seiner diesnächtlichen Wahl derart animalen, daß
es nicht nur der Betreffenden, sondern der gesamten Lokalität bald
auf- und auch gefiel -, dann mußte ich nämlich, der oralen Satzung
unseres Rituals folgend, wie beiläufig an die Theke diskreten und
hinterhandig lossprücheln.
- Chdreh gleich durch, martyrte er - und eine Zigarette auszudrücken,
hatte er immer noch nicht gelernt; er wimpernzuckte lieber durch den epilogenden
Rauch, als einen Seitenblick zu investieren, um die fortraupende Glut vollständig
zu verquetschen -: - Mein Gott! Sieh dir diesen Arsch an! Das ist - unanständig;
man kann doch mit einem solchen Gesitze nicht herumöffentlichen. Was
da alles passieren kann. Die Schenkel; kuckmal die Strammsteh=Stelle, wo
die Ficus=Hüfte in den elasticussen Oberschenkelmuskel übergeht!
Jedesmal, wenn sie da drüben zum Stammtisch hochtreppt, hab'ch angst,
daß mir einer abgeht. Und noch knallenge Hosen an, das Luder!
Wenn ich mich - Marke: reife Frau und Vertraute gibt unerfahrener Aushilfsserviererin
mal'n guten Tip - der jungen Dinger annahm und ihnen so zwei, drei Fakten
steckte, kam in der Regel nur noch wenig Gegenwehr. Die meisten freuscheuten
rot auf und nahmen den Kupferton einer herbstlichen Mondfinsternis an;
nur einmal hatten wir einen handfesten Korb abgeführt: in einem Bistro
in Schwabing hatte eine sehr Blonde zurückgekellnert: - Ich intressier
mich nich für Literatur: ich bin Sängerin; laß mich bloß
in Ruhe!, was mich doch auch ein bißchen getroffen hatte. Sonst haute
es aber hin, und er ließ mich umso lieber vorantreibern, als er sich
mit dem Gedanken zu bebusenfreunden schien, daß auch mich diese tigernen
Pirsch- und Jagden irgendwie inspirierten. Bloß, das war seine liebste
Phantas- und magorie, daß ich an den späternächtlichen
Zusammen=Künften auch noch teilnehmen und seine Abenteuer beselbdritten
sollte, dazu konnte und werde ich mich nicht hereinlassen. Es gibt keinen
Herzens(jaja!)Wunsch, den man den Herren Männern erfüllen könnte,
hinter dem nicht noch=perversere VorStellungen aufpraktiken und bordellen
horizonten.
- Amelie, du mußt was unternehm'! Es mußte schlimm sein,
wenn er zu diesem Kommandoton überging, und so stereotypte ich richtung
Barkeeper und fing das Hasilein - für meinen nicht=ausschlaggebenden
Geschmack zu jung, zu blond, zu mecklenburgisch - an der Computerkasse
ab, die sie eben zum hunderteinundneunzigsten Mal an diesem Abend mit ihrem
Personalschlüssel penetrieren wollte, und sagte mein Sprüchlein,
so ganz von Frau zu Frau: - Schul'jung; sehn Sie den Herrn dort hinten,
ja wir sitzen schon'ne Weile hier, der jetzt plötzlich ganz unbeteiligt
in sein' NotizBlock vertieft tut, das is, wenn Sie's intressiert, der Schriftsteller
XY - hat letz'n Monat den ArthurMiller=Preis (oder war's doch Henry?) gekriegt
-, und, wenn'ch Ihn'n das, ganz im Vertrauen, er hat glaub'ch ein Auge
auf Sie geworfen; kann sein, daß er Sie nachher. Wie lange sind Sie
denn noch...
Wenig später konnte ich dann heimwärtsen, mein Part hatte
sich bis zum schön=kursiven Abgang manuskriptet. Wie ich so primadonnen
entgarderobte und nicht=zwinkernd SchönAmdnoch! richtung Theke nickte,
sah ich, wie sie ihm ein Kännchen Kaffee auftrug - das war das Sturmsignal
und die Piratenflagge, wenn er auf Koffein umstieg - und schutzlos in die
Enterhaken seiner blauankernden Augen lief. Ich zahlte natürlich nicht,
sondern ver=wies leicht pikiert auf ihn; daß ich ihm zuvor zwei Scheine
für meine und seine Zeche unter dem Tisch zugeheimlicht hatte, hatte
ja hoffentlich niemand gesehen. Nun, er breitbeinte ganz kapitänen
hinter seiner Schreibblock=Brücke - sie hatte doch etwas unbefangen=neugieriger
zwischen ihm und seinem Ge=Einfalle hin und her getiefblickt - und steuerräderte,
ein anderer Ahab, auf die weißwaligen Untiefen dieser Nacht zu.
Am nächsten Vormittag, d.h. so gegen 14 Uhr, trafen wir uns im
Englischen Garten an seiner Lieblingsulme; seine Augen donjuanten fernlich,
als er mich zur Begrüßung embracierte, er wirkte fahl und heiser.
Rauchte wohl zu viel. Während wir am träge scherbelnden See dahinplauschten,
referierte er mir den Plot seiner neuesten Erzählung. Da er später
einen Termin im Verlag hatte, wollte er noch einen Kaffee trinken, und
so tapfer=fröstelten wir eine Stunde in einem heroisch=oktobernden
Terrassenlokal. Man hatte die Laubkulissen umgestrichen und die Seeufer
mit einem irgendwie altmodischen Braunrot ausgeschlagen. Auch mit der Beleuchtung
schien was nicht zu stimmen, denn während es mir im Verhältnis
zum blaugezirrten Himmel zu dämmrig vorkam - die hüftkranke Sonne
schaffte es nicht mehr bis über die Buchenbrüstung -, maulte
er herum, es sei viel zu hell für diese nachtschlafende Jahreszeit.
Allmählich wurde ich doch neugierig und interviewte ihn, was denn
in den letzten zwölf Stunden so abgegangen war.
- Mein Gott - sie hat einen sehr schönen runden Hintern und durchdrainierte
Oberschenkel, wirklich toll. Naja; ansonsten eher unbeleckt. Als ich das
Wörtlein Fellatio in den Mund nahm, kuckte sie nur groß und
kriegte ganz dünne Lippen. Und wie ich nach der dritten fad=konventionellen
Nummer dann doch'n Stündchen schlafen wollte, schien sie irgendwie
persönlich beleidigt. Hab sie dann noch becunnilingust und ihr, wie
sie gar keine Ruhe geben wollte, nbißchen den Finger in ihrn schönen
Arsch gesteckt. Heut morgen hat sie schon angefangen rumzunölen, und
wie sie dann aus mir raushatte - achso: Schauspielschülerin übrigens
-, äh=daß ich gar keine Verbindungen zum Film hab, ist sie stinkig
abgezogen. Jetzt muß ich aber wirklich! See you tonight...
Abends rendezvousten wir in einer anderen KünstlerKneipe zusammen
- er schien zuvörderst kein' App'tit mehr auf die gehabte Lokalität
zu empfinden. Er war schon da, als ich so kurz vor Mitternacht, gerade
dem Studio entfeierabend't, zu ihm hinaufkletterte. Er liebte naturgemäß
Emporen oder freischwebende Solo=Tischchen, von denen aus er die Hamsterbahnen
und Thekenkäfige, in denen die Stundenlohnkellnerinnen vorübermodellten,
überblicken konnte. Vor ihm attributete das übliche Equipment
herum: der aufgeschlagene DinA3=Block, auf dem in einer Randspalte nichtlesbarer
Gedankenblitze das großflächige Prozedere des nächsten
chromosomen Satzes aufgeworfen war, daneben das Schreibzeug, der Aschenbecher,
der schon wieder ganz gut bei'nander war, das Weizenglas mit der fast=leeren
Flasche, die er mit der linken Hand - ohne hinzusehen versteht sich - träge
auf- und abrollte, um die letzten Flöckchen Hefetunke noch zusammenzupipetten,
sowie ein Zweidutzendseiten=Manuskript: der bisherige Korpus der neuen
Novelle. Ich überschlug kurz, wie viele Zigaretten, Bierflaschen und
Bettlaken ihn das schon gekostet haben mußte - kein leichter Beruf
so als Schriftsteller! Ich nahm, irgendwie hoff=betend, das mich hier niemand
kannte, neben ihm Platz; ihm gegenüber war eher ungeschicklich, da
ich ihm so a) die Sicht vertêtete, und b) umgekehrt nicht an seinen
Leibes=Visitationen teilnehmen konnte. - Wie war's im Verlag?, leichthinte
ich arglöser, als der späten Stunde angemessen war, denn sein
Blick tigerte schon recht fadenkreuzlerisch im Parallelschwung mit einer
eher pummeligen...
- Sieh mal; das Decolleté! Tiefbraun und garantiert samtweich,
seh'ch von hier. Meinst du, wenn die die Brüstung abschnallt. Liebe
Zeit; und noch ganz raffiniert ausgeschnitten. Warum tun Menschen einander
sowas an? Mußt mal kucken: wenn sie dir was hinstellt, bückt
sie sich noch fies vor, daß du im Abyss ihres tyrrhenischen Meer=Busens
verschütt gehen kannst.
Und er durchatmete asthmatisch und augenrollte verzweifelselig, wie
ein obsessiver Sammler und Philatelist, der nach einer mafiösen Razzia
dazukommt, wie die Straße voller Hausrat und einzelstückeliger
Kleinodien liegt, und der sich nun - sonst macht's ja keiner - allem Ischias
und Knochenknirschen zum Trotz zwischen den platzenden Regen knien und
im Schweiße seines Angesichts das millionenschätzige Geflatter
eigenhändig aufsammeln und eintüten muß. Was'n Streß,
dieses Genußleben!

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