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Die Verteidigung des "Horrors"
gegen ihn selbst
Man kann sich mal vertun. Man kann eine Zeitlang meinen, Voltaire habe
wirklich den Ausspruch getan: "Ich mißbillige, was du sagst, aber
ich werde bis zu meinem Tod dein Recht verteidigen, es zu sagen." Bis man
erfährt: Es war gar nicht Voltaire. Sondern die dabei ruhmlos ausgegangene
Evelyn Beatrice Hall, die - unter dem Pseudonym S. G. Tallentyre - 1906
den unsterblichen Satz in ihr Theaterstück "The Friends of Voltaire"
hineinschrieb, in der sicher richtigen Meinung, sie drücke damit "Voltaires
Geisteshaltung" aus. So lernt man dazu.
Einer, der nicht dazulernt, ist Jürgen Fliege.
Da hat er, der werktägliche "Passen Sie gut auf sich auf!"-TV-Pfarrer,
dem Mädchenstrecken- Magazin "Penthouse" ein Interview gegeben und
den lieben Gott im heiligen Feuereifer einen "alten Gangster" genannt,
der ihn nun mal nicht loslasse. Flapsig, okay. Unsern aufrechten Orthodoxen
genügte das, um über den Pop-Theologen herzufallen: So gehts
nicht!, und: Weg muß er! und überhaupt: "Penthouse"! Der "Boulevard-Theologe"
(Selbstbeschreibnung) geriet in Bedrängnis. Am Ende mußten ihm
gar noch die Leser einer Straßenzeitung beispringen, und bei denen
revanchierte er sich sogar mit einem handgeschriebenen Dankbrief, den das
Blatt unter "Fliege dankt" auf die Titelseite faksimilierte. Schließlich,
nach einer dringlichen Ermahnung durch den ARD-Vorsitzenden (unser Foto),
durfte er mit seiner seifigen Show weitermachen.
Anderen, die ihm nicht minder wirksam beistanden, hat er nicht gedankt:
den Journalisten. Im Gegenteil. Er hat ihnen, ganz lieb natürlich,
in einem Aufarbeitungsinterview nachgemeckert: "Dann muß ich aber
auch wieder schmunzeln, wie in den letzten Tagen, wo ihr alle geschrieben
und berichtet habt, so in dem Ton: ‘Den Fliege find' ich Horror, aber so
kann der Sender nicht mit ihm umspringen.' Das war zum Teil alles recht
ulkig." Na schön, Undank ist des Pfarrers Lohn. Seis drum.
Aber: Was paßt ihm eigentlich nicht an seinen Verteidigern?
Hätten wir, wie unsere ergrimmten Medien-Ayatollahs, ihm ebenfalls
Steine nachwerfen sollen, bis er vor schlechtem Gewissen zusammenbricht
und von selbst aus der Show verschwindet? Zumindest hätte er sowas
nicht "ulkig" gefunden.
Aber das kann es wohl nicht sein. Man muß befürchten, daß
er - berufsbedingt - irgendwas eher Seelisches vermißt an dem Vorgang.
Er will nicht bloß verteidigt werden, er will darüber hinaus,
daß wir seine Show - nein: ihn selbst großartig finden. Daß
wir ihn so teigig anschmusen wie er noch seine unsäglichsten Talkgäste.
Er ist harmoniesüchtig. Es kann nicht trennen zwischen der Kritik
an seiner Person und der Verteidigung seiner Meinungsfreiheit. In seinem
Kopf steht ein dunkler Monolith, und auf dem steht: Wer mir hilft, muß
mich lieben. Alles andere findet Horror-Fliege "ulkig".
Aber er wird lernen müssen: Wir Journalisten tun ihm auch künftig
nicht den Gefallen einer kritiklosen Nächstenliebe und halten trotzdem
seine, also unsere Meinungsfreiheit hoch. Die Gelegenheit dazu bietet sich
womöglich bald wieder. Es gibt ja noch andere Männermagazine
als "Penthouse".
Andererseits sollte man Pfarrer besser überhaupt nicht ins Fernsehen
lassen. Die bringen ja doch nur alles nur durcheinander.
Anatol
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