Nr. 16,  August 1999
aaaaaaaaaaa
Essays    Leseproben     Interview    Net-Ticker     TextBilder     Rubriken     Archiv

 
 Essays
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Kommentar
Gastkolumnen

 

 

Die Verteidigung des "Horrors" gegen ihn selbst

Man kann sich mal vertun. Man kann eine Zeitlang meinen, Voltaire habe wirklich den Ausspruch getan: "Ich mißbillige, was du sagst, aber ich werde bis zu meinem Tod dein Recht verteidigen, es zu sagen." Bis man erfährt: Es war gar nicht Voltaire. Sondern die dabei ruhmlos ausgegangene Evelyn Beatrice Hall, die - unter dem Pseudonym S. G. Tallentyre - 1906 den unsterblichen Satz in ihr Theaterstück "The Friends of Voltaire" hineinschrieb, in der sicher richtigen Meinung, sie drücke damit "Voltaires Geisteshaltung" aus. So lernt man dazu.
Einer, der nicht dazulernt, ist Jürgen Fliege.
Da hat er, der werktägliche "Passen Sie gut auf sich auf!"-TV-Pfarrer, dem Mädchenstrecken- Magazin "Penthouse" ein Interview gegeben und den lieben Gott im heiligen Feuereifer einen "alten Gangster" genannt, der ihn nun mal nicht loslasse. Flapsig, okay. Unsern aufrechten Orthodoxen genügte das, um über den Pop-Theologen herzufallen: So gehts nicht!, und: Weg muß er! und überhaupt: "Penthouse"! Der "Boulevard-Theologe" (Selbstbeschreibnung) geriet in Bedrängnis. Am Ende mußten ihm gar noch die Leser einer Straßenzeitung beispringen, und bei denen revanchierte er sich sogar mit einem handgeschriebenen Dankbrief, den das Blatt unter "Fliege dankt" auf die Titelseite faksimilierte. Schließlich, nach einer dringlichen Ermahnung durch den ARD-Vorsitzenden (unser Foto), durfte er mit seiner seifigen Show weitermachen.
Anderen, die ihm nicht minder wirksam beistanden, hat er nicht gedankt: den Journalisten. Im Gegenteil. Er hat ihnen, ganz lieb natürlich, in einem Aufarbeitungsinterview nachgemeckert: "Dann muß ich aber auch wieder schmunzeln, wie in den letzten Tagen, wo ihr alle geschrieben und berichtet habt, so in dem Ton: ‘Den Fliege find' ich Horror, aber so kann der Sender nicht mit ihm umspringen.' Das war zum Teil alles recht ulkig." Na schön, Undank ist des Pfarrers Lohn. Seis drum.
Aber: Was paßt ihm eigentlich nicht an seinen Verteidigern? 
Hätten wir, wie unsere ergrimmten Medien-Ayatollahs, ihm ebenfalls Steine nachwerfen sollen, bis er vor schlechtem Gewissen zusammenbricht und von selbst aus der Show verschwindet? Zumindest hätte er sowas nicht "ulkig" gefunden.
Aber das kann es wohl nicht sein. Man muß befürchten, daß er - berufsbedingt - irgendwas eher Seelisches vermißt an dem Vorgang. Er will nicht bloß verteidigt werden, er will darüber hinaus, daß wir seine Show - nein: ihn selbst großartig finden. Daß wir ihn so teigig anschmusen wie er noch seine unsäglichsten Talkgäste.
Er ist harmoniesüchtig. Es kann nicht trennen zwischen der Kritik an seiner Person und der Verteidigung seiner Meinungsfreiheit. In seinem Kopf steht ein dunkler Monolith, und auf dem steht: Wer mir hilft, muß mich lieben. Alles andere findet Horror-Fliege "ulkig".
Aber er wird lernen müssen: Wir Journalisten tun ihm auch künftig nicht den Gefallen einer kritiklosen Nächstenliebe und halten trotzdem seine, also unsere Meinungsfreiheit hoch. Die Gelegenheit dazu bietet sich womöglich bald wieder. Es gibt ja noch andere Männermagazine als "Penthouse".
Andererseits sollte man Pfarrer besser überhaupt nicht ins Fernsehen lassen. Die bringen ja doch nur alles nur durcheinander.

Anatol


 
Essays    Leseproben     Interview    Net-Ticker     TextBilder    Rubriken     Archiv