|
|
|
Nur "Botschafter des Guten, Wahren"?
Der Leipziger Journalistik-Professor Michael Haller hat vor kurzem "message"
aufgelegt, eine neue Zeitschrift, die die handwerkliche Qualität deutscher
Printmedien kritisch untersuchen wird. Eine große süddeutsche
Tageszeitung hat sogleich ihren Vorwurf bereit: "Statt munterer Aufklärung
über das Gute und Wahre, ein paar kluge Analysen und eine Prise Besserwisserei
..." (SZ, 29. Juli). Warum so humorlos? Ganz einfach: "message" nimmt bereits
in seiner Startnummer die Orthographie-, Zeichensetzungs- und Grammatikfehler
dieser Tageszeitung unter die Lupe und ist auf eine peinliche Bonanza gestoßen
- kein Wunder, wenn die Zeitung nicht mal ihre schmollige Erwiderung fehlerfrei
hinkriegt: Schon in dem oben zitierten Satz zum Beispiel steht ein Komma
zuviel.
Ein wenig schade an der sehr informativen Website von "message" ist
nur, daß sie von ihren Artikeln lediglich appetizers liefert und
zum Weiterlesen aufs Abo der Printausgabe verweist.
Trotzdem: Auch die Online-"message" ist ein notwendiges und lesenswertes
Korrektiv.
Hier eine kurze Auswahl der erwähnten Zufallsfunde allein aus
dem April 1999:
- »Der Schulleiter aus Bad Bevensen war im Herbst
vergangenen Jahres seiner Haustür
erschossen
worden.«
- »Zu fünf Jahren nur wegen des Verdachts
auf Spionage wurde im Rahmen einer
stalinistischen
Säuberungsaktion verurteilt.«
- »Eine (...) Stellenanzeige hat in Italien einige
Aufregung hervorgerufen. Aufgegen wurde sie
(...)«
- »Als fünfter Confrater reiht er sich damit
r bei den Ahnungslosen ein, (...)«
- »Daß Bayern (...) geführt werde wie
eine potente Aktiengesellschaft, wird mit so als
kurzlebiges
Gerücht entlarvt.«
- »Doch mit dem Franco-Ära begann der Abstieg.«
- »Darum habe ich heute alle zur Party eingeladen,
die bezeugen könne, daß es diese Zeit
der
Prüfungen wirklich gegeben hat.«
- »Schuster war bis Sommer 1998 Jahres Direktor
der (...) Nationalgalerie.«
- »Auf die Frage, was bei den Kosovo-Albanern
die Abkehr zum Pazifismus hin zur
bewaffneten
Auseinandersetzung ausgelöst habe...«
- »Das Friedensabkommen für Bosnien,
in dem der Westen sich mit Milosevic geeinigt hat
ohne
(...) gesorgt zu haben.«
- »Leider ist es genau diese Sicht (...)
der Mächtigen, die die Intellektuellen wählen um ihre
Meinung
zu bilden.«
- »Stook untersuchte er alte Manuskripte
und Aufzeichnungen jungsteinzeitlicher
Ausgrabungen
...«
- »Die Traueransprache bei der Beerdigung
seiner Schwester kommt ein britisches
Schulbuch.«
- »Vorstandschef Späth beurteilt die Aussichten
für 1999 vorsichti.«
- »(...) fragt am Ende ein alte Freund aus
dem Westen entgeistert.«
- »(...) an den Plätzen, wo bei andere
Kindern normalerweise die Spielsachen liegen.«
- »Oft genug ist man (...) auf die Hilfe eines
Maklers angewiesen Die Rechnung ...«
- »(...) innerhalb von sechs Tagen den vorgeschlagenen
Vermieter aufsucht odfer ihn anruft.«
- »Die Runde der letzen acht wird vom 16. bis 18.«
- »Die Studien über die Folgen von Abnehmen
haben sehr unterschiedliche Resultat
geliefert.«
- Zu schlechter Letzt: »Wer aber nach dem Blasen
vermeintlich zuviele Promille für eine Halbe Bier habe solle,
müsse unbedingt auf der klassischen Blutprobe bestehen. Oberstaatsanwalt
Schmid hält den 'Alcoltesters' im Bereich der Ordnungswidrigkeit für
sinnvoll. Daß noch keine Einsprüche verlägen, führt
er nicht nur auf den kurzen Zeitraum seit Einführung zurück.
'Wer mit Alkohol am Steuer erwischt wird, ist doch, wenn er mit einem Bußgeldbescheid
davon kommt.'« Ein paar Zeilen davor findet sich zudem die korrekte,
wenn auch merkwürdige Trennung Atemal-koholanalyse«. Zu viele
Promille?
Fehlende Kommas und Punkte, im Nichts endende Zeilen,
fehlende oder überzählige Buchstaben, verkorkster Satzbau – woher
kommt das? Verläßt man sich zu sehr auf virtuelle Kräfte,
wo vigilante Männer fehlen? »Ein wackelnder Stuhl klagt den
Tischler an«, sagt Ernst Alexander Rauter. Und Redakteure, die sich
bestimmt über wackelnde Stühle ärgern, muten ihren Lesern
schlechte Arbeit zu, wo doch korrektes Schreiben auch etwas mit Handwerk
zu tun hat.
Ulrich Schulze, Chef vom Dienst der Süddeutschen
Zeitung, ist betrübt und schildert seine Sicht der Dinge. Gewiß,
er kann vor der Imprimatur nicht die Zeitung im ganzen lesen. So liegt
die Hauptschuld bei ...
|