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Interview mit Regina
Moths, München)
Kann man heute noch von einer Buchhandlung leben?
Man kann heute so gut und so schlecht davon leben wie schon immer.
Es ist eine fröhliche Selbstausbeutung, und das wird es bleiben -
wenn der Markt sich nicht stark verändert. Das weiß man aber
schon vorher.
Was heißt das für Ihre Arbeitszeit?
Daß sie zum großen Teil identisch ist mit Lebenszeit. Und
wenn ich mich bei meinen Freunden im Buchhandel umhöre, dann weiß
ich, wo ich die am Sonntagnachmittag antreffe, in ihrem Laden nämlich.
So ist das eben, wenigstens im privaten oder mittelständischen Buchhandel.
Ist diese Selbstausbeutung dann wenigstens gut honoriert?
Dann müßte man sich doch nicht selber ausbeuten (lacht).
Das wäre ein Widerspruch in sich selbst. Aber ich habe überhaupt
keine Lust auf dieses Gejammere im Buchhandel. Es ist nun mal ein schwergängiges
Geschäft. Das war es schon immer, man hat sich noch nie eine goldene
Nase damit verdient, das weiß man. Wir haben im Augenblick gewisse
Erschütterungen in der Branche durch die endlose Preisbindungsdiskussion
und den Internet- Buchhandel, womit geradezu eine Hysterie losgetreten
wird. Wenn man aber die Cracks befragt, die Experten in Wirtschaftsredaktionen
und die Marktbeobachter, dann sagen die: Mit viel Glück wird der Internet-Buchhandel
in einigen Jahren acht, euphorisch: acht bis zehn Prozent des Buchhandels
ausmachen. Da werden natürlich Verlagerungen stattfinden. Nicht jede
Buchhandlung wird zehn Prozent ihres Umsatzes verlieren, sondern die Fachbuchhandlungen
werden darunter mehr zu leiden haben als belletristische Buchhandlungen.
Ich glaube, da müssen sich die Kollegen ein bißchen verändern,
und zwar was ihr Selbstbewußtsein, ihr Sortiment und die Besonderheit
ihrer Buchhandlung betrifft. Das sage ich denen auch immer wieder.
Bei welchen Gelegenheiten?
Ich habe gerade in Berlin einen Vortrag gehalten über "Buchhandel
und Internet". Wenn ich mir nämlich die anderen Buchhandlungen ansehe,
dann sage ich immer: Kümmert euch erst mal um euern realen Auftritt,
bevor ihr ins Netz geht. Diese Läden sind zum Teil so stumpf, daß
man bei der Präsentation ihrer Bücher überhaupt kein Herzklopfen
mehr spürt. Ich wehre mich aber auch gegen bestimmte Zeitschriften-Artikel,
in denen es unglaublich schick ist, auf die hinterwäldlerischen, lahmen
Buchhändler zu schimpfen. Das mag im Einzelfall stimmen, aber: Wenn
ich bei einem Bäcker schlechte Brötchen bekomme, dann kaufe ich
sie mir eben woanders, aber ich kann doch nicht das deutsche Bäckereiwesen
in Grund und Boden stampfen! Und mir dann von den Anzeigenkunden der Zeitschrift,
von bol.de und amazon.com, auf die Schulter klopfen lassen. Das ist verlogen.
Aber dieser Eindruck setzt sich so ab. Und leider haben wir keinen Börsenverein,
der sich für unsere Art Buchhandlung stark macht oder es geschafft
hätte, im öffentlichen Bewußtsein zu verankern, was der
Service des Buchhandels wirklich bietet.
Ihr eigener Berufsverband?
Schlagen Sie doch mal das Börsenblatt auf: Das ist die Hofberichterstattung
für amazon.com. Wir haben einfach keine gute Lobby in der Bundesrepublik.
In meinen Augen ist das Börsenblatt zum großen Teil das Sprachrohr
der Großverlage, und die Großverlage profitieren von amazon.com
und vom Internet-Buchhandel. Sie rechnen auch alle damit, daß die
Buchpreisbindung fällt und sie dann ihren Direktvertrieb, der jetzt
schon über ihre Verlagsbuchhandlungen läuft, ausweiten können.
Ich hab jedenfalls nicht den Eindruck, daß der Börsenverein
den mittelständischen Buchhandel langfristig im Auge hat. Mit dem
Landesverband bin ich dieser Hinsicht viel zufriedener.
Haben die Buchhandlungen hier nicht auch selbst eine Entwicklung
verschlafen?
Ein bißchen. Bei meinem Vortrag habe ich als erstes gefragt:
Was kostet der eigene Internet- Auftritt? Wie hoch ist der Werbeetat? Lohnt
sich die Internet-Präsenz? Dann muß man erst mal für sich
terminologische Fragen beantworten wie: Was ist der Unterschied zwischen
einer Homepage und einer Website? Was ist ein Provider, ein Server? Das
ist vielen überhaupt nicht klar. Durch das ganze öffentliche
Gewedel um das Internet steht das wie ein großer Berg vor den Leuten,
die ja auch ihr Alltagsgeschäft machen müssen und sich mit anderen
Dingen nicht beschäftigen können. Ich habe hier ein Sorgentelefon
eingerichtet: Wenn die Kollegen ein Problem haben, können sie mich
anrufen. Ich habe mir die digitale Technik Schritt für Schritt erarbeitet.
Das ist vom rein kaufmännischen Standpunkt aus reiner Blödsinn,
aber ich sagte mir: Ich will dieses Medium so weit begreifen, daß
ich mich in zwei Jahren entscheiden kann, ob ich es brauche oder nicht.
Wieso in zwei Jahren?
Bis dahin hat sich die Internet-Euphorie gelegt. Entweder sind dann
die großen Global Players noch im Markt, oder sie haben sich gegenseitig
in die Knie gekämpft - wenn die sich im derzeitigen Verdrängungswettbewerb
gegenseitig immer tiefer in die roten Zahlen treiben, wird man sehen, wer
übrigbleibt.
Angenommen, es gibt dann noch einen oder zwei, die den Internet-Buchhandel
betreiben: Sind Sie dann unter denen, die darunter leiden werden?
Wenn es mir gelingt, meine Kunden in einer guten Form darauf aufmerksam
zu machen, daß ich das Gleiche bieten kann wie amazon.com, aber schneller
und persönlicher, weil ich ganz anders auf sie eingehen kann - dann
fürchte ich mich davor nicht. Was ich fürchte, ist falsche und
schlechte Stimmungsmache, sind Fehlurteile, die sich in der öffentlichen
Meinung festbraten. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich habe vor anderthalb
Jahren gehört, daß das VLB im Internet mehr Zugriffe hat als
amazon.com. Das trifft heute womöglich nicht mehr zu. Aber keiner
weiß, wie erfolgreich das VLB im Internet ist, es wird auch keine
Werbung damit getrieben, es wird nicht einmal publik gemacht. Das finde
ich ausgesprochen bedauerlich.
Die zweite Bedrohung für den Buchhandel, der Wegfall der Preisbindung,
ist ja im Augenblick leibhaftiger. Da stehen Brüsseler Entscheidungen
bevor. Was kommt hier auf Sie zu?
Wenn ich den letzten Informationen Glauben schenke, dann kann es sein,
daß die nationale Preisbindung nicht aufgehoben wird, sondern nur
die grenzüberschreitende. Dann erhebt sich natürlich die Frage,
inwieweit die Verlage den Reimport aus Österreich zulassen wollen.
Vermutlich können sie ihn gar nicht verhindern.
Ich bin mir da nicht so sicher. Sehen Sie, achtzig Prozent der deutschsprachigen
Bücher in Österreich kommen aus Deutschland. Ich bin mir allerdings
nicht sicher, was die Verlage hier tatsächlich planen. Ich gehe aber
zunächst immer von literarischen Verlagen aus. Bei ihnen denke ich
mir fast, die können sich den Reimport nicht leisten, vielleicht noch
nicht leisten. Ich kann es aber schwer einschätzen. Jedenfalls wird
sich in den nächsten zwei Jahren, bis die Angelegenheit durch alle
Instanzen gegangen ist, noch nichts ändern. Ich hoffe auch, daß
man einsichtig ist und die schlechten Erfahrungen mit der Aufhebung der
Preisbindung in Schweden und Frankreich berücksichtigt und nicht hier
den gleichen Fehler noch einmal macht.
Ist es richtig zu sagen, daß von der Aufhebung der Buchpreisbindung
die Verlage erheblich weniger betroffen sind als die Buchhandlungen?
Die großen Verlage haben zweifellos ein Interesse am Wegfall
des gebundenen Ladenpreises. Zumindest diejenigen, die schon jetzt einen
Direktvertrieb haben und nicht darauf angewiesen sind, über den Buchhandel
zu gehen. Die lassen das einfach über ihre Auslieferungen laufen -
und mit attraktiven Preisen.
Diese Verlage brauchen dann die Buchhandlung gar nicht mehr.
Ja. Wenn Sie ein Buch aufschlagen, und dort einen Fax-Bestellschein
einer Verlagsbuchhandlung finden mit folgender Aufforderung: „Bestellen
Sie weitere Bücher bei unserer verlagseigenen Buchhandlung." führt
das nicht zwingend zu einer Klimaverbesserung zwischen Verlagen und Buchhandel.
Da fühlt man sich als Buchhändler einfach umzingelt.
Und natürlich wird sich die Konzentrationsbewegung, die bei den
Verlagen stattfindet, ins Sortiment verlängern. Dann wird es für
mich als Buchhandlung schwierig.
Können Sie etwas dagegen tun?
Ganz wesentlich für unsere Art Buchhandlung ist die Mitgestaltung
des literarischen Lebens durch eigene Veranstaltungen: Regale beiseiteschieben,
Stühle hinstellen, Leute einladen, Flaschen aufmachen. Im Alltagsgeschäft
lebe ich davon, daß ich besondere Verlage habe, auch kleine Verlage,
und eine besondere Auswahl. Wenn keine besonderen Bücher mehr gedruckt
werden, dann gibt es mich nicht mehr. "Besondere Bücher" heißt:
bestimmte Autoren, eine eigene Art und Weise der Ausstattung. Das Gute
und Randständige, wie ich manchmal sage. Die gängigen und ausgewiesenen
literarischen Verlage, wie Hanser und Luchterhand. Dann aber auch kleinere,
wie der wunderbare Maro Verlag oder Libelle mit seinen wissenschaftlich
verballhornten Texten. Dazu Grafik, Multiples, Typographie, kleine Editionen
und Handpressen. Diesen Verlagen stelle ich, in einer Art Nischenfunktion,
die Präsentation in meiner Buchhandlung zur Verfügung. In größeren
Buchhandlungen gehen diese Autoren zwangsläufig unter.
Heißt das: Es werden zu viele Bücher gedruckt?
Michael Krüger hat mal einen Artikel geschrieben, über den
ich mich sehr gefreut habe. Er schrieb, an den provokationsfreudigen SZ-Feuilletonchef
Willms gewandt: Natürlich werden zu viele Bücher gedruckt; da
haben Sie vollkommen recht, Herr Willms, aber welche Bücher werden
zu viel gedruckt? Lyrikbände etwa? Oder irgendwelche Stapelware, Schnellschüsse
zur Fußballweltmeisterschaft? Willms ist ein Bibliomane. Er streift
durch die Antiquariate, in einer Buchhandlung kauft er sich kein Buch.
Er und alle Redakteure von Zeitungen werden zugeschüttet mit Büchern,
und ich habe bei diesen merkwürdigen Glossen zur Preisbindung und
zum Internet-Buchhandel oft den Eindruck, die Redakteure haben überhaupt
keine Achtung mehr vor dem Buch, weil sie sich nie mehr eins kaufen müssen.
Ein Herr Althen zum Beispiel schreibt in einem Artikel etwas über
ein amerikanisches Buch, Klammer auf, Dollarpreis, amazon.com, Klammer
zu, und beschwert sich einen Absatz weiter, daß Bücher gehandelt
werden wie Schweinehälften. Amazon.com handelt Bücher wie Schweinehälften.
Daß es allein hier in München drei wunderbare englischsprachige
Buchhandlungen gibt, das weiß Herr Althen scheinbar nicht. Er hat
scheinbar auch nie dort angerufen und gefragt, ob das Buch vorrätig
ist. Dieser Hüter unserer Buchkultur findet es vielleicht schick,
zu zeigen, daß er amazon.com kennt, weil das gerade so unheimlich
progressiv ist.
Oder weil es die berühmte Schwellenangst vor der Buchhandlung
gibt?
Ja, die gibt es. Und ich sage um Gotteswillen nicht: Wer sie hat, kann
ja draußenbleiben. Im Gegenteil: Die Menschen sollen hereinschauen,
sich etwas ansehen und eine Tasse Kaffee oder Tee trinken - wir bieten
das jedem Kunden ausdrücklich an. Und dann können sie auch ruhig
wieder gehen. Vielleicht merken sie aber auch an anderen Kundengesprächen:
Aha, ich darf hier auch ein Reclam-Heft bestellen. Oder: Ich kann hier
auch einfach sagen, ich brauche was fürs Krankenhaus. Das muß
man in einer Buchhandlung können, finde ich. Jeder Lese-Anlaß
ist berechtigt. Ob ich nun ein Buch für den Strand brauche, das ich
auch mal mit Sonnenöl bekleckern kann, oder ein Buch mit einer Sprache,
die mein Herz erwärmt und mit dem ich mich neu orientieren kann im
Leben.
Wie sehen Sie Ihre Zukunft?
Ich werde im Buchhandel solange bleiben, wie ich den Eindruck habe,
daß ich in dieser Branche etwas bewirken kann. Erst wenn ich das
Gefühl habe, die Umzingelung durch den Markt wird so groß, daß
mir die Mundwinkel hängen, dann höre ich auf, und zwar aufrechten
Hauptes. Dann werde ich irgendetwas anderes machen in meinem Leben, und
auch das so gut, wie ich kann. Ich möchte nie in einen Zustand andauernden
Jammerns geraten. Mindestens während der Hälfte meiner Arbeitszeit
muß ich mit mir identisch sein können. Wir haben ein wunderbares
Publikum. Achtzig Prozent davon sind wirkliche Leser. Und was ich mir wünsche,
das ist, daß die Buchhändler wieder zu einer höheren Berufsehre
finden. So altmodisch das klingt.
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