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Joachim Dohnal
Bestbezahlteste Chirugen
Während Christoph Drösser in der ZEIT-Ausgabe 30/1999 der
Frage nachgeht, ob die "wilde Datensammelei nun ein schwerwiegender Eingriff
in die Privatsphäre des Surfers" ist, haben Sabine Etzold/ Wolfgang
Blum(?) und Klaus Schallhorn an anderer Stelle diese Frage längst
für sich beantwortet. Sie beömmeln sich über die von dem
in London lebenden EDV-Experten gesammelten Orthografie-Schwächen
der Suchmaschinen-Nutzer.
Da sich aber ausser den beiden kaum jemand ernsthaft die Frage stellt,
ob Internet-Nutzer überdurchschnittlich gebildet sind, wirkt das Amüsement
der beiden verzwungen wie das Heranwachsender auf dem Schulhof, die sich
andauernd beweisen müssen: "Boa ey! Guck mal die aus der 7b, die sind
vielleicht doof!"
Gäbe es die DDR noch, so gäbe es eine staatseigene Suchmaschine
namens Intersearch. Die DDR gibt es nicht mehr, aber Intersearch gibt es.
Und noch etwas erfahren wir aus dem Artikel von Sabine Etzold/ Wolfgang
Blum(?). Es gibt Leute wie Klaus Schallhorn, die offensichtlich all den
Quatsch, den ich in eine Suchmaschine eingebe, lesen und auswerten müssen.
Das eröffnet ganz neue Perspektiven. So muss ich in Zukunft nicht
mehr anonym an der Suchmaschine Intersearch rumtippen, sondern kann Herrn
Schallhorn persönlich via Suchbefehle ansprechen:
Hallo Herr Schallhorn, sind Sie's? Sie brauchen sich nicht mehr verstecken.<SUCHEN>
Dacht' ich's mir doch. Hab Sie gleich erkannt an Ihrem hysterischen
Lachen, <SUCHEN>
nachdem ich das Wort "Göte" eingetippt hatte. <SUCHEN>
Schon viele Hämoriden heute gehabt? <SUCHEN>
Wie ist die Auslastung? Wie hoch der Lachfaktor? <SUCHEN>
Schönen Tag noch, Herr Schallhorn. <SUCHEN>
Aber ich weiss nicht, ob für Herrn Schallhorn der Schuss nicht
nach hinten losgeht. Sollte sich seine voyeuristische Tätigkeit rumsprechen,
so könnte sich www.intersearch.de zur ersten Adresse für den
notorischen Schwätzer entwickeln: Einer darf alles schreiben, Herr
Schallhorn muss es lesen. Auch
könnten verärgerte Intersearch-User nach Lesen der Glosse
von nun an persönlich werden:
Was, nur 39.934 Treffer? Jetzt aber mal ran, Schallhorn! <SUCHEN>
Gerade die Mitglieder von "Sexglubs" und "Swingerklubs" sind für
ihren rüden Umgangston bekannt: Möglicherweise wird dann manch
einer nicht "die Technik wie einen Ausländer, der der deutschen Sprache
nicht ganz mächtig ist", benutzen, sondern wie ein verdammt wütender
Bierkutscher, der der Fäkalsprache sehr wohl mächtig ist:
Was, null Treffer für Möbbse und digg? Schallhorn! Sie @!!?#*!!
<SUCHEN>
In unserem Geglglub ist ein EDV-Spezialist, der zwar nur in Cleversulzbach
und nicht in London lebt, der sich aber gesagt hat: Wer im Internet zum
Spass surft, darf auch "Gibsarm" und anderen Blödsinn schreiben. Aber
wer mit Schreiben sein Geld verdient und es besser wissen will und sollte,
darf das nicht. Also nahm er sich einige der gängigen Klippschulklippen
(in unserem Geglglub schreiben wir das natürlich: Glibbschulglibben)
der
Henri-Nannen-Schule vor und untersuchte daraufhin das CD-ROM-Archiv
der TAZ vom September 1986 bis Februar 1999.
Der erste Testlauf war die "Hämorrhoide": 43mal benutzt und 3mal
falsch. Etwa jede 15. Hämorrhoide in den TAZ-Ausgaben der letzten
12,5 Jahre ging in die Hose. Aber auch der "Rhythmus" wurde 38mal falsch
geschrieben. Immerhin 2.738mal korrekt.
Schlechter sieht die Trefferquote bei der "Atmosphäre" aus. 115mal
falsch, jede 60ste lag daneben. In der Korrektur-"Chirugie" (7 von 225
Benutzungen) hätte das überflüsige "s" oder "h" herausgeschnitten
werden müssen. Spätestens daran, dass "Diphtherie" 44mal falsch
und nur 30mal richtig geschrieben wurde, erkennt man: die TAZ ist kein
medizinisches Fachorgan. Liegt es daran, dass so wenig Besserverdienende
die TAZ lesen? Jedenfalls kennt die TAZ tatsächlich "bestverdienendste,
bestaussehendste, bestangezogenste und bestbezahlteste" Menschen. Henri
Nannen hat mit einem Merksatz versucht, seinen Schützlingen solche
schwachsinnigen Steigerungsformen auszutreiben: "Entweder vorne dick oder
hinten dick. Aber niemals vorne u n d hinten dick!" Aber das
kommt davon, wenn man sich einbildet, diese lächerliche Journaillenschule
überspringen zu können, und sich ohne Umwege in eine Redaktionsstube
setzen will.
Von einer Zeitung, die sich einen Kulturteil leistet, darf man erwarten,
dass deren Redakteure die Namen von Künstlern und Schriftstellern
korrekt benutzen. Mit "Keith Jarret, Cannonball Adderly, Thelonius Monk,
Pharao Sanders, Gustav Flaubert, Karl Krauss, Robert Gernhard und Eckhart
(Eckard, Eckart) Henscheid" ist das nicht der Fall. Dass etwa jede siebte
"Monty Python" zu einer "Monthy Python" verunstaltet wird, sollte mit einer
einmonatigen Schwärzung der Witzseite geahndet werden. Oder meint
die TAZ gar nicht "Monatliche Python"?
Selbst der gelegentliche TAZ-Schreiber H. L. Gremliza muss es sich
gefallen lassen, als "H. L. Gremlitza" archiviert zu werden. Aber der Verursacher
dieses Fehlers hat ja inzwischen zum SPIEGEL gewechselt, wo er nach der
Entschlüsselung von HVA-Magnetbändern Gremlizas vermeintlichen
Stasi-Kontakten nachgehen will. So wird das aber nix. Herr Schallhorn kann
ein Lied davon singen. Stundenlang die Bänder nach "Gremlitza" (SPIEGEL
3/1999) durchnudeln und sich dann über ausbleibende Treffer wundern.
Ohne Ausnahme korrekt geschrieben sind die Namen "Helmut Schmidt" und "Gräfin
Dönhoff". Ist aber auch nicht verwunderlich. Denn nichts kann einem
schneller die Karriere verbauen als das falsche Buchstabieren der Namen
seiner potentiellen zukünftigen Arbeitgeber. Gefeilt werden muss noch
an der vollständigen und standesgemässen Anrede, denn in 7% der
Namensnennung Marion Dönhoffs wurde der Titel "Gräfin" einfach
weggelassen. Für die 12,5 Jahre durchgehaltene korrekte Verwendung
des Namens "Beate Uhse" habe ich allerdings keine Erklärung.
Vielleicht gerade wegen der häufigen Patzer, die der TAZ unterlaufen,
betrachten viele sie gar nicht als richtige Zeitung, sondern als die Journalistenschule
der Nation, aus der sich auch die ZEIT gerne bedient. In einer Schule werden
natürlich Fehler gemacht, man übt ja noch. An die Kinder-Post
kann man nicht dieselben strengen Massstäbe anlegen wie an die richtige
Post. Das gilt eben auch für die "Kinder-FAZ" (H. L. Gremliza).
Wie sieht das nun aber bei den gestandenen Profis der ZEIT aus?
Als in der ZEIT Orthografie noch mit pe-ha geschrieben wurde und beim
Stichwort "Internet" die Redaktionsmitglieder nur zustimmend nickten und
bestätigten, die Inder seien wirklich sehr nett, da präsentierte
Fritz J. Raddatz ein Goethe-Zitat zum Frankfurter Bahnhof, das keines war.
Aber Hauptsache "Goethe" und "Bahnhof" waren korrekt geschrieben. F. J.
Raddatz würde auch niemals "Chirugie" in eine Suchmaschine eingeben,
schrieb aber doch in die ZEIT-Maschine "Colombray", als er das Dorf Combray
aus Marcel Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit" meinte.
Aber betreiben wir keine Vergangenheitsbewältigung und schauen
uns die ZEIT im World-Wide Web an. Nicht ganz auf der Höhe der Technik
zeigt sich die ZEIT Online bei der Textpräsentation des Artikels "Unfällegibs
im Sexglub". Texttrümmer eines Artikels über Zonen-Gabi hängen
zusammenhanglos am Ende, und es ist nicht ersichtlich, wer denn nun den
Artikel verfasst hat. Cyber-Dada? Der Säzzer? Der Tägger?
Den Klippschulklippen-Test jedenfalls besteht das ZEIT-Online-Archiv
bravourös. Ausser einem "Thelonius Monk" kein Schnitzer. Bei dieser
passablen Bilanz soll die ZEIT sich meinetwegen über die Web-Deppen
lustig machen. Solange aber unter den schreibenden Profis die Orthografie-Schwäche
ebenfalls verbreitet ist, fragt sich, wer denn nun letzten Endes erfolgreicher
recherchiert: Rechtschreibgiganten wie Klaus Schallhorn und Sabine Etzold
/ Wolfgang Blum(?) oder der Suchmaschinen-User, der (bewusst oder unbewusst)
Schreibfehler einkalkulierend "Hämorride" oder "Chirugie" eintippt.
Immerhin 40 Prozent der Textstellen entgehen demjenigen, der brav "Thelonious
Monk" in die Suchmaske des TAZ CD-ROM-Archivs eingibt. Bei "Monty Python"
sind es 15 Prozent, die einem durch die Lappen gehen.
Bildungsbeflissenheit als Handicap?
Anne Rose Katz
Sommermusiken
Unernste Variationen über ein altes Thema
Mit dem Ohr kommst du vom Regen in die Traufe. Das Auge hat immerhin
einen Deckel und - klapp - macht es zu. Das Ohr hingegen ist in ständiger
Bereitschaft, ob es will oder nicht. Ein liederliches Organ. Wobei es gegen
obszöne Witze und unbequeme Sätze noch eine intellektuelle Barriere
hat: Es versteht sie einfach nicht. Wie ganz anders läuft die Sache
mit der Musik, dieser Emotionsfurie. Ohne sinnbeschwerte Inhalte kriecht
sie in den Gehörgang.
Sie passiert das papierdünne "Trommelfell", erreicht die "Paukenhöhle"
mit den Gehörknöchelchen "Hammer" und "Amboß", stößt
in die "Ohrtrompete", bis sie schließlich zur "Schnecke" wird, die
auf schleimigen Gefühlsspuren labyrinthische Kreise zieht.
Und dann, frage ich besorgt, quo vadis, Frau Musica? Wohin wendet sie
sich un unserem verwirrend raffiniertem Körper? Wohin tragen die Schwingungen
all die Dreiklänge und Quartsextakkorde, die Synkopen und den Tritonus?
Und vor allem: Wann verläßt sie mein Inneres? Sie kann doch
nicht einfach drinbleiben! Die Vorstellung, mein Inneres könne mit
lebenslanger Musik auf immer möbliert sein, mit Karajan, den Toten
Hosen oder Dallas-Callas, schreckt mich. Muß ich mich also musikalisch
selbst entsorgen? Wenn ja, nach welchem System? Alphabetisch, chronologisch,
libidinös? Keiner gibt Rat. Weder der Klavierspieler, noch der "Riemann"
oder etwa die "Einstürzenden Neubauten".
Am schlimmsten ist da wirklich der Hörfunk, dieses Millionending,
wo ganze Musikabteilungen ständig zugange sind. Morgens, vom Frühdienst,
wird der Hahn aufgedreht und die Berieselungsanlage in Fluß gebracht.
Als seien die Hörer über Nacht total ausgetrocknet. Die Notengewitter
brechen gleichzeitig mit dem Wecker los. Gäbe es nicht die elektronische
Speicherung, so müßte wahrlich die eine Hälfte der Nation
die andere betrommeln, bepfeifen und bestreichen.
Nicht zu vergessen, diese sündhaft teuren Klangkörper, symbiotisch
an die Anstalten gebunden, von der Jupiter-Symphonie bis zum Andachtsjodler
produzieren sie immer wieder alles neu und immer wieder so originell. Zum
Beispiel "Stranger in Paradise" als Polowetzer Tänze. Oder "We are
the Champions" als 5. Symphonie. Nur eben länger. Furtwängler
beispielsweise hat beim "Tristan" zwölf Minuten eingespart, Celibidache
dagegen verabreichte fein dehnend ein Surplus.
Im Radio natürlich gibt es kein Ausufern, allenfalls bei Live-Übertragungen
aus Konzertsälen und Wahlkampfzelten. Weil da nämlich das Kästchen
regiert. Und im Kästchen sitzt die Sekunde und ballt die Faust. Blöderweise
gibt es Komponisten, die überhaupt kein Zeitgefühl haben. Die
haben einfach draufloskonponiert, ohne Rücksicht auf Musikredakteure.
Also vielleicht 65 Minuten 13 Sekunden oder noch schlimmer: 78' 58'' wie
Bruckner bei seiner Achten. Wie soll man den in ein Programmkästchen
kriegen? Alles sehr rückständig.
Geteiltes Leid ist halbes Leid. Das gilt auch für die Vau-Musik,
jenes polierte Kupferkannenschrumschrum rustical für die reifere Jugend.
Die akustischen Konsumgüter werden tunlichst südlich des Mains
aufgesammelt, bei Föhn. Dort muht schon das Rindvieh melodisch in
Terzen. Ein wirkliches Volkslied geht dem Bürger selten von den Lippen.
Er singt nicht, er läßt singen. Mit der Ausnahme des Bierzeltaufenthalts,
wenn er sich die Zunge gewaschen hat. Da steigt er hinab in die Urgründe
der deutschen Seele. Und was findet er da? Den treuen Husaren, der im Westerwald
mit dem schönen Kind aus einem Polenstädtchen spezierengeht.
Und das Wasser im Rhein, das kann einfach nicht zur Kloake umkippen, weil
es sich, rein liedgutmäßig, in lauter goldnen Wein verwandeln
muß.
Und noch eins: daß mir ja keine Löcher entstehen im Programm!
Das Programm muß undurchdringlich vernetzt bleiben wie das bürgerliche
Gesetzbuch. Der Horror vacui ist ein ganz besonderer Horror. Flächendeckend
sei die musikalische Überversorgung. Die Wahl zwischen Überfütterung
und akustischem Sodbrennen ist die Freiheit, die ich meine.
Das gilt natürlich auch für den großen Klassik-Dudel.
Unser aller Vorbild France Musique läßt keinen E-Ton unkommentiert
heraus. Kein Komponist, kein Interpret mogelt sich da unerkannt durch den
Äther. Er wird identifiziert, dingfest gemacht und unter seinesgleichen
oder anderen strukturiert. Hierzulande soll die heilige Caecilia doch sehen,
wie sie sich emanzipiert. Soll gefälligst auf verbalen Beistand verzichten,
so geht sie auch kein Risiko ein. Programmdirektoren machen ein gschmerztes
Gesicht, wenn sie an intelligent aufbereitete Musiksendungen denken: Wir
wollen doch nicht aufklären, bloß kein pädagogischer Ansatz!
Debussy verschulen? Jamais de la vie! Mussorgsky-Lieder übersetzen?
Nö! Schließlich wendet sich die Musik ja ans Gemüt, Gemütlichkeit
ist ihr Eigentliches, da kann man den Grips ruhig ausschalten. Eigentlich
muß Bauch zu Bauch.
Als ich in Kindertagen die ersten Töne aus unserem Drahtspulen-Glühlampen-Konstrukt
hörte, da lernte ich Richard Tauber kennen. Auf diesem Schmalzteppich
hielten alle Operettenhelden Einzug in meinen Kopf. Aber Tamino auch. Go
marching in. Und der Sergeant Pepper. Da hocken sie heute noch. Was soll
ich machen? Ein X für ein U oder U für ein E?

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