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Henri Michaux
In den Gemächern der Königin
Als Plume mit seinen Empfehlungsbriefen in den Palast kam, sagte die
Königin zu ihm:
„Das ist so. Der König ist im Augenblick sehr beschäftigt.
Sie werden ihn später sehen. Wenn Sie mögen, wollen wir ihn gegen
fünf Uhr zusammen abholen. Seine Majestät schätzt die Dänen
sehr, Seine Majestät wird Sie also recht gern empfangen, vielleicht
können Sie inzwi- schen ein bißchen mit mir spazierengehen.
Der Palast ist sehr groß, darum habe ich immer Angst, mich darin
zu verirren und plötzlich vor den Küchenräumen zu stehen,
und Sie begreifen doch, das wäre für eine Königin dermaßen
lächerlich. Wir müssen jetzt hier entlanggehen. Ich kenne den
Weg gut. Hier ist mein Schlafzimmer."
Und sie betreten das Schlafzimmer.
„Nun haben wir ja noch zwei gute Stunden vor uns, da könnten Sie
mir vielleicht etwas vorlesen, aber ich habe hier nichts besonders Interessantes.
Vielleicht spielen Sie Karten? Aber ich gestehe Ihnen offen, daß
ich immer gleich verliere.
In jedem Falle bleiben Sie nicht stehen, das macht müde; wenn
man sitzt, langweilt man sich wiederum bald, also könnten wir uns
vielleicht auf diesem Diwan ausstrecken."
Und sie legen sich auf den Diwan.
Doch sie steht bald wieder auf.
„In diesem Zimmer herrscht immer eine unerträgliche Hitze. Wenn
Sie mir helfen wollten, mich auszuziehen, würden Sie mir einen Gefallen
tun. Nachher werden wir reden können, wie es sich gehört. Ich
häne so gern ein paar Auskünfte über Dänemark. Übrigens
läßt sich die-ses Kleid so leicht abstreifen, ich frage mich,
wie ich es-fertigbringe, den ganzen Tag angezogen zu bleiben. Dieses Kleid
streift sich ganz von selbst ab, ohne daß man sich darüber Rechenschaft
gibt. Sehen Sie, ich hebe nur die Arme und jetzt könnte jedes Kind
es herunterziehen. Natürlich würde ich es nicht zulassen. Ich
bin sehr kinderlieb, aber in einem Palast wird so viel geklatscht, und
dann, die Kinder, die verkramen immer gleich alles."
Und Plume entkleidete sie.
„Aber Sie selbst, hören Sie mal, bleiben Sie doch nicht so. In
einem Zimmer sich ganz angekleidet aufzuhalten, das sieht sehr gezwungen
aus, und dann – so kann ich Sie gar nicht ansehen, ich habe immer den Eindruck,
Sie wollen weggehen und mich allein lassen in diesem derartig weiträumigen
Palast."
Und Plume entkleidet sich. Darauf legt er sich im Hemd nieder.
„Es ist erst ein Viertel nach drei Uhr", sagt sie. „Wissen Sie wirklich
so viel über Dänemark, daß Sie mir eine und dreiviertel
Stunden lang davon erzählen können? Ich will nicht so anspruchsvoll
sein. Ich begreife, daß dies sehr schwierig wäre. Ich gewähre
Ihnen also noch etwas Zeit zum Nachdenken. Und, passen Sie auf, inzwischen,
da Sie nun einmal hier sind, werde ich Ihnen etwas zeigen, das mich sehr
beunruhigt. Ich wäre neugierig darauf, was ein Däne dazu meint.
Ich habe hier, sehen Sie, unter der rechten Brust, drei kleine Male.
Eigentlich nicht drei, sondern zwei kleine und ein großes. Sehen
Sie das große, es sieht beinahe aus wie ... Das ist wirklich sonderbar,
nicht wahr, und sehen Sie die linke Brust: nichts! ganz weiß!
Hören Sie, sagen Sie mir etwas, aber zuerst sehen Sie sich's ganz
genau an, in aller Ruhe ..."
Und Plume sieht sich's genau an. Er berührt, er betastet mit etwas
unsicheren Fingern, und die Erforschung der Wirklichkeit läßt
ihn erzittern, und immer wieder hinauf und klimmen sie ihren gerundeten
Weg.
Und Plume überlegt.
"Ich sehe, Sie stellen sich eine Frage", sagte die Königin nach
einigen Augenblicken, "(und daran erkenne ich, daß Sie etwas davon
verstehen). Sie möchten gern wissen, ob ich noch eins habe. Nein",
sagt sie und wird ganz verwirrt, über und über errötend.
"Und jetzt erzählen Sie mir von Dänemark, aber rücken
Sie ganz dicht an mich heran, damit ich aufmerksamer zuhören kann."
Plume rückt heran; er legt sich dicht neben sie, und jetzt wird
er nichts mehr verheimlichen können.
Und in der Tat:
„Hören Sie mal", sagt sie, „ich glaubte, Sie hätten mehr
Respekt vor der Königin, aber schließlich, da Sie schon so weit
sind, möchte ich nicht, daß dies uns nachher dabei stört,
uns über Dänemark zu unterhalten."
Und die Königin zieht ihn an sich.
„Und streicheln Sie mir vor allem die Beine", sagte sie, „sonst bin
ich in Gefahr, gleich zerstreut zu werden, und dann weiß ich nicht
mehr, warum ich mich hingelegt habe ..."
Da trat der König ins Zimmer!
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Ihr schrecklichen Abenteuer, wie ihr euch auch anzetteln und verketten
mögt, ihr schmerzlichen Abenteuer, die ihr von einem unerbittlichen
Feind gelenkt werdet.
zitiert aus: Henri Michaux, Gong bin ich, Reclam-Verlag,
Leipzig 1991
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