Nr. 16,  August 1999
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Kurzprosa
Die Marginalie
 

 

Ein wahres Sudelbuch

Die Transskription der hier abgebildeten Seite 35 (rechts im Bild) lautet unter Weglassung des Gestrichenen:

Mit dem Nutritions=Geschäffte der Seele sieht es sehr betrübt aus, da giebt es Öffnungen genug Nahrung ein zu nehmen, aber da fehlt es an Gefäßen das Gute ab zu sondern, an Lungen und an den Gefäßen und hauptsächlich an primis viis, den unnützen Unrath dem großen Gantzen der Bücher welt wieder zuzuführen und wieder in den Kreislauf zu bringen. So etwas leisten die Systeme allerdings (NB Ernst). Die Muttermilch für den Leib macht die Natur, für den Geist wollen die Pädagogen sie machen (das obige kan gut ausgeführt werden [)]. [Wilhelm Lichtenberg:] II.93

Georg Christoph Lichtenberg ist ein Autor für wenige. Den meisten ist er zu unordentlich, zu sprunghaft und vor allem gattungsmäßig nicht gut einzuordnen. Für seine Art der - nicht immer nur "aphoristischen" - Aufzeichnungen hat er selbst die Bezeichnung "Sudelbücher" gewählt: "Die Kaufleute haben ihr Waste book (Sudelbuch, Klitterbuch glaube ich im deutschen), darin tragen sie von Tag zu Tag alles ein was sie verkaufen und kaufen, alles durch einander ohne Ordnung, aus diesem wird es in das Journal getragen, wo alles mehr systematisch steht ... Dieses verdient von den Gelehrten nachgeahmt zu werden. Erst ein Buch worin ich alles einschreibe, so wie ich es sehe oder wie es mir meine Gedancken eingeben, alsdann kan dieses wieder in ein anderes getragen werden, wo die Materien mehr abgesondert und geordnet sind."

Eines dieser Lichtenbergschen Notizhefte (aus den Jahren 1795 bis 1797) hat vor kurzem der Wallstein Verlag in Göttingen schon in zweiter Auflage als Faksimile herausgebracht: in Fotoqualität und Originalgröße, liebenswürdig Seite für vollgeschriebene Seite, samt Umschlag (und den beiden Glasfußflecken auf der Rückseite). Wäre nicht der aufgedruckte Rückentitel, man könnte meinen, das Original in der Hand zu halten.

Nur lesen könnte man die vierundvierzig Seiten kaum noch, zumindest sind die mit Bleistift eingetragenen Gedankensplitter oft nur noch verblaßt zu sehen. Aber im Anhang gibt der Herausgeber Ulrich Joost nicht nur eine diplomatisch getreue Umschrift, sondern für jede Seite auch die zum Verständnis nötigen und ausführlich detaillierten Erläuterungen. 
Der ungewöhnliche Titel "Noctes" läßt darauf schließen, daß Lichtenberg das Notizheft tatsächlich griffbereit auf dem Nachtkasten liegen hatte, und der Herausgeber entdeckt darüber hinaus mehrere Bettlägerigkeits- und Krankheitsphasen, die mit den datierbaren Eintragungen korrespondieren. So erklärt sich, abgesehen von allen technischen Schreibschwierigkeiten im Bett, die oft so schwer lesbare Handschrift. Zur Nacht, sagt uns Joost, hatte der Verfasser ohnehin ein aufschlußreiches Verhältnis: "So fand der genaue Selbstbeobachter, er habe ‘es sehr deutlich bemerkt: Ich habe oft die [eine] Meinung wenn ich liege und eine andere wenn ich stehe'."

Das kleine Buch ist ein ausgesprochenes Liebhaber-Geschenk.


 
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