Die
Gazette Nr. 15, Juli 1999:
Lyrik
Günter Seuren
Die schöne Kleptomanin
Sie trägt einen roten Hut,
unter der schattigen Krempe suchen ihre
Augen,
welche Delikatessen in der Eisvitrine
für einen intimen Abend taugen.
Sie greift in das bleiche Polarlicht,
wo vereiste Lachse dämmem.
Sie stört ungeniert die Totenruhe
von geschlachteten Lammern.
Die Lachse klirren und hoffen,
sie wird sich für Fisch entscheiden.
Vielleicht wählt sie lieber Lammsteaks
von blühenden Sommerweiden.
Sie fröstelt, zögert, wärmt
die Fingerspitzen
mit einem Hauch von rosenroten Lippen.
Im Rauhreif der Vitrine warten
Weinbergschnecken und Schweinerippen.
Plötzlich wittert sie einen Augenzeugen,
bemüht sich, die Nerven nicht zu
verlieren.
Ihr Lächeln taut vereiste Hasenkeulen
auf.
Ich wünschte, ich wär eine Forelle
unter den tiefgekühlten Tieren.
lch nähere mich ihr diskret
und flüstere: Lassen Sie sich nicht
stören.
Greifen sie ohne Zittem ins Volle,
geschnetzelte Hirsche können nicht
mehr röhren.
Haben Sie heute abend schon etwas vor?
Ich könnte den Champagner besorgen.
Sie sind das Dessert, das man nicht stehlen
muß,
und ich serviere das Frühstück
am nächsten Morgen.
Ein Glück fur uns beide. Wie Sie sehn,
bin ich nicht der Kaufhausdetektiv.
Mir scheint, Sie stehlen aus Lust.
Oder haben Sie ein seelisches Tief?
Sie schiebt das Tiefgefrorene unter den
Mantel,
Rehrücken für zwei Personen.
Ich bin tief gerührt, daß Sie
für uns stehlen
und Ihren guten Ruf nicht schonen.
Wir werden die Beute genießen,
Arm in Arm aus dem Kaufhaus wandern.
Sie dankt und geht mit dem Rehrücken
davon,
auch das Dessert ist leider für den
andern.