| Der Grüne
Hitler
Das kleine Buch (eine "Streitschrift") führt für sich selbst
einen guten und, wie sich immer wieder zeigt, auch bei wachsendem Zeitabstand
unveränderten Grund an: "Hitler paßt nicht, das ist es", sagte
Amery gleich zu Anfang, er "fällt aus den bisher erarbeiteten Erklärungsmustern."
Und dann legt er ein neues, ein überraschendes Deutungsmuster vor.
Der Autor, als leidenschaftlicher und streitbarer Ökologe wahrlich
nicht mehr vorstellungsbedürftig, hat sich damit nicht nur Freunde
gemacht. Manche aus der Grünen- Szene haben sein Buch so gelesen,
als werfe er ihnen vor, Neo-Nazis zu sein, ohne es zu wissen. Die Lesungen
und Buchvorstellungen verliefen mitunter dramatisch. Bei genauerer Lektüre
hätte das nicht sein müssen. Obwohl dann auch noch Verblüffendes
genug übrig bleibt.
Amery kündigt eingangs an, er werde im folgenden darlegen,
- daß Hitler versucht hat, diese Frage [eines nachhaltigen
Weiterlebens des Menschen auf einem begrenzten Planeten] vorwegzunehmen
und sie durch ein kaltes und mörderisches Herrenvolk-Programm zu beantworten,
das grundsätzlich auf ein "tausendjähriges Reich", also auf natur-
und nicht mehr humangeschichtliche Zeiträume angelegt war;
- daß er ferner versucht hat, durch Vernichtung
der jüdisch-christlichen Gesittung und ihrer säkularisierten
Ableitungen diesem Programm den notwendigen gesellschaftlichen Konsens
zu verschaffen; ...
- daß diese schwarze Logik sehr viel zur Durchschlagskraft
der nazistischen Ideen beitrug, weil seit Generationen die deutsche Zivilisationskritik
(und nicht nur diese) von romantisch- konservativen Argumenten und Gefühlen
zum Biologismus und Sozialdarwinismus überging, zumindest von ihm
ergänzt und verstärkt wurde;
- und daß es äußerst naiv wäre,
anzunehmen, ein solches Programm, von seinem krassen Dilettantismus gereinigt
und mit etwas wissenschaftlichem Glanz und Wortschatz versehen, ließe
sich in den nächsten Jahrzehnten und Generationen nicht wieder aktualisieren.
Was heißt das im einzelnen?
Amerys Ansatz scheint fahrlässig einfach: Es genüge, Hitlers
"Mein Kampf" an den wesentlichen Stellen wörtlich zu nehmen; natürlich
sei Hitler ein notorischer Lügner gewesen, auch in seinem Buch, aber
dann entdeckt Amery doch etwas wie eine Kernthese darin und paraphrasiert
sie zitatgestützt so:
Ganz nebenbei, in einer Adverbialklausel, blitzt der Zusammenhang
auf - und zwar dort, wo Hitler wieder einmal von den ehernen Gesetzen der
Natur spricht: "Da wird judenhaft frech behauptet: ‘Der Mensch überwindet
eben die Natur!'"
Die Überwindung der Natur, das wäre eben die
Voraussetzung für die Verwirklichung der großen Irrlehre der
Gleichheit, das heißt der gleichen Würde aller Menschen, auch
der Benachteiligten und Schwachen. Diese Gleichheit ist ihrerseits Voraussetzung
für den endgültigen Sieg des Judentums. Und in dem Maße,
in dem der Nichtjude, insbesondere der arisch-germanische Edelmensch, auf
diese humanistische Parole hereinfällt, wachsen die Siegeschancen
des großen jüdischen Plans.
Mit anderen Worten: Für Hitler sind zivilisatorische Fortschritte
wie Menschenrechte, Solidarität, Rechtssicherheit, gewaltfreier Kompromiß
und Demokratie nur die listige "jüdisch- freche" Auflehnung gegen
die "Natur", die - wie Amery wiederum "Mein Kampf" zitiert - allmächtige
und "grausame Göttin der Weisheit", die immer nur nach dem "aristokratischen
Prinzip" verfährt. Was hier nur eins heißen kann: die Herrenrasse
muß sich gegen den "Bazillus", der sie "vergiften" will, zur Wehr
setzen. Diese Rasse muß die "Verantwortung" auf sich nehmen, das
Überleben der Art (oder dilettantisch: der Gattung) in einer Welt
knapper werdender Ressourcen zu sichern.
Man war es bisher gewohnt, Hitlers biologistische Metaphern als eben
das zu nehmen: Metaphern. Amery nimmt sie beim Wort und stellt fest, daß
Hitler in "Mein Kampf" erstaunlich viele Seiten der Frage widmet, wie jenes
Überleben gesichert werden kann. Hitler diskutiert dabei vier verschiedene
Wege und hält dann doch nur einen für erfolgversprechend: die
Eroberung neuen "Lebensraums". Und dabei sind dann "der Jude" und sein
Humanismus nicht bloß im Weg, sein Sieg wäre sogar
der Totenkranz der Menschheit ..., dann wird dieser Planet
wieder wie einst vor Jahrmillionen menschenleer durch den Äther ziehen.
- Die ewige Natur rächt unerbittlich die Übertretung ihrer Gebote.
So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln:
Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des
Herrn.
Wenn man das bornierte Durcheinander der theologisch-naturwissenschaftlichen
Mißbegriffe beiseiteläßt, läßt sich, sagt Amery,
in solchen Äußerungen sozusagen das Kernprogramm Hitlers erkennen:
Dieser
sieht also seine Mission, seine weltgeschichtliche Aufgabe,
letzten Endes in der Bewahrung der Nachhaltigkeit.
Er gebraucht dieses Wort nicht, und es ist unwahrscheimlich,
daß er es überhaupt kannte. Aber es war bereits vorhanden, es
kam aus der Forstwirtschaft. Die Bedeutung ist einfach, ja banal: für
jeden gefällten Baum muß einer nachgepflanzt, für jede
Beeinträchtigung des Lebens muß ein lebendiger und vor allem
genügender Ausgleich geschaffen werden.
Aber da der Tod auch nur eine Verkehrsform des Lebens
ist, muß er in jedem lebendigen System seinen legitimen Platz finden.
Und wer diesen Platz oder diese Plätze des Todes zu verteilen hat,
auf Jahrhunderte zu verteilen hat, um die endgültige Leblosigkeit
des Planeten abzuwehren: damit befaßt sich letzten Endes das Hitler-Programm
für die Herrenrasse.
Hitler als selbstherrlicher Grüner? So unglaublich das klingt:
Es erklärt zumindest Hitlers unbeirrbares Festhalten an der Judenvernichtung
noch in den letzten Tagen des Krieges, ja bis in den Selbstmord hinein.
Diese Starrheit der Überzeugung, die ansonsten nur als fanatischer
Irrwitz zu bezeichnen wäre, fügt sich jedoch geschmeidig in den
Charakter dieses "Sozialdarwinisten", wenn man sie als zentralen Glaubensartikel
interpretiert. Ebenso verständlich wird dadurch Hitlers Eroberungsrhetorik
für mehrere Generationen, in Jahrhunderten und einem ganzen Jahrtausend.
Plötzlich klingt sie nicht mehr als die Übertreibung eines wahnsinnigen
Visionärs, sondern als logische Konsequenz aus der Langsamkeit ganz
"natürlicher" Vorgänge. Und vielleicht erklärt sich auf
diesem Weg sogar Hitlers "Modernität", sein "radikal" umstürzlerisches
Vorgehen, neben dessen Veränderungswillen, meint Amery, die wildesten
Jakobiner wie dumpfe Beharrer wirken: Wer diese weltgeschichtliche Aufgabe,
die Erhaltung der Lebensgrundlagen für den (sagen wir es gleich: arischen)
Menschen, auf sich genommen hat, muß ungewohnte Maßnahmen ergreifen.
Das furchtbare, aber eigentlich zu erwartende, da "natürliche" Ergebnis
war die Selektion: Auschwitz.
Zumindest im Kopf Hitlers und seiner bedingungslosesten
Anhänger muß die absolute Priorität der Judenvernichtung
vor jeder materiellen Kriegsnotwendigkeit einen hinreichenden Grund gehabt
haben. Es muß einen Grund geben für Hitlers letzten Satz an
das deutsche Volk: "Vor allem verpflichte ich die Führung der Nation
und die Gefolgschaft zur peinlichen Einhaltung der Rassegesetze und zum
unbarmherzigen Kampf gegen den Weltvergifter aller Völker, das internationale
Judentum." ...
"Sich des Juden zu erwehren" ... das ist Hitlers Systematik
in Mein Kampf und in seinem letzten Vermächtnis. Nur wer sie
verdrängt, kann Auschwitz für unerklärlich halten. Es ist
die konsequenteste und logischste Handlung Hitlers überhaupt.
Quod erat demonstrandum.
Nun aber: Ist dieser Horror ausgestanden oder kann er sich morgen,
im 21. Jahrhundert, wiederholen? Er kann, sagt Amery. Nicht mit bierdumpfen
Neonazis, sondern noch einmal einen Tick "moderner" als Hitler, nämlich
durch ein "Planet-Management". Dazu muß nur die verschärfte
Ressourcenknappheit ins allgemeine Bewußtsein eintreten, und die
modernen Wohlstandsgesellschaften definieren nun, was als "Überflüssiges"
ihren Lebensstandard und das Überleben der Gattung bedroht. Die nötigen
Datenbanken und Überwachungstechniken findet der Selektions-Manager
einsatzfähig vor. Die Selektion - sagt Amery - findet sogar schon
heute statt, und zwar durch transnationale Finanzmächte, die GATT-Abkommen,
in der Arbeitswelt, in den "obersten Etagen der Weltökonomie", bei
den Ungeborenen, im Gesundheitswesen:
Ist, bei unvermeidbarer Konfrontation mit der Lebenswirklichkeit
des Planeten, damit zu rechnen, daß diese Gruppen substantielle Errungenschaften
ihrer Geschichte, wie etwa die Menschenrechte, zugunsten der Rettung der
Zivilisation (und damit ihrer eigenen Standards) aufgeben werden?
Ich meine: auf jeden Fall.
Oder, in der Frage des Philosophen Hans Jonas: Müssen wir Unmenschen
werden, um die Menschheit zu retten? War Hitler also nur ein dilettantischer
Vorläufer der globalisierten Menschheitsretter von morgen?
Wie gesagt: eine Streitschrift. Und behaftet mit den unvermeidlichen
Mängeln dieser Textsorte: mit Verdichtungen, in denen die Überzeugung
an die Stelle des Belegs tritt, und mit gelegentlichen Unordentlichkeiten
im Aufbau der Argumente. Aber Amerys Warnung ist mehr als das. Ihre Schwächen
sind auch ihre Stärken.
Denn erstens ist Amerys Schreibstil der einer gebildeten Unterhaltung,
und gern, oft mit heimlichem Vergnügen folgt der Leser dem Diskurs.
Zweitens berücksichtigt der Autor die Alltagsideologie der "kleinen
Leute", die allgemeinen Überzeugungen, die rezeptiv und konsensfähig
bereitliegen (ein historischer Ansatz für das Dritte Reich, der m.
E erst von Saul Friedländer in der Geschichtsschreibung verwendet
wurde). Und drittens ist die Ungewöhnlichkeit des Blicks auf Hitlers
"Natur"-Auffassung und ihre mörderischen Folgen auf jeden Fall erhellend
und nachdenklich stimmend.
In einem Punkt jedenfalls ist Amerys Fragestellung grundsätzlich
nicht-trivial: Was wird denn geschehen, wenn eines Tages "die Schlachten
um Wasser und Luft" ausbrechen? Welcher definitionsmächtige Teil der
Welt wird sich dann zur "Krone der Schöpfung" erklären, der die
übrige Schöpfung geopfert werden muß?
Markus Hofmann |
Carl Amery
Hitler als Vorläufer. Auschwitz - der Beginn des
21. Jahrhunderts?
21 x 12,5 Zentimeter, 191 Seiten
Luchterhand, München 1998
DM 29,80, öS 218, sFr29,40

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