| Die Arbeiter im Weinberg
Was hier anzuzeigen ist: kein zum alsbaldigen Verbrauch bestimmtes Buch,
schon gar nicht ein Band für das Wohnzimmer, sondern die altmodisch
unermüdliche Arbeit an einem Textkorpus, die einen bleibenden, festen
Bezugspunkt bilden wird.
Die kritische Gesamtausgabe der Kleistschen Werke liegt in der Hand
des Heidelberger Instituts für Textkritik, das sich - auch publizistisch
in seiner Zeitschrift mit dem fast arrogant schlichten "Text" - editorischen
und literaturwissenschaftlichen Grundsatzfragen widmet. Die Veröffentlichungen
der "Radikalphilologen" setzen auf mustergültige Weise und mitunter
"im Gestus einer sezessionistischen Avantgardebewegung die kritischen Ausgaben
der germanistischen Zunft unter Druck" und schaffen "mit dem an Hölderlins
Spätwerk geschärften Instrumentarium ihren eigenen Kanon jenseits
der Weimarer Klassik: Kleist, nicht Goethe; Robert Walser, nicht Thomas
Mann; Friedrich Schlegel, nicht Friedrich Schiller"(so das Lob in der FAZ).
Die früher Berliner, jetzt Brandenburger Kleist-Ausgabe (freches
Kürzel: BKA) umfaßt bei ihrer Fertigstellung insgesamt 25 Einzeltitel:
acht Dramenbände, neun Prosabände, einen Band Lyrik, vier Bände
Briefe und Dokumente und schließlich drei Bände Erläuterungen.
Seit 1988 sind davon zwölf Bände erschienen. Man darf also hoffen,
daß das Gesamtwerk rechtzeitig zu Kleists zweihundertstem Todestag
im Jahr 2011 vollständig vorliegt.
Vor drei Monaten ist der Band IV/2 herausgekommen. Er enthält
die Briefe Kleists vom Mai 1801 bis zum August 1907, biographisch also
die Zeit seiner Frankreich- und Schweizreisen und des Bruchs mit der Verlobten
sowie seiner Inhaftierung und Deportation nach Frankreich. Eine Zeit der
persönlichen, auch der beruflichen Krisen (als Kleist plötzlich
Schweizer und Bauer werden möchte). Die beigefügten Kleist-Blätter
gelten "dem Versuch ein Rekonstruktion von biographischen sowie korrespondenzrelevanten
Kontexten".
Über siebzig Briefe sind aus dieser Zeit erhalten. Sie sind allesamt
- nachlesbar für den Schriftgelehrten - in etwas verkleinerter Form
vollständig faksimiliert. Schon hier läßt sich die Sorgfalt
der Editorenarbeit beobachten: recto-Seiten stehen jeweils auf der ungeraden
Seite, die verso-Seite auf der nachfolgenden, so daß sich beim Umblättern
fast der Eindruck ergibt, das Original in der Hand zu halten (die schleichende
Veränderung der anfangs noch entschlossen dahineilenden Handschrift
Kleists verrät beinahe die psychische Wirkung der aufeinanderfolgenden
Lebenskrisen; charakteristisch dafür auch die schwankende Zahl der
nachträglichen Korrekturen von Kleists Hand). Die Angaben zur Provenienz
sind von beispielhafter Präzision (wobei die folgende html-Abschrift
die typographischen Feinheiten großenteils unterschlägt):
54
An Adolphine von Werdeck
(nach 21. September / Anfang November) und So., 29. November
1801
(Paris) und Frankfurt/Main -> (Potsdam)
BESITZER
G. T. Mandl-Stiftung, Netstal (Schweiz)
HANDSCHRIFT
Doppelblatt (21,4 x 16,9 cm); Bl. 1: am oberen Blattrand
ist ein Streifen (4,0 x 16,6 cm) nachträglich abgeschnitten worden
(je ca. 7 Zeilen Textverlust); dunkelbraune Tinte, ab 2v Z. 27 schwarze
Tinte; Velin (ohne Wasserzeichen); Faltung, quer und längs
SPÄTERE EINTRÄGE
1v:: unbekannte Hand, Bleistift: R; Vermerk des heutigen
Besitzers, Bleistift:
ST 6531211193#230 M36 Heinrich v Kleist an
Adofine <!> v. Werdeck Nov. 1801
PROVENIENZ
1934: Familienbesitz von dem Knesebeck (Erstdruck)
1993: J. A. Stargardt (Berlin); Auktionskatalog 653,
Nr. 230 - an den heutigen Besitzer
ERSTDRUCK
1934: (a) Herbert Wünsch: Zwei bisher unbekannte
Briefe Heinrich von Kleists (Maximilian- Gesellschaft Berlin 1934)
(b) Herbert Wünsch: Zwei Briefe Heinrich von Kleists
an Adolphine von Werdeck. Mit 2 Faksimilienachbildungen (Privatdruck für
die Teilnehmer an der Tagung der Kleist- Gesellschaft in Königsberg
i. Pr. 30. November bis 2. Dezemer 1934), 14-19
ABBILDUNG
1r: in Erstdruck b, nach 18
2v: Stargardt-Katalog (cf. Provenienz), 89
DATIERUNG
Der erste Teil des Briefes (1r-2v Z. 26), dessen abgeschnittener,
nicht überlieferter Anfang vermutlich das Datum trug, hat als terminus
post quem den 21.9.1801 (Jahresende nach dem französischen Revolutionskalender;
cf. 2v Z. 19-21). Daß Kleist den angefangenen Brief "Beim Einpacken"
wiedergefunden haben will (2v Z. 33f.), legt die Annahme eines längeren
Abstands zwischen der Niederschrift und den Vorbereitungen zur Abreise
nahe.
Die Umschriften auf dere Gegenseite des Faksimiles bei durchnumerierten
Zeilen stand- und zeilengetreu gesetzt und enthalten über die gewöhnlichen
typographischen Vermerke wie Einfügungen und Korrekturen hinaus auch
noch Hinweise auf Streichungen im zweiten Arbeitsgang, andere Schreiber,
Schriftartenwechsel, Rasuren und Papierschaden mit Textverlust. Die diplomatische
Sauberkeit ist - bis auf die vernachlässigbare Unterscheidung zwischen
langem und runden s - selbstverständlich durchgehend gewahrt.
Ausführlich wird auch die Auslassung eines wahrscheinlich unechten
Briefes begründet:
Nicht aufgenommen und von Kleists Briefkorpus auszuschließen
ist ein Schriftstück, das Sigismund Rahmer aus den Papieren Ludwig
v. Brockes' veröffentlicht hat und das, erstmals von Joachim Bumke
("Zu Kleists Briefen": in: Euphorion 52 [1958], 183-192; hier: 183-189)
für Kleist reklamiert, in den Ausgaben von Helmut Sembdner und Siegfried
Streller (jeweils als Brief Nr. 55) trotz Vorbehalten gegen Bumkes Zuschreibung
und Datierung (Paris, November 1801) als Fragment eines von Kleist an Brockes
gerichteten Schreibens geführt wird. Die Wiedergabe dieses Textes
und die kritische Erörterung seines Status wird im dokumentarischen
Anhang zum Kommentar erfolgen.
Die Präzision der Umschrift und die Genauigkeit der editorischen
Angaben verleihen der Lektüre der Briefe eine sonst nicht zugängliche
Intimität, eine erregende Nähe zu ihrem Verfasser. Man meint
- auch noch bei der Abbildung eines gesiegelten Kuverts oder nur der Adressenseite
eines Briefes - mit dem Autor fast in einem Zimmer zu sein, zurückversetzt
in seine Zeit nicht nur privater Verstörungen, sondern auch eine Epoche
hoher politischer Instabilität in Europa.
Satz- oder Transskriptionsfehler waren in dem Band auch bei genauem
Hinsehen nicht zu entdecken (wenn man von einer rätselhaften und vom
Original nicht gedeckten Einrückung einer letzten Zeile, auf Seite
173, absieht).
Die Arbeit des Instituts an der Kleistschen Gesamtausgabe und anderen,
zum Teil abgeschlossenen Projekten wird dankenswerterweise und sehr gut
in einer eigenen Website dokumentiert (www.textkritik.de). Man kann sich
hier zum Beispiel die "Vorgaben zur Textkommentierung", die empfehlenswerten
"Hinweise zur Satzeinrichtung" oder eine Vorschau auf einige künftige
Bände herunterladen. Lediglich vor der Spaß-Seite "lingua cranca"
muß gewarnt werden; nicht weil sie ein zum Teil hanebüchenes
Küchenlatein bietet, sondern weil sich hier offenbar die Schreibfehler
versammelt haben, die im Brief-Band so glücklich vermieden wurden.
Fazit also: eine editorisch maßgebliche Textausgabe, die einen
des Autors würdigen Referenzstandard setzt. Und nicht genug zu loben
schon allein deshalb, weil in solcher "Arbeit im Weinberg des Textes" die
Treue zu Autor und Werk doch kein leerer Wahn ist. Solange derartig hervorragende
Werkausgaben erscheinen: keine Panik um die Pflege der Literatur!
Christian von Mutius |
Heinrich von Kleist
Samtliche Werke. Brandenburger Ausgabe IV/2 Briefe 2
hrsg. von Roland Reuß und Peter Staengle
28 x 18 Zentimeter, 565 Seiten (Begleitband: Brandenburger
Kleist-Blätter 12, 106 Seiten)
Stroemfeld / Roter Stern, Frankfurt am Main 1999
DM 238,--, öS 1737, sFr 238,--

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