
Die
Gazette Nr. 15, Juli 1999:
Lese-Effekte
Jean Paul an Christian Otto
Goethe als Vorleser
[Weimar,] d. 18. Jun. Sonnabends [1796]
Schon an zweiten Tage warf ich hier mein dummes Vorurteil für große
Autoren ab als wären's andere Leute; hier weiß jeder, daß
sie wie die Erde sind, die von weitem im Himmel als ein leuchtender Mond
dahinzieht und die, wenn man die Ferse auf ihr hat, aus boue de Paris besteht
und einigem Grün ohne Juwelennimbus. Ein Urteil, das ein Herder, Wieland
Göthe etc. fällt, wird so bestritten wie jedes andere, das noch
abgerechnet daß die 3 Turmspitzen unserer Literatur einander - meiden.
Kurz ich bin nicht mehr dumm. Auch werd' ich mich jetzt vor keinem großen
Mann mehr ängstlich bücken, bloß vor dem tugendhaftesten.
Gleichwohl kam ich mit Scheu zu Göthe. Die Ostheim und jeder malte
ihn ganz kalt für alle Menschen und Sachen auf der Erde - Ostheim
sagte, er bewundert nichts mehr, nicht einmal sich - jedes Wort sei Eis,
zumal gegen Fremde, die er selten vorlasse - er habe etwas steifes reichstädtisches
Stolzes - bloß Kunstsachen wärmen noch seine Herznerven an (daher
ich Knebel bat, mich vorher durch einen Mineralbrunnen zu petrifizieren
und zu inkrustieren, damit ich mich ihm etwan im vorteilhaften Lichte einer
Statue zeigen könnte - Ostheim rät mir überall Kälte
und Selbstbewußtsein an). Ich ging, ohne Wärme, bloß aus
Neugierde. Sein Haus (Palast) frappiert, es ist das einzige in Weimar in
italienischem Geschmack, mit solchen Treppen, ein Pantheon voll Bilder
und Statuen, eine Kühle der Angst presset die Brust - endlich tritt
der Gott her, kalt, einsilbig, ohne Akzent. Sagt Knebel z. B., die Franzosen
ziehen in Rom ein. "Hm!" sagt der Gott. Seine Gestalt ist markig und feurig,
sein Auge ein Licht (aber ohne angenehme Farbe). Aber endlich schürete
ihn nicht bloß der Champagner sondern die Gespräche über
die Kunst, Publikum etc. sofort an, und - man war bei Göthe. Er spricht
nicht so blühend und strömend wie Herder, aber scharf-bestimmt
und ruhig. Zuletzt las er uns - d. h. spielte er uns* - ein ungedrucktes
herrliches Gedicht vor, wodurch sein Herz durch die Eiskruste die Flammen
trieb, so daß er dem enthusiastischen Jean Paul (mein Gesicht war
es, aber meine Zunge nicht, wie ich denn nur von weitem auf einzelne Werke
anspielte, mehr der Unterredung und des Beleges willen,) die Hand drückte.
Beim Abschied tat er's wieder und hieß mich wiederkommen. Er hält
seine dichterische Laufbahn für beschlossen. Beim Himmel wir wollen
uns doch lieben. Ostheim sagt, er gibt nie ein Zeichen der Liebe. 1000000
etc. Sachen hab' ich Dir von ihm zu sagen.
Auch frisset er entsetzlich. Er ist mit dem feinsten Geschmack gekleidet.
...
*Sein Vorlesen ist nichts als ein tieferes Donnern vermischt mit dem
leisen Regengelispel: es gibt nichts Ähnliches.
