Die
Gazette Nr. 15, Juli 1999:
Interview mit Joseph von Westphalen
Wie kamen Sie eigentlich zum Schreiben? War das immer schon immer
Ihr Beruf?
Der Auslöser dazu war schon in der Pubertät angelegt, aber
nicht so, daß ich damals schon irgendetwas erzeugen wollte. Was mir
gefallen hat, das war die Überlegenheitsgeste des Dichters. Das war
auch ziemlich erotisch gefärbt: Da kommst du an ein Mädchen nicht
ran, beobachtest aber mißgünstig und neidisch, wie erfolgreich
andere sind. Aber solche Gefühle wie Mißgunst und Neid, die
treiben einen natürlich an, und dann schreibt man und labt sich an
der Erfolgsphantasie, dann schreibt man dem Mädchen einen Brief, und
der Brief hat plötzlich wirklichen Erfolg, und man merkt, daß
man nicht immer nur danebenstehen und zuschauen muß. Der erste "Auswurf"
dieser Art geschah sogar schon, als ich dreizehn oder vierzehn war. Das
war allerdings kein erotischer Frustrationsabbau, sondern mehr ein weltanschauliches
Protestschreiben - ich fürchte, teilweise noch in Reimen - gegen die
allenfalls mäßig religiöse Erziehung im Elternhaus. Mir
gefiel diese Dichter-Haltung, die ich mir jetzt mir nicht mehr leisten
kann, weil ich kein Kaffeehausliterat bin ...
Kaffeehausliterat?
Ja, das wäre ich unheimlich gern. Ich wäre gern so erfolgreich,
daß ich es mir finanziell leisten könnte - sagen wir: wie Enzensberger
- im Jahr fünf Essays zu schreiben und dazwischen im Kaffeehaus zu
sitzen und nur noch Beobachtungen anzustellen. Jedenfalls: Diese Lust am
Beobachten hatte ich schon damals, wohl auch eine zynische Lust, Leute
zu beobachten, wenn sich zum Beispiel so ein Liebespaar aneinanderdrückt.
Wie Freud sagte: Was du nicht hast, kannst du dir erschreiben. Dann kam
das Studium, Germanistik, im Grunde aus Bequemlichkeit, weil ich mir sagte,
Deutsch kannst du schon, das brauchst du nicht mehr zu lernen. Nicht um
Lehrer zu werden, ich habe aber promoviert, um einen Abschluß zu
haben, nachdem ich auf Staatskosten zweiundzwanzig Semester studiert hatte.
Worüber haben Sie promoviert?
Der Arbeitstitel war: "Die Figur des scheiternden Dichters". Aber der
Gedanke, Schriftsteller zu werden, kam mir während des Studiums überhaupt
nicht, vielleicht Lektor oder Redakteur oder so etwas. Ansonsten habe ich
es mir im Studium gut gehen lassen, bin zum Baden gegangen, habe andere
Länder besucht, meine Frau geheiratet. Diese heutige Berufsfindungsnot
gab es damals ja noch nicht. Irgendwann machte ich dann mal einen Fernsehfilm
und dachte mir, da kommst du später mal unter und machst Kulturfilme
oder ähnliches. Aber dann bekam ich eine Stelle als Literaturredakteur
bei dem Kulturmagazin "Westermanns Monatshefte". Da lernte ich mich erst
richtig kennen, das heißt meine völlige Unfähigkeit als
Redakteur. Es ist mir nie gelungen, rechtzeitig Texte einzutreiben, und
in meiner Not habe ich also alle Glossen selbst reingeschrieben, den Literaturteil
des Heftes ganz alleine gefüllt, ein bißchen wie Karl Kraus
kam ich mir vor - wenn auch ohne "Fackel". Und ich merkte, die Leute lesen
das gern. Ja und dann kam "Transatlantik". Eine wunderbare Zeitschrift.
Enzensberger - ich hatte mit seinem jüngeren Bruder studiert - wollte
von mir einen Text. Das war natürlich sehr ehrenvoll für mich.
Und wieder sah ich, die Leute lesen meine Texte gerne und diskutieren darüber.
Also: Wenn mich etws zum Schriftsteller gemacht hat, dann war es dieses
Echo. Wenn ich auf eine Fete ging, dann klopften mir schon mal irgendwelche
anerkannten Schriftsteller, meine Idole, auf die Schulter und sagten mir:
So ein Ding hätte ich auch gern geschrieben. Oder: Mach doch mal einen
Roman aus der Geschichte! Ich lernte Leute kennen und wurde - nein, nicht
eigentlich herumgereicht wie andere, die das nur mit Protektion schaffen,
sondern ich merkte, ich war begehrt, und das hatte ich mir selbst erschrieben.
Das war natürlich ein unheimlicher Auftrieb.
Haben Sie davon leben können?
Meine Frau hat einen halben Job als Lehrerin. Heute trage ich mit meinem
Schreiben wahrscheinlich mit achtzig Prozent zum Haushalt bei, aber damals
mit einem Drittel.
Bis dahin hatten Sie eher journalistisch gearbeitet. Wie kamen Sie
von da zur Belletristik?
Also meine Glossen waren ja schon ziemlich literarisch. Sie wurden
dann auch in Buchform herausgebracht, wodurch sie irgendwie geadelt wurden.
Die erste Geschichte, die ich schrieb, ist ganz komisch entstanden. Wir
hatten unser erstes Kind, und ich litt darunter, ich dachte, meine Freiheit
ist weg. Und meine Frau litt darunter, daß ich das Kind ablehnte.
Und da habe ich dann mit Klaus Konjetzky, im Vergleich zu mir damals schon
ein großer, erfolgreicher Autor, er wohnte hier in der Nähe
und hatte auch Kinder, und wir lernten uns beim Spazierenfahrten mit den
Säuglingen kennen - also Konjetzky kam auf die Idee: Machen wir doch
ein Buch "Stillende Väter", nicht über so ausgestiegene, tüttelige
Hausmänner, sondern über Schriftsteller, die Kinder haben, sie
zwar lieben, sie werden aber dauernd von ihnen gestört. Der Titel
war ganz witzig, und wir haben bald einen Verlag gefunden. Aber dann kamen
lauter falsche Texte an, speziell von ausgewiesenen Linken, wie süß
doch die Babys sind, lauter Breigeschichten, unerträglich. Da schrieb
ich dann, um das Buch noch vertreten zu können, selber eine Geschichte,
eine andere, ziemlich wütende Anti-Kinder-Geschichte. Ich beschrieb
mein Zähneknirschen in der Er-Form, ein bißchen weggeschoben
von mir und mit einem Höchstmaß an Selbstironie. Die Geschichte
kam gut an und wurde mindestens zwanzigmal nachgedruckt, mittlerweile auch
von ganz konservativen Publikationen. Trotz meines de-Sade-Zitats als Titel:
"Der Mechanismus der Vermehrung". Dabei merkte ich auch, welches ungeheure
Vergnügen es macht, das eigene "Leid", zum Beispiel das "Mißgeschick",
Kinder zu haben, mit Komik nach außen zu schreiben.
Hatten Sie damit also Ihre Berühmtheit erreicht?
Nein, meinen Marktwert schaffte erst der Briefwechsel mit Monika Maron
im ZEIT-Magazin, 1987 oder 1988. Damals hieß es: der westdeutsche
"Journalist" und die ostdeutsche "Dichterin". Die Vorstellung als "Journalist"
kränkte mich etwas, weil ich da schon zwei oder drei literarische
Sachen geschrieben hatte. Und Monika Maron: War die denn eine "Dichterin"?
Aber schön, die Sache kam gut an, wurde wahrgenommen, ich war bekannt.
Zum ersten Mal war nun bei meinen Lesungen der Saal richtig voll, nicht
nur so dreißig, vierzig Leute wie sonst.
"Journalist", in welcher Grauzone zur Literatur hin auch immer, sind
Sie dann aber nicht geblieben.
Nein, ich konnte mit dieser neuen Bekanntheit dann einen Roman vorschlagen,
und auch einen Vorschuß dafür verlangen, achtzigtausend Mark.
Was ja ziemlich viel ist für einen Roman, der noch gar nicht geschrieben
ist. Ich finde es aber normal, das auch als reine Geldsache zu sehen, ich
schreibe ja, um davon zu leben. Und wenn ich dazwischen dauernd etwas anderes
schreiben muß, dann wird aus dem Roman nie etwas. Bei diesem ersten
Roman brauchte ich das Gefühl, ich hätte etwas Luft, er wird
angenommen und landet nicht nur in der Schublade. Schließlich kamen
dann die drei Duckwitz-Romane bei Hoffmann und Campe heraus.
Haben Sie auch da noch irgendeinen "Ärger" herausgeschrieben?
Ja doch, es war einerseits ein privater "Ärger": Duckwitz war
für mich auch ein psychologisches Abarbeitungsinstrument. Diese Schwierigkeiten
mit der Liebe und der Ehe, wie eh und je - und das am Ende des 20. Jahrhunderts,
das ist doch nicht ganz einzusehen! Diese Auflehnung gegen die alten Sitten,
das war natürlich drin in dem Roman. Auch in einem Drehbuch zu dem
Thema, das ich gerade schreibe, ist diese Unlust enthalten, bürgerliche
Gepflogenheiten zu akzeptieren - es wird tatsächlich verfilmt. Was
da mitspielt, ist eine gewisse Lösungslust: Im Roman funktioniert
das alles ein bißchen besser als bei mir privat, Duckwitz' Frau ist
ein bißchen großzügiger als meine, und dann sage ich etwa
zu ihr: Kannst du nicht ein wenig so sein wie die?, und sie sagt zu mir:
Kann der Duckwitz nicht ein wenig anders sein?, ein Spielchen, naja, aber
man kann sich über den Roman verständigen, ohne sich etwas "gestehen"
zu müssen.
Andererseits war da wohl auch ein allgemeinerer, politischer "Ärger"?
Natürlich ist Duckwitz ein politisches Sprachrohr für mich
und meine Provokationslust, genährt aus sechzehn Jahren Kohl-Regierung.
Die Politiker-Kritik wird in den Romanen von diplomatischer Warte aus geführt,
also mit einer gewissen Eleganz, auch mit einer größeren "Fallhöhe",
als wenn irgendjemand so etwas sagt. Das Schreiben der Duckwitz-Romane
war für mich ein richtiger Adrenalinstoß. Ich schrieb damals
noch mit einer mechanischen Schreibmaschine, an der konnte ich dann physische
Erregungszustände körperlich abarbeiten, obwohl ich sonst ja
friedlich bin und keinen Menschen beschimpfen kann, ich bin rhetorisch
viel zu ungeschickt dafür, höchstens kriege ich mal einen Wutanfall,
der dann meistens ganz Unschuldige trifft.
Was war denn Ihre politische Überzeugung damals?
Ich war Maoist. Ich glaubte mit einem intensiven Gerechtigkeitsgefühl
an die Kulturrevolution. Dafür muß man sich heute vielleicht
schämen, aber damals wußte man noch nichts von den Schrecken
und Grausamkeiten, die damit verbunden waren. Ich hatte auf dem Bau gearbeitet,
zusammen mit einem Elektromeister, mit dem ich mich über Schopenhauer
unterhalten konnte. Aber trotzdem, da haute ich stundenlang Schlitze für
Stegleitungen in Mauern, und die acht, zehn Stunden am Tag vergingen nicht,
und ich haßte Nietzsche und seine "Theorie der Schwielenhaut", nach
der man mit Arbeitern kein Mitleid zu haben braucht, weil die wegen ihrer
Schwielen das Unerträgliche gar nicht merken. Denn so ein Arbeitstag
war für mich, den Intellektuellen, die Hölle. Und wieso, dachte
ich mir, leben die Manager eigentlich so privilegiert? Ich hab das nicht
eingesehen. Es ist auch schwer einzusehen. Die müßten doch alle
mal auf den Bau, sagte ich mir, in die Produktion. Ich war von der Idee
eines paradiesischen Ur-Kommunismus beseelt. Nun gut, inzwischen schreibe
ich und verdiene damit ausreichend Geld - wenn das kein Privileg ist! Ich
verstehe allerdings immer noch nicht diese Gier von jemandem, der schon
viel Geld verdient und immer noch mehr Geld verdienen muß. Ich sehne
mich danach, daß ich mal ein Buch so gut verkaufe, daß ich
mich ein Jahr lang zurücklehnen kann.
Hat sich dieser politische Impuls bis heute erhalten?
Das ist das Problem mit der literarischen Produktion. Wie ein Kritiker
schrieb: Das Repertoire an politischer "Verhöhnungskunst" ist irgendwann
einmal erschöpft. Es gibt eben nur soundsoviele Schimpfwörter,
und die reichten gerade mal für die Regierungszeit Kohls. Natürlich
kommt in meinen heutigen Werken die Politik vor. Dieser "Sieg der Bomben"
jetzt im Kosovo zum Beispiel ist ja etwas Schreckliches. Wenn jetzt gesagt
wird: Man sieht doch, es hat geholfen, dann ist der Pazifismus endgültig
im Eimer. Das kommt klar hinein in das Deutschland-Buch, das ich einem
Verlag schon versprochen habe, ich komme nur nicht dazu wegen anderer Arbeiten.
Da soll dieses Land aber nicht beschimpft werden, es wird eher zu Tode
gelobt. Ich denke, man kann so subtil infam loben, daß es dann wieder
eine Ohrfeige wird. Der Arbeitstitel ist: "Elf deutsche Eiertänze."
Ist dieser veränderte Schreibstil ein Effekt des Älterwerdens?
Vielleicht. Aber ich kann auch nicht ewig diesen früheren Ton
beibehalten. Er wird natürlich vorkommen, indirekt, aber ich muß
jetzt was anderes machen. Ich muß von dem Duckwitz ein bißchen
weg. Ich taste da noch rum. Im Augenblick nehme ich eine ganz andere Figur,
einen Schriftsteller und was ihm so alles passiert: Politisch hat er die
Dinge einigermaßen auf die Reihe gekriegt, die Liebe ist immer noch
schwierig, er ist völlig am Boden, mit dreiundvierzig schon dreimal
geschieden ...
"Die Figur des scheiternden Dichters"?
Ach ja, womöglich ist es die Erfüllung dieser entsetzlich
prophetischen Doktorarbeit. Aber neben eigenen Erlebnissen schreibe ich
da auch diese Verkommenheit des Literaturbetriebs rein und wie sie mir
zugute kommt, wenn mir zum Beispiel der "Playboy" für eine Fünf-
Minuten-Rede fünftausend Mark bezahlt. Oder der Bundesverband der
Brauer, der gerade in Trier tagt: Die würden mir siebentausend Mark
für zwanzig Minuten zahlen; ich kann nur nicht hin wegen häuslicher
Verpflichtungen.
Sind sie in irgendeinem Sinn "realistischer" geworden?
Vielleicht. Was ich nicht mag, ist dieses Pathos: "Ich will aufklären!",
"Ich will Humanität!" Natürlich habe ich manchmal ein flaues
Gewissen mit der Literatur. Wenn ich die Leute sehe, die jetzt in das Kosovo
gehen und da humanitäre Arbeit leisten, dann finde ich das erschütternd
(lobenswert). Wenn ich für die Humanität etwas tun wollte, dann
müßte ich so etwas machen, und das tu ich nicht. Vielleicht,
weil ich zu ungeschickt bin oder zu faul. Sagen wir so: Wenn ich nicht
schreiben könnte, würde ich wohl etwas Derartiges tun und hätte
ein gutes Gefühl dabei. Aber ich schreibe nun mal. Und ich finde es
schon eine ganze Menge, wenn ein Kunstprodukt zu einer inneren Stärkung
führt. Daß eine bessere Gesellschaft hersoll, kommt ja auch
in Popsongs vor, wenn Sie zum Beispiel John Lennon hören. Die Botschaften
sind subkutan, das ist das Angenehme. Erst die Musik, dann der Inhalt.
Und was das Komische betrifft: Auch das Lächerlichmachen des Feindes
ist ein Beitrag zur Humanität. Mein großes Vorbild ist da immer
noch der Lubitsch-Film "To be or not to be". So etwas kann auch ein Buch
leisten, und das ist dann der Triumph der Literatur.
Wenn Sie einmal aufhören zu schreiben, worauf werden sie dann
besonders stolz sein?
Mir schreibt ab und zu eine Leserin aus Saarbrücken, und neulich
schrieb sie mir, ihre Lieblingsstelle aus dem Roman ist, wo Duckwitz als
Rechtsanwalt abends in seiner Kanzlei sitzt, und die Putzfrau kommt, und
er beobachtet sie, wie sie mit dem Rücken des abgewinkelten Zeige-
und Mittelfingers die Erde in den Blumentöpfen prüft, ob sie
gegossen werden muß. Das sei, meinte die Saabrückerin, genau
die Geste, mit der auch sie die Blumenerde überprüft. Ich hab
die Genauigkeit dieser Fingerhaltung beim Schreiben gar nicht bemerkt.
Aber wenn man eines Tages stirbt, denkt man vielleicht an so einen Brief:
Das hat man gut hingekriegt. Kein besonders kluger Satz, keiner von großer
Erkenntnis, nur eine gute Beobachtung. Aber ein Satz, der bei einem Leser
im Kopf geblieben ist, sich sozusagen fortgepflanzt hat. Allein die Vorstellung
ist beruhigend, daß so ein Satz erhalten bleibt und weiterlebt. Das
reicht schon.