Die Gazette Nr. 14, Mai/Juni 1999:

Texte, die wir nicht verstehen

Wie unten an Alessandro Manzonis historischem Roman I Promessi sposi zu zeigen ist, reflektieren gerade solche Vertreter der Romangattung, die explizit die außerfiktionale Wirklichkeit zum Gegenstand machen, das Verhältnis von 'authentischer' Information, die sie in Gestalt des enzyklopädischen bzw. historischen Details integrieren, und der Bedeutung der Form, in der diese Informationen allererst im eigentlichen Sinne lesbar werden. Das Wissen des Erzählers - den in der italienischen Literatur Manzonis fiktiver Historiograph geradezu paradigmatisch vertritt - ist Ermächtigung zur Formbildung vom Standpunkt der Übersicht aus. Es ist leicht einzusehen, daß Perspektivenvielfalt im Rahmen ihrer kontrafaktischen bzw. oppositiven, der Funktion nach also integrativen Ausprägung in einem ggf. auch konfligierenden Nebeneinander figural repräsentierter Sichtweisen allein kein hinreichendes Differenzkriterium einer Ästhetik des Perspektivischen gegenüber dem strukturellen Merkmal der Binnenperspektivik abgeben kann. Denn die Demonstration von Zugänglichkeit des Wissens in der physischen wie in der moralischen Welt setzt eine multiperspektivische Strukturierung (die sich in ideologischen Orientierungen ebenso wie in individuellen Sprachstilen niederschlagen kann) ja voraus, um sie in einer übergreifenden Sicht - dies ist das Verfahren Manzonis - oder in der Balance von Erfolg und Sanktion - wie es Balzac für seine Comédie humaine in Anspruch nimmt - Schritt für Schritt zur Einheit einer Welt aufzuheben. Der Widerspruch der modellierten Perspektiven kann sogar besonders weit getrieben sein, um deren Balance am Angelpunkt einer metaphysischen oder soziologischen Weltformel um so eindrucksvoller zu inszenieren und an ihr die Fähigkeit zur Integration des Abweichenden im Lichte eines ihm übergeordneten normativen Bezugssystems zu demonstrieren. Von dieser Erwartung, durch die Fiktion einen geschlossenen Orientierungsrahmen anzubieten, spricht Gustave Flaubert in seiner Reaktion auf die geringe bzw. überwiegend negative Resonanz seiner Education sentimentale, die er gerade deren perspektivischer Unentschiedenheit anlastet. An J. K. Huysmans schreibt er über dessen jüngstes Werk, die Soeurs Vatard, ihnen fehlten, wie dem eigenen Roman, "la fausseté de la perspective!", und erläutert: "Il n'y a pas progression d'effet. Le lecteur, à la fin du livre, garde l'impression qu'il avait dès le début". Was mit der 'Falschheit der Perspektive' genauer gemeint ist, erhellt aus einer anderen Stellungnahme aus demselben Jahr:

Toute oeuvre d'art doit avoir un point, un sommet, faire la pyramide, ou bien la lumière doit frapper sur un point de la boule. Or rien de tout cela dans la vie. Mais l'Art n'est pas la Nature![169]

Baut der Roman - wie es Flaubert in der Madame Bovary und der Education sentimentale tut - diese durchgreifende 'perspektivische' Konstruktion ab, in deren Brennpunkt mit dem Erzähler zugleich der Leser plaziert ist, so wird diesem zumindest die vordergründige Engführung des Geschehens auf einen einheitlichen Sinn vorenthalten.

aus: Peter Kohlhaas, Mit anderen Augen, Diss. Konstanz 1995