Die
Gazette Nr. 14, Mai/Juni 1999:
Lyrik
Günter Seuren
Eine Liebeserklärung
Gnädige Frau, Sie
sind so erotisch
und kennen sich aus
in Literatur.
Ich sehe Ihr wollüstiges
Knie
auf dem Bildschirm nach
22 Uhr.
In Ihrer Schamgegend
würde ich gern
siegen,
als Buch, an das sich
Ihre Schenkel schmiegen.
Ich entblättere
mich
in Ihren intimen Zonen.
Peitschen Sie mein splitternacktes
Herz
unter Ihrer Leselampe,
nur nicht schonen.
Ich vergehe in Ihrer
Feuilletonspalte,
wo Sie es mit mir treiben,
wenn Sie eine Orgie
der Vernichtung über
mich schreiben.
Ich bin ganz hin, wenn
Ihre Zunge
das Wort ergreift
und mir hemmungslos
die Haut herunterstreift.
Ihr Blick ist so lasziv
nach 22 Uhr.
Ich küsse dankbar
Ihre Peitsche
unter der Tortur.
Ihre erregenden Mundwinkel
sind für Reich-Ranicki
zu schade.
Sie liegen so herrlich
nackt mit mir
in Ihrem perlenden Bade.
Aus Ihrer Schamgegend,
gnädige Frau,
muß ich nun leider
scheiden.
Ich wünsche Ihnen,
daß Sie mit der Literatur
noch manchen Orgasmus
erleiden.