Die Gazette Nr. 14, Mai/Juni 1999:

Leseproben
 
Was wollen wir eigentlich?

Dieses Buch ist im Zorn geschrieben, in einem durch klares Denken gebändigten Prophetenzorn. Schlagworte und modische Vernebelungen beeindrucken den vierundsiebzigjährigen Hartmut von Hentig nicht mehr. Er redet nur noch zur Sache. Und die Sache ist unser Leben, unsere Zukunft. 
Zunächst geht er einmal mit den "Wertevermittlern" ins Gericht (etwa mit der "erstaunlich" genannten "Werteiniative 93") und stellt entdramatisierend fest, daß die Menschen sogar unserer Gesellschaft durchaus ein Gefühl für Werte besitzen, und er listet sie in einer Anmerkung, sich selbst zitierend, auch auf: Leben, Freiheit, Frieden, Seelenruhe, Gerechtigkeit, Solidarität, Wahrheit, Bildung, lieben können, Gesundheit, Ehre, Schönheit (gekürzt). Da muß also kaum etwas "vermittelt" werden - ein Tätigkeitswort, mit dem er zu Recht nicht viel anfangen kann. Im weiteren weist er den unüberlegten und zumeist nur der eigenen Entlastung dienenden Vorwurf  zurück, der immer dann der Schule gemacht wird, wenn irgendetwas passiert ist: Die Lehrer "erziehen" nicht mehr. Diese Zurückweisung hätte, wenn ich meine eigene Erfahrung zugrundlege, noch um einiges schärfer ausfallen dürfen. Ich kenne natürlich "ausgebrannte" Lehrer, aber auch eine ganze Menge, die vor lauter latentem Curriculum - siehe die eben zitierten Werte - mit ihrem sogenannten Stoff in Zeitnot kommen. 
Es geht dem Autor also nicht um eine wie immer geartete "Wiederherstellung" oder "Einführung" von Werten: 

Die Shell-Studie bestätigt immerhin: Nicht die Ideale und Werte sind geschwunden, wohl aber hat die Hoffnung auf ihre Erfüllung nachgelassen. Die pädagogische Aufgabe wäre hier nicht in erster Linie, diese Hoffnung wieder aufzurichten, sondern die Funktion von Idealen verständlich zu machen: Sie sind das eigentliche und jedenfalls wirksamste Mittel, die Wirklichkeit zu kritisieren. "So sollte es sein! Vergleiche damit, wie es ist!" sagen sie. Je schlechter die Wirklichkeit, um so mehr bedarf sie der "Ideale" und "Werte" - und umgekehrt. Daß sich die Rangfolge der Werte (Freiheit vor Ordnung z.B.) verändert oder die Priorität der Aufgaben (Wahrung der Schöpfung vor Wahrung des gesellschaftlichen Anstands z.B.), gehört zum Abc aller Sittenlehre. ...
Ich konstruiere hieraus einen dreifachen Auftrag:
- Pädagogik müßte in den Kindern das gemeinsame Ethos (die Haltung und Tatkraft) ins Leben rufen, das in den Erwachsenen erstorben ist.
- Sie müßte dies tunlichst erreichen, ohne mit dem Weltuntergang oder einer Katastrophe oder auch nur mit einer dramatischen Verschlechterung der Lage zu drohen, weil das entmutigt.
- Sie müßte den Kindern verständlich machen, warum, obwohl das Ethos als Einsicht da ist, die Erwachsenen nicht danach leben, jedenfalls keinen Erfolg damit haben; und dieses Verständnis darf ihren eigenen Bemühungen nicht im Wege stehen.

"Kann sie das?" fragt von Hentig weiter und nennt das Dilemma der gegenwärtigen Pädagogik, das gleichzeitig ihre raison d'être ist: 

Die Erwachsenen leben nicht so, daß die Kinder unmittelbar von ihnen lernen könnten/sollten. Sie sind bequem, undiszipliniert, wollen sich in ihren Freiheiten nicht ausgerechnet durch pädagogische Rücksichten einschränken lassen. Sie beauftragen darum professionals damit - Leute, die gegen Bezahlung darauf achten, daß möglichst nur erzieherische Wirkungen von ihnen ausgehen.

Die Schule - obwohl gern als in sich geschlossene "pädagogische Provinz" bezeichnet -  arbeitet mithin nicht auf einer Insel der Seligen, und was immer sie "vermittelt", fährt der Autor fort,  hat solange keinen Bestand, als die Gesellschaft nicht "mitmacht": "mit ihren Fernsehprogrammen und ihrem Verhalten im Verkehr, mit den Gesprächen am Abendbrottisch und in den Preisen ihrer Waren." Ganz im Sinn seiner Maxime "Soviel Belehrung wie möglich durch Erfahrung ersetzen" stellt er dann fest, 

daß eine Erziehung zu moralischer Urteilsfähigkeit und Stärke, zu Verantwortungsbewußtsein und Tatkraft ohne Erfahrung überhaupt nichts taugt - Erfahrung auch von der Verwirrung, der Unklarheit, der Schwäche, der Verführung zur Ausrede, der Lähmung, ja vom Scheitern.
Erfahrung kann nur in Grenzen "veranstaltet", eingerichtet, geplant werden. Sie wird aufgesucht, ermöglicht, zugelassen. Sie sollte "nahe liegen", im doppelten Sinn des Wortes. Als Beispiel diene der in allen Forderungen nach "Werteerziehung" (die, wie nun wohl klargeworden ist, besser "Tugend-" oder "Charaktererziehung" hieße und am besten nur einfach "Erziehung") an herausragender Stelle auftauchende Gemeinsinn.

Dies von der Schule zu fordern, scheint von Hentig nicht mehr vernünftig (er gesteht in diesem Zusammenhang eine gewisse Resignation ein). Was er sich statt dessen vorstellt, ist etwas anderes: 

Die Schule tritt ein Drittel ihrer Zeit an Pfadfinder, Vereine, die Bündischen Jugendverbände, Sommerlager, outward bound schools und noch zu schaffende Institutionen ab, in denen die Kinder und jungen Menschen das erfahren, was die Schule ihnen vorenthält: die Gemeinschaft, die Natur, das Abenteuer, die Arbeit, die nützliche Tat für andere. ... Bisher erschien es mir realistischer und padagogisch sinnvoller, die Schule würde sich in einen Lebens- und Erfahrungsraum verwandeln, um ihre Erziehungsaufgabe wahrnehmen zu können. Aber, man sieht es, ich beginne zu resignieren. Nicht freilich mit der Forderung: der Staat solle sich endlich zu seinem sozialen Jahr für alle Menschen nach Abschluß der Schule entschließen (und sich bei mir vorher erkundigen, worauf es dabei ankommt).

Hier schwankt der Leser ein wenig, was er an einem solchem Vorschlag eher bewundern soll: den entschlußfreudigen Klartext oder den nicht erlahmenden Mut des Autors zur Utopie. Seine hier wiederholten Ideen für ein politikfähiges Parlament jedenfalls (Verkleinerung, Aufgeben der Parteimitgliedschaft, keine feste Sitzordnung, keine Wahlkampfplakate), so erfolgversprechend sie sein mögen, haben kaum Aussicht auf Verwirlichung; da sind schon erheblich zaghaftere Parlamentsreformen still gescheitert. 
Das nimmt jedoch seiner abschließenden Forderung nichts von ihrer Dringlichkeit: 

Wenn "sich verantwortlich und solidarisch fühlen" der moralische Kitt einer vom Auseinanderfallen bedrohten Gesellschaft ist und wenn der Nationalstaat die so genannte Bindekraft nicht mehr hat, weil er zu groß und zu abstrakt ist, dann muß man das Vermißte im Kleineren und Konkreteren suchen - aber man soll dabei wissen, daß dies gegen den und nicht für den Egoismus der Gruppe, des einzelnen sozialen Gebildes geschieht.

Was die Lektüre des Essays, bei allen möglichen Einwänden gegen eine oft sprunghafte Entfaltung der Gedanken und eine stellenweise Überschätzung der Computerisierungsfolgen, so erfrischend und ergiebig macht, ist auf jeder Seite die Weigerung des Autors, das Kritisierte untätig hinzunehmen: "Daß man das, was geschieht, zu dem erklärt, was man will und soll - das bringt mich auf. Das ist Kapitulation vor dem Fall, ein ganz und gar schädlicher Defätismus." 
Kurz: Eine notwendiges Ermunterung und nicht nur ein Buch für Lehrer, sondern für jeden, der sich fragt: Was für eine Gesellschaft wollen wir eigentlich? Und ganz besonders für jeden, der sich diese Frage noch immer nicht stellt. 

Thomas Meyers 

Hartmut von Hentig
Ach, die Werte! Ein öffentliches Bewußtsein von zwiespältigen Aufgaben
Carl Hanser Verlag, München 1999
165 Seiten, 13 x 21 Zentimeter
58 DM, 190 öS, 25,40 sFr