| Was wollen
wir eigentlich?
Dieses Buch ist im Zorn geschrieben, in einem durch klares Denken gebändigten
Prophetenzorn. Schlagworte und modische Vernebelungen beeindrucken den
vierundsiebzigjährigen Hartmut von Hentig nicht mehr. Er redet nur
noch zur Sache. Und die Sache ist unser Leben, unsere Zukunft.
Zunächst geht er einmal mit den "Wertevermittlern" ins Gericht
(etwa mit der "erstaunlich" genannten "Werteiniative 93") und stellt entdramatisierend
fest, daß die Menschen sogar unserer Gesellschaft durchaus ein Gefühl
für Werte besitzen, und er listet sie in einer Anmerkung, sich selbst
zitierend, auch auf: Leben, Freiheit, Frieden, Seelenruhe, Gerechtigkeit,
Solidarität, Wahrheit, Bildung, lieben können, Gesundheit, Ehre,
Schönheit (gekürzt). Da muß also kaum etwas "vermittelt"
werden - ein Tätigkeitswort, mit dem er zu Recht nicht viel anfangen
kann. Im weiteren weist er den unüberlegten und zumeist nur der eigenen
Entlastung dienenden Vorwurf zurück, der immer dann der Schule
gemacht wird, wenn irgendetwas passiert ist: Die Lehrer "erziehen" nicht
mehr. Diese Zurückweisung hätte, wenn ich meine eigene Erfahrung
zugrundlege, noch um einiges schärfer ausfallen dürfen. Ich kenne
natürlich "ausgebrannte" Lehrer, aber auch eine ganze Menge, die vor
lauter latentem Curriculum - siehe die eben zitierten Werte - mit ihrem
sogenannten Stoff in Zeitnot kommen.
Es geht dem Autor also nicht um eine wie immer geartete "Wiederherstellung"
oder "Einführung" von Werten:
Die Shell-Studie bestätigt immerhin: Nicht die Ideale
und Werte sind geschwunden, wohl aber hat die Hoffnung auf ihre Erfüllung
nachgelassen. Die pädagogische Aufgabe wäre hier nicht in erster
Linie, diese Hoffnung wieder aufzurichten, sondern die Funktion von Idealen
verständlich zu machen: Sie sind das eigentliche und jedenfalls wirksamste
Mittel, die Wirklichkeit zu kritisieren. "So sollte es sein! Vergleiche
damit, wie es ist!" sagen sie. Je schlechter die Wirklichkeit, um so mehr
bedarf sie der "Ideale" und "Werte" - und umgekehrt. Daß sich die
Rangfolge der Werte (Freiheit vor Ordnung z.B.) verändert oder die
Priorität der Aufgaben (Wahrung der Schöpfung vor Wahrung des
gesellschaftlichen Anstands z.B.), gehört zum Abc aller Sittenlehre.
...
Ich konstruiere hieraus einen dreifachen Auftrag:
- Pädagogik müßte in den Kindern das
gemeinsame Ethos (die Haltung und Tatkraft) ins Leben rufen, das in den
Erwachsenen erstorben ist.
- Sie müßte dies tunlichst erreichen, ohne
mit dem Weltuntergang oder einer Katastrophe oder auch nur mit einer dramatischen
Verschlechterung der Lage zu drohen, weil das entmutigt.
- Sie müßte den Kindern verständlich
machen, warum, obwohl das Ethos als Einsicht da ist, die Erwachsenen nicht
danach leben, jedenfalls keinen Erfolg damit haben; und dieses Verständnis
darf ihren eigenen Bemühungen nicht im Wege stehen.
"Kann sie das?" fragt von Hentig weiter und nennt das Dilemma der gegenwärtigen
Pädagogik, das gleichzeitig ihre raison d'être ist:
Die Erwachsenen leben nicht so, daß die Kinder unmittelbar
von ihnen lernen könnten/sollten. Sie sind bequem, undiszipliniert,
wollen sich in ihren Freiheiten nicht ausgerechnet durch pädagogische
Rücksichten einschränken lassen. Sie beauftragen darum professionals
damit - Leute, die gegen Bezahlung darauf achten, daß möglichst
nur erzieherische Wirkungen von ihnen ausgehen.
Die Schule - obwohl gern als in sich geschlossene "pädagogische
Provinz" bezeichnet - arbeitet mithin nicht auf einer Insel der Seligen,
und was immer sie "vermittelt", fährt der Autor fort, hat solange
keinen Bestand, als die Gesellschaft nicht "mitmacht": "mit ihren Fernsehprogrammen
und ihrem Verhalten im Verkehr, mit den Gesprächen am Abendbrottisch
und in den Preisen ihrer Waren." Ganz im Sinn seiner Maxime "Soviel Belehrung
wie möglich durch Erfahrung ersetzen" stellt er dann fest,
daß eine Erziehung zu moralischer Urteilsfähigkeit
und Stärke, zu Verantwortungsbewußtsein und Tatkraft ohne Erfahrung
überhaupt nichts taugt - Erfahrung auch von der Verwirrung, der Unklarheit,
der Schwäche, der Verführung zur Ausrede, der Lähmung, ja
vom Scheitern.
Erfahrung kann nur in Grenzen "veranstaltet", eingerichtet,
geplant werden. Sie wird aufgesucht, ermöglicht, zugelassen. Sie sollte
"nahe liegen", im doppelten Sinn des Wortes. Als Beispiel diene der in
allen Forderungen nach "Werteerziehung" (die, wie nun wohl klargeworden
ist, besser "Tugend-" oder "Charaktererziehung" hieße und am besten
nur einfach "Erziehung") an herausragender Stelle auftauchende Gemeinsinn.
Dies von der Schule zu fordern, scheint von Hentig nicht mehr vernünftig
(er gesteht in diesem Zusammenhang eine gewisse Resignation ein). Was er
sich statt dessen vorstellt, ist etwas anderes:
Die Schule tritt ein Drittel ihrer Zeit an Pfadfinder,
Vereine, die Bündischen Jugendverbände, Sommerlager, outward
bound schools und noch zu schaffende Institutionen ab, in denen die
Kinder und jungen Menschen das erfahren, was die Schule ihnen vorenthält:
die Gemeinschaft, die Natur, das Abenteuer, die Arbeit, die nützliche
Tat für andere. ... Bisher erschien es mir realistischer und padagogisch
sinnvoller, die Schule würde sich in einen Lebens- und Erfahrungsraum
verwandeln, um ihre Erziehungsaufgabe wahrnehmen zu können. Aber,
man sieht es, ich beginne zu resignieren. Nicht freilich mit der Forderung:
der Staat solle sich endlich zu seinem sozialen Jahr für alle Menschen
nach Abschluß der Schule entschließen (und sich bei mir vorher
erkundigen, worauf es dabei ankommt).
Hier schwankt der Leser ein wenig, was er an einem solchem Vorschlag
eher bewundern soll: den entschlußfreudigen Klartext oder den nicht
erlahmenden Mut des Autors zur Utopie. Seine hier wiederholten Ideen für
ein politikfähiges Parlament jedenfalls (Verkleinerung, Aufgeben der
Parteimitgliedschaft, keine feste Sitzordnung, keine Wahlkampfplakate),
so erfolgversprechend sie sein mögen, haben kaum Aussicht auf Verwirlichung;
da sind schon erheblich zaghaftere Parlamentsreformen still gescheitert.
Das nimmt jedoch seiner abschließenden Forderung nichts von ihrer
Dringlichkeit:
Wenn "sich verantwortlich und solidarisch fühlen"
der moralische Kitt einer vom Auseinanderfallen bedrohten Gesellschaft
ist und wenn der Nationalstaat die so genannte Bindekraft nicht mehr hat,
weil er zu groß und zu abstrakt ist, dann muß
man das Vermißte im Kleineren und Konkreteren suchen - aber man soll
dabei wissen, daß dies gegen den und nicht für den Egoismus
der Gruppe, des einzelnen sozialen Gebildes geschieht.
Was die Lektüre des Essays, bei allen möglichen Einwänden
gegen eine oft sprunghafte Entfaltung der Gedanken und eine stellenweise
Überschätzung der Computerisierungsfolgen, so erfrischend und
ergiebig macht, ist auf jeder Seite die Weigerung des Autors, das Kritisierte
untätig hinzunehmen: "Daß man das, was geschieht, zu dem erklärt,
was man will und soll - das bringt mich auf. Das ist Kapitulation vor dem
Fall, ein ganz und gar schädlicher Defätismus."
Kurz: Eine notwendiges Ermunterung und nicht nur ein Buch für
Lehrer, sondern für jeden, der sich fragt: Was für eine Gesellschaft
wollen wir eigentlich? Und ganz besonders für jeden, der sich diese
Frage noch immer nicht stellt.
Thomas Meyers |
Hartmut von Hentig
Ach, die Werte! Ein öffentliches Bewußtsein
von zwiespältigen Aufgaben
Carl Hanser Verlag, München 1999
165 Seiten, 13 x 21 Zentimeter
58 DM, 190 öS, 25,40 sFr
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