| "Es drippelt nur so"
Sammelbände sind so eine Sache. Zwar: Wer vieles bringt, wird manchem
etwas bringen. Aber zwangsläufig stellen sich Vergleiche zwischen
den Beiträgen ein, und da ist dann eben nicht immer alles auf dem
gleichen Niveau.
Der Fontane-Sonderband der Zeitschrift Text+Kritik beginnt furios,
mit einem kleinen Aufsatz des nicht nur soliden, sondern immer auch schreibfähigen
Günter de Bruyn über Friedrich August Ludwig von der Marwitz,
der Fontane in mehreren Werken als Figurenvorbild diente. Höchst amüsant:
der letzte Abschnitt "Die meisten Zitate sind falsch", in dem de Bruyn
die Zitierweise Fontanes nachzeichnet und mit dem Fazit endet: "Genauigkeit
gibt es hier also nicht, könnte man im Fontane-Ton sagen, oder wenigstens
selten. Und wenn es sie gibt, hilft das auch nicht weiter, weil anderes
wichtiger ist." Eine Kleinigkeit nur, aber mit gewohnter Meisterschaft
nachgezeichnet.
Der nächste, längere, ebenso lesenswerte Beitrag stammt von
(dem leider 1995 verstorbenen) Dieter Bänsch und befaßt sich
mit "Preußen und Dreysens Gloria", das heißt mit Fontanes Kriegstagebüchern.
Ein Kernstück seiner Untersuchung ist diese sehr aktuelle und in Fontanes
Text "einzig dastehende Überlegung": "Der Krieg ist längst zu
einer Wissenschaft des Tötens geworden und die Erfolge, beispielsweise
der verbesserten Schußwaffe, müssen dementsprechend mit nüchtern-wissenschaftlicher
Genauigkeit festgestellt werden, wie wenig diese Art von Wissenschaftlichkeit
unserer Empfindung entsprechen mag." Ist die Stelle als Kritik an den Zeitumständen
zu verstehen, fragt Bänsch, und antwortet:
Es ist ohne Zweifel innerhalb des historischen Milieus
dieser Sätze kühn gewesen, Krieg in solcher kaum verhohlenen
Form auf Töten zu reduzieren. Der Feldzug von 1864 hat zwar noch nicht
den preußisch-nationalen und deutsch-nationalen Charakter, der den
beiden nächsten Kriegen öffentlich aufgedrungen wird, aber er
vollzieht sich auch nicht außerhalb aller Rücksichten auf vaterländisch-opportune
Gesinnung. Man muß sich allerdings ansehen, wogegen hier Einspruch
erhoben wird. Daß der Krieg längst zu einer Wissenschaft des
Tötens geworden sei, kann nur dann als geschärft kritische, aufklärerisch
denunziatorische Formulierung erscheinen, wenn man sie aus dem Kontext
herauslöst; innerhalb seiner fällt der Akzent bloß auf
Wissenschaft. Nicht das Töten überhaupt, sondern seine Rationalisierung,
das zunehmend Technische, technisch Konstrukthafte seiner Mittel und ihrer
Subordination unter Effizienzgesichtspunkte wie in der Ökonomie sind
das Ärgernis, sogar nur als transitorisches. Im Konflikt zwischen
Gefühl und patriotischer Loyalität behält die Loyalitätspflicht
die Oberhand: preußische Reflexionsfigur.
Auch Fontanes beiläufige Charakterisierung der Kriegstagebücher
als "Räubergeschichte" stellt unter Bänschs klugem Blick nur
"eine vorsichtige Abwendung" dar, die "auf dem Boden unwandelbarer Option
stattfindet". Diesem Werk, urteilt er abschließend, kann gar keine
größere Ehrung zuteil werden, "als daß es dem Leser fremd
bleibt, und wir es uns immer noch fremder machen, uns von ihm entfernen,
auch mit Hilfe der Lichtblicke, die es enthält."
Fritz Wefelmeyer ("Bei den money-makern am Themsefluß") geht
dann Fontane auf seiner Englandreise 1852 nach London nach: "Nicht nur
die Neugierde, wie die anderen leben, treibt ihn in die Fremde, sondern
auch die Frage, ob er in der anderen Kultur leben könnte. Fontane
ist nicht nur an einem theoretischen Kulturvergleich interessiert. Seine
Expeditionsreise ist gleichzeitig eine mögliche Auswanderungsreise."
Martin Swales beschäftigt sich mit Fontanes Realismus, der ja
immer wieder gern mit Sichfügen und Passivität gleichgesetzt
wird. Und - mit sehr gut herausgearbeiteten Interpretationsbeispielen -
er widerspricht: Fontanes Romane zwingen dazu,
die Selbstverständlichkeiten des sozialen Alltags
als keineswegs selbstverständlich anzusehen. Wir sehen ein, daß
die ‘données' einer bestimmten Gesellschaft kein unabdingbares ontologisches
Quantum sind. Die ‘données' werden vielmehr ‘gemacht' -, mittels
jener soziopsychologischen Prozesse, denen Fontanes Kunst mit feinfühlender
Einsicht nachgeht.
Hugo Dittberner in seinem hellsichtigen Beitrag nennt Fontane den "Dichter
des Relativsatzes": "Bei ihm sind wir immer in Gesellschaft (gerade auch
‘der Gesellschaft'), aber dank ihm fühlen wir uns nicht schlecht dabei.
Wir empfangen die Ordnungslust seiner Romane und freuen uns auf seine Urteilskunst;
wir freuen uns auch darauf, diese Romane verlassen zu können, ohne
verkleistert oder korrumpiert worden zu sein."
Die folgenden drei Aufsätze bieten Interpretationen zu "Schach
von Wuthenow" und "Frau Jenny Treibel". Sodann geht Norbert Mecklenberg
in seiner "nichtkanonischen Fontane- Lektüre" auch auf die "Verstrickung"
des Romanciers in den antisemitischen Diskurs seiner Epoche ein: "Als Erzähler
objektiviert er diese Verstrickung, indem er sich selbst zum Medium, zum
‘Psychographen' macht. Problematisches Bewußtsein wird so an seinen
Äußerungen, seiner Sprache erkennbar und damit - für einsichtige
Leser - der Kritik zugänglich."
Dieses Niveau an Durchblick hält der Aufsatz von Ulrike Hanraths
("Zur Konstruktion weiblicher Subjektivität in Fontanes Romanen")
deutlich nicht mehr ein. Sie liest eigentlich nicht Fontane, sondern holt
sich aus ihm Bestätigungen für recht derzeitige Vorwegüberzeugtheiten.
Claudia Bickmann hat sich Fontanes Gedichte mit genauem Hinsehen vorgenommen,
seine vielzitierte "Resignation und Heiterkeit": "Fontanes späte Reflexionen
über die Möglichkeiten eines glücklichen Lebens umkreisen
stets die eigene Vergänglichkeit, um, eingedenk dieser einzigen Gewißheit
des menschlichen Daseins, in einer einsichtsvoll sich beschränkenden
Lebensdiät einen gelassenen wie unverstellten Blick auf die sich wandelnden
Geschicke zu gewinnen."
Nach einem kleineren, amüsanten Beitrag Wilhelm Krulls über
Fontane als bissig-kritischen Leser geht dann Anke-Marie Lohmeier auf die
"Effie Briest"-Verfilmungen von Gründgens und Faßbinder ein.
Mit bemerkenswerten Feststellungen. Schon am unsäglich "barocken"
Titel des Faßbinderfilms ("Fontane Effie Briest oder Viele, die eine
Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und ihren Bedürfnissen und
trotzdem das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten
und es somit festigen und durchaus bestätigen") liest sie zutreffend
heraus, daß hier eine Lesart des Romans signalisiert wird, "die der
Utopie identischen Lebens keinen Raum mehr zugesteht" und "die Fontanesche
Skepsis damit zum Utopieverzicht radikalisiert" wird. In Gründgens'
Version dagegen findet sie "deutlich engere Beziehungen zur Vorlage":
Gründgens' Beharren auf dem "Allgemein-Menschlichen"
als dem zeitlosen Auftrag der Kunst und seine zeitlebens idiosynkratische
Abwehr des "Menschlich-Allzumenschlichen" sentimentaler Kunstübung,
die, wie er fand, ihren Adressaten nicht "dient", sondern sie "bedient",
dürften die Akzeptanz des Fontaneschen Realitätsmodells maßgeblich
begründet haben, das die Welt, wie ist, nicht notiert, ohne das Subjekt
mit ihr zu vermitteln, und das die Welt, wie sie sein soll, nicht beruft,
ohne das Subjekt seiner gebrechlichen Konditionen gewärtig zu halten.
In so einfühlsamer Würdigung erreicht der eigentümlich
schwebende Realismus Fontanes fast die Höhe der aufgeklärten
Skepsis des großen Michel de Montaigne.
Eine Kurzvita, eine Auswahlbibliographie und - von Günter de Bruyn
mit sicherer Hand ausgesuchte - Fontane-Zitate runden den Sonderband ab.
Fazit: Für den wißbegierigen Fontane-Leser eine kleine Fundgrube
sowohl vergnüglicher wie vertiefender Erkenntnisse, für den interessierten
Fontane-Neuling ein Anreiz, doch einmal den einen oder anderen Text des
Dichters zu lesen, der illusionslos über sich sagte: "Ich bin keine
große und keine reiche Dichternatur. Es drippelt nur so. Der einzelne
Tropfen mag ganz gut und klar sein; aber es ist und bleibt nur ein Tropfen,
kein Strom, auf dem die Nationen fahren und hineinsehn in die Tiefe und
in das himmlische Sonnenlicht, das sich drin spiegelt."
Antonia Lichtenstein |
Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.)
Theodor Fontane
Sonderband edition text und kritik
München 1998 (2. Aufl. 1999)
273 Seiten, 15 x 23 Zentimeter
48 DM, 190 öS, 25,40 sFr
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