Die Gazette Nr. 14, Mai/Juni 1999:

Leseproben
 
"Es drippelt nur so"

Sammelbände sind so eine Sache. Zwar: Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen. Aber zwangsläufig stellen sich Vergleiche zwischen den Beiträgen ein, und da ist dann eben nicht immer alles auf dem gleichen Niveau. 
Der Fontane-Sonderband der Zeitschrift Text+Kritik beginnt furios, mit einem kleinen Aufsatz des nicht nur soliden, sondern immer auch schreibfähigen Günter de Bruyn über Friedrich August Ludwig von der Marwitz, der Fontane in mehreren Werken als Figurenvorbild diente. Höchst amüsant: der letzte Abschnitt "Die meisten Zitate sind falsch", in dem de Bruyn die Zitierweise Fontanes nachzeichnet und mit dem Fazit endet: "Genauigkeit gibt es hier also nicht, könnte man im Fontane-Ton sagen, oder wenigstens selten. Und wenn es sie gibt, hilft das auch nicht weiter, weil anderes wichtiger ist." Eine Kleinigkeit nur, aber mit gewohnter Meisterschaft nachgezeichnet. 
Der nächste, längere, ebenso lesenswerte Beitrag stammt von (dem leider 1995 verstorbenen) Dieter Bänsch und befaßt sich mit "Preußen und Dreysens Gloria", das heißt mit Fontanes Kriegstagebüchern. Ein Kernstück seiner Untersuchung ist diese sehr aktuelle und in Fontanes Text "einzig dastehende Überlegung": "Der Krieg ist längst zu einer Wissenschaft des Tötens geworden und die Erfolge, beispielsweise der verbesserten Schußwaffe, müssen dementsprechend mit nüchtern-wissenschaftlicher Genauigkeit festgestellt werden, wie wenig diese Art von Wissenschaftlichkeit unserer Empfindung entsprechen mag." Ist die Stelle als Kritik an den Zeitumständen zu verstehen, fragt Bänsch, und antwortet: 

Es ist ohne Zweifel innerhalb des historischen Milieus dieser Sätze kühn gewesen, Krieg in solcher kaum verhohlenen Form auf Töten zu reduzieren. Der Feldzug von 1864 hat zwar noch nicht den preußisch-nationalen und deutsch-nationalen Charakter, der den beiden nächsten Kriegen öffentlich aufgedrungen wird, aber er vollzieht sich auch nicht außerhalb aller Rücksichten auf vaterländisch-opportune Gesinnung. Man muß sich allerdings ansehen, wogegen hier Einspruch erhoben wird. Daß der Krieg längst zu einer Wissenschaft des Tötens geworden sei, kann nur dann als geschärft kritische, aufklärerisch denunziatorische Formulierung erscheinen, wenn man sie aus dem Kontext herauslöst; innerhalb seiner fällt der Akzent bloß auf Wissenschaft. Nicht das Töten überhaupt, sondern seine Rationalisierung, das zunehmend Technische, technisch Konstrukthafte seiner Mittel und ihrer Subordination unter Effizienzgesichtspunkte wie in der Ökonomie sind das Ärgernis, sogar nur als transitorisches. Im Konflikt zwischen Gefühl und patriotischer Loyalität behält die Loyalitätspflicht die Oberhand: preußische Reflexionsfigur.

Auch Fontanes beiläufige Charakterisierung der Kriegstagebücher als "Räubergeschichte" stellt unter Bänschs klugem Blick nur "eine vorsichtige Abwendung" dar, die "auf dem Boden unwandelbarer Option stattfindet". Diesem Werk, urteilt er abschließend, kann gar keine größere Ehrung zuteil werden, "als daß es dem Leser fremd bleibt, und wir es uns immer noch fremder machen, uns von ihm entfernen, auch mit Hilfe der Lichtblicke, die es enthält." 
Fritz Wefelmeyer ("Bei den money-makern am Themsefluß") geht dann Fontane auf seiner Englandreise 1852 nach London nach: "Nicht nur die Neugierde, wie die anderen leben, treibt ihn in die Fremde, sondern auch die Frage, ob er in der anderen Kultur leben könnte. Fontane ist nicht nur an einem theoretischen Kulturvergleich interessiert. Seine Expeditionsreise ist gleichzeitig eine mögliche Auswanderungsreise." 
Martin Swales beschäftigt sich mit Fontanes Realismus, der ja immer wieder gern mit Sichfügen und Passivität gleichgesetzt wird. Und - mit sehr gut herausgearbeiteten Interpretationsbeispielen - er widerspricht: Fontanes Romane zwingen dazu, 

die Selbstverständlichkeiten des sozialen Alltags als keineswegs selbstverständlich anzusehen. Wir sehen ein, daß die ‘données' einer bestimmten Gesellschaft kein unabdingbares ontologisches Quantum sind. Die ‘données' werden vielmehr ‘gemacht' -, mittels jener soziopsychologischen Prozesse, denen Fontanes Kunst mit feinfühlender Einsicht nachgeht.

Hugo Dittberner in seinem hellsichtigen Beitrag nennt Fontane den "Dichter des Relativsatzes": "Bei ihm sind wir immer in Gesellschaft (gerade auch ‘der Gesellschaft'), aber dank ihm fühlen wir uns nicht schlecht dabei. Wir empfangen die Ordnungslust seiner Romane und freuen uns auf seine Urteilskunst; wir freuen uns auch darauf, diese Romane verlassen zu können, ohne verkleistert oder korrumpiert worden zu sein." 
Die folgenden drei Aufsätze bieten Interpretationen zu "Schach von Wuthenow" und "Frau Jenny Treibel". Sodann geht Norbert Mecklenberg in seiner "nichtkanonischen Fontane- Lektüre" auch auf die "Verstrickung" des Romanciers in den antisemitischen Diskurs seiner Epoche ein: "Als Erzähler objektiviert er diese Verstrickung, indem er sich selbst zum Medium, zum ‘Psychographen' macht. Problematisches Bewußtsein wird so an seinen Äußerungen, seiner Sprache erkennbar und damit - für einsichtige Leser - der Kritik zugänglich." 
Dieses Niveau an Durchblick hält der Aufsatz von Ulrike Hanraths ("Zur Konstruktion weiblicher Subjektivität in Fontanes Romanen") deutlich nicht mehr ein. Sie liest eigentlich nicht Fontane, sondern holt sich aus ihm Bestätigungen für recht derzeitige Vorwegüberzeugtheiten. 
Claudia Bickmann hat sich Fontanes Gedichte mit genauem Hinsehen vorgenommen, seine vielzitierte "Resignation und Heiterkeit": "Fontanes späte Reflexionen über die Möglichkeiten eines glücklichen Lebens umkreisen stets die eigene Vergänglichkeit, um, eingedenk dieser einzigen Gewißheit des menschlichen Daseins, in einer einsichtsvoll sich beschränkenden Lebensdiät einen gelassenen wie unverstellten Blick auf die sich wandelnden Geschicke zu gewinnen." 
Nach einem kleineren, amüsanten Beitrag Wilhelm Krulls über Fontane als bissig-kritischen Leser geht dann Anke-Marie Lohmeier auf die "Effie Briest"-Verfilmungen von Gründgens und Faßbinder ein. Mit bemerkenswerten Feststellungen. Schon am unsäglich "barocken" Titel des Faßbinderfilms ("Fontane Effie Briest oder Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und ihren Bedürfnissen und trotzdem das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen") liest sie zutreffend heraus, daß hier eine Lesart des Romans signalisiert wird, "die der Utopie identischen Lebens keinen Raum mehr zugesteht" und "die Fontanesche Skepsis damit zum Utopieverzicht radikalisiert" wird. In Gründgens' Version dagegen findet sie "deutlich engere Beziehungen zur Vorlage": 

Gründgens' Beharren auf dem "Allgemein-Menschlichen" als dem zeitlosen Auftrag der Kunst und seine zeitlebens idiosynkratische Abwehr des "Menschlich-Allzumenschlichen" sentimentaler Kunstübung, die, wie er fand, ihren Adressaten nicht "dient", sondern sie "bedient", dürften die Akzeptanz des Fontaneschen Realitätsmodells maßgeblich begründet haben, das die Welt, wie ist, nicht notiert, ohne das Subjekt mit ihr zu vermitteln, und das die Welt, wie sie sein soll, nicht beruft, ohne das Subjekt seiner gebrechlichen Konditionen gewärtig zu halten.

In so einfühlsamer Würdigung erreicht der eigentümlich schwebende Realismus Fontanes fast die Höhe der aufgeklärten Skepsis des großen Michel de Montaigne. 
Eine Kurzvita, eine Auswahlbibliographie und - von Günter de Bruyn mit sicherer Hand ausgesuchte - Fontane-Zitate runden den Sonderband ab. 
Fazit: Für den wißbegierigen Fontane-Leser eine kleine Fundgrube sowohl vergnüglicher wie vertiefender Erkenntnisse, für den interessierten Fontane-Neuling ein Anreiz, doch einmal den einen oder anderen Text des Dichters zu lesen, der illusionslos über sich sagte: "Ich bin keine große und keine reiche Dichternatur. Es drippelt nur so. Der einzelne Tropfen mag ganz gut und klar sein; aber es ist und bleibt nur ein Tropfen, kein Strom, auf dem die Nationen fahren und hineinsehn in die Tiefe und in das himmlische Sonnenlicht, das sich drin spiegelt." 

Antonia Lichtenstein 

Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.)
Theodor Fontane
Sonderband edition text und kritik
München 1998 (2. Aufl. 1999)
273 Seiten, 15 x 23 Zentimeter
48 DM, 190 öS, 25,40 sFr