Die Gazette Nr. 14, M;ai/Juni 1999:

Leseproben
 
Was heißt hier "natürlich"?

Nach nur wenigen Seiten der Lektüre würde man den Autor gern kennenlernen. Er erzählt so ruhig wie die Großmutter, die es nicht mehr gibt, als Fachmann kompetent und souverän, dabei aber so liebenswürdig klar und verständlich wie der ideale Lehrer. Es muß, empfindet man, ein Vergnügen sein, sich mit Hansjörg Küster zu unterhalten. Man käme sich ernstgenommen vor. In der deutschen Wissenschaftsprosa ist dieses Buch eine Glanzleistung sehr persönlicher Art. 
Worauf kommt es dem Autor an? Er möchte eine "Versachlichung" der Naturschutzdebatte, der Frage also, ob "die Bewirtschaftung der Wälder in eine Sackgasse führt oder ob das ‘Sich-Selbst-Überlassen' von Wäldern ein ‘Holzweg' ist". Dazu, vermerkt er geradezu altmodisch bescheiden im Vorwort, "möge eine historische Sicht auf Wälder einen Beitrag leisten". 
Und so beginnt denn der Weg durch die Geschichte des Waldes mit der Erde, wie sie vor einigen Jahrmillionen aussah: baumlos. Falls den Leser in diesen Eingangskapiteln Bedenken ankommen, ob man wirklich so weit ausholen muß, weicht dieses Gefühl sehr bald einem dankbaren Erstaunen darüber, daß es bei der delikaten Kompliziertheit der Photosynthese, den Klimakatastrophen der Urgeschichte und nach mehreren Eiszeiten überhaupt noch etwas wie Bäume und Wälder gibt. Ja selbst nach der Wiedererwärmung des Klimas war das Gedeihen der Wälder nicht selbstverständlich: 

Zu einem optimalen Wachstum brauchten die Gehölze "Partner", ohne die sie sich gegen die raschwüchsigen Gräser und Kräuter nicht mit Sicherheit hätten durchsetzen können. Viele Waldbäume, und dabei gerade auch die Birken, Kiefern und Lärchen, die am Aufbau der ältesten europäischen Wälder nach der letzten Eiszeit maßgeblich beteiligt waren, wachsen nur dann gut, wenn ihre Wurzeln im Boden eine Lebensgemeinschaft mit Pilzen eingehen. Diese Lebensgemeinschaft oder Symbiose wird Mykorrhiza genannt. Beide Partner, die Bäume und die Pilze, profitieren von dieser Symbiose. Die Pilze versorgen den Baum mit Wasser und den darin gelösten Mineralsalzen aus dem Boden, daneben auch mit Stickstoff und Phosphat. Erhält der Baum diese Stoffe nicht, ist sein Wachstumvermögen eingeschränkt. Umgekehrt versorgt er die Pilze mit Kohlenwasserstoffen, die Pilze nicht aufbauen können; Pilze besitzen keine grünen Pflanzenteile mit Chlorophyll, sind also zur Photosynthese nicht in der Lage. Kohlenwasserstoffe brauchen die Pilze unbedingt, weil sie daraus alle Pflanzenteile aufbauen. Nur dann, wenn sie eine Lebensgemeinschaft mit den Bäumen eingehen, bilden sie Fruchtkörper und Sporen. 

Kaum hat sich der Wald gegen allerlei Widerstände also etabliert, wird er vom Menschen verändert, und zwar - was für Küster "von grundsätzlicher Bedeutung" ist -  schon seit siebentausend Jahren. Außerdem, "und das ist wohl noch viel wichtiger, zeigt sich, daß der Mensch eine echte Natur in seiner Umgebung wohl zerstören, aber nie wieder herstellen kann". Denn selbst nach nur vorübergehender, "nomadisierender" Besiedlung stellt sich der Wald niemals in seiner ursprünglichen Gestalt und Flora wieder her, sondern bleibt geprägt durch diese Siedlungsgeschichte, als besäße die Landschaft "ein ‘Gedächtnis' für das, was sich früher in ihr ereignet hat, und auch für das, was die Kultur des Menschen mit sich brachte". Die gegenwärtige Verbreitung der Buche ist zum Beispiel ein solcher Indikator. Was wir demnach heute vor uns haben, ist eine "Natur aus zweiter Hand". 
Während der Antike, dann in den Zeiten der mittelalterlichen Dörfer und Städte sowie der absolutistischen Fürsten mündet die Geschichte des Waldes schließlich in die Wirtschaftsgeschichte ein: Holz wird zum Handelsgut. Die Vielzahl der frühen Gewerbe mit hohem Holzverbrauch ist überraschend: die Salz- und Metallgewinnung, der Haus- und Schiffbau, die Bergwerke, die Porzellanherstellung, die Papiermühlen, die Bäcker und Metzger (zum Räuchern), die Glasbläser und Töpfer, Köhler und Kalkbrenner, Instrumentenbauer und Holzschnitzer - sie alle verbrauchen Wälder. 
Erst im 18. Jahrhundert, als der dramatische Holzmangel nur mehr durch Fernhandel zu beseitigen war, und dann im 19. Jahrhundert, als das Brennmaterial Holz durch die Kohle ersetzt wurde, begann in Europa allmählich die Wiederaufforstung der Wälder - auch unter dem Einfluß kultureller Ereignisse, wie Küster ausführlich beschreibt. Die Nachwirkungen von Klopstocks Ode "Der Hügel, und der Hain. Ein Poet, ein Dichter, und ein Barde singen" kommen bei ihm ebenso vor wie "die deutsche Eiche", deren Laub nach den Siegen über Napoleon erstmals zusammen mit dem Eisernen Kreuz verliehen wurde. 
Dann, zum "Waldsterben" in der Gegenwart, wird Küster politisch. Das Waldsterben, sagt er zusammen mit dem Ökologen Heinz Ellenberg, ist in der prognostizierten Form nicht eingetreten, was viele Ökologen zwar schon länger wußten, es aber verschwiegen. Ein solches Verschweigen könnte jedoch, meint Küster, die ökologische Forschung in Mißkredit bringen. "Dies ist aber gefährlich, denn gerade die Waldschadensforschung, die durch das ‘Phänomen Waldsterben' in Gang kam, hat wesentliche Zusammenhänge im Waldökosystem aufgedeckt. Und es sind noch längst nicht alle relevanten Forschungsfragen in Angriff genommen." 
Wie vorschnell manches populäre Urteil zustandekommt, belegt der Autor mit zwei - der übrigens durchweg vorzüglichen - Abbildungen. Die eine zeigt die dichtbewaldete Karwand am Feldsee im Jahr 1997, die andere dieselbe Felswand im 19. Jahrhundert - mit einigen raren Bäumen, "die keineswegs ‘gesünder' aussehen als die heutigen". 


Und wie soll es nun weitergehen? 

Ohne eine gründliche Inventarisation der Entstehung landschaftlicher Identitäten (sagt Küster) läuft man Gefahr, beim Schutz von Landschaften idealistischen Zielen nachzuhängen, die das Geschützte lediglich in einen neuen Zustand überführen, der zuvor nie da war: Niederwälder schützt man nicht durch den Erhalt von gespenstisch aussehenden Hainbuchen, sondern indem man sie alle paar Jahre schlägt, so daß neue Stockausschläge in die Höhe wachsen können! 
Bisher von der Tätigkweit des Menschen beeinflußte Ökosysteme können nicht in jedem Fall abrupt "der Natur überlassen werden", indem man sich möglichst nicht mehr um sie kümmert. Dadurch wird landschaftliche Identität zerstört. Wenn man Waldgebiete, in denen jahrhundertelang Nutzung betrieben und die Ausbreitung der Fichte gefördert wurde, in die "freie Wildbahn" entläßt, darf man sich nicht wundern, wenn ein Waldschädling wie der Buchdruckeer gerade in ihnen unbarmherzig zuschlägt. 

Hier wird also eine neue, komplexere Aufgabe im Umriß sichtbar: eine "humane Ökologie", der Erhalt der Natur unter den Bedingungen der menschlichen Besiedlung: "Schutz verdient hier weniger die ‘Natur' als die in Dynamik gewachsene Identität von Landschaften mit ihren charakteristischen Tier- und Pflanzenarten." 
Für diesen menschlichen Naturschutz liefert die "Geschichte des Waldes" das dringend erforderliche Grundwissen. 

 Hansjörg Küster
Geschichte des Waldes. Von der Urzeit bis zur Gegenwart
C. H. Beck, München 1998
267 Seiten, 16 x 24,5 Zentimeter
58 DM, 423 öS, 52,50 sFr