Die
Gazette Nr. 14, Mau/Juni 1999:
Lese-Effekte
Meta Moller: Vorlesen als erotisches Manöver
Aus einem Brief an Nikolaus Dietrich Giseke
d. 11ten Dec. 1753.
– Einen kleinen Umstand kann ich für Sie unmöglich unterdrücken.
Ich reichte Rahn einen Teller mit Aepfeln, u weil Kl u Hagedorn zwischen
uns sassen; so muste ich mich fast über Kl seinen Schooß legen,
um hin zu kommen. Kl sah sehr aufmerksam nach meiner Tour-de-gorge, u seufzte.
Ich bemerkte es u wunderte mich, denn ich hatte Kl bisher für einen
blassen Geist gehalten (Itzt weiß ichs wohl, daß er einen eben
so süssen Körper hat). Ich ward dennoch nicht böse darüber,
da ich sonst allemal bey einer solchen Gelegenheit, gegen eine jede Mannsperson
Zorn u Verachtung empfunden habe. (Dieses setze ich nicht etwa als ein
[!] Beweis meiner Tugend hierher; sondern es ist eine wirkliche Wahrheit.)
Wir standen vom Tische auf. Kl hat mir nachher gesagt, daß er sich
selbst gewundert hätte, daß ich mit meinen andern Nachbarn so
wenig gesprochen hätte. Bey Tische hatte man von unsern hiesigen Regenkleidern
gesprochen. Ich versäumte die Gelegenheit nicht, itzt eins bringen
zu lassen u es um zu thun, auf daß sie die Mode recht sehen könnten.
Ein Nebenumstand ist sonst auch, daß es mir sehr gut steht. Dieser
Nebenumstand that auch die sehr gute Wirkung auf Kl, daß er herflog
u mich mit vielem Feuer küste. Nun fieng die Geesellschaft an, sich
zu zerstreuen, u die meisten fuhren weg. Kl trat mit mir an ein Fenster
u las einen Brief von Ihnen. Ich, um desto besser in den Brief zu sehen,
weil wir ihn doch nicht ganz laut lesen konnten, hatte, wirklich ganz von
ungefehr, meine Hand hinter Kl-s Rücken gelegt. Er drükte sie
mir ganz sanft mit seinem Rücken. Dieser Druk erregte bey mir ein
Gefühl, das mich aufmerksam machte, das doch aber so süß
war, daß ich nicht im Stande war, meinen Arm zurück zu ziehen
(welches ich bey einer andern Mannsperson gewiß gleich gethan hätte).
Mein Arm blieb also ganz dicht an Kl-s Rücken liegen, so lange er
den Brief las. Kl. hat mir auch erzehlt, daß ich, wie er nachher
mit mir gesprochen, u er seine Stirne so ein bischen gegen mich geneigt,
ich die meinige auch ein bischen so hingebogen, daß sie sich ganz
sanft aneinander berührt. Diesem [!] Umstand weis ich nicht mehr.
Ich glaube daher, daß ichs auch nicht muß gewust haben, wie
ichs gethan habe. Kl fragte ob ich seine Elegie: Dir nur zärtliches
Hertz – – kennte. Ich sagte, aus einer gewissen Furchtsamkeit, daß
ich sie mcht genung kennen möchte, nein. Er wunderte sich, u sagte,
so wollten wir sie zusammen lesen. Ich gieng deswcgcn mit ihm nach der
Schm. ihrem Zimmer. Ich fieng an zu lesen, konnte aber nicht fortfahren,
weil ich einen zu starken Fluß auf den Augen hatte. Kl las. Er hielte
meine eine Hand. Das Herz schlug mir gewaltig, unsere Hände wurden
immer heisser, immer heisser, ich fühlte sehr viel u, ich glaube,
Kl. auch. Er las ein Stück aus dem Mess: Die Schm. war dazugekommen.
Er fragte, ob er nicht einen Kuß dafür verdient hätte?
Die Schm. sagte ja. Ich sagte, ich küste keine Mannsperson. Er disputierte
viel dagegen. Ich dachte, warum küst der Affe dich denn nicht? Du
kannst ihm den Kuß ja nicht geben! Hr. Keller kam herauf. Er fragte,
ob Kl denn noch nicht wegfahren wollte? Er muste ja zu Olden. Ja, bald,
sagte Kl., setzte sich unterdeß hin u trank mit uns Thee. Die Schm.
war so gut Hr. Keil. zu cntreteniren, ich schwatzte mit Kl. Er sagte, ich
sollte mit ihm reisen. Ich sagte; ich wollte wohl. "Aber Sie würden
zu sehr frieren." "Wenn ich Ihr Feuer bey mir hätte, wohl nicht,"
sagte ich mit lachen. "Ach, Sie haben genung eignes Feuer," sagte er, u
küste mich, mit nicht wenigem. Endlich, nachdem Hr. Keil. lange angemahnt,
u die Glocke 9 geschlagen hatte fuhr mein Kl zu Olden. –