Die Gazette Nr. 14, Mau/Juni 1999:

Kommentar

Über die Zukunft der Autobiographie in den Zeiten der Cholera

von Ulrich Greiwe

Deutsche Spitzenpolitiker gehen mehr und mehr dazu über, ihre späteren Autobiographinnen zu heiraten. Die Fälle Joschka Fischer, Klaus von Dohnany und Gerhard Schröder lassen aufhorchen. Alle im Banne von Journalistinnen und Schriftstellerinnen. Auch privat. Wo soll das hinführen? Steht der Autobiographie eine neue Blütezeit bevor, speziell in Deutschland, wo es letzthin Dietrich Genscher gelang, sich noch langweiliger nachzutrauern, als eigentlich war?
Kommt die Rettung wie überall aus dem geheimnisvolleren unter den zwei Geschlechtern? Vorbei die Zeiten, da von Frauen, die im Hintergrund die Ämter ihrer staatstragenden Männer bekleideten, nichts zu erwarten war als ein bißchen Kochkunst und viel Caritatives. Weder Frau Kiesinger noch Frau Erhard noch die nette Frau Kohl waren für packende weibliche Contra-Autobiographien im Schatten ihrer Staats-Männer gut. Frau Loki Schmidt war ein Sonderfall. Erst Frau Brandt aus Norwegen brach aus dem Schattendasein aus und schrieb "Freundesland".
Mit Doris Köpf-Schröder, Nicola Leske-Fischer und Ulla Hahn, verheiratete Dohnany geht das Verhältnis von Schriftstellerinnen und Politikern in Deutschland ganz neuen Dimensionen entgegen. Aus ihrer ziemlich friedlichen Koexistenz entwickeln sich vermutlich ganz neue Formen der Autobiographie. Was sich in den USA mit Hillary Clinton (die wahrscheinlich meistgekaufte Biographie des beginnenden nächsten Jahrtausends!) und England (Cherie Blair kann angeblich auch gut schreiben!) Und Frankreich (Danielle Mitterand läßt grüßen!) abzeichnete, bahnt sich nun auch bei uns an: Das hingebungsvollste Genre der Literatur, die Autobiographie, strebt nach dem Tiefpunkt durch Hans Genscher einem Jungbrunnen entgegen. Wo sonst ergeht sich Literatur noch so sehr im Geflüster von Mensch zu Mensch, von Tiefe zu Tiefe, wenn nicht in der autobiographischen Verständigung zwischen ganz oben und ganz unten. Die Autobiographie als intimer Gipfel des Infotainments. Gibt es Bücher mit mehr Spreng-Stoff? Deshalb erwarten wir gemeinsam in banger Erregung die neue Blütezeit. Im einzelnen: Doris Köpf-Schröder, "Meine Jahre mit Sven und Gerhard" (Sven ist Sven Kuntze, der Morgenmoderator der ARD); Günter Wallraff, "... und keiner hat's gemerkt"; Xavier Solana, "Vom Nato-Gegner zum Nato-Generalsekretär".