Die Gazette Nr. 14, Mai/Juni 1999:

Kalenderblätter, sozusagen

Seit September und bis zum Juli dieses Jahres zeigt jede Nummer dieser Zeitschrift eine Art Kalenderblatt, und zwar als Vorabdruck aus dem „Taschenlexikon Goethe" von Friedemann Bedürftig, das im Juli 1999 im Piper Verlag herauskommt. Monatlich bringen wir aus diesem Goethe-Manual einen Artikel, der den Klassiker auch einmal aus andersartiger, nicht-klassischer Perspektive betrachtet.
Als neuntes Stichwort kommt der Kollege dran:
 

Schiller, Friedrich von

Der letzte Edelmann unter den deutschen Schriftstellern.
Zu Boisserée 3.8.1815
 Als Goethe dem zehn Jahre jüngeren Schiller aus Marbach am Neckar (*10.11.1759) erstmals begegnete, nämlich bei dem Besuch der Stuttgarter Karlsschule am 14.12.1779, bemerkte er den angehenden Dichter nicht einmal. Als Schiller im Juli 1787 zum ersten Mal nach Weimar kam, war Goethe noch auf seiner Italienischen Reise - und doch stieß der Neuankömmling allenthalben auf den Meister. Er fand Hof und Gesellschaft völlig vergoethet in einer naiven Naturgläubigkeit und stellte bei allen eine »gewisse kindliche Einfalt der Vernunft« fest. Das Einander-Verfehlen setzte sich denn auch nach Goethes Rückkehr fort, obwohl er für den Dichter der »Räuber« (1782) 1789 eine Geschichtsprofessur an der Universität Jena erwirkte und ihn in vielen Zirkeln immer wieder traf. Goethe sah in Schiller einen Repräsentanten der für ihn überwundenen Geniezeit, und Schiller schaute mit Neid auf den erfolgreichen Weltmann, dem alles das, was er sich abringen und schwer erkämpfen mußte, mühelos zufiel und der ihm dem eigenen Aufstieg im Wege schien. Und selbst als 1794 endlich das Eis gebrochen war mit der Einladung Schillers zur Mitarbeit an den Horen und Goethes Zusage, kam zunächst einmal nicht viel mehr als Waffenruhe zustande, beispielhaft zu sehen an einem Gespräch über die Metamorphose der Pflanzen am 20.7.1794: Während Schiller darin eine »Idee« sah, beharrte Goethe darauf, das Prinzip durch Anschauung gewonnen zu haben. »So ward viel gekämpft und dann Stillstand gemacht.« Doch der Ansatz zur Verständigung war gefunden: »Wenn er das für eine Idee hielt, was ich als Erfahrung ansprach, so mußte zwischen beiden irgendetwas Vermittelndes... obwalten« (beide Zitate: Glückliches Ereignis, 1817). Es blieb - besonders deutlich im Verhältnis beider zu Kant - bei der von Respekt getragenen unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Weltauffassung. Und doch ist der Begriff »Freundschaft« für die Beziehung in den nächsten 11 Jahren bis zu Schillers Tod (Weimar 9.5.1805) nicht so unzutreffend wie oft zu lesen. Allerdings befand sie sich rein menschlich immer in einer gewissen Schieflage, weil Goethe sich gern umwerben ließ, »wie ein Gott, ohne sich selbst zu geben«, und Schiller stets der Aufschauende blieb, ungeachtet der Verdienste, die er sich um Leben und Werk Goethes erwarb: Da war zunächst einmal die Befreiung aus der Isolation, in die Goethe nach Italien durch ein gewisses Fremdeln und durch die Mesalliance mit Christiane geraten war. Dann ging es um die unschätzbaren Impulse, die Schiller ihm als Dichter gab, indem er Hermann und Dorothea und Wilhelm Meister förderte, auf die Vollendung des Faust drängte und zu den Balladen des Jahres 1797 anregte. Hinzu kamen, vor allem nach der Übersiedlung Schillers nach Weimar 1799, äußerst fruchtbare Debatten über Kunsttheorie oder Theater, gemeinsame Unternehmungen wie die Xenien und auch ein persönlicher Austausch, der Goethe unentbehrlich wurde, auch wenn ihn »etwas Gewaltsames« in der Natur des Freundes irritierte (zu Eckermann 19.2.1829). Weniger drängend, aber stetig versuchte auch Goethe auf Schiller einzuwirken und besprach dessen Dramenthemen mit ihm so intensiv, daß er sie selbst hätte vollenden können (zu Förster 4.8.1831), ob die »Wallenstein«-Trilogie (1800), »Maria Stuart« (1801), »Die Jungfrau von Orleans« (1802) oder den »Tell« (1804), den Goethe dem Freund abtrat. Schillers frühes Ende traf Goethe schwer, und er bekannte, daß er mit ihm »die Hälfte meines Daseins« verloren habe (an Zelter 1.6.1805). Immer wieder kam er in den noch folgenden Jahrzehnten auf die »zweite Jugend« zurück, die der enge Kontakt zu Schiller ihm beschert habe. Seine vornehme Gesinnung (Motto) pries er dabei ebenso wie die geistige Bereicherung, die er durch ihn erfuhr: »Alle acht Tage war Schiller ein anderer, ein vollendeterer« (zu Eckermann 18.1.1825). Abzufinden vermochte er sich nie mit dem Verlust, den er nur als vorübergehend ertrug: »Er glänzt uns vor, wie ein Komet entschwindend, / Unendlich Licht mit seinem Licht verbindend« (Epilog zu Schillers Glocke).

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