Die Gazette Nr. 14, Mai/Juni 1999:

Gastkolumne

Ein Vierteljahrhundert Nachbarschaft mit den Herren Goethe und Tröte

von Rafik Schami

Warum ich Goethe trotz allem liebe? Ich lebe seit fünfundzwanzig Jahren im deutschen Exil. Und seit dem ersten Tag bin ich mit Herrn Tröte benachbart, der mich immer wieder unfreiwillig veranlaßt, ja zwingt, Goethe zu lieben.

Mein Glück war, daß mir Goethe nie von einem Deutschlehrer verleidet wurde, während uns die Arabischlehrer jedwede Lust an unseren K!assikern ausgetrieben haben. Ich habe Goethe immer freiwillig gelesen. Es war für mich wie ein Sprung in den Ozean. Sein Wasser umfaßte mich, seine uferlose Weite erschreckte mich und eine seltsame Frische kitzelte dabei mein Herz.

Sicher bin ich sehr voreingenommen für Goethe, da er uns Orientalen einen Platz so nah an seinem Herzen zugewiesen hat. Seine Achtung vor der orientalischen Dichtung erfüllt mich mit Stolz.

Herr Tröte, mein Nachbar, hat keine Ahnung von den Literaturen der Welt, aber er weiß, daß sie allesamt nichts taugen, und hält den Unsinn der sogenannten "Postmoderne" fur die einzig gültige Literatur. Nur ist die Welt eben viel zu dumm und noch dazu verschworen im gemeinsamen Interesse, die deutsche Literatur immer schlechtzumachen.

Goethe hatte eine grundsätzlich andere Haltung zu fremden Kulturen und zu den Fremden selbst. "Das Land, das Fremde nicht beschützt, geht bald unter. Sei ein Freund der Fremden und Reisenden ... schätze die Vorüberziehenden, hüte dich, ungerecht gegen sie zu sein," schrieb er.

Herr Tröte kriegt regelrecht Zustände, wenn er Fremde sieht. Er heuchelt auch nicht.
Er sagt mir geradeheraus, ich sei eine Ausnahme, ein anständiger Ausländer. Anständig heißt bei Herrn Tröte: Steuern zahlen, nicht unangenehm riechen und im Supermarkt nicht klauen. Herr Tröte ist nicht etwa ein unbelehrbarer, stocksteifer Deutscher, sondern in vielem sehr elastisch und zudem auch progressiv. Er ist Talkmaster von Beruf und wurde durch seine Bekanntheit auch zum Autor. Er hat bereits mehrere Kulturpreise erhalten, und deshalb komme ich mit meiner altmodischen Kritik bei ihm nicht an. Ich erinnere ihn an Goethes Weltbürgertum, das der Dichter bereits im 18. Jahrhundert errungen hat. Tröte zählt mir daraufhin die Preise auf, die er als Fernsehmoderator für seine Ausländerwitze bekommen hat. "Diesen da", sagt er, "habe ich von der Deutschen Akademie für Sprache bekommen. Wofür? Unter anderem für meine einmaligen Witze über die Polen."

Ja, mein Nachbar reißt fast in jeder seiner Talkshows einen Witz über Polen als Autodiebe. Er war der erste, der öffentlich die Hemmung gegenüber den von den Nazis geschundenen Polen lächerlich machte. Der Stammtisch wird so über das Femsehen ins Wohnzimmer transportiert, der Stammtischwitz verdunstet nicht mehr mit den Bierfahnen, sondern wandert nun aus dem Wohnzimmer weiter in die Kindergärten und Schulen. Tröte hat als erster die Polen als Autodiebe bezeichnet, und das vor Millionen Zuschauem in einem Land, dessen Bevölkerung in der Mehrheit nichts auf der Welt mehr liebt als das Auto. Er bekam den Preis, weil er, so die Begründung, den Zuschauern ihren eigenen Rassismus vorführt, indem er sie dazu verführt, über rassistische Witze zu lachen. So können nur Salonrassisten argumentieren. Nach den Polen sind nun seit einem halben Jahr die Chinesen an der Reihe. Diesmal aber anders. Zwei debile Chinesen treten jede Woche in seiner Show auf und beleidigen Konfuzius und dessen Weisheit. Dafür hat Tröte den Fernsehpreis ,,Beste Sendung des Jahres" eingeheimst, weil er einem breiten Publikum fremde Kulturen näherbrachte. Goethe und ich blieben mit unserem altmodischen Verständnis von Menschenwürde auf der Strecke. Verlieren ist nicht immer die schlechteste Alternative.

Nicht daß man mich mißversteht. Herr Tröte ist kein Monster, sondern eher ein gutaussehender Mann. Er lebt gesund, fast vegetarisch, und äußert progressive Ansichten zu Umwelt und Kindererziehung. Er ist gesellig und lädt mindestens zweimal im Jahr großzügig alle Nachbarn zu einem Fest in seinem großen Garten ein. Jedesmal aber erwischt es dann einen dieser Nachbarn. Letztes Jahr traf es Schmitt, einen Entwicklungsheifer, der nicht erklären konnte, worin der Unterschied zwischen seiner Arbeit und der eines Missionars bestehe. Tröte machte ihn fertig. Er hat ja als erfahrener Talkmaster Routine darin, wie er die Lacher auf seine Seite bringt. Auf einem dieser Feste hatte es auch mich vor Jahren einmal erwischt. Tröte sprach über seine Studienzeit und erwähnte beilaufig einen Artikel von Adorno. Ich kannte diesen Artikel nicht.

,,Was? Du kennst den Artikel von Adorno nicht? Ja, wo lebst du denn? Wie kann man nur Schriftsteller spielen, ohne diesen Artikel gelesen zu haben?" Seine Empörung kannte kein Ende mehr! Ich bemühte mich, ihm klarzumachen, daft ich zwar viel von Horkheimer, Fromm, Mayer, Marcuse und auch Adorno gelesen hatte, aber diesen einen Artikcl leider nicht. Meine Aufzählung rief nur donnerndes Lachen und eine Litanei von Namen mir unbekannter Theoretiker hervor. ,,Kennst du wohl alle nicht, was?" grölte er.

Ich wollte ihm erklären, daß ich damals Chemiker war, der neben seinen Ausflügen in die Philosophie, Wirtschaft, Politik und Literatur auch noch daran denken mußte, die gefährliche Forschung zu seiner Promotion einigermaßen unbeschadet zu überstehen. Er ließ mich gar nicht zu Wort kommen. ,,Ausreden! Alles nur Ausreden!" brüllte er vom Lachen der Umstehenden begleitet.

Plötzlich aber riß mir der Geduldsfaden. Ich grinste. ,,Kennst du einen Buchstaben von Hafis, einen Vers von Alma'arri? Auch nicht?" Bleierne Stille legte sich über den Garten. Man hörte nur das Zischen der Würste auf dem Grill. ,,Na gut", fuhr ich, nun selbstsicher, fort, ,,vielleicht Almutanabbi? Nicht? Dann aber wenigstens Ibn Chaldun? Ibn Tufeil auch nieht? Schauqi? Aqqad? Taha Hussein? Idris?" Tröte erstarrte. Er dachte wohl, ich mache nur irgendwelche Laute und tue so, als wären das Dichter und Denker. Als ich ,,Bab und Baha'ullah?" sagte, winkte er geringschätzig mit der Hand ab und rief: ,,Es reicht! Du scherzt wohl. Das ist ein Tanz und kein Denker! Baba Hullahulla." Seine Gäste lachten, aber diesmal über ihn. Zwei von ihnen spotteten besonders giftig. Sie waren Baha'i.

Goethe hatte die Grenzen seiner kleinen Stadt in einem winzigen Herzogtum weit aufgestoßen und das Universum umarmt. Er wurde zum Weltbürger. Tröte dagegen lebt in der Weltstadt Frankfurt, in einem mächtigen Staat und hat sich zu einem engstirnigen Kleinbürger entwickelt. Aber die Geschichte, die oft als gnadenlose Richterin beschimpft wird, ist am Ende gerecht. Goethe ist vor 250 Jahren geboren und ist heute lebendiger denn je. Und Tröte? Ich wette, er wird einen Tag, nachdem er seinen Job beim Fernsehen quittiert hat, sterben, obwohl er alltäglichen Dingen nachgehen und seine Zeit damit verbringen wird, sich einzubilden, daß er lebt.

Goethe liebte die Poesie und hatte die größte Achtung vor Sprachen, Er übersetzte selbst, kannte die Qualen dieser undankbaren Aufgabe und achtete gute Übersetzer und Übersetzungen. Er gab immer minuziös die Quellen seiner Arbeit an. Nichts auf der Welt haßte er mehr als Pfuscher, Hochstapler und Nachahmer.

Tröte ist ein Profi des Kulturbetriebs, der von nichts Ahnung hat, aber über alles schreiben und sprechen darf und muß. Das ist die eigentliche Tragödie unserer Zeit.

Sein Beruf bringt es mit sich, daß er sich Zitate unerlaubt einverleibt und mit Leistungen hochstapelt, deren Autoren unbekannt oder gestorben sind. Dafür habe ich kein Verständnis, aber dennoch hatte ich noch bis vor einem Monat Mitleid mit Tröte - - bis zu dem Augenblick nämlich, als er breitmäulig wie ein Frosch vor laufender Kamera und den offenen Mündern der Gäste seiner Talkshow sumerische Gedichte in der Originalsprache vortrug, die Metren der arabischen Lyrik analysierte und hebräische Gedichte aus dem 11. Jahrhundert kritisch kommentierte. Seine Gäste, lauter Professoren, die zum ersten Mal im Fernsehen waren und vor der Sendung von Tröte erfahren hatten, daß ihnen 2,5 Millionen Menschen zuschauten, erstarrten zu einem Wachsfigurenkabinett der Madame Tussaud.

Als ich Tröte einen Tag später verwundert fragte, wann er all diese Sprachen gelernt habe, lachte er nur. ,,Man merkt", sagte er, ,,du bist ein Fossil vergangener Zeiten. Man muß Sprachen nicht kennen, um sie zu analysieren. Sumerisch vorgelesen? Es war doch alles in Lautschrift geschrieben. Wenn ich all diese Sprachen lernen müßte, um über sie zu reden, würde ich ja fünfhundert Jahre brauchen. Sumerisch hat mich genau eine Viertelstunde gekostet."

Tröte beschäftigt sich also oft mit fremden Kulturen, aber immer in Eile, und immer tut er so, als hätte er all die dickleibigen Romane gelesen, könnte die exotischsten Sprachen verstehen und Philosophen nach Belieben aus der Westentasche ziehen. Er tut aber nur so, und das Publikum tut auch so, als würde es ihm glauben, und das Ganze tut so, als wäre es Kultur. In solchen Augenblicken bin ich von meinem Nachbarn Tröte und seiner Welt Tausende von Meilen erntfernt, während mir Goethe, da ich ihn in mir trage, sehr nahe ist.

Goethe las wie besessen. Er ließ sich beraten und hörte aufmerksam zu, wenn jemand von einem ihm fremden Gebiet sprach. Er !iebte in den anderen, sogar in den französischen Besatzern, ihre Zivilisiertheit. Tröte mag an den Fremden die Wildheit und das Rohe, und deshalb war ich nie sein Fall, denn ich stamme aus einer der größten Zivilisationen der Erde. Meine Vorfahren liebten wie Goethe nicht die Wildheit, sondern die griechische Zivilisation, und sie übemahmen vieles aus dieser reichen Kultur, entwickelten es fort und gaben es an Europa welter. Tröte aber schart einmal im Jahr in seiner Talkshow nur Wilde um sich, und das sind in der Regel schlaue Ausländer, die so tun, als wären sie wild, und ihm zuliebe sogar gebrochen Deutsch reden und Ansichten über Frauen, Kinder, Sexualitltt und Moral vertreten, die so ungehobelt und wirr sind, daß sie noch in keinem Buch auf Erden Platz gefunden haben.

Goethe lernte ich nur langsam lieben. Seine Haltung gegen die Französische Revolution habe ich drei Jahrzehnte lang nicht verstanden. Erst in letzter Zeit, als ich Dokumente jener historischen Phase lesen konnte, die mir vorher nicht zugänglich waren, wurden mir seine Einstellung und seine Angst vor jeder blutigen Umwälzung klar, und ich achtete ihn immer mehr, je mehr ich in seine Seele hineinschauen durfte und je mehr ich entdeckte, welch entschiedener Gegner von Krieg und Chauvinismus er war. Dies war er - und das ist das Erstaunliche - nicht aus politischem Kalkül, sondern vielmehr aus ethischen und ästhetischen Gründen. Die Erhabenheit eines Menschen war sein Argument gegen den damaligen Motor der Kriege: den Nationalismus.

In einem Gespräch mit Eckermann am 14. März 1830 antwortete Goethe auf den Vorwurf, daß er weder zur Waffe noch zur Feder gegriffen hatte, als Napoleon Preußen besetzte: "Überhaupt ist es mit dem Nationalhaß ein eigenes Ding. - Auf den untersten Stufen der Kultur werden Sie ihn immer am stärksten und heftigsten finden. Es gibt aber eine Stufe, wo er ganz verschwindet und wo man gewissermaßen überden Nationen steht, und man ein Glück oder ein Wehe eines Nachbarvolkes empfindet, als wäre es dem eigenen begegnet. Diese Kulturstufe war meiner Natur gemäß, und ich hatte mich darin lange befestigt."

Nicht daß Herr Tröte ein Nationalist ist, nein, das kann ich bezeugen. Er ist tatsächlich gegen alles Nationale. Seine Haltung zum Krieg hatte mich allerdings lange irritiert, denn zunächst war er ein absoluter Kriegsgegner. Das durfte er aber in seiner Talkshow nicht äußern. Ich fand ihn trotzdem sympathisch. Wie solIte ich in meinem Exil anders fühlen, da ich wegen meiner Haltung gegen den Krieg zwischen Israelis und Arabern den Zutritt zu meiner Heimat verloren habe? Übrigens war das ein weiterer Grund für mich, Goethe zu verehren.

Doch plötzlich war Tröte, und diesmal auch in seiner Talkshow, Befürworter eines Krieges. Er schäumte vor Haß gegen das anzugreifende Volk und hetzte wie ein Kriegstreiber. Er mied mich in den nächsten Wochen. Doch bald darauf war er wieder der alte und schimpfte auf diese Kriegsverbrecher, die irgendwo einen anderen Krieg angezettelt hatten. Es dauerte Jahre, bis alles herauskam. Seine Exfrau veröffentlichte ein Buch über ihre Zeit mit ihm, ein Skandalbuch und viele Monate auf Platz eins der Bestsellerliste. In diesem Buch ist ein Kapitel Trötes Einstellung zum Krieg gewidmet.

Ich bekam beim Lesen fast Atemnot. "Tröte", so die verbitterte Exgattin, "ist weder für noch gegen den Krieg. Er orientiert sich an den Firmen, deren Aktionär er inzwischen geworden ist, und auf wessen Seite diese Firmen stehen, auf dessen Seite steht auch er, und wenn es darauf ankommt, sogar gegen die eigene Regierung. Er ist weder Revolutionär noch Reaktionar, sondern schlicht und einfach Aktionär."

(Fortsetzung und Schluß in der nächsten Nummer)

© 1999 Rafik Schami

vom Autor zuletzt erschienen:
Der geheime Bericht über den Dichter Goethe (Koautor: Michael Gutzschhahn) Carl Hanser Verlag 1999
Sieben Doppelgänger, Carl Hanser Verlag 1999