Die Gazette Nr. 13, April 1999:

Unzeitgemäß

Die Verherrlichung der Härte und die Verachtung der Nächstenliebe (Mitleid, Barmherzigkeit, Güte)

Auch hier sind die modernen clercs zu Moralisten des Realismus geworden. Sie haben sich nicht damit begnügt, der Welt in Erinnerung zu bringen, daß Härte unabdingbar ist zum „Realisieren" und Barmherzigkeit hinderlich; sie haben sich nicht darauf beschränkt, ihrer Nation oder Partei wie Zarathustra seinen Jüngern zu predigen: „Seid hart, seid unerbittlich, wenn ihr herrschen wollt" - sie haben die moralische Noblesse der Härte verkündet und Barmherzigkeit mit Schmach belegt. Diese Lehre, die den Kern von Nietzsches Oeuvres ausmacht und die nicht überraschend kommt aus einem Lande, von dem jemand gesagt hat, es habe der Welt keinen einzigen Apostel gestellt, mutet jedoch äußerst seltsam an im Lande Vincent de Pauls und der Verteidigers von Calas. Sentenzen wie die folgenden - man möchte sie für ein Zitat aus der „Genealogie der Moral" halten - erscheinen mir, aus der Feder eines französischen Moralisten, doch als ganz neuartiges Produkt: „Dieses entartete Mitleid hat die Liebe verdorben. Sie nennt sich jetzt Barmherzigkeit und jeder glaubt sich ihrer würdig. Auf Dummköpfe, Schwächlinge und Krüppel ist sie herabgeregnet und läßt sie gedeihen. Über Nacht hat sich diese Plage ausgebreitet; sie erobert die Erde bis in die letzten Winkel. Ganz gleich wo: Man kann nicht einen Tag lang wandern, ohne ihr sieches Antlitz zu erblicken mit seiner tristen Miene, regiert einzig vom Wunsch, sein schmachvolles Leben zu verlängern." [Charles Maurras] Und wieder läßt sich der Fortschritt der modernen Realisten über ihre Vorgänger mit Händen greifen: Wenn Machiavelli erklärt, der Fürst sei „im Interesse der Staatserhaltung oft gezwungen, konträr zu den Prinzipien von Barmherzigkeit und Menschlichkeit zu regieren", so sagt er damit lediglich aus, daß ein Verstoß gegen das Barmherzigkeitsgebot zur praktischen Notwendigkeit werden kann, und lehrt mitnichten, daß Barmherzigkeit seelischen Verfall bedeute. Diese Lehre ist ein Beitrag des 19. Jahrhunderts zur moralischen Erziehung des Menschen.

Julien Benda, Der Verrat der Intellektuellen, 1927