Die
Gazette Nr. 13, April 1999:
Marginalie
R. W. B. McCormack
Travel Overland
Eine anglophile Weltreise
Die USA (Teil 2)
Unter New Yorker Taxifahrern zählten wir 60 verschiedene Sprachen;
Englisch war nicht darunter. Drüben in Brooklyn wird das girl" zum
goil,
der „bird" zum boid und die Thirtythird Street zur
Toity-toid
Street. „Forget about it" mutiert zu fuggedaboudit und „get
out of here" zu gedoudahea. Bei manchen New Yorker Ausdrücken
ist die Beziehung zwischen Inhalt und Form komplett verlorengegangen. Whaddya,
whaddya könnte dem Sinnzusammenhang nach so viel bedeuten wir
„Are you crazy?"
In Neuengland stand die Wiege der amerikanischen Kultur, Boston ist
das Zentrum der kulturellen Arroganz. Dort gehört es zum guten Ton,
das „r" wegzulassen, wo es hingehört - pahk yah cah in Hahvahd
yahd -, und es anzufügen, wo es nicht hingehört: Cubar
is a problem. Der Willkür scheint Tür und Tor geöffnet.
Weil es dermaßen viele Spielarten gibt, sagen spitze Zungen, daß
amerikanisches Englisch bloß ein Phantom ist, eine Idealisierung.
Eine der wüstesten Varianten findet man tief im Süden. Dort
macht die allgegenwärtige Monophtongierung aus „nice white rice" ein
na:s
wa:t ra:s. Awl bidness heißt so viel wie „oil business"
und bobwar bedeutet vermutlich „barbed wire".
Dann die Mischsprachen! In Florida sagen die Leute tenga un nice
day oder vamos de shopping. Die Heimatlosigkeit der Kubaner
in Miami hat zu Bildungen geführt wie coger un sonbern („get
a sunburn"), estar aveilabol („Be available") oder sentirse daun
(„feel sad"). In einem Mom-and-Pop-Store (etwa: Tante-Emma-Laden) drunten
in El Paso wurden wir Zeuge eines auf Spanglish geführten Verkaufsgesprächs:
Kundin: „Donde está el thin sliced bread?"
Besitzer: „Está en aisle three, sobre el second shelf, en
el wrapper rojo."
Kundin: „No lo encuentro."
Besitzer: „Tal vez estamos out of it."
In einem Einwanderungsland sind Mischsprachen eine Naturgegebenheit.
Der Süditaliener lernte bald orráite zu sagen, wenn
er „all right" meinte. Seinen Eiskarren nannte er il bisinisse,
und in seiner Freizeit besuchte er un muvi. An New Yorks Lower East
Side hörte man um die Jahrhundertwende das jüdische Englisch
osteuropäischer Immigranten: In what shul does your zeydi daven
on shabes? - In welche Synagoge geht dein Großvater am Sabbath
zum Beten? In den alten Minstrelshows entstand so etwas wie Afro-Sächsisch
(Dis ‘ere ting's played out - it's aus gespielt). In der klassischen
Einwanderungsepoche blieb den Greenhorns gar nichts anderes übrig,
als Assimilationskompromisse zu schließen. Und noch heute gibt es
so tragische Fälle wie den der schönen Vietnamesin, die an einen
Deutschamerikaner geriet und plötzlich Hanh Hguyen-Ripplemeyer hieß.
Wenn man in Amerika korrektes Englisch hört, spricht meist ein
Ausländer. Ein Afghane war es, der die Frage nach den Siegeschancen
der „Red Sox" in einem Stil beantwortete, der einen gebürtigen Amerikaner
einfach überfordert hätte: I am deferring to your judgement
because currently I have not familiarized myself with these practices.
Die „New York Times" mußmaßte, Menschen im hintersten Kurdistan
würden besseres Englisch sprechen als junge Amerikaner. Hört
man sich im College-Milieu um, wird dieser Verdacht bestätigt. Dort
wird der „boyfriend" zum male scum und das „girlfriend" zum slampiece.
To
get busy umschreibt den Liebesakt. Gotta haul ass figuriert
als routinemäßiger Abschiedgruß. Anal heißt
schlecht und bad das genaue Gegenteil. Noch dunkler ist der
„Cant" der Unterschicht. Die Teenage Gangs von Los Angeles legen es geradezu
darauf an, nicht verstanden zu werden. Nur ein Insider kann einen Satz
wie den folgenden enträtseln: I was in my hoopty around dimday
when some mud duck with a trey-eight tried to fake me out of the box
(I was in my car around dark when a woman armed with a .38 caliber pistol
tried to shoot me).
Somit waren wir nach unserer Weltumrundung in die Heimat zurückgekehrt
und verstanden die eigene Muttersprache nicht mehr. Die soziale Bewegung
der politischen Korrektheit tat keineswegs ein übriges, uns heimischer
zu fühlen. Aus dem „waiter" und der „waitress" war eine wait person
geworden. Ein Betrunkener war nicht betrunken, sondern chemically challenged.
Die einzigen, denen wir ohne Mühe folgen konnten, waren die indianischen
Ureinwohner. Und das kam daher, weil am Ende des Pionierzeitalters ein
Politiker den Mut gefunden hatte zu sagen: „The language which is good
enough for a white man or a black man ought to be good enough for the red
man." Nach einigen Anlaufschwierigkeiten (squaw makum bed) ist es
genau so gekommen. Auf den Indianerschulen bildete sich das von dem deutschen
Philologen Hugo Schuchardt untersuchte Boarding School English heraus,
das heute dem Englisch der Weißen überlegen ist. Einem Indianer
würde nie ein Lapsus wie dem Ex-Außenminister Haig unterlaufen,
der vor einem Senatsausschuß sagte: The question is too suppository.
Noch würde er sich wie Ex-Präsident Bush in einem inkohärenten
Gestammel verlieren:
You're not going to see me stay put.
I'm not going to forsake my responsibility.
You may not see me put as much -
I mean, un ... unput as much.
Die amerikanische Presse ist sich des Sprachverfalls bewußt, kann ihn jedoch nicht aufhalten, beschleunigt ihn sogar. Are young Americans be getting stupider? fragte die „Gazette Times" aus Oregon bang, doch scheint die Altersvariable nicht die Rolle zu spielen. Illiteracy is Still a Problem Among Mississippi Adults lautete in North Carolina eine Schlagzeile der „Henderson Times-News". Keine Hoffnung birgt eine Kolumne des „Norfolk-Pilot Virginian" mit dem Titel How to Speak and Write Like a College Graduate. Es ist hohe Zeit, Englisch als Amtssprache bundesweit einzuführen, andernfalls Amerika der englischen Sprache den Garaus machen wird. Nur gut, daß der federführende Verband „English First" so mächtige Organisationen hinter sich weiß wie die „Gun Owners of America" und die „U.S. Border Patrol"
(Teil 1 stand in Der Gazette Nr. 12, März 1999)
© C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung, München 1999