| Das Prinzip
Konfusion
Einige von uns erinnern sich womöglich noch an ein Konstrukt von
vor fünfundzwanzig Jahren, das Kybernetik hieß. Das Schöne
an ihr war, daß sie uns den Thermostaten erklärte; das Erstaunliche,
daß die Theorie sich zur Vereinheitlichten Weltformel aufmandelte,
mit der wir alles vom Blutkreislauf bis zum politischen Handeln nur noch
als kybernetische Prozesse sehen sollten; das Amüsante, daß
sie uns mit dem programmierten Unterricht und dem Sprachlabor beschenkte,
Errungenschaften, sie sie für so unvergänglich hielt wie andere
die Petroleumlampe und die Pferdebahn.
Giesecke in seiner Studie über den Buchdruck in der frühen
Neuzeit hat die verstaubte Theorie vom Speicher geholt und präsentiert
sie uns als seine Entdeckung, leicht aufgefrischt und unter neuen Namen,
mal als „Kommunikative Sozialforschung" bezeichnet (mit dem Altcharme bolschewistischer
Akronymie nennt er das „Komsofo"), mal als „Informationstheorie", wobei
er sich diesen Begriff kurzerhand aus einem ganz anderen Theoriezusammenhang
gegriffen hat.
Schon die schematischen Darstellungen (die Abbildung soll die „ Strukturen
und Rückkopplungen
in nationalen typographischen Kommunikationssystemen" zeigen) verraten
die Herkunft seiner Erkenntnisse aus der Welt der Schalt- und Regelkreise.
Liebenswert führt er verbindungsfreie Leitungskreuzungen in Halbreis-Bögen
aus, eine Malweise, die seit etwa vierzig Jahren überholt ist.
Zugegeben, der Text liest sich nicht immer so technisch unterkühlt.
Gelegentlich finden sich sogar schöne Miniaturen darin, zum Beispiel
Gutenbergs Herstellung der Metallettern, auch noch die mit Seitenabbildungen
und ihrer Umschrift versehenen Beschreibungen einiger Inkunabeldrucke.
Aber selbst das genießt man nur kurz und nicht ungestraft. Denn
beziehungslos und unvermittelt streut der Autor Termini wie „Input/Output"
oder „Soft- und Hardware" oder „Emergenz" über den Text, schicke Streusel,
die vielleicht eine Cocktailunterhaltung irgendwie zeitgemäß
erscheinen lassen, hier aber überhaupt nichts leisten an Erhellung
und Zusammenhang. Wenn eine Druckerei (er sagt nicht immer „Druckerei",
er sagt auch oft und unergiebig „Typographeum") zwischendurch ein „informationsverarbeitendes
System" genannt wird, der Leser ein „Prozessor", aber auch - aus plötzlich
ganz anderen Theoriezusammenhängen - ein „Effektor", dann entsteht
lediglich eine terminologische Verstörung und nicht ein möglicherweise
intendiertes Begriffssystem. Den Gipfel solcher Verunklärung erreicht
Giesecke mit Definitionen wie dieser: Das Schulbuch sei „ein gemeinsames
und unabhängiges Informationssystem von Lehrern und Schülern";
gleich danach aber mutiert das Schulbuch vom „Informationssystem" zurück
zum systemstrukturierenden „Interaktionsmedium". Was soll nun gelten: das
Buch als System oder als Medium im System? Fragen solcher Art stellen sich
auf jeder dritten Seite, und der Text beantwortet sie nie. Er schreitet
vielmehr selbstbegeistert weiter zum nächsten Jonglieren mit den nächsten,
ebenso begründungslosen Termini.
Die mangelne Vertrautheit des Autors mit der Sprachwissenschaft tritt
in der Behauptung zutage, Saussures Sprachbegriff genüge „weniger
gut ... den Anforderungen der Modellierung der oralen Kommunikation". Er
macht hier den Fehler, lediglich die Saussuresche „langue" anzuführen,
die begleitende „parole", die diesen „Anforderungen" explizit Rechnung
trägt, läßt er einfach unter den Tisch fallen. Solche Kritik
kann man nur als angemaßt bezeichnen.
Nicht mehr hinnehmbar schließlich ist der schlampige, ja fälschende
Umgang des Autors mit historischen Fakten.
- Die „Ars memorativa" (und nicht „Artes", wie Giesecke eigenwillig
schreibt) war nicht, wie behauptet, in erster Linie Unterrichtsbuch und
diente daher auch nicht „Schülern" als Gedächtnisstütze,
sondern den - oft leseschwachen - Predigern.
- Das Lateinische, wird uns weisgemacht, verliere durch den Buchdruck
im 16. Jahrhundert an Bedeutung. Die dazu angeführte Statistik jedoch
zeigt eine mit der Anzahl der deutschsprachigen Titel ziemlich gleiche
Häufigkeit lateinischer Titel, um das Jahr 1600 sogar ein markantes
Übergewicht. Siebenundsiebzig Prozent aller Wiegendrucke waren lateinisch.
Noch im Jahr 1700 waren achtunddreißig Prozent der Titel auf der
Leipziger Buchmesse lateinische Bücher, hundert Jahre waren es noch
vier Prozent. Der entscheidende Rückgang des Lateinischen fand also
nicht im 16., sondern im 18. Jahrhundert statt.
- Weiter: Fachsprachen und Mundarten, so Giesecke, „erscheinen den
Menschen nur als eine funktionale Spezifizierung einer einheitlichen Supersprache
- die im wesentliche mit typographischen Code gleichgesetzt wird". Das
ist nach zwei Richtungen hin schlicht falsch. Erstens mißachtet die
Behauptung die schon vor dem Buchdruck wirksamen sprachlichen Vereinheitlichungsbestrebungen,
speziell über die Geltungsbereiche der Kanzleisprachen und hier insbesondere
der Prager Kanzleisprache. Und zweitens: Mundarten und Regiolekte lebten
trotz, ja gerade durch den Buchdruck verfestigt weiter. Es sollte dem Autor
eigentlich bekannt sein, daß sich im 16. und noch 17. Jahrhundert
große deutsche und erst recht italienische Druckereien immer noch
und aus Konkurrenzgründen ganz bewußt landschaftlicher sprachlicher
Eigenheiten befleißigten. Zu dieser Zeit konnte von eine überregionalen
Vereinheitlichung der Sprache keine Rede sein, schon gar nicht von „einem"
einheitlichen „typographischen Kode".
- Dann sowas: „Jahrhundertelang hielt man das Lernen aus Büchern
überhaupt für unmöglich und jedenfalls für verwerflich."
Diese unglaubliche Bemerkung bleibt nicht nur unbewiesen, sondern der angeführte
Beleg Gieseckes verkehrt den Satz in sein glattes Gegenteil. Der Beleg
ist nämlich ein Lobpreis des Lernens aus Büchern, und das in
diesem Diskurs vorkommende Gegenargument wird lediglich aus Disputationsgründen
herbeigerufen. Hat Giesecke im übrigen nie vom „Didascalion" de Hugo
von Sankt Viktor gehört, diesem Standardwerk der mittelalterlichen
Lesekultur?
- Von einem x-beliebig herausgegriffenen Frühdruck wird behauptet,
seine Zierschrift und die Initialen zeigten, daß es sich hier um
eine besonders „nostalgische" Rückerinnerung an das Mittelalter handle.
Dabei hätte der Autor an fast allen von ihm selbst angeführten
Inkunabeln sehen können, daß sich der gesamte frühe Buchdruck
seine Vorbilder aus der Ästhetik der Handschriften nahm. Woher auch
sonst?
- Pure Geschichtsfälschung betreibt Giesecke, wenn von den „Registern"
und der „Paginierung ... vieler hochmittelalterlicher Handschriften" spricht
und daraus auch noch Folgerungen ableitet. Ein „registrum" gab es erst
mit dem frühen Buchdruck, und zwar war das nicht ein Register im heutigen
Sinn, sondern eine Liste der Anfangswörter aller Lagen des Buches,
plaziert entweder am Anfang oder am Ende des Buches, so daß der Käufer
die Vollständigkeit des Bandes überprüfen konnte. Und eine
Paginierung sehen wir zum ersten Mal 1474 in Köln, aber bitte nicht
im Hochmittelalter.
- Schottels Terminus „Kunstsprache" bezeichnet Giesecke als „zutreffend",
da er die „Zurichtung" der Sprache „auf die [neuen] technischen Parameter"
kennzeichnet. Er kann Schottel nicht gelesen haben, sonst wüßte
er, daß mit „Kunstsprache" eine Apologie der deutschen Sprache, ihres
hohen Wertes und ihrer Eignung für alle künstlerischen Ausdrucksformen
intendiert ist.
Wie selbstverständlich enthält das Literaturverzeichnis nicht
die Standardwerke zur Geschichte des Buchhandels (z.B. Wittmann), aber
dreizehn Veröffentlichungen des Autors. Der Autor macht denn auch
an keiner Stelle konkrete Angaben über die geringe Auflagenhöhe
der ersten Drucke, auch nicht im Abschnitt „Das Buch als Ware". Die ersten
Auflagen kamen mit ein paar hundert Exemplaren oft nicht an die Verbreitung
mancher Handschriften heran. Erst um 1500 betrug eine normale Druckauflage
tausend Exemplare und blieb dann auf dieser niedrigen Höhe fast dreihundert
Jahre lang. Ebensowenig erfahren wir über den exorbitanten Preis der
frühen Bücher, der nicht selten das Zigfache des Jahreslohns
eines Handwerkers betrug. Aber klar: Ohne so hinderliche Fakten betreibt
sich unbeschwert die Mystifikation einer „Informationsgesellschaft", „Medienrevolution"
und „interaktiven Erkenntnistheorie". Aus dem Nachwort zur Taschenbuchausgabe
eine Textprobe solcher auch sprachlich unbeholfener Konfusion ohne Realitätsgehalt:
„Zukunftsvisionen können wir entwickeln, indem wir uns auf [sic] die
Verständigung von Angesicht zu Angesicht zwischen mehreren Menschen
bei gemeinsamer Kooperation als dem komplexesten Fall multimedialer Kommunikation
orientieren."
Es ist dem wissenschaftlich einigermaßen gebildeten Leser nachgerade
peinlich, mit welcher Nonchalance der Autor gewisse Phänomene erst
mit dem Buchdruck auftauchen sieht: Kapitalismus und Handelsnetze, den
gewerbsmäßigen Buchverkauf, den „freien Autor", ja überhaupt
das Lesen und dann auch die Zensur. Offenkundig hat er keine Ahnung von
dem florierenden Handschriftenhandel des 14. und 15. Jahrhunderts, nie
etwas gehört von berufsmäßigen und schon auf Vorrat arbeitenden
Handschriftenproduzenten, vom Selbstbewußtsein mittelalterlicher
Ependichter und Lyriker, von der noch Jahrhunderte dauernden geringen Verbreitung
der Lesefähigkeit oder kirchlichen Leseverboten schon im 14. Jahrhundert.
Gieseckes Darstellung leidet unrettbar unter einer dumpfen, ungenauen,
faktenfremden Laien-Vorstellung von einem „dunklen Mittelalter", das durch
den Buchdruck einen plötzlichen „Paradigmenwechsel" erfahren habe.
Eine so simplistische Epochenabgrenzung hat man seit wenigstens drei Historikergenerationen
nicht mehr gesehen. Daß damit „die deutsche Medienwissenschaft endlich
wieder Anschluß an internationale Standards" gefunden haben soll
(Umschlagseite 4), ist - um freundlich zu bleiben - eine Absenkung jener
Standards auf das Niveau eines eklektizistischen Dilettanten.
Antonia Lichtenstein |
Michael Giesecke
Der Buchdruck in der frühen Neuzeit
Suhrkamp, Frankfurt 1998 (stw 1357)
12,3 x 21 cm, 957 Seiten
58,-- DM, 423 öS, 52,50 sFr
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