Die
Gazette Nr. 13, April 1999:
| Lesefreuden, die zweite?
Es ist nicht ohne Risiko, einem erfolgreichen Buch ein zweites desselben
Autors nachzuschieben. Der Berliner Verlag Volk und Welt hat nun nach der
fulminanten „Geschichte des Lesens" von Alberto Manguel (siehe die Rezension
in Der Gazette
Juli/August 1998) einen Band sonst verstreuter Essays des Autors herausgebracht.
Der Umschlag, mal was Neues, zeigt unter alten Zeichnungen gleich das Inhaltsverzeichnis.
Aber halten die kleineren Stücke auch, was der Leser nach dem großen
Werk füglich als versprochen ansehen darf?
Um das zu tun, müssen die Leser sich die Bücher aneignen. In unendlichen Bibliotheken stehlen sich die Leser, wie Diebe in der Nacht, die Namen und die vielen erstaunlichen Schöpfungen, die mit ihnen verbunden sind - schlichte wie die Erschaffung Adams und abseitige wie die Märchengestalt Rumpelstilzchen. Ein Schriftsteller wie Proust wird uns erzählen, daß die Bücher in Bergottes Bibliothek des Nachts über den toten Künstler wachen, paarweise wie Schutzengel, aber es ist der Leser Prousts, der, nachts allein in seinem dunklen Schlafzimmer, in den Lichtgebilden der Autoscheinwerfer die Präsenz der Engelsflügel erkennt. (Für Pedanten: Ich weiß, und Mallarmé weiß es
wohl auch, daß Bergottes Bücher nicht paarweise, sondern in
Dreiergruppen über ihn wachen; aber was verschlägts!) Das ist
reiner Manguel: die Bücher als „Halt und Schutz auf unserer Reise
durch den dunklen, namenlosen Spiegelwald, und zwar nicht den der „Alice
hinter den Spiegel" (die hier die Kapitel-Motti beisteuert), vielmehr mehr
den Danteschen „selva oscura" unseres Lebensweges, „bedroht durch Verlust,
Veränderung und die unstillbare Zunahme innerer und äußerer
Schmerzen". Manguel, der Mystiker der Lektüre.
- Ich kann für mich den Schluß ziehen, daß
der Lehrer, der mir die entscheidenden Anstöße, Anregungen und
Erkenntnisse vermittelt hat, der mich in gewisser Weise zu dem gemacht
hat, was ich heute bin, in Wirklichkeit ein Ungeheuer war, daß alles,
was er mir beigebracht hat, alles was er mich lieben gelehrt, verlogen
war.
Welche Möglichkeit die richtige ist, sagt er, „weiß ich nicht".
„Die Kunst", rief er, „ist kein Job wie jeder andere!
Der Künstler befaßt sich mit der Wirklichkeit, der inneren und
äußeren, und drückt sie in bedeutungsvollen Symbolen aus.
Wer sich aber mit Geld beschäftigt, befaßt sich mit Symbolen,
hinter denen nichts steht. Es ist wundervoll, an all die Tausende Börsenmakler
von Ninive zu denken, deren Wirklichkeit nur aus dem unberechenbaren Auf
und Ab der Kurswerte besteht, die sich in ihrer Phantasie zu Reichtum verwandeln
- zu einem Reichtum, der nur auf dem Papier steht oder über einen
Bildschirm huscht. Kein Thrillerautor, kein Medienkünstler kann jemals
hoffen, sein Publikum in die alles durchdringende Erwartungsspannung zu
versetzen, in der sich Börsenmakler Tag für Tag befinden. ..."
Also läuft er „vor Ninive und Gott" davon. Und die Schiffsleute
werfen Jona, den mitreisenden Künstler, als störenden Ballast
über Bord (wie Salman Rushdie und Ken Saro-Wiwa, erinnert uns Manguel
an die Aktualität). Zum Schluß unterhalten sich Gott und sein
Prophet „von Schöpfer zu Schöpfer, von Künstler zu Künstler".
Wenn es ginge, sollte man diese Geschichte unter die kanonischen Texte
aufnehmen, unmittelbar hinter der alten Jona-Erzählung.
Jeder Leseakt ist die Fortsetzung einer Geschichte, die
an irgendeinem Nachmittag vor vielen tausend Jahren begonnen hat und von
der wir nichts wissen; jeder Leseakt wirft seinen Schatten auf die nachfolgende
Seite voraus, verleiht ihr Gehalt und Zusammenhang. Auf diese Weise wächst
die Geschichte Schicht um Schicht wie der Humus einer Kultur, die wir durch
unsere Lektüre fortsetzen und bewahren.
Man spürt, jedenfalls ging es mir so, mit einem kurzen Schauer
im Rücken die Freude Manguels, seine Begeisterung für den Gegenstand
- eine Freude übrigens, die sich sichtbar auch dem Übersetzer
mitgeteilt haben muß, so schön, fließend und präzise
ist der deutsche Text. Eine Lesefreude bei der Lektüre über Lesefreuden.
Kann man mehr verlangen?
Thomas Meyers |
Alberto Manguel
Im Spiegelreich
Verlag Volk und Welt, Berlin 1999
12,5 x 21 cm, 360 Seiten
42,-- DM, 307 öS, 40,-- sFr
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