Die Gazette Nr. 13, April 1999:

Leseproben
 
Eine in jedem Sinn abenteuerliche Lektüre 

Die Frage „Was wäre, wenn" und ihre Antworten gelten als kreatives, wenn nicht vernünftiges Planen, als Brückenschlag ins noch Mögliche der Zukunft. Die Frage „Was wäre gewesen, wenn" wird dagegen als unergiebige Spielerei angesehen und ist eines Historikers unwürdig, der nach Rankes Formel schließlich nur sagen soll, wie es gewesen ist. Aber ist diese Beurteilung zutreffend? 
Niall Ferguson, der angesehene Professor für Moderne Geschichte in Oxford, verfolgt das Problem in seiner hundertdrei Seiten langen Einführung „Virtuelle Geschichtsschreibung", einem erfrischenden, außerordentlich lesbaren und belesenen Essay. Natürlich beginnt auch er mit der Bemerkung Pascals, daß die Weltgeschichte anders verlaufen wäre, wenn die Nase der Kleopatra nur etwas kürzer gewesen wäre (dann nämlich hätte sich Marcus Antonius nicht so sträflich lange bei ihr aufgehalten und das Römische Reich wäre nicht untergegangen). Aber auch so gut wie alle anderen Alternativüberlegungen sind bei Ferguson erwähnt und gewichtet: von der Augenblickswirkung eines satirischen „jeu d'esprit" bis zu überlegten Gegenentwürfen, von Gibbon über Chesterton, Hawthorne, Trevelyan und Squire bis hin zu Musils „Mann ohne Eigenschaften", um nur die wichtigsten Namen zu nennen. 
Die Überlegung mündet nach Exkursen über verschiedene Determinismus-Modelle schließlich in der ernsthaften Überlegung, daß wir uns den Blick zu oft verstellen, wenn wir nur das tatsächlich Geschehene betrachten und damit das unter leicht veränderten Umständen ebenfalls Mögliche ausblenden. Dazu führt er ein erhellendes Zitat Trevor-Ropers an (aus „History and Imagination"): 

In jedem Augenblick gibt es in der Geschichte wirkliche Alternativen [...] Wie aber können wir erklären, was sich ereignet hat und warum dies geschah, wenn wir nur auf das blicken, was passierte, und niemals alternative geschichtliche Möglichkeiten bedenken [...] Wir können dies nur, wenn wir uns selbst vor die möglichen historisch alternativen Situationen versetzen [...] nur dann, wenn wir für einen Moment dort leben, wie die Menschen in jener Zeit gelebt haben, in ihrem noch währenden fließenden Zusammenhang und ihren immer noch ungelösten Problemen, und wenn wir uns diese damaligen Probleme zu eigen machen, [...] dann können wir lehrreichen Nutzen aus der Geschichte ziehen. 

Damit korrigiert er dann auch Toquevilles Diktum: „Es gibt Leute, die sind dazu geeignet, in der Politik zugrunde zu gehen, weil sie ein zu ausgeprägtes Gedächtnis haben." Richtig muß es heißen „... wegen einer zu ausgeprägten deterministischen Geschichtsschreibung". Mit berechtigtem Pathos weist er auf die Millionen Menschen hin, die nur auf Grund einer angenommenen, aber mit Macht behaupteten historischen „Unvermeidlichkeit" in diesem Jahrhundert sterben mußten. Dieselbe Denkfigur muß derzeit - toutes proportions gardées - ja auch dafür herhalten, einer angeblich unausweichlichen Globalisierung gläubige Unterwerfung zu sichern. 
In diesem Licht wirkt Fergusons Essay erfrischend. Was, wie er sagt, „viele Historiker jahrelang im Grunde implizit ganz privat als Gedankenspiele praktiziert haben", soll hier an einigen Fallstudien expliziert werden. 
Sein erstes Beispiel liest sich denn auch ziemlich spannend: „Die europäische Union des deutschen Kaisers". Der Erste Weltkrieg, trägt er detailliert vor, war eben nicht unvermeidlich, jedenfalls nicht vor den letzten Julitagen 1914. Und mit so geschärftem Blick entdeckt er nun auch Überraschendes in der deutschen Wirtschaftspolitik vor dem Krieg: 

Und tatsächlich haben viele der damaligen offiziellen Verlautbarungen darüber eine auffällige Nähe zu unserem heutigen gesamteuropäischen Prozess. So z.B. die Bemerkung des Historikers Hans Delbrück, es gebe „nur ein Europa, das eine große Wirtschaftseinheit darstellt, die mit ausreichender Kraft der übermächtigen Leistungsfähigkeit jenseits des Atlantiks begegnen kann"; oder Gustav Müllers leidenschaftliche Forderung nach den „Vereinigten Staaten von Europa" (wohlgemerkt, eine Formulierung, die aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg stammt), das „die Schweiz, die Niederlande, Skandinavien, Belgien, Frankreich, auch Spanien und Portugal umfasst und sich über die österreichisch-ungarische Monarchie hinweg bis nach Rumänien, Bulgarien und die Türkei erstreckt"; oder die Sehnsucht von Baron Ludwig von Falkenhausen, „den großen und geschlossenen Wirtschaftsblöcken der Vereinigten Staaten, Englands und Russlands mit einer ebenbürtigen und ökonomisch starken Macht zu begegnen, die alle europäischen Staaten repräsentiert [...] und zwar unter der Führung Deutschlands ... 

Das kam dann aber, mit leichten Retuschen, erst zwei Weltkriege später. 
Die Skizzen von Fergusons Kollegen schildern dann England und Europa unter Hitlers Herrschaft, eine Welt ohne den Kalten Krieg, das Schicksal eines nicht ermordeten Präsidenten Kennedy und „Das Jahr 1989 ohne Gorbatschow". Diese Beiträge lesen sich immer noch gut, fallen aber gegenüber Fergusons „Europäischer Union" etwas ab, da sie zum großen Teil nur das, was an einer Stelle wirklich geschehen ist, die Judenverfolgung zum Beispiel, auf einen anderen Ort übertragen. Dabei wird Tatsächliches also nur umgetopft und fortgeschrieben. 
Schon auf dem halben Weg durch das Buch fällt dann aber eine ungewöhnliche Dichte der Übersetzung auf, die nicht ausschließlich duch die Faktenfülle der Autoren bedingt ist. Ist man von angelsächsischer Wissenschaftsprosa nicht einen leserfreundlicheren Duktus gewöhnt? Er fehlt hier völlig. Irgendwann verdächtigt man den Übersetzer, der hier notfalls (und der Notfall ist seitenweise gegeben) mit leichterer Hand hätte bearbeiten müssen, die intrikate Syntax lockern, Verschachtelungen auflösen, zu lange Sätze aufteilen. 
Unmut tritt jedoch bei offenkundigen Fehlern ein. Man mag ja noch übersehen, daß Rundstedt durchgehend „Runstedt" heißt (auch im Personenregister). Stutzig macht es ein paar Seiten weiter, daß das Schimpfwort der Guernsay-Insulaner für die Jerseyaner, „crapaud" nicht einfach mit „Kröte" übersetzt wird, sondern abwegig so: „[etwa: Geschwür. Anm. d. Übs.]". Jetzt wird man mißtrauisch. Es überrascht dann schon nicht mehr, daß das britische „MI 5" als „M 15" wiedergegeben wird, wie in schlechten Spionageromanen. Auch daß sowohl Lektorat und Übersetzer den blanken Unsinn, eine pure Erfindung wie „Reichs-Hauptsturmabteilung (RHSA)" mehrmals durchgehen ließen - mein Gott ja, sie wissens halt nicht besser (arg peinlich trotzdem in einem Geschichtswerk, besonders wenn in einem anderen Beitrag das zutreffende RSHA vorkommt, das „Reichssicherheitshauptamt"). Schlimmer ist es schon, daß dem Übersetzer der Unterschied zwischen dem im Kontext falschen „könnten beherbergt haben" und dem richtigen „hätten beherbergen können" verschlossen bleibt. Nebenbei müßte ihm mal einer sagen, daß der Plural von „Muslim" nicht „Muslimen" ist. Und daß er dem Leser zuliebe eine Abkürzung wie NSAM gefälligst auflösen muß, speziell wenn lange vorher von einem unabgekürzten „National Security Action Memorandum" die Rede war. Und daß er sich bei der Umschrift russischer Wörter in den Anmerkungen disziplinieren sollte, also nicht einmal „Wnutrennikh" und gleich danach „Wnutrennych". 
Mit dem Ausdruck „reptile press" kann er, weil er offenbar nie was von Bismarck gehört hat, gar nichts anfangen; er läßt ihn einfach unübersetzt stehen. 
Jetzt aber die beiden dicksten Hämmer. Auf Seite 340 ist von einem Haushaltsdefizit der USA in Höhe von „einer Trillion Dollar" die Rede. So ein Defizit kriegen sämtliche Industriestaaten, selbst wenn sie zusammenlegen, nicht zustande. Eine englische Trillion ist halt immer noch eine deutsche Billion. 
Die schlimmste Leserderdummung ist jedoch die aufwendige „Anm. d. Übs." zum Begriff COMECON, Seite 394. Da steht, das COMECON sei „sozusagen das osteuropäische Gegenstück zum westeuropäischen Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe." Ein kurzer Blick in ein Taschenlexikon, wenn ers schon nicht weiß, hätte dem Übersetzer gezeigt, daß COMECON und der „Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe" identisch sind, ein und dasselbe. Einen derartigen „westeuropäischen ‘Rat ...'" hat es nie gegeben. 
Spätestens an dieser Stelle legt man das Buch verärgert aus der Hand. Und erinnert sich nur noch wehmütig an den Lesegenuß des Anfangs. 

Louise Lasalle: 

Niall Ferguson (Hrsg.)
Virtuelle Geschichte. Historische Alternativen im 20. Jahrhundert
Primus Verlag, Darmstadt 1999
14,8 x 22,5 cm, 410 Seiten
58,-- DM, 423 öS, 52,50 sFr