| Eine in jedem Sinn abenteuerliche
Lektüre
Die Frage „Was wäre, wenn" und ihre Antworten gelten als kreatives,
wenn nicht vernünftiges Planen, als Brückenschlag ins noch Mögliche
der Zukunft. Die Frage „Was wäre gewesen, wenn" wird dagegen als unergiebige
Spielerei angesehen und ist eines Historikers unwürdig, der nach Rankes
Formel schließlich nur sagen soll, wie es gewesen ist. Aber ist diese
Beurteilung zutreffend?
Niall Ferguson, der angesehene Professor für Moderne Geschichte
in Oxford, verfolgt das Problem in seiner hundertdrei Seiten langen Einführung
„Virtuelle Geschichtsschreibung", einem erfrischenden, außerordentlich
lesbaren und belesenen Essay. Natürlich beginnt auch er mit der Bemerkung
Pascals, daß die Weltgeschichte anders verlaufen wäre, wenn
die Nase der Kleopatra nur etwas kürzer gewesen wäre (dann nämlich
hätte sich Marcus Antonius nicht so sträflich lange bei ihr aufgehalten
und das Römische Reich wäre nicht untergegangen). Aber auch so
gut wie alle anderen Alternativüberlegungen sind bei Ferguson erwähnt
und gewichtet: von der Augenblickswirkung eines satirischen „jeu d'esprit"
bis zu überlegten Gegenentwürfen, von Gibbon über Chesterton,
Hawthorne, Trevelyan und Squire bis hin zu Musils „Mann ohne Eigenschaften",
um nur die wichtigsten Namen zu nennen.
Die Überlegung mündet nach Exkursen über verschiedene
Determinismus-Modelle schließlich in der ernsthaften Überlegung,
daß wir uns den Blick zu oft verstellen, wenn wir nur das tatsächlich
Geschehene betrachten und damit das unter leicht veränderten Umständen
ebenfalls Mögliche ausblenden. Dazu führt er ein erhellendes
Zitat Trevor-Ropers an (aus „History and Imagination"):
In jedem Augenblick gibt es in der Geschichte wirkliche
Alternativen [...] Wie aber können wir erklären, was sich
ereignet hat und warum dies geschah, wenn wir nur auf das blicken,
was passierte, und niemals alternative geschichtliche Möglichkeiten
bedenken [...] Wir können dies nur, wenn wir uns selbst vor die möglichen
historisch alternativen Situationen versetzen [...] nur dann, wenn wir
für einen Moment dort leben, wie die Menschen in jener Zeit gelebt
haben, in ihrem noch währenden fließenden Zusammenhang und ihren
immer noch ungelösten Problemen, und wenn wir uns diese damaligen
Probleme zu eigen machen, [...] dann können wir lehrreichen Nutzen
aus der Geschichte ziehen.
Damit korrigiert er dann auch Toquevilles Diktum: „Es gibt Leute, die
sind dazu geeignet, in der Politik zugrunde zu gehen, weil sie ein zu ausgeprägtes
Gedächtnis haben." Richtig muß es heißen „... wegen einer
zu ausgeprägten deterministischen Geschichtsschreibung". Mit berechtigtem
Pathos weist er auf die Millionen Menschen hin, die nur auf Grund einer
angenommenen, aber mit Macht behaupteten historischen „Unvermeidlichkeit"
in diesem Jahrhundert sterben mußten. Dieselbe Denkfigur muß
derzeit - toutes proportions gardées - ja auch dafür herhalten,
einer angeblich unausweichlichen Globalisierung gläubige Unterwerfung
zu sichern.
In diesem Licht wirkt Fergusons Essay erfrischend. Was, wie er sagt,
„viele Historiker jahrelang im Grunde implizit ganz privat als Gedankenspiele
praktiziert haben", soll hier an einigen Fallstudien expliziert werden.
Sein erstes Beispiel liest sich denn auch ziemlich spannend: „Die europäische
Union des deutschen Kaisers". Der Erste Weltkrieg, trägt er detailliert
vor, war eben nicht unvermeidlich, jedenfalls nicht vor den letzten Julitagen
1914. Und mit so geschärftem Blick entdeckt er nun auch Überraschendes
in der deutschen Wirtschaftspolitik vor dem Krieg:
Und tatsächlich haben viele der damaligen offiziellen
Verlautbarungen darüber eine auffällige Nähe zu unserem
heutigen gesamteuropäischen Prozess. So z.B. die Bemerkung des Historikers
Hans Delbrück, es gebe „nur ein Europa, das eine große Wirtschaftseinheit
darstellt, die mit ausreichender Kraft der übermächtigen Leistungsfähigkeit
jenseits des Atlantiks begegnen kann"; oder Gustav Müllers leidenschaftliche
Forderung nach den „Vereinigten Staaten von Europa" (wohlgemerkt, eine
Formulierung, die aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg stammt), das „die
Schweiz, die Niederlande, Skandinavien, Belgien, Frankreich, auch Spanien
und Portugal umfasst und sich über die österreichisch-ungarische
Monarchie hinweg bis nach Rumänien, Bulgarien und die Türkei
erstreckt"; oder die Sehnsucht von Baron Ludwig von Falkenhausen, „den
großen und geschlossenen Wirtschaftsblöcken der Vereinigten
Staaten, Englands und Russlands mit einer ebenbürtigen und ökonomisch
starken Macht zu begegnen, die alle europäischen Staaten repräsentiert
[...] und zwar unter der Führung Deutschlands ...
Das kam dann aber, mit leichten Retuschen, erst zwei Weltkriege später.
Die Skizzen von Fergusons Kollegen schildern dann England und Europa
unter Hitlers Herrschaft, eine Welt ohne den Kalten Krieg, das Schicksal
eines nicht ermordeten Präsidenten Kennedy und „Das Jahr 1989 ohne
Gorbatschow". Diese Beiträge lesen sich immer noch gut, fallen aber
gegenüber Fergusons „Europäischer Union" etwas ab, da sie zum
großen Teil nur das, was an einer Stelle wirklich geschehen ist,
die Judenverfolgung zum Beispiel, auf einen anderen Ort übertragen.
Dabei wird Tatsächliches also nur umgetopft und fortgeschrieben.
Schon auf dem halben Weg durch das Buch fällt dann aber eine ungewöhnliche
Dichte der Übersetzung auf, die nicht ausschließlich duch die
Faktenfülle der Autoren bedingt ist. Ist man von angelsächsischer
Wissenschaftsprosa nicht einen leserfreundlicheren Duktus gewöhnt?
Er fehlt hier völlig. Irgendwann verdächtigt man den Übersetzer,
der hier notfalls (und der Notfall ist seitenweise gegeben) mit leichterer
Hand hätte bearbeiten müssen, die intrikate Syntax lockern, Verschachtelungen
auflösen, zu lange Sätze aufteilen.
Unmut tritt jedoch bei offenkundigen Fehlern ein. Man mag ja noch übersehen,
daß Rundstedt durchgehend „Runstedt" heißt (auch im Personenregister).
Stutzig macht es ein paar Seiten weiter, daß das Schimpfwort der
Guernsay-Insulaner für die Jerseyaner, „crapaud" nicht einfach mit
„Kröte" übersetzt wird, sondern abwegig so: „[etwa: Geschwür.
Anm. d. Übs.]". Jetzt wird man mißtrauisch. Es überrascht
dann schon nicht mehr, daß das britische „MI 5" als „M 15" wiedergegeben
wird, wie in schlechten Spionageromanen. Auch daß sowohl Lektorat
und Übersetzer den blanken Unsinn, eine pure Erfindung wie „Reichs-Hauptsturmabteilung
(RHSA)" mehrmals durchgehen ließen - mein Gott ja, sie wissens halt
nicht besser (arg peinlich trotzdem in einem Geschichtswerk, besonders
wenn in einem anderen Beitrag das zutreffende RSHA vorkommt, das „Reichssicherheitshauptamt").
Schlimmer ist es schon, daß dem Übersetzer der Unterschied zwischen
dem im Kontext falschen „könnten beherbergt haben" und dem richtigen
„hätten beherbergen können" verschlossen bleibt. Nebenbei müßte
ihm mal einer sagen, daß der Plural von „Muslim" nicht „Muslimen"
ist. Und daß er dem Leser zuliebe eine Abkürzung wie NSAM gefälligst
auflösen muß, speziell wenn lange vorher von einem unabgekürzten
„National Security Action Memorandum" die Rede war. Und daß er sich
bei der Umschrift russischer Wörter in den Anmerkungen disziplinieren
sollte, also nicht einmal „Wnutrennikh" und gleich danach „Wnutrennych".
Mit dem Ausdruck „reptile press" kann er, weil er offenbar nie was
von Bismarck gehört hat, gar nichts anfangen; er läßt ihn
einfach unübersetzt stehen.
Jetzt aber die beiden dicksten Hämmer. Auf Seite 340 ist von einem
Haushaltsdefizit der USA in Höhe von „einer Trillion Dollar" die Rede.
So ein Defizit kriegen sämtliche Industriestaaten, selbst wenn sie
zusammenlegen, nicht zustande. Eine englische Trillion ist halt immer noch
eine deutsche Billion.
Die schlimmste Leserderdummung ist jedoch die aufwendige „Anm. d. Übs."
zum Begriff COMECON, Seite 394. Da steht, das COMECON sei „sozusagen das
osteuropäische Gegenstück zum westeuropäischen Rat für
gegenseitige Wirtschaftshilfe." Ein kurzer Blick in ein Taschenlexikon,
wenn ers schon nicht weiß, hätte dem Übersetzer gezeigt,
daß COMECON und der „Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe"
identisch sind, ein und dasselbe. Einen derartigen „westeuropäischen
‘Rat ...'" hat es nie gegeben.
Spätestens an dieser Stelle legt man das Buch verärgert aus
der Hand. Und erinnert sich nur noch wehmütig an den Lesegenuß
des Anfangs.
Louise Lasalle: |
Niall Ferguson (Hrsg.)
Virtuelle Geschichte. Historische Alternativen
im 20. Jahrhundert
Primus Verlag, Darmstadt 1999
14,8 x 22,5 cm, 410 Seiten
58,-- DM, 423 öS, 52,50 sFr
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