Die
Gazette Nr. 13, April 1999:
Kommentar
Nicht Fisch, nicht Fleisch
vom Markus Kubelka
Kaum hat Hanjo Seißler in der März-Gazette
die „schamlose Selbstbestäubung" der Medien im Fall „Late Show" beschrieben,
da entdeckt - eine Woche danach - der SPIEGEL das Thema „Inzucht" ebenfalls
(„Die Show ist die Show ist die Show"). Kaum steht da in Der Gazette: „Der
[Witz] allerdings ist nicht dem bayerischen Drehbuchautor und Regisseur
Dietl eingefallen, der entspricht der Wirklichkeit. ... Dietls Filme
sind Sedativa, weil sie bei Zuschauerinnen und Zuschauern bewußt
den Eindruck erwecken, es handle sich dort, wo schmuddeligste Wirklichkeit
abgebildet wird, um Satire", schon schreibt der SPIEGEL nach: „Die wahre
Satire beginnt, wo Dietls Film ‘Late Show' aufhört. Die Wirklichkeit
ist viel krasser als jedes Drehbuch."
Ohne mit einer Silbe auf den Autor Seißler oder Die Gazette hinzuweisen.
Aber so geschickt, daß es - knapp - für eine Plagiatsklage nicht
reicht.
Bleibt das Magazin dann wenigstens bei seiner wie immer sekundären
Angrifflust? Ach wo. Eine Woche später bekommt der allgegenwärtige
Schauspieler, Talkmaster und und Talkshowgast Gottschalk sein Interview
und darf sich in unbeschädigter Liebenswürdigkeit darüber
verbreiten, daß dieser obszöne Ringelreihen doch gar nicht schlimm
war, vielleicht irgendwie bißl viel gegenseitige Zufriedenstellung
und Anmache, das schon, aber die Presse soll doch nicht übertreiben.
Bei so viel Nettigkeit ist überhaupt nicht zu verstehen, warum Gottschalk
gleich eingangs feierlich verspricht, hier das letzte Mal zum Film zu sprechen.
Hat er etwa doch ein schlechtes Gewissen? Aber nicht er, wer spricht dann
überhaupt noch von dem Film? Heute jedenfalls, drei Wochen danach,
keiner mehr. Der offenbar verkannte Meisterwerk ist schon nicht mehr in
den großen Kinos.
So, und jetzt die Rolle rückwärts. Der letzte SPIEGEL hält
uns Jerry Springers amerikanische Brüll- und Prügel-Show vors
Gesicht und kann sich gar nicht wieder einkriegen vor wohlformuliertem
Abscheu (bildet dann aber auch die zum hochaktuellen Show-Thema „Ich weigere
mich, Kleider zu tragen" offensichtlich unverzichtbare Nackte frontal ab,
appetitlich). Eine ganz, ganz scharfe Medienkritik ist das.
Und sofort wieder eine Rolle rückwärts. Im gleichen Heft
dürfen wir anhand der Leichenbücher der Berliner Charité,
die zu „Annalen des Todes" hochgetönt werden, beim Aufschneiden und
Zersägen berühmter Leichen dabei sein. „Eine schaurige Geschichte":
„Manche wurden zerquetscht, erwürgt, von Polizisten zu Tode gefoltert,
erhängt, zerteilt, vergiftet oder verbrannt", wie das Leben so spielt
halt. Voyeurismus? Aber nicht doch. Es ist, daß wir uns richtig verstehen,
ein „Kaleidoskop der Zeitgeschichte". Direkt schade, daß man die
aufgeschnittenen Toten nicht als Vorlage für eine History-Soap hernehmen
kann, „Leichen pflastern das Jahrhundert" oder so. Aber womöglich
ist das ja längst in Arbeit.
Was also will der SPIEGEL eigentlich? Eine menschlichere Medienlandschaft?
Oder doch lieber TV-Schlägereien mit Schmuddeltalk? Nachdenken oder
alte Leichen nochmal zersägen? Ich weiß es nicht.
Wahrscheinlich weiß er es selber nicht.