Die
Gazette Nr. 13, April 1999:
Interview mit Anne Rose Katz, Journalistin und Buchautorin
Sie sind seit Beginn Ihrer Berufstätigkeit freie Journalistin.
Wie kam es dazu?
Als ich anfing zu schreiben, war ich noch sehr jung und machte ich
mir überhaupt keine Gedanken darüber, ob es Freie oder Angestellte
gibt. Ich habe halt geschrieben, und es wurde gedruckt. Während des
Krieges wurden dann alle unsere älteren Kollegen eingezogen, und wir
waren eine tolle Mannschaft, also eine Frauschaft eher.
Dann kam das Kriegsende, eine völlig zeitungslose Zeit, und wir
haben, als es sie wieder gab, immer noch geschrieben und geschrieben. Nun
aber kamen unsere armen, geschlagenen Kollegen, die vergeblich die Heimat
verteidigt hatten, in gewendeten Wehrmachtsmänteln nach Hause: Ist
doch klar, daß man denen jetzt die Plätze räumen mußte!
Das klingt ein wenig ironisch.
So meine ich das auch. Wir Frauen saßen dann wieder rum und mußten
schon froh sein, wenn man uns ab und zu ein bißchen was reinschreiben
ließ. Wenn ich das so höre zur Zeit: „Zeugen des Jahrhunderts",
dann ist da fast nie eine Frau darunter. Immer nur wird nach den Funktionären
gefragt, den Geschlagenen - nach Männern. Was Frauen in der Kriegszeit
und danach getan haben, höre ich viel zu selten.
Hat sich das nicht spätestens mit den 68er Jahren geändert?
Zu der Zeit, da war ich schon etwas älter, studierte ich Theaterwissenschaft,
Kunstgeschichte und Germanistik, was eben eine interessierte höhere
Tochter so studiert. Also hier die authentische weibliche Version der 68er
Jahre. Wie hieß das denn damals „Wer zweimal mit derselben pennt
..."! Von „zweimal demselben" steht nichts in diesem Spruch. Oben auf dem
Podium saßen unsere Genossen und machten eifrig Papers. Wir Frauen
saßen unten und haben geklatscht. Einmal kommt einer runter und keift
seine Frau an, die aus demselben Oberseminar war: „Sag mal, haste denn
wenigstens heute Brot gekauft?" So habe ich die 68er erlebt. Gut - es gab
plötzlich eine sexuelle Freiheit, bei der jeder Mann sich auf jedes
Mädchen stürzen durfte, ja mußte, und die Mädchen
hielten das dann auch schon für eine Art Freiheit. Das Ganze war aber
eine reine Männersache - Söhne gegen Väter. Dabei habe auch
ich das Rektorat besetzt, allerdings im Seiden-Complet und mit Ohrringen,
weil ich danach in die Premiere der „Zauberflöte" mußte, um
darüber zu schreiben.
Nach dem Studium waren sie dann nicht nur als Journalistin bekannt,
sondern dazu auch akademisch kompetent.
Das hat überhaupt niemanden interessiert. Der Feuilletonchef der
SZ, den ich noch aus dem Hessischen Rundfunk kannte, Joachim Kaiser, sagte
mir: „Aber Kätzchen! Warum machen Sie das denn? Das Studium nützt
Ihnen doch nichts! Sie erwarten jetzt doch nicht, daß ich etwas für
Sie tue?"
Sie sind dann aber doch bei der SZ gelandet.
Was heißt „gelandet"? Als Freie mit einem kleinen Fixum, übernommen
wurde ich nie. Ursprünglich habe ich meine Fernsehkritiken immer nachts
geschrieben, wenn das Programm meistens zu Ende war, und den Text dann
durchtelefoniert. Wie die großen Theaterkritiker, Kerr hat das auch
so gemacht. Redaktionsschluß war damals erst um zwei oder drei Uhr
morgens. Und am nächsten Morgen stand die Kritik in der Zeitung. Das
hat später die Gewerkschaft der Setzer gekippt, die keine Nachtarbeit
mehr zulassen wollte. Seitdem gibt es die aktuelle Morgenkritik nicht mehr.
Übrigens, da das Fernsehen noch nicht aufzeichnen konnte, haben aus
der Zeit nur unsere Kritiken überlebt.
Als die ursprüngliche SZ-Rdaktion noch da war, ging alles gut,
das war eine kollegiale, kompetente Einheit. Die freuten sich über
etwas, das gut geschrieben war. Später aber wurde in meinen Fernsehkritiken
immer nur rumgestochert.
Wissen Sie, warum die Neuen Ihre Texte beschnitten haben?
Zum großen Teil waren sie einfach zu ungebildet. Als ich mal
in einer Kritik den lateinischen Ausdruck „Cui bono" verwendete, sagte
mir der Redakteur: „Frau Katz, Lateinisch kann ich nicht, aber sehr gut
Englisch!" Damit war im Grunde mein Ende bei dieser Zeitung schon besiegelt.
Andere hat man ja fast noch schlimmer behandelt. Nehmen Sie Ursula von
Kardorff: eine angesehene Journalistin, schrieb über die Nürnberger
Prozesse, dann politische Kommentare in der SZ und hatte in der Abendzeitung
ihre Kolumne. Aber dann war Ursula eines Tages eben auch älter - und
wurde einfach abgehalftert. Man hat sie benutzt und fallengelassen. Als
sie dann gestorben war, hat der Chef auf Seite 3 selbst gekocht, ein Sterbemenü
in vier Gängen: diese sprachgewandte, kluge, ja politische Frau -
fabelhaft!
Sie müssen wissen: Das klassische Hohe Paar in unserer Kultur
sind der alte Mann und der junge Mann, seit der Antike. Das ist jetzt nicht
homoerotisch gemeint. Sie können in jede Organisation hineinschauen:
Da ist der Chef, und der hat einen Jungen, den er sich nach seinem Bilde
heranzieht.
Und da paßten Sie nicht ins Bild.
Wissen Sie, zur alten SZ-Mannschaft, die schon da war, gehörte
ich nicht. Und zu den neuen Jungen erst recht nicht. Joachim Kaiser hat
mich einmal angerufen, auf dem Anrufbeantworter: „Also Kätzchen, was
Sie da über den TV-Lohengrin geschrieben haben, das schreibt Ihnen
keiner nach." Aber hat er mich deshalb je bei sich im Feuilleton schreiben
lassen? Nein.
Wie kam vor etwa zwei Jahren Ihr Abschied von der SZ zustande?
An einem Freitagmittag rief mich der Ressortleiter zu Hause an, er
müßte mich unter vier Augen sprechen. Er kam rüber, setzte
sich auf den Stuhl, auf dem ich jetzt sitze, und sagte etwa folgendes:
„Frau Katz, um es kurz zu machen: Ich kündige Sie. Und zwar aus zwei
Gründen: 1. Ihr Stil ist nicht akzeptabel. 2. haben Sie den falschen
Kulturbegriff." Und es sei doch jetzt wohl besser, ich würde aufhören.
Da gab es nicht mehr viel zu sagen, und er ist gegangen.
Der Chefredakteur bot mir noch an, ich könnte selbstverständlich
immer mal wieder für das Blatt schreiben. Zu welchen Bedingungen,
fragte ich. „Auf Zeile", sagte er. Ich: „Wie vor 21 Jahren". Er: „Ja."
Und dann sagte er noch: „Liebe Frau Kollegin, Sie können sicher sein:
Wir sind diskret." Ich: „Lieber Herr Dr., Sie können sicher sein,
ich bin indiskret, und die halbe Stadt weiß es sowieso schon."
Was war damit gemeint: ein unakzeptabler Stil?
Ich war denen zu gebildet. In der Wochenend-Beilage dürfen Sie
schon mal auch ein griechisches Wort in griechischen Buchstaben haben,
aber nicht auf der Medienseite. Da dürfen Sie keine Bildung zeigen.
Danach konnte auf der Fernsehseite beinahe jeder was schreiben. Es gab
keine Kontinuität mehr, wie in diesem Medium ja vielleicht auch nicht.
Im übrigen glaube ich, daß die Kündigung keine sehr bewußte
Handlung war; ich habe denen halt nicht mehr in den Kram gepaßt.
Eine allgemeinere Veränderung der Landschaft sozusagen?
Ja. Sie haben doch dasselbe im Theaterbetrieb, wo die alten Regisseure
nicht mehr gefragt sind. Und womöglich ist das ja auch richtig. Man
muß die Szene verjüngen. Da drüben, in den Redaktionen,
sitzen ja gute Leute, wenn auch ohne Lebenserfahrung. Ich will ja auch
nicht immer nur die alten Männer mit den dicken Bäuchen. Nicht
in der Zeitung, und schon gar nicht in der Politik. Andererseits trete
ich ja jetzt auch in Talkshows auf, und zwar als Alte, als gebildete, verrückte,
lebendige Alte.
Ihrer Meinung nach hat also die kulturelle Berichterstattung der
SZ in den letzten Jahren nicht an Niveau verloren?
Sie ist in die Breite gegangen, konsumierbarer geworden. Seltene Spitzenartikel,
einmal im Monat, sind freilich derart high-brow, daß ich gelegentlich
das Wörterbuch brauche. Und wenn man umblättert, steht da was
über den Popstar XY in Tony's Bar. Das Boulevardeske, wenn auch lokalisiert,
ist aber erkennbar. Diese Boulevardsierung sehen sie auch an den kalauernden
Überschriften im Feuilleton. Und ich konstatiere eine ungeheure Ungleichgewichtigkeit;
daß da also auch Leute schreiben können, die kein Wissen und
keinen Stil haben, aber den Zugang. Daneben gibt es aber auch alte Gute
- und neue Gute.
Was haben Sie nun nach Ihrem Weggang geschrieben?
Ich habe einige Artikel von mir über das Alter herangezogen und
zu diesem Thema ein Buch geschrieben, „Die Freiheit der späten Jahre".
Dann bin ich ja auch eine Verteidigerin der Talkshow, zum Leidwesen der
Intelligentsia, weil sie nicht mehr die einzigen sind, die auf dem Bildschirm
erscheinen. Und so habe ich ein zweites Buch geschrieben, „Palaver - das
Lob der freien Rede", in dem ich die Menschen auffordere, über sich
zu reden. Ich kann sagen, beide Bücher verkaufen sich recht gut.
Außerdem bin ich ja noch im Münchner Kulturforum der SPD,
das wir vor fünf, sechs Jahren zusammen mit Christian Ude und Julian
Nida-Rümelin gegründet haben. Und das mache ich ausgesprochen
gern.