Die
Gazette Nr. 13, April 1999:
Bernd Empen
Der ehemalige SS-Schießplatz Hebertshausen in Dachau
Der ehemalige SS-Schießplatz Hebertshausen auf dem Gemeindegebiet von Dachau ist ein bedeutsamer historischer Ort für Bayern, der untrennbar mit den Verbrechen im KZ-Dachau verbunden ist. Der systematische Massenmord an über 4000 sowjetischen Kriegsgefangenen auf dem Schießplatz stellt eines der schlimmsten Verbrechen der Naziherrschaft in Bayern dar, über das bisher wenig geforscht und veröffentlicht worden ist. Entsprechend gering war bisher auch das Wissen um die genauen Vorgänge der sog. "Aussonderungen", wie diese Verbrechen verschleiernd bezeichnet wurden. Auch die bisherige Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Dachau geht nur sehr allgemein auf dieses dunkle Kapitel ein.
Der aktuelle Kenntnisstand
1997 veröffentlichte der Historiker Reinhard Otto aus Lemgo in Nordrhein-Westfalen seine Dissertation über die sog. "Aussonderungen" und den Arbeitseinsatz sowjetischer Kriegsgefangener im Reichsgebiet in den Jahren 1941/42. Diese Arbeit ist im Dezember 1998 als Buch unter dem Titel "Wehrmacht, Gestapo und sowjetische Kriegsgefangene im deutschen Reichsgebiet 1941/42" im Oldenbourg-Verlag erschienen. Dank seiner Arbeit wissen wir heute mehr über die Ereignisse auf dem Schießplatz.
Im Juli 1941 wurde der sog. "Kommissarbefehl" auf das deutsche Reichsgebiet
ausgedehnt. Damit wurden aus den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern sog.
"untragbare Elemente" – also Juden, Kommunisten, Angehörige der sowjetischen
Elite und "Aufrührer" – ausgesondert und im nächstgelegenen Konzentrationslager
ermordet. Die Aussonderungen wurden von Sonderkommandos der Gestapo in
den Kriegsgefangenenlagern der Wehrmacht vorgenommen, die dabei sich im
wesentlichen auf Denunzierungen stützten und regelmäßig
Folter anwandten. Die Opfer wurden völkerrechtswidrig von der Wehrmacht
aus der Gefangenschaft entlassen und der Gestapo übergeben, worauf
sie innerhalb weniger Tage getötet wurden. Die meisten "ausgesonderten"
Kriegsgefangenen in Süddeutschland wurden nach Dachau gebracht.
Die in Hebertshausen ermordeten sowjetischen Soldaten kamen überwiegend
aus Gefangenenlagern auf dem Truppenübungsplatz Hammelburg in der
Rhön, wo neben einem Mannschaftslager auch das einzige Lager für
höhere Offiziere eingerichtet war. Von dem Offizierslager wurden 1100
Offiziere nach Dachau gebracht, von den Mannschaftslagern in Hammelburg
und Nürnberg-Langwasser etwa 2000 Personen. Aus dem Wehrkreis Stuttgart
wurden etliche hundert Mann nach Dachau gebracht. Aus dem Wehrkreis
München kamen sowjetische Soldaten aus den Lagern in Memmingen
und Moosburg. Von den in den Gefangenenlagern "Ausgesonderten" hat keiner
überlebt, der nach Dachau gebracht wurde. Ihre Namen durften nach
Anweisung durch die SS-Führung im KZ Dachau nicht in die Lagerliste
aufgenommen werden, sondern nur die Nummern ihrer Erkennungsmarken
notiert werden. So sollte ihre Identifizierung für immer unmöglich
gemacht werden.
Über den Hergang der Morde in Dachau berichtet der Augenzeuge Josef
Thora bei seiner Vernehmung vor dem Landgericht Nürnberg im Jahre
1950. Er hatte sich als Dolmetscher des Kriegsgefangenenlagers Moosburg
freiwillig als Begleiter eines Transportes mit "Ausgesonderten" gemeldet,
um zu erfahren, was mit ihnen in Dachau geschah. Er schildert seine Erlebnisse
so:
"In eine der Schießfluchten (des Schießplatzes Hebertshausen)
fuhren die LKW mit den russsischen Kriegsgefangenen rückwärts
hinein. Die Kriegsgefangenen mußten aus den LKWs herausspringen und
sich in der Flucht in der Reihe von 5 Personen aufstellen. Darauf wurde
die Anordnung gegeben, daß sich alle Kriegsgefangenen nackt ausziehen
mußten. Auf den Wällen standen einige SS-Soldaten mit bereitgestelltem
Maschinengewehr.
Die russischen Kriegsgefangenen merkten in dem Zeitpunkt, wo sie sich
entkleiden mußten, was mit ihnen geschehen sollte. Die Reaktion darauf
war bei ihnen sehr verschieden. Eine Anzahl führte den Befehl schweigend
aus und stand wie gelähmt dort, andere sträubten sich, fingen
an zu weinen und zu schreien, riefen vor allem nach mir als dem Dolmetscher.
Ich sollte den SS-Leuten verdeutschen, daß sie Gegner des Bolschewismus
seien, daß sie Mitglieder der russischen Kirche seien. Zum Beweis
dafür zeigten sie mir das auf ihrer Brust hängende russische
Kreuz. Da ich natürlich nichts ausrichten konnte, entfernte ich mich
in eine andere Ecke des Schießplatzes. Nach kurzer Zeit begann die
Exekution der Kriegsgefangenen. Eine Gruppe von 5 SS-Leuten faßte
je einen Kriegsgefangenen bei der Hand und führte diesen im Laufschritt
aus der einen Schießflucht in die andere hinein, um sie an die im
vorderen Teil der Schießflucht befindlichen etwa 1 m hohen Holzpflöcke
anzubinden. Hierfür waren offenbar eigene Vorrichtungen getroffen,
denn das ging sehr schnell. Darauf entfernten sich die SS- Leute und es
stellte sich in einer Entfernung von etwa 15 m eine Gruppe von meines Wissens
20 bewaffneten SS-Leuten auf. Auf ein Kommando feuerte jeder dieser SS-Leute
einen Schuß ab. Ein großer Teil der 5 Gefangenen sank sofort,
aber langsam zu Boden. Wenn noch einer stehenblieb, lief der Leiter des
Kommandos nach vorne und gab dem betreffenden Gefangenen einen Genickschuß.
Dann trat das Exekutionskommando beiseite und es fuhr eine weitere Gruppe
von SS-Leuten zu den erschossenen Gefangenen, um diese auf einen Rollwagen
zu verladen. Man fuhr dann die Leichen aus der Schießflucht heraus
und warf sie auf einen Haufen."
Nach der bislang herrschenden Meinung der historischen Forschung wurde
vor allem 1941/42 ein großer Teil der sowjetischen Kriegsgefangenen
aus ideologisch bedingter Gleichgültigkeit gegenüber ihrem Schicksal
bzw. der dezidierten Vernichtungsabsicht nicht registriert. Das habe zur
Folge gehabt, daß diese Gefangenen in einem rechtsfreien Raum lebten
und man daher bei ihrem Tod keinerlei Rechenschaft schuldig gewesen sei,
denn in formaler Hinsicht hätten sie überhaupt nicht existiert.
Dementsprechend sei der Tod vieler Rotarmisten nicht vermerkt worden; sie
seien einfach in Massengräbern verscharrt worden, so daß im
Gegensatz zu den Verstorbenen anderer Nationen im Nachhinein ein Nachweis
über ihren Verbleib und ihre Grablage nicht möglich sei. Infolgedessen
ruhe auf den sowjetischen Kriegsgräberstätten in Deutschland
eine unbekannte, auf jeden Fall immens hohe Anzahl von Toten. Für
den Friedhof des Stalag 326 (VI K) Senne beispielsweise nennt der Volksbund
Deutsche Kriegsgräberfürsorge die Zahl von 66 186 Toten, von
ihnen mehr als 65 000 unbekannt.
Die Bestände der Wehrmachtauskunftstelle im Archiv des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation in Podolsk (ZAMO) und in der Deutschen Dienststelle Berlin
Tatsächlich jedoch sind bis auf wenige Ausnahmen sämtliche
sowjetischen Kriegsgefangenen, zumindest soweit sie ins Deutsche Reich
gebracht wurden, mit allen ihren persönlichen und militärischen
Daten (Orte des Arbeitseinsatzes, Krankheiten und Lazarettaufenthalte,
Impfungen, Fluchten, Bestrafungen u. ä.) in den Lagern auf sog. Personalkarten
registriert und in Form von Zugangslisten an die Wehrmachtauskunftstelle
(WASt) in Berlin gemeldet worden. Im Todesfall gingen diese Personalkarten
zusammen mit anderen Unterlagen (z. B. Erkennungsmarken, Sterbefallnachweise,
Abgangslisten usw.) nach Berlin, so daß die WASt jederzeit einen
Überblick über sämtliche verstorbenen Kriegsgefangenen besaß,
auch über die an die SS ausgelieferten Personen, die in Dachau ermordet
wurden.. Diese Unterlagen sowie weitere die Gefangenen betreffende Bestände
wurden 1943 nach Meiningen ausgelagert und 1945 den sowjetischen Truppen
übergeben; seither galten sie als verschollen.
Es ist dem Historiker Dr. Reinhard Otto und Rolf Keller (Niedersächs.
Landeszentrale für politische Bildung) gelungen, diese Karteiunterlagen
aufzufinden; einige Fragmente liegen in der Deutschen Dienststelle in Berlin,
der Nachfolgerin der WASt, der weitaus größte Teil aber im Archiv
des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation in Podolsk
(ZAMO); dieses wurde von den beiden Historikern bei zwei Besuchen
einer ersten Sichtung unterzogen. Dabei stellte sich das Folgende heraus:
- Die Personalkarten der im Reich verstorbenen sowjetischen Soldaten
(ca. 370.000) liegen offensichtlich vollständig in diesem Archiv,
dazu weitere Karteiunterlagen betr. Lazarettaufenthalte, Listen über
Transporte in die bzw. aus den Kriegsgefangenenlager(n) sowie von Verstorbenen.
Hinzu kommt eine gesonderte Kartei von 80.000 Offizieren. Über die
Personalkarten sind auch umfangreiche Überstellungen in die verschiedenen
Konzentrationslager nachweisbar. Die Karteiunterlagen erlauben in jedem
Fall einen genauen Nachweis über den Verbleib eines jeden Gefangenen.
- Diese Unterlagen wurden nach dem Krieg aus ihrer ursprünglichen
Ordnung gerissen und völlig willkürlich zu neuen, jeweils etwa
100 Karteikarten umfassenden Aktenbänden zusammengebunden. Eine Ordnung
etwa nach Lagern oder nach dem Alphabet besteht nicht; die Offizierskartei
ist nach dem russischen Alphabet neu geordnet worden.
- Der Zugriff von russischer Seite ist über eine nach dem Krieg
erstellte Kartothek ausschließlich personenbezogen möglich,
so daß sich eine Suche etwa nach Verstorbenen, die auf einem bestimmten
Friedhof liegen, undurchführbar ist. Eine Übersicht über
den Verbleib von Verstorbenen läßt sich nur erstellen, wenn
der gesamte Bestand systematisch erschlossen wird. Da auf russischer Seite
– wie im übrigen auch auf der deutschen - keinerlei Kenntnis der Wehrmachtbürokratie
vorhanden ist, können Anfragen von Angehörigen sowjetischer vermißter
Soldaten – allein im September 1997 gingen etwa 7000 in Podolsk ein – deswegen
in den meisten Fällen nur unzureichend beantwortet werden.
Die Notwendigkeit der Erschließung der Bestände
Der WASt-Bestand beinhaltet Erkenntnisse zu den sowjetischen Kriegsgefangenen in deutscher Hand in einem bislang unvorstellbaren Umfang. Seine systematische Erschließung erscheint aus politischen, pädagogischen und wissenschaftlichen Gründen unbedingt erforderlich:
Eine Erschließung der Bestände in Berlin und Podolsk ergibt
eine Übersicht über sämtliche im Reich verstorbenen sowjetischen
Soldaten. So, wie die Gedenkstätten an den Orten ehemaliger Konzentrationslager
versuchen, sämtliche Häftlinge zu erfassen, sollte man auch eine
Übersicht über alle verstorbenen sowjetischen Gefangenen erstellen,
um sie nicht noch im Nachhinein wie schon von 1941 – 1945 als Menschen
2. Klasse zu behandeln, bei denen es auf den Einzelnen nicht ankommt. Für
die Erstellung einer solchen Übersicht bestehen insofern gute Voraussetzungen,
als das gesamte Material im wesentlichen an einem Ort vorliegt.
Dadurch läge erstmals eine verläßliche Datenbasis für
die Gedenkstättenarbeit vor. Das ist gerade für diese Orte wichtig,
da sich über die vielen Angaben auf den Personalkarten Schicksale
von Gruppen und Individuen nachvollziehen lassen. Auf diese Art und Weise
gäbe man allen Toten gleichsam die Identität zurück. Die
pädagogische Bedeutung für die Friedenserziehung in den Schulen
liegen auf der Hand.
Möglich wäre dann auch ein konkretes Gedenken vor Ort; daß
daran in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion ein großes Interesse
besteht, zeigt die zunehmende Zahl von Anfragen an die einzelnen Gedenkstätten.
Insofern besteht – nicht nur aus historischen Gründen – eine moralische
Verpflichtung gegenüber den Angehörigen dieser Opfer des nationalsozialistischen
Weltanschauungskrieges.
Eine Erschließung ist auch aus politischen Gründen sehr wünschenswert.
In Gesprächen betonte die russische Seite oft das Interesse an einem
Austausch von Materialien zum Kriegsgefangenenbereich; wichtig sei für
sie vor allem die Kenntnis der Beisetzungsorte sowjetischer Gefangener.
Im Gegenzug sei man bereit, mehr von dem eigenen Material, sei es zu deutschen
Gefangenen in der Sowjetunion, sei es zu denen des eigenen Staates im Deutschen
Reich, zur Verfügung zu stellen, ein Austausch, der an einigen Stellen
in gewissem Umfang bereits angelaufen ist. Hier ein aktives Entgegenkommen
zu zeigen, dürfte sicherlich zu einer weiteren Entspannung des gegenseitigen
Verhältnisses beitragen und damit einer allseits geforderten Friedensarbeit
zuarbeiten.
Schließlich hat sich die Bundesrepublik Deutschland im Abkommen
über die Kriegsgräberfürsorge vom 16.12.1992 verpflichtet,
für die Gräber russischer Kriegstoter auf deutschem Boden Sorge
zu tragen. Die russische Seite hat allem Anschein nach bisher einiges unternommen,
den sich aus diesem Abkommen ergebenden Verpflichtungen nachzukommen; hier
von deutscher Seite eine Gegenleistung vorzuweisen, wäre nicht nur
ein Gebot politischer Weitsicht, sondern auch ein Zeichen der Versöhnung.
Geschichte des SS-Schießplatzes Hebertshausen nach dem Krieg.
Das über 8 ha. große Gelände wurde nach dem Krieg von den amerikanischen Truppen in Besitz genommen und weiter als Schießübungsplatz benutzt. In den fünfziger Jahren wurde das Gelände an den Freistaat Bayern abgegeben und vom Finanzministerium verwaltet. Dessen Absicht war es offensichtlich, den Gedenkort und damit auch die Geschehnisse an diesem Ort in Vergessenheit geraten zu lassen. Denn man ließ im Laufe der Jahrzehnte den Platz dermaßen verwildern, daß er schließlich als "Wildbienenbiotop" unter Naturschutz gestellt werden konnte. Im ehemaligen Wachhaus der SS wurden von der Stadt Dachau Obdachlose einquartiert, die bis heute dort wohnen und die Schießbahnen als Auslauf für ihre Hunde betrachten.
Der 1964 von den ehemaligen Dachau – Häftlingen gestiftete Gedenkstein vor den Kugelfängen wurde von dort entfernt und an einem anderen Ort aufgestellt. Alle Hinweistafeln zum Gelände ließ man beseitigen und die Schießbunker verfallen. Bereits 1966 wandte sich die sowjetische Botschaft mit einem offiziellen Schreiben an das Auswärtige Amt und beklagte vergeblich die Verwahrlosung des ehemaligen Schießplatzes. Das Gedenken an das Geschehen wurde in der Zeit des Kalten Krieges vor allem von kleinen kommunistischen Gruppen wachgehalten. In den achtziger Jahren kamen dann viele Gruppen aus der Friedensbewegung dazu.
Aber
erst 1997 gelang es einer Gruppe engagierter Bürger, diese Politik
des Vergessens und Verdrängens von Seiten der staatlichen Stellen
aufzuhalten. Das Finanzministerium übergab schließlich das Gelände
an das Kultusministerium, welches es in die Obhut der Landeszentrale für
politische Bildungsarbeit gegeben hat. Seitdem wurden als erste Maßnahmen
die Schießbunker vor dem Einsturz bewahrt, indem die Betondecken
abgestützt wurden, einige Bäume wurden gefällt, und vor
allem wurde der 4 Tonnen schwere Gedenkstein wieder an seinen ursprünglichen
Aufstellungsort zurückversetzt.
Geplante Maßnahmen
Für den Gedenkort ehemaliger SS-Schießplatz Hebertshausen
soll versucht werden, die ermordeten Opfer ihrer bisherigen Anonymität
zu entreißen. Dazu dient die Aufarbeitung der Unterlagen des Archivs
in Podolsk.
Parallel zur Archivarbeit soll die angemessene Gestaltung des Schießplatzes
erfolgen, wobei so weit wie möglich die ehemalige Anlage erhalten
bleiben soll. Der Entwurf zur Neugestaltung ist vom Förderverein für
internationale Jugendbegegnung in Dachau e.V. ausgearbeitet worden und
ist vom jetzigen Eigentümer des Geländes, dem Bayerischen Staatsministerium
für Unterricht, Kultus, Wissenschaft und Kunst, übernommen worden,
das auch den Großteil der Kosten übernimmt.
Und als erste Geste der Versöhnung sollen Angehörige von
Opfern im Herbst 1999 nach Dachau eingeladen werden und an einer Begegnungstagung
teilnehmen.