Die Gazette Nr. 12, März 1999:

Leseproben
 
Gebremste Schaulust

Reisende sind Voyeure, und Reise-Schriftsteller sind professionelle Voyeure. Die einen begnügen sich immerhin mit einem vorübergehenden „Ah!", die andern aber schreiben auch noch über das ungefragt Besuchte. Gelegentlich werden Erlebnisdrang und Augenlust allerdings böse frustriert, durch unerwartete Strapazen, Schikanen und andere Zumutungen der Natur oder einer wildgewordenen Behörde. Wenn die Schriftsteller selbst dann noch ihre Reisebeschreibung abgeben, kommt fast immer Großartiges heraus. Jedenfalls, wenn der Autor Angelsachse ist.
Aber zuerst das enthüllend Negative: Diese wundervolle Sammlung knapp mißglückter Reisen zeigt wie im Modell die blinde Unzulänglichkeit der deutschen Erzählliteratur. Natürlich mußten, bei so vielen Engländern und Amerikanern, auch ein paar Deutsche dabei sein. Offenbar fiel dem Herausgeber kein anderer Gegenwartsautor ein als Rolf Dieter Brinkmann, der nun mit einem weinerlich selbstverliebten, gequälten und quälenden Text von bemühter Unoriginalität auftritt (aus „Rom, Blicke"). Immerhin halten Alfred Döblin und Joseph Roth, die ihr Handwerk - das Schreiben für den Leser - noch verstanden, die Reiseerzählung auf hohem Niveau.
Aber was ist das alles neben einem Paul Theroux und seiner Episode aus einer amerikanisch- mexikanischen Grenzstadt? Der kurze Text ist von sprachlichem Glanz und souveräner Menschlichkeit, und spannend ist er obendrein:

Hinter dieser geographisch geprägten Moral steckte aber noch mehr. Wenn die Texaner das Beste von beiden hatten, indem sie verfügten, daß die Fleischtöpfe auf der mexikanischen Seite der internationalen Brücke bleiben sollten - der Strom floß, wie der erratische Verlauf einer schwierigen Debatte, zwischen Tugend und Laster -, so besaßen die Mexikaner den Takt, Boy's Town in den Slums hinter den Eisenbahngleisen zu verstecken; ein weiteres Beispiel für die Geographie von Moral. Überall Abgrenzungen: niemand möchte gern neben einem Bordell wohnen. Und doch existierten beide Städte, weil es Boy's Town gab. Ohne die Huererei und die dunklen Geschäfte hätte Laredo nicht genügend Geld, um die Statue des wild gestikulierenden Patrioten auf der Plaza mit Geranien zu schmücken, geschweige denn, um sich als Basar für Korbwaren und Gitarrenfolklore zu präsentieren - nicht daß irgend jemand nach Nuevo Laredo gefähren wäre, um dort Körbe einzukaufen. Und Laredo braucht die Verruchtheit, damit die eigenen Kirchen immer voll bleiben. Laredo hat den Flugplatz und die Kirchen, Nuevo Laredo die Bordelle und Korbwarenfabriken. Jede Nationalität tendierte offenbar zu Dingen, in denen sie besondere Fähigkeiten besaß. Das war ökonomisch sinnvoll, und es entsprach genau der Theorie des relativen Vorteils, die der berühmte Nationalökonom David Ricardo entwickelt hatte.

Eine so selbstbewußte, perspektivenreiche und (mit einem gefährlich altmodischen Wort:) gebildete Reisebeschreibung erhebt sich über den bloß leidenden Zuschauer und den unbefugten Eindringling, und gewinnt als Text künstlerisches Eigenleben.
Diese Qualität erreichen in dem Sammelband auch die Reiseskizzen von George Orwell, Alberto Manguel, V. S. Naipaul, Evelyn Waugh und einem halben Dutzend anderen.
Zum „rire jaune", einem Lachen, das dem Leser in der Kehle stecken bleibt, erhebt sich der Beitrag von Bruce Chatwin, der in Afrika versehentlich in einen inszenierten Putsch gerät, auch P. J. O'Rourke über „Das unbegreifliche Stück Irland" (1988) oder John Ryles Schilderung einer Reise in den Süd-Sudan. Befreite Heiterkeit dagegen in dem Kapitel von Liam O'Flaherty über eine ideologisch aufgedonnerte Straßenbahnfahrt in Leningrad 1931 („Der Leichnam des Zarismus oder Lügen über Rußland"), ebenso Jonathan Rabans irrwitzig umständlicher Jemen-Besuch („Arabia Demens").
Die älteste Reise-Klage ist von Joseph Roth über das französische Vienne von 1925, die beiden jüngsten, 1991, von Ryszard Kapusinski (Workuta) und Dave Berry (Tokyo). Bis auf Australien sind alle Erdteile in dieser herrlich schwarzen Liste vertreten, Deutschland mit Frankfurt am Main, und zwar einem Besuch im Inferno der Buchmesse.
„Kabinettstücke der Reportage", sagt der Klappentext. Dem ist herzlich, wenn auch neidvoll zuzustimmen. Wir könnten in diesem Land mehr von solcher „kaltblütigen Nonchalance" gebrauchen. Und nicht nur bei Reisekatastrophenberichten.

Lukas Lederer

Hans Magnus Enzensberger (Hrsg.)
Nie wieder. Die schlimmsten Reisen der Welt
Eichborn, Frankfurt am Main 1995
351 Seiten, 12,5 x 21,5 cm 
39,80 DM, 291 öS, 37,- sFr
 

Umschlag Nie wieder