Die
Gazette Nr. 12, März 1999:
Leseproben
| Gebremste Schaulust
Reisende sind Voyeure, und Reise-Schriftsteller sind professionelle
Voyeure. Die einen begnügen sich immerhin mit einem vorübergehenden
„Ah!", die andern aber schreiben auch noch über das ungefragt Besuchte.
Gelegentlich werden Erlebnisdrang und Augenlust allerdings böse frustriert,
durch unerwartete Strapazen, Schikanen und andere Zumutungen der Natur
oder einer wildgewordenen Behörde. Wenn die Schriftsteller selbst
dann noch ihre Reisebeschreibung abgeben, kommt fast immer Großartiges
heraus. Jedenfalls, wenn der Autor Angelsachse ist.
Hinter dieser geographisch geprägten Moral steckte aber noch mehr. Wenn die Texaner das Beste von beiden hatten, indem sie verfügten, daß die Fleischtöpfe auf der mexikanischen Seite der internationalen Brücke bleiben sollten - der Strom floß, wie der erratische Verlauf einer schwierigen Debatte, zwischen Tugend und Laster -, so besaßen die Mexikaner den Takt, Boy's Town in den Slums hinter den Eisenbahngleisen zu verstecken; ein weiteres Beispiel für die Geographie von Moral. Überall Abgrenzungen: niemand möchte gern neben einem Bordell wohnen. Und doch existierten beide Städte, weil es Boy's Town gab. Ohne die Huererei und die dunklen Geschäfte hätte Laredo nicht genügend Geld, um die Statue des wild gestikulierenden Patrioten auf der Plaza mit Geranien zu schmücken, geschweige denn, um sich als Basar für Korbwaren und Gitarrenfolklore zu präsentieren - nicht daß irgend jemand nach Nuevo Laredo gefähren wäre, um dort Körbe einzukaufen. Und Laredo braucht die Verruchtheit, damit die eigenen Kirchen immer voll bleiben. Laredo hat den Flugplatz und die Kirchen, Nuevo Laredo die Bordelle und Korbwarenfabriken. Jede Nationalität tendierte offenbar zu Dingen, in denen sie besondere Fähigkeiten besaß. Das war ökonomisch sinnvoll, und es entsprach genau der Theorie des relativen Vorteils, die der berühmte Nationalökonom David Ricardo entwickelt hatte. Eine so selbstbewußte, perspektivenreiche und (mit einem gefährlich
altmodischen Wort:) gebildete Reisebeschreibung erhebt sich über den
bloß leidenden Zuschauer und den unbefugten Eindringling, und gewinnt
als Text künstlerisches Eigenleben.
Lukas Lederer |
Hans Magnus Enzensberger (Hrsg.)
Nie wieder. Die schlimmsten Reisen der Welt Eichborn, Frankfurt am Main 1995 351 Seiten, 12,5 x 21,5 cm 39,80 DM, 291 öS, 37,- sFr ![]() |