Die Gazette Nr. 12, März 1999:

Kalenderblätter, sozusagen

Seit September und bis zum Juli nächsten Jahres zeigt jede Nummer dieser Zeitschrift eine Art Kalenderblatt, und zwar als Vorabdruck aus dem „Taschenlexikon Goethe" von Friedemann Bedürftig, das im Juli 1999 im Piper Verlag herauskommt. Monatlich bringen wir aus diesem Goethe-Manual einen Artikel, der den Klassiker auch einmal aus andersartiger, nicht-klassischer Perspektive betrachtet.
Als siebtes Stichwort kommt die
 

Poesie

Lebendiges Gefühl der Zustände und Fähigkeit,
es auszudrücken.
Zu Eckermann 11.6.1825


Als »Religion der Jugend« bezeichnete Goethe die Poesie (Maximen und Reflexionen 1303), und etwas davon bewahrte er sich bis zum Ende auch als Poet. Dichtung blieb für ihn ein Geschenk der Eingebung, etwas, das »durch geistigen Willen nicht zu erreichen ist« (zu Eckermann 21.3.1830), das aus dem vollen Herzen strömt (Motto). Dabei grenzt sie Goethe nicht nur von der Wissenschaft ab, sondern auch von der Kunst, weil in der Poesie nichts durch Denken geschehe, sondern allein durch den Genius: »Sie war in der Seele empfangen, als sie zuerst sich regte« (Maximen und Reflexionen 759). Ungeachtet dieser Betonung des intuitiven Charakters der Poesie, von der Goethe zusätzlich Erlebnishaltigkeit verlangte und daß sie »von innen heraus« gestalte, empfahl er allen Dichtern den Erwerb ausgebreiteter Bildung, weil ihnen sonst der Stoff ausgehe und ihre Poesie leer bleibe. Er selbst hielt sich daran in hohem Maße, vor allem seit der Italienischen Reise und der Zusammenarbeit mit Schiller. In der Zeit der Beschäftigung mit dem Orient galt das ganz besonders, und jetzt konzedierte Goethe auch eine Poesie, die den Anlaß nicht nur aus dem eigenen Innern nehme, sondern sich auch von äußeren Impulsen und Mustern anregen lasse. Doch so weit, Regeln für das Dichten aufzustellen, ging Goethe nie. Beispiele wie Gottsched oder Bodmer hatten ihn nachhaltig abgeschreckt, ja er sah in solchem »Fächerwerk« eine Gefahr und einen lächerlichen Wahn, daß Poesie erlernbar sei. Nur die Form, das Wie sei zu üben, und der Poet dürfe sich nicht zu schade sein, bei Meistern in die Lehre zu gehen. Goethe selbst nahm stets dankbar Hilfen an, etwa von W.v. Humboldt, Schiller oder Voß, denn: »Die Form, ob sie schon vorzüglich im Genie liegt, will erkannt, will bedacht sein« (West-östlicher Divan, Noten und Abhandlungen, Eingeschaltetes). Das Wesen aber der Poesie bleibe Geheimnis des Poeten und nur dem Gefühl zugänglich: »Das Schöne kann nicht erkannt, es muß empfunden oder hervorgebracht werden« (Über die bildende Nachahmung des Schönen).

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