Die
Gazette Nr. 12, März 1999:
Gastkolumne
Hanjo Seißler
Das Kartell der toten Fische
Die schrecken vor nichts zurück. Sie haben weder Stil noch Unrechtsbewußtsein. Sie sind „Ein Fliegenschiß, man merkt ihn kaum, im ungeheuren Weltenraum", ums mit dem stracks redenden, längst verblichenen CSU-Bundestagsabgeordneten, dem Vieh- und Gastwirt Franz Xaver Unertl, zu sagen. Aber - sie sind durchdrungen vom Gefühl, bedeutend zu sein. Dienmut? Mut, dienen zu wollen? Demut - die dem Hochmut und der Selbstüberhebung entgegenstehende Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit - ist ihnen völlig fremd. Ganz zu schweigen vom Mut, von Anmut, von Sanftmut und von Gemüt. Nein, mit Tapferkeit, Kühnheit, Geduld und Aufmerksamkeit - Aufmerksamkeit, die anderen gehört - haben die nichts am Hut. Sie sind Selbstbestäuber. Schamlose Selbstbestäuber. Eitelkeit, Geld und Macht sind ihre Antriebskräfte. Sie fassen Empfindsamen ganz besonders dann ans Sonnengeflecht, wenn sie so tun, als sei alles Irdische von ihnen abgefallen; ihre Auftritte und Abgänge, ihre Mimik und Gestik, ihre Reden und Schweigen, ihr Tun und Lassen aber penetrant signalisieren: „Schaut her, ich bin's", „Ich bin ein zweiter Salomo" und „Ja, das alles auf Ehr', das kann ich und noch mehr". Sie tun so, als seien sie bei der Erfindung des tiefen Tellers in der Nähe gewesen, dabei haben sie Mühe, aus der Schnabeltasse zu trinken.
Sie heißen Thomas Gottschalk, Sabine Christiansen, Harald Schmidt, Jürgen Fliege, Hans Meiser, Alfred Biolek, Maria von Welser, Giovanni di Lorenzo, Nina Ruge, Helmut Dietl, Herbert Riehl-Heyse. Die Reihen- und Rangfolge ist beliebig. Die Liste ist nicht vollständig. Sie sind eine verschworene Clique, in der jeder jeden hält. Sie betreiben ein Netzwerk, das einem Stützstrumpf ähnelt. Sie bilden ein Verbundsystem, in das aufgenommen zu werden voraussetzt, daß die Visage der Masse so bekannt ist, daß jeder Alzheimerkranke sie jederzeit wiedererkennt. Sie halten einander für prominent, obwohl sie allenfalls populär sind. Sie sind feige, weil sie sich Opfer suchen; keine Gegner. Sie sind wie tote Fische: Sie schwimmen mit dem Strom. Sie laden sich fortwährend gegenseitig ein und jubeln sich bei diesen Gelegenheiten gegenseitig hoch.
Helmut Dietl zum Beispiel. Der macht keine Filme, die ihm in den Sinn kommen. Der dreht Streifen so, wie der Heinrich-Bauer-Verlag in Hamburg Zeitschriften produziert: Die Marktforschung findet heraus, was einer Mehrheit gefällt; die Marktforschung gibt vor, wie das Endprodukt auszusehen hat. Wobei zuzugeben ist, daß das, was bei Dietl „hinten rauskommt", nicht ohne Witz ist. Der allerdings ist nicht dem bayerischen Drehbuchautor und Regisseur Dietl eingefallen, der entspricht der Wirklichkeit. Mehr noch: Er bleibt in aller Regel hinter den Tatsachen zurück. Dietls Filme sind Sedativa, weil sie bei Zuschauerinnen und Zuschauern bewußt den Eindruck erwecken, es handle sich dort, wo schmuddeligste Wirklichkeit abgebildet wird, um Satire.
Ein Stück von dieser Wirklichkeit ist, daß die Filme des Bayern schon zu einer Zeit über den grünen Klee gelobt werden, zu der kein Kritiker sich davon hat ein Bild machen dürfen. Wirklichkeit ist ebenso, daß Figuren als Darsteller verpflichtet werden, die dafür sorgen, daß wochenlang tagtäglich die Spalten von Zeitungen und Zeitschriften, die Sendeplätze in Radio und Fernsehen mit Berichten über sie gefüllt werden. „Late Show" ist das neueste und lauteste Exempel dieser Vetterleswirtschaft. Die Darstellerinnen Veronika Ferres und Jasmin Tabatabai und der Regisseur Helmut Dietl bei Harald Schmidt. Der Regisseur Helmut Dietl bei Nina Ruge. Die Darsteller Harald Schmidt und Veronika Ferres sowie Regisseur Helmut Dietl beim Darsteller Thomas Gottschalk. Die Darsteller Gaby Dohm und Thomas Gottschalk beim Selbstdarsteller Alfred Biolek. Der macht ganz nebenbei noch für eine von ihm produzierte und moderierte Freß-Sendung Reklame, für die er gleichfalls von einer Reihe von Sponsoren in Sachen Product Placement Geld kassiert. Nicht zu vergessen die Kochbücher, die dem TV- Volk von ihm auf billigste Weise angeboten werden.
Die in München ansässige Seichtschreiberin Amelie Fried, die für Radio Bremen die Talkshow „Drei nach Neun" moderiert, braucht ganz sicher ein Zubrot. Das könnte sich aus dem Verfilmen eines ihrer Stoffe ergeben. Die Folge: Helmut Dietl talgt in Radio Bremen. Neben ihm sitzt - wie von ungefähr - der aus dem stockkatholischen Altötting stammende, in München arbeitende Großschreiber Herbert Riehl-Heyse. Der läßt sich, ohne mit der Wimper zu zucken, von seinem ehemaligen Kollegen bei der Süddeutschen Zeitung, dem jetzigen Chefredakteur des Tagesspiegel, Giovanni di Lorenzo - früher einmal waren Hauptschriftleiter mit dem, was sie an „ihrer" Zeitung oder Zeitschrift zu tun hatten, reichlich ausgelastet - als „Edelfeder" vorstellen. Und findet ganz und gar nichts dabei, sein neuestes Buch in den höchsten Tönen zu lobpreisen. Und das, obwohl er sich unmittelbar zuvor in dem Blatt, dessen „leitender Redakteur" er ist, über die unverfrorene Reklame, die die Filmfritzen inzestuös miteinander getrieben hatten, ereiferte.
„Ach, du mein Vaterland - Gemischte Erinnerungen an 50 Jahre Bundesrepublik" ist eins jener Bücher, die - wie Riehls davor veröffentlichte - gern an Geburtstagen, zu Parteijubiläen, bei Empfängen, kurzum anläßlich von Veranstaltungen vergeben werden, zu denen selbst Phantasievollen absolut nichts Besseres einfällt, das sie schenken könnten. Es gehört zu jenem Schrifttum, bei dem sich Naturfreunde fragen, ob dafür wirklich Bäume gefällt werden mußten. Einerlei, Riehl ist dabei. Er ist stets dabei, wenn's darum geht, so zu tun, als habe er die Mächtigen kritisch im Auge. Pustekuchen. Er hat noch immer am Tisch derer Platz genommen, die die Fäden in der Hand halten und zu sagen haben. Ganz ähnlich seinem Ex- Kollegen, dem heutigen Bayern-Korrespondenten der Welt, Hannes Burger.
Burger schreibt, nebenbei bemerkt, den Text für „Predigten", die auf dem bierseligen Nockherberg beim Anstich des Starkbieres einer Münchener Brauerei gehalten werden. Die sollen den Machtinhabern wehtun. Tatsächlich sitzt der Autor mitten unter den angeblich „Derbleckten" und erhebt sich nach jeder noch so flauen Pointe, um sich lachend, nach allen Seiten grüßend, zu verbeugen. Ganz genauso wie Burgers Löcken wider den Stachel sieht das Engagement der anderen „Edelfeder" aus.
Herbert Riehl-Heyse bräuchte einen Pullover aus der Hand seiner thüringischen Ehefrau, auf dem brüstig geschrieben stehen müßte: „Ich habe Abitur und - Jus studiert." Denn: Selten hat ein Mensch - außer Franz Josef Strauß - so häufig betont, daß er eine höhere und eine hohe Schulbildung hat. Hinten sollte der Zusatz „Und ich bin katholisch - bayerisch katholisch" die Strickware zieren. Irgendwo könnte überdies erwähnt werden, daß er unablässig fürs Blatt, das den Bayern die Welt erläutert, staatstragende Leitartikel verfaßt. Mehr hat der Faltenwerfer nicht mitzuteilen. Was er vorn aufstellt, um es zu „watschen", das wird hinten in den Arm genommen und gestreichelt. Die Tatsache, daß er als stellvertretender Chefredakteur in Hamburg innerhalb kürzester Zeit versagt hat, diese Tatsache hat er mit Hilfe des von ihm verfaßten, denunziatorischen Buches „Bestellte Wahrheiten" nach der Methode, mit der sich der Fuchs den Verzehr von Weintrauben vergällte, verdrängt.
Irgendwann sitzt jeder von ihnen auf irgendeiner Couch irgendeines anderen. Da werden sie einander auf die Schultern klopfen und dem Publikum versichern, sie seien - jede und jeder - schön, klug, bescheiden und unverzichtbar. Chefredakteure von Printmedien laden als TV- Moderatoren Fernsehgrößen ein, Bildschirm-Matadore rufen die Schriftleiter von Druckerzeugnissen vor die Kamera. In Zeitschriften erscheinen „home-stories" über Mitglieder der plaudernden elektronischen Zunft. Zeitungen berichten, wann welche TV- Belanglosigkeit wo, mit wem und weshalb ein scharf eingebrautes Mineralwasser verzehrt hat. Eine Krähe wäscht die andere. Mittlerweils „promotet" selbst der witziggescheite Götz Alsmann Randerscheinungen wie Bärbel Schäfer. Alles ist beliebig. Alles ist flüchtig. „Alles versendet sich!" Alles ist Hekuba. Alles dient einzig und allein denen, die sich gegenseitig bedienen. All das muß irgendwann ein Ende haben.