Die Gazette Nr. 12, März 1999:
 
 
Zum hoffentlich letzten Mal: Monica L.

Das nicht von allen erwartete Buch der Praktikantin kommt jetzt endgültig am 5. März heraus, gab der Verlag Michael O'Mara bekannt. Beim Schreiben sozusagen die Hand geführt hat ihr Andrew Morton, der sich durch seine Prinzessin-Diana-Biographie einen leidlichen Namen gemacht und die Autorin in den Verlag eingebracht hat. Angeblich hat die Autorin dem Verlag nicht „for the money" zugesagt: Woanders hätte sie erheblich mehr einstecken können (das Geld für die 1,2 Millionen Dollar Anwaltsschulden muß sie jetzt durch TV-Interviews zusammenkriegen).
Der Buchtitel lautet „Monica's Story". Man kennt sie. Im März kommt die Autorin übrigens zur Promotion ihres Buches auch nach Europa.
Eine ganz andere Story bietet Senator Schippers im vergangenen Impeachment. Er, als 
Republikaner und also Clinton-Ankläger, brachte nicht nur seine Frau in den Zuschauerraum mit, sondern gleichzeitig auch seine Ex-Geliebte Nancy Ruggero. 

„In jedem Beruf", so der vielseitige Senator in einem Interview im September 1998, „sollte es moralische Obertöne geben Die Regeln sind die Regeln sind die Regeln." Und Ehebruch, jawohl, sei eine Todsünde. 
Schippers gehört einem päpstlichen Ritterorden mit nur wenigen hundert Mitgliedern an. Er ist katholisch und hat zehn Kinder. Mehr kann man von staatstragender Hypokrisie nicht verlangen.
 

Taslima wieder auf der Flucht

Vor einigen Wochen, nach erneuten Mordrohungen, hat die Schriftstellerin Taslima Nasreen Bangladesch erneut verlassen und ist in ihr schwedisches Exil zurückgekehrt. 
Bis dahin stand sie in ihrem Land unter Polizeischutz, nachdem ein islamischer Fundamentalist festgenommen worden war, bei dem eine Liste zu ermordernder Personen gefunden wurde. Tasliam stand ebenfalls aus der Liste. Der Festgenommene wird angeklagt, einen in Bangladesch bekannten Dichter tätlich angegriffen zu haben. Die Stimmung gegen Taslima ist aufgebracht: Zu Hunderten strömten die aufgebrachten Muslims durch die Straßen und verlangten Taslimas Tod.

Die Fatwah der islamistischen Fanatiker hat sich die Schriftstellerin durch ihr Eintreten für Toleranz und mehr Frauenrechte zugezogen.
 

Gott ist endlich eine Frau

Ein großer Schritt für die britische Methodistenkirche: In ihrem neuen Gesang- und Gebetbuch hat Gott eine Geschlechtsumwandlung erfahren. Er ist jetzt eine Frau. Das heißt, er ist immerhin auch eine Frau. An einer Stelle wird er sogar als „Unser Vater und unsere Mutter" angesprochen.
Die Arbeit an den neuen Buch hat acht Jahre gedauert und fünfzehn Experten in Anspruch genommen, die sich dreißigmal zu der Überarbeitung getroffen haben. Sie weisen darauf hin, daß selbst einige englische Theologen des Mittelalters, etwa Julian von Norwich, Gott als „Mutter" angesprochen hätten, von einschlägigen alttestamentarischen Bibelstellen ganz abgesehen.
Immerhin stellen sie auch fest, daß Gott nach der traditionellen Doktrin geschlechtslos ist. 
 

Unter Aufsicht von CNN

Der Nachrichtensender CNN läßt einen Roman schreiben: im Internet, über den Kalten Krieg, von jedem, der mitmachen will.
Die Regeln sind einfach: Man schickt sein siebenhundertfünfzig bis neunhundert Wörter langes Kapitel an CNN (aber bitte nur E-Mail, Briefe kommen in den Papierkorb, und nur auf Englisch), CNN sucht die besten heraus, redigiert sie und stellt sie wöchentlich ins Netz. Die Leser bestimmen danach den Wochen-Sieger. Wer etwas unter dem Namen John le Carré oder so einsendet, ist aus dem Geschäft.
Ausführlich listet CNN die Rechte auf, die der Sender, honorarfrei natürlich, an den Texten erwirbt: Er kann sie in jeder denkbaren Weise verwerten und zweitverwerten, weltweit und für alle Zeiten. Der Einsender stellt CNN von allen möglichen Schadensersatzforderung und ähnlichen Klagen frei.
Und CNN hat das Recht, den Fortsetzunngsroman nach eigenem Gutdünken jederzeit zu beenden.
Ist das jetzt Ausbeutung oder Literaturförderung? Oder bloß der übliche Medienbetrieb?
 

Mogeletikett

Bei seiner Autobiographie „Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939-1945" hat der Autor, der Schweizer Binjamin Wilkomirski, vemutlich doch geschwindelt (Die Gazette, Dezember 1998).
In der „Weltwoche" hatte Daniel Ganzfried ihn als Bruno Doesseker enthüllt, der als Bruno Grosjean unehelich in Biel 1941 geboren und dann von dem Ehepaar Doesseker adoptiert wurde. Beweise dafür konnte Ganzfried nicht vorlegen.
Die lieferten jetzt jetzt die Schweizer Behörden. Das Bieler Vormundschaftsgericht teilte am 8. Februar mit, Bruno sei „von Geburt an vormundschaftlich betreut worden, und es habe „aufgrund derselben Aktenlage keine Veranlassung, einen etwaigen Kindstausch anzunehmen".
Der Kindstausch ist keine melodramatische Wucherung der Behördenphantasie. Er ist vielmehr der Grund, den Wilkomirski bisher angab, wenn man auf Widersprüche in seiner Biographie zeigte: Er habe erst viel später, bei seiner Einwanderung in die Schweiz 1948, die Identität des Burno Grosjean übergestülpt bekommen. Aber selbst da kommt ihm das Stadtarchiv Zürich auf die Spur. Wilkomirskis, d.h. Bruno Doessekers Aufenthalt in der Stadt ist für den 7. Juni 1945 nachgewiesen. Der Autor hatte bisher immer darauf bestanden, erst drei Jahre später zum ersten Mal in die Schweit gekommen zu sein.
Er habe, sagte er verschmitzt in einem Interview, seinem Leser immer freigestellt, das Buch „als Literaur oder als persönliches Dokument wahrzunehmen". Klingt wie ein schwacher Advokatenentrick. Es ist aber eine ziemliche Frechheit, den Leser aufzufordern: Finde doch selbst heraus, ob meine historischen Tatsachen gelogen sind oder nicht.
 

Übersetzung auf Eis

Das Buch von Iris Chang „The Rape of Nanking" wird nun doch nicht, wie geplant, in diesem Herbst in Japan erscheinen. Die Übersetzung ins Japanische wurde fürs erste angehalten.
„Übersetzung" ist nicht ganz richtig in diesem Fall. Denn Kashiwa Shobo, der Tokyoter Verlag, möchte gern einige Kapitel von Iris Chang umschreiben. Und Iris Chang wehrt sich dagegen.
Rechtsgerichtete Kreise in Japan behaupten, die Autorin habe sich in ihrer Darstellung der japanischen Kriegsgreuel in Nanking 1937/38 „Übertreibungen" und „Falschdarstellungen" zuschulden kommen lassen. Rechtsextreme Organisationen hatten dem Verlag sogar mit Gewaltmaßnahmen gedroht, falls er das Buch herausbrächte.
 

Ferndiagnose: Mundgeruch

Nicht bloß aus räumlicher, nein, aus der zeitlichen Entfernung von vierhundert Jahren stellte jetzt Professor Mel Rosenberg aus Israel William Shakespeare diese peinliche Diagnose. Auf einem Zahnärzte-Seminar in Stratford-on-Avon teilte er mit, zu Shakespeares Lebzeiten habe es noch keine Zahnpflege gegeben, weshalb der Autor mit Sicherheit an Zahnverfall, Infektionen der Rachenhöhle und Mundgeruch litt. Und alle anderen mit ihm: „Es gab höchstens Mädchen mit wohlriechendem Atem in einer Million."
Der Experte beschäftigt sich schon seit 1982 mit Mundgeruch („eine Goldgrube"), auch historisch durch literarische Quellenforschung. Die früheste Erwähnung hat er in der Genesis gefunden. Seiner Expertenmeinung nach riechen Politiker am schlimmsten aus dem Mund, weil sie dauernd reden und im davon ausgetrockneten Mund die Bakterien von keinem Speichelfluß mehr weggeschafft werden. 
Also: Schweigen ist nicht bloß Gold, es macht auch frischen Atem.
 

Vorsicht, Oklahoma!

Zwei Buchhandlungsangestellte stehen in Tulsa, Oklahoma, vor Gericht. Ihr Verbrechen: Sie haben eine Handvoll Exemplare des Männermagazins Penthouse verkauft. In diesem Bundesstaat jedoch ist das Ding „obszönes Material". Die Höchststrafe beträgt fünfzehn Jahre Gefängnis und fünfundzwanzigtausend Dollar obendrein.
„Ich meine", sagt der Anwalt der beiden, „hier ist die Verfassung in Gefahr. Das sollte jedem zu denken geben."
Die Hauptstadt Oklahoma City sorgt auf besondere Weise für sexuelle Sauberkeit. 1997 marschierte Polizisten von Haus zu Haus und sammelten die Videokassetten der oscar-bedachten deutschen „Blechtrommel"-Verfilmung ein. Begründung: obszön, da Sex mit einem Minderjährigen. Ein Jahr später wurde dann gerichtlich festgestellt, daß der Film doch nicht gegen die geltenden Gesetze verstößt.
Trotzdem geht einem das „Es gibt noch Richter in Oklahoma" nicht flott von der Zunge.
 

Mangelnde Sauberkeit bei Amazon.com

Eigentlich eine gute Nachricht: Der Online-Buchhändler Amazon hat einen schmutzigen Trick versucht und ist damit gescheitert.
Auf seiner Webseite gibt er regelmäßig Buchempfehlungen unter dem vertrauenerweckenden Titel „Was wir gerade lesen". Vor kurzem kam heraus, daß Amazon von einigen Verlagen, die ihre Bücher dort auch gern gesehen hätten, zehntausend Dollar verlangt und bekommen hat. Unter einem Hagel öffentlicher Kritik verordnete sich Amazon jetzt den geordneten Rückzug. Künftig sollen die bezahlten „Empfehlungen" als solche gekennzeichnet werden, indem sie in einer eigenen Liste erscheinen. Damit werde die „Sauberkeit", die man von Amazon erwarten dürfe, wiederhergestellt.
„Wir glauben", sagte Amazon-Boss Jeff Bezos, „wir sind der erste Einzelhändler, der seinen Kunden dieses Information gibt, und wir hoffen, damit einen Trend in Gang zu bringen."
Irgendjemand sollte ihn mal aufklären: Er muß hier gar keinen Trend in Gang bringen; er braucht nur die noch halbwegs gültigen Standards der Printmedien zu übernehmen und bezahlte Anzeigen entsprechend markieren.

Späte Autoren-Reue

Besser: Autorinnen-Reue, denn es war Margaret Cook, die Ex-Frau des gegenwärtigen britischen 
Außenministers, die von plötzlichen Skrupeln befallen wurde. Es tue ihr leid, ließ sie wissen, daß sie ein Buch über ihre Ehe geschrieben habe. Das sei eine ganz „schreckliche Sache" gewesen, „so viel Privates und Intimes" sollte man doch nicht entüllen. Und wenn sie je ihrem Ex-Mann begegnete, würde sie zu ihm sagen: „Sorry, daß ich dir so viele Unannehmlichkeiten gemacht habe."
Die Autorin schildert den Außenminister als schweren Alkoholiker, der dem Machterwerb zuliebe alle Prinzipien aufgegeben hat.
„Ich hoffe", sagte sie auch noch, „daß wir uns als fähig erweisen, wieder Freunde zu sein."
Das hätte sie einfacher haben können.
 

Kulturminister gegen Bibliotheksschließungen

Es war nicht Michael Naumann, sondern sein britischer Kollege, Chris Smith, der an hundertneunundvierzig nachgeordnete Behörden die dringende Warnung herausgehen ließ, Bibliotheken sollten nicht aus Budgetzwängen geschlossen werden und man solle sich gefälligst das Ganze nochmal überlegen. Etatkürzungen in diesem Bereich seien „inakzeptabel". 
Eine öffentliche Bibliothek ist, ihm zufolge, kein überfüssiges „Luxusgut", sondern „die Universität an der Ecke".
 

Tintin ein Nazi?

Die französische Nationalversammlung mußte sich im Februar mit einer Comic-Figur befassen. 
Es gibt da nämlich einen Tintin-Fan-Club (Mitglieder: sechzig Abgeordnete), und Tintin steht neuerdings unter Faschismusverdacht. Tintin ist in achtundfünfzig Sprachen übersetzt, und noch heute verkaufen sich von ihm jährlich drei Millionen Exemplare
Genau genommen ist es sein Schöpfer, der Belgier Hergé, dem jetzt rassistische Untertöne nachgesagt werden. Er soll mit den Nazis kollaboriert und seine Bildgeschichten ihnen zuliebe sogar umgeschrieben haben. Speziell „Tintin au Congo" wird als Beispiel für Hergès kolonialistische, ja antisemitische Überzeugungen zitiert.
Die Parlamentsdebatte endete ohne Abstimmung, als ergebnislos. Man braucht sie, meinen wir, nicht noch einmal anzusetzen.
 
 

Bill Gates schreibt wieder

Soeben ließ er bekanntmachen, daß sein neues Buch mit dem lyrischen Titel „Business at The Speed of Thought: Using a Digital Nervous System" am 24. März herauskommt. Angeblich hat er ein Jahr lang daran gearbeitet, wenn auch über weite Strecken unterstützt von einigen Microsoft-Mitarbeitern (trotzdem ist er allein der Autor auf dem Titel).
Das Buch enthält mehrere Fallstudien von Firmen, die in vorbildlicher Weise die neueste Kommunikationsttechnologie benützen, und ist - wie „Der Weg nach vorn" - vornehmlich an Unternehmer gerichtet.
Die Erlöse aus der Publikation werden wohltätigen Zwecken gestiftet.
Goldjunge!
 

Neue Grieg-Werke entdeckt

Joachim Dorfmüller, der Präsident der Deutschen Grieg-Gesellschaft, hat in einem Safe in Norwegen drei vergessene Skizzenbücher entdeckt und darin Dutzende bisher unbekannter Kompositionen des frühen Edvard Grieg. Sie zeigen einen eher barocken, noch nicht den romantischen Komponisten. 
Die Gesamtausgabe der Werke Griegs, die zu seinem hundertfünfzigsten Geburtstag 1993 veranstaltet wurde, muß jetzt einen zusätzlichen Band 21 bekommen.
Uraufgeführt werden die entdeckten Kompositionen in diesem Monat in Leipzig, wo Grieg sie während seines Studiums am Konservatorium 1858 bis 1862 geschrieben hat.
 

Ein neues neues Zeitalter

Selbst vom aufmerksamen Teil der Öffentlichkeit völlig unbemerkt, sind wir schon vor vier Jahren in eine neue Epoche eingetreten: „Seit 1995 leben wir im Zeitalter der Softmoderne." Jedenfalls, wenn es nach einer obskuren Organisation geht, die sich - welch ein Zufall - „Softmoderne Online" nennt. Und das Datum kommt daher, daß seinerzeit erstmals ein gewisses „Festival der Netzliteratur" in Berlin über die Bühne ging.
Dieser seltsame Verein wünscht sich allen Ernstes, daß „die Leser endlich User sind", bietet nach eigener Auskunft „eine Plattform für die kritische Auseinandersetzung mit der Netzkultur" und Veranstaltungen „zur elektronischen Literatur". Sogar das Goethe-Institut Prag hat sich letztes Jahr zu so einer verführen lassen. Zeitweise hing auch DIE ZEIT mit drin, wohl aus Angst, eine technische Neuerung zu verpassen.
Und nun teilt sogar auch der DuMont-Verlag auf seiner Internetseite mit, daß mit seinem Literaturprojekt namens „Null" (gemeint ist logisch das Millenium) die Netzliteratur aus den Windeln kommen soll.
Wann begreifen diese Leute eigentlich, daß da gar kein Baby liegt? Daß das Medium allein keine neue Literatur macht? 
 

So schnell kann es gehen

Man braucht nur einen Artikel über die zweihundert elegantesten Männer dieses Jahrhundert ins Blatt zu nehmen, und schon ist man, nach achtzehn Monaten, kein Chefredakteur mehr.
Jedenfalls dann, wenn unter den Beschriebenen - neben Humphrey Bogart und John F. Kennedy - auch Feldmarschall Rommel „und andere Nazis" sind. Und wenn das Ganze beim Magazin GQ passiert. Und wenn einschlägige Verbände dagegen protestieren.
Zwischen Condé Nast, dem Verlag, und James Brown, dem Ex-Chefredakteur, liegen „philosophische Unterschiede", heißt es jetzt. Brown, unverknittert, „freut sich auf die nächste Herausforderung".
 

Kein neuer Marathon-Rekord

Die Berliner Morgenpost teilte am 20. Februar mit, der Weltrekord für die Lektüre von Thomas Manns „Doktor Faustus" liege bei zwei Stunden, sechs Minuten und fünf Sekunden. Die Mitteilung ist in starken Zweifel zu ziehen; die nötige Lesedauer liegt eher beim Drei- bis Fünffachen dieser Zeit.
Anlaß war eine als „Marathon" angekündigte „Doktor Faustus"-Lesung durch Klaus Maria Brandauer in der Berliner Staatsbibliothek. Er brauchte allerdings nur gut vier Stunden, wohl deshalb, weil er sich auf Auszüge beschränkte. Es war eine Benefizlesung, deren Erlös der Säure-Bekämpfung bei den Bibliotheksbeständen zugewendet wird.