Die
Gazette Nr. 12, März 1999:
Marginalie
R. W. B. McCormack
Travel Overland
Eine anglophile Weltreise
Englisch ist nicht die Amtssprache der USA, das ist höchstrichterlich
festgestellt worden. Die Gründungsväter der amerikanischen Republik
hatten sich gegen das klassische englische Idiom ausgesprochen. Ihrer Ansicht
nach gab es bereits genug tote Sprachen auf der Welt. Noah Webster, der
erste Lexikograph der jungen Nation, betrieb die Trennung des amerikanischen
vom britischen Englisch mit religiösem Eifer. Bei einigen Amerikanern
war der Affekt gegen das ehemalige Mutterland so groß, daß
sie an eine andere Landessprache dachten, an Französisch, Griechisch
oder Hebräisch. Ein Mann namens Richard White erklärte Grammatikregeln
zu mittelalterlichen Relikten - weg damit!
Und so entstand im Laufe des 19. Jahrhunderts unter der Bezeichnung
da
Murrican langwidge eine radikal neue Verkehrssprache, ein barbaric
yawp, auf den ihre Sprecher noch stolz waren.
In letzter Zeit hat ein Umdenken eingesetzt. Bürger mit urbritischen
Namen wie S. I. Hayakawa oder Mauro Mujica wollen unter dem Banner English
First eine Verfassungsänderung durchsetzen, die Englisch zur offiziellen
Sprache der USA erheben würde. In einigen Bundesstaaten soll dies
bereits der Fall sein. Die objektive Berechtigung dieser Initiative läßt
sich kaum leugnen: 47 Prozent aller erwachsenen Amerikaner verfügen
über nur mangelhafte Englischkenntnisse. Die Sprachbarriere zwischen
Briten und Amerikanern ist in der Vergangenheit unauffällig, aber
umso effektiver mit Hilfsverben errichtet worden.
Amerikanerin: „Do you have many children?"
Engländerin: „No, only one a year."
Aus britischer Sicht ist Amerikanisch eine Kolonialsprache geblieben.
Der englische Schriftsteller Evelyn Waugh urteilte über die amerikanische
Schriftstellerin Getrude Stein: „She is outside the worldorder in which
words have a precise and ascertainable meaning and sentences a logical
structure." Die Vergewaltigung des Logos ist alltäglich. Americans
drive in a parkway and park in a driveway. Auf Schritt und Tritt begegnen
uns Pleonasmen wie young juveniles oder Oxymora à la business
ethics, educational television und moral majority. Jedermann
scheint sich seine eigene Rechtschreibung genehmigen zu dürfen. An
einer Autostoßstange lasen wir die pazifistische Mahnung Visualize
Whirled Peas. Die Lexik schlägt Kapriolen. Will man austreten,
müssen Männer sich nach dem bathroom, Frauen nach dem
powder
room begeben.
Das Erfrischende an Amerikanern alter Schule war ihre Begabung für
phonosymbolische Kürze. Aus dem umständlichen „Would you please
keep your voice down" machten sie ein herzhaftes Shut up. „Something"
wurde zu sump'n und „What's the trouble" zu einem zeitsparenden
‘Strouble?
Der gute alte Doc nannte einen Kranken ohne Heilungschancen halt einen
pre-stiff,
und ein echter Trapper machte sich im Telegrammstil verständlich:
Long
time no see.
Irgendwann jedoch schlug die Kürze in ihr Gegenteil um. Die Akademisierung
der Gesellschaft hat in allen Lebensbereichen immer längere und kompliziertere
Sprachformen erzeugt. Der „Toothpick" wurde zum wood interdental stimulator,
der „garbage truck" zu einem man-operated residential refuse collection
and compaction vehicle. Besonders stark ist besagte Tendenz auf dem
Gebiet der Sexualität. Der Kuß ist dann das sexual engagement
at the oral level und die Liebe der cognitive-affective state characterized
by intrusive and obsessive fantasizing concerning reciprocity of amorant
feeling by the object of amorance. Verhängnisvoll haben sich medizinische
Fachbegriffe ausgewirkt. Das Krankenhaus wurde zum wellness center,
das Altern zur decreased propensity for cell replication und der
Tod zum negative patient care outcome.
Amerikaner haben keine Scheu vor der mehrfachen Verneinung. I never
said nothing to nobody läßt sich am ehesten noch Bayrisch
wiedergeben*. Bei Bürgern afrikanischer Abstammung ist diese Sprachmarotte
womöglich noch ausgeprägter: No way no girl can't waer no
platform shoes to no amusement park. Wo sind Klarheit und Direktheit,
die man den Yankees nachsagt, wenn ein Gouverneur aus dem Kernland sich
so ausdrückt: I didn't say that I didn't say it, I said I didn't
say that I said it und dann noch I want to make that very clear
hinterherschickt. Sprache droht unter diesen Voraussetzungen zum Gestammel
zu verkommen, oder wie anders sollte man den Satz If you don't trouble
trouble, trouble won't trouble you interpretieren?
Der öffentlichen Hand vorzuwerfen, sie würde Sprachforscher
nicht fördern, wäre ungerecht. Erst kürzlich hat die US-Regierung
einen Forschungsauftrag in Höhe von 120000 Dollar vergeben, damit
festgestellt werde, warum Menschen das Wörtchen ain't verwenden.
Im Grunde lebt die Forschung jedoch von der Kraft und Unerschrockenheit
individueller Wissenschaftler. Stellvertretend für viele nennen wir
hier Luanne von Schneidemesser, eine Pionierin auf dem Gebiet der Purzelbaumforschung,
die mit analytischer Schärfe nachgewiesen hat, wo auf dem amerikanischen
Kontinent somersault, wo tumblesault gebräuchlich ist.
Man muß an diesem Punkt leider hinzusetzen, daß eine Sprache,
die 15 mögliche Aussprachen für das Wort Pennsylvania
zuläßt, leztlich nicht erforschbar ist.
* I hob nie zu neamd nix g'sogt
(wird im April fortgesetzt)
© C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung, München
1999