Die Gazette Nr. 1, März 1998

Lyrik
 
Augusta Förster 

ABENDLAND REPLY
 

Ankommen die
Grab Schatten
Passage lose
Nacht glitzert
im Fenster ab
geteilt & gleiten
im Radiofluß die
Stufen warten
Koffer Fäßer am
Boden unsterblich
so grüne gelbe
kleine schwarze
Gestalten so
hell die Röte
in meiner Hand
noch da bist
Du noch da ?

 

Kommentar der Autorin

Das Gedicht ist eine Antwort auf ein Foto, das mir von einem Dichterfreund geschickt wurde. Der Titel ist altmodisch und gleichzeitig modern.<Abendland> ist eine alte Welt, ein Gemisch aus Filmen, Träumen, persönlichen und kollektiven Emotionen. <Reply> ist das Neue, Vernetzte, die selbstgewählte, eigene Stimme, die Antwort. Das Gedicht ist ein Gerüst aus Bildern und Gefühlen. Die Wörter und Auslassungen sind wie energetische Eckpfeiler. Der Prozess des Gedichts wird durch den Leser definiert. Es öffnet sich im Prozess des Lesens, und jeder kann sich nehmen, was ihn daran interessiert. 
Hier meine eigene „Reise": Das Gedicht beginnt mit <Ankommen / die Grab Schatten / Passage ...>. Ankommen in der Welt der Finsternis,des Todes, der Vergangenheit - es erkennen und da hindurchgehen, das Alte hinter sich lassen. <...lose / Nacht glitzert / im Fenster ...>: Diese Stimmung ist der Augenblick jetzt, nach der Passage, was jetzt erlebt wird; <...ab / geteilt & gleiten / im Radiofluß ...>: die reine Wahrnehmung endet, es ist eine Entscheidung zur Aufmerksamkeit in eine Richtung , der Rhythmus wird bestimmt und eigene Gefühle und Sehnsüchte vorsichtig ertastet. <... die Stufen warten / Koffer Fäßer am / Boden unsterblich /...dann...so grüne gelbe / kleine schwarze / Gestalten ...>: Das ist die eigene Stimme, die persönliche Kreativität, das Erschaffen der eigenen Welt, gelöst von der Vergangenheit. <... so / hell die Röte / ... die Freude daran ... / in meiner Hand / ...>: die Erkenntnis, es ist meine Schöpfung und meine Freude. <... / noch da bist / Du noch da?>: das Teilenwollen mit dem anderen, dem Du, das, was man erlebt hat, und gleichzeitig die Freude daran, die Angst davor. 
 

Augusta Förster 
Jahrgang 1955. Studierte Klavier und Musikwissenschaften in München. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien seit 1995 (das Gedicht - Van Goghs Ohr - Perspektive - Archangelsk usw.). 
Auftritte und Lesungen, auch mit der Autorinnengruppe Sternensteno. Letzte Lesung im Radio (Lora Kultur 92,4) am 21.12.97. Nächster Live-Auftritt: Temporäres Klangmuseum,  Lenbachhaus München 26. März 1998.