Die Gazette Nr. 12, März 1999:

Lese-Effekte

Der ideale Leser: Proust I

Und war nicht die Welt meiner Gedanken selbst wie eine solche Hütte, in deren Tiefe ich sogar auch dann verborgen blieb, wenn ich einen Blick auf die Dinge warf, die sich draußen zutrugen? Sobald ich einen Gegenstand außerhalb von mir wahrnahm, stellte sich das Bewußtsein, daß ich ihn sah, trennend zwischen mich und ihn und umgab ihn ringsum mit einer geistigen Schicht, die mich hinderte, seine Substanz unmittelbar zu berühren; vielmehr verflüchtigte diese sich jedesmal, wenn ich den direkten Kontakt damit suchte, so wie ein glühender Körper, den man an etwas Feuchtes hält, niemals die Feuchtigkeit berührt, weil dazwischen immer eine Dunstzone liegt. Auf der Art von Schirm, den mein Bewußtsein beim Lesen in mir ausspannte, erschienen in bunter Folge verschiedene Zustandsbilder, angefangen von den geheimsten Regungen meines Innern bis zu der rein äußerlich mit den Augen wahrgenommenen Horizontlinie des Gartens. Darunter war das zunächst Innerlichste, der ständig bewegte Hebel, der alles regulierte, mein Glaube an den Ideenreichtum und die Schönheit meines Buches sowie mein Wunsch, mir diese zu eigen zu machen, ganz gleich, was für ein Buch es gerade war. Denn selbst wenn ich es in Combray gekauft hatte, weil ich es in einer Auslage von Borange gesehen hatte - einer Kolonialwarenhandlung, die zu weit von uns entfernt lag, als daß Françoise dort hätte einkaufen können wie bei Camus, die aber dessen Laden in ihrer Eigenschaft als Papiergeschäft und Buchhandlung durchaus übertraf - an Schnüren in dem Mosaik aus Broschüren und Romanlieferungen aufgehängt, mit dem die an Mysterium und Gedankenreichtum jeder Kathedrale überlegenen Flügel der Eingangspforte bekleidet waren, so deshalb, weil ich es wiedererkannte, nachdem mich der Lehrer oder Klassenkamerad, der mir damals gerade das Geheimnis der Wahrheit und Schönheit innezuhaben schien, die ich ahnte, ohne sie zu begreifen, deren Erkenntnis aber das unbestimmte, wiewohl unverrückbare Ziel all meines Denkens war, auf die Beachtlichkeit dieses Werkes hingewiesen hatte. (Fortsetzung folgt)

Marcel Proust, In Swanns Welt