Die Gazette Nr. 12, März 1999:

Kommentar

Von Benjamin lernen heißt siegen lernen!

Aber ich finde es trotzdem toll. Ich freue mich für meinen Vater. Weil er sich freut. Und ich freue mich dafür, daß wir uns zusammen freuen. Das ist gut so. Ich glaube, heute nacht ist klarer Himmel.

Das ist aus einem Roman. Der Roman ist neu. Das SZ-Magazin findet ihn toll. Das Buch des Jahres. Wir freuen uns für das Magazin.
Für manche ist der Autor ein Poet. Er sagt, das ist ein Mißverständnis. Er hat recht. Er ist zeitgemäß. Er schreibt „ficken". Er schreibt „Supertitten". Auch „Tussis". Auch „tolle Brüste". Der Autor hat Mut. Das Magazin findet, daß hier „etwas Großes entsteht". Der Autor gibt ein Interview. Er hat nicht gewußt, daß „etwas Großes entsteht": „Ach. Gar nicht".  Das Magazin kann es nicht fassen.  „Gar nicht?" - „Nein." Der Autor ist siebzehn. Die Schule findet nicht, daß „etwas Großes entsteht". Die Deutschnote ist Fünf minus. Das Magazin findet ihn trotzdem toll. Wir glauben, die Schule hat keine Ahnung. Der Roman begeistert den Interviewer. Er bricht ihm  „fast das Herz"
Der Autor kann variieren. Das ist gut so. Im Dialog-Satz 1 steht „sagt". Im Satz 2 steht „werfe ich ein". Im Satz 3 steht „gibt Janosch zur Antwort". Im Satz 4 steht nicht „hob er unwillig die Achseln". Das ist gut so. Im Satz 7 steht „entgegnet Florian". Im Satz 9 steht „flüstert er". Der Roman ist eine Schreibkunde.
Der Autor weiß nicht, was er mehr will. „Sex oder Sex oder, ja, Sex?" Das Magazin findet das „eine kluge Frage".
Der Autor ist prominent. Er ist verlangt. Er muß schon absagen. Er sagt gerade eine Auftragsarbeit ab. Sogar vom „Spiegel". Man vergleicht ihn mit Salinger. Sagt das Magazin. Der Autor findet Salinger „aber" einen guten Schriftsteller. „Oder nicht?" Wir freuen uns für den Autor. Wir finden Salinger trotzdem toll.
Die Schreibanleitungen kommen vom Großvater. Der Großvater war Schreiner. Er war auch „Schreiber". Er hat Romane veröffentlicht. „Warum sind die kurzen Sätze fast immer besser?" Der Autor sagt, man muß nicht sagen „der Tisch, der in der Ecke steht". Er sagt, man muß sagen „der Tisch". Wir mögen „der Tisch, der in der Ecke steht" auch nicht. Wir freuen uns daß er das nicht schreibt. Wir freuen uns dafür, daß wir uns zusammen freuen. Da entsteht etwas Großes.
Die Schreibanleitungen kommen auch von Hemingway. Das ist gut so. Der Autor sagt, Hemingway sagt, jedes gestrichene Adjektiv ist ein Sieg. Das hat ihm eingeleuchtet. Das ist gut so. Jeder Nebensatz, gestrichen, ist auch ein Sieg. Jede Differenzierung, gestrichen, auch.  Der Autor feiert viele Siege. Kein „nachdem" im Roman. Erst recht kein „obwohl". Der Autor glaubt, Sätze müssen nicht schön sein. Wir freuen uns ganz unbändig für den Autor. Weil er sich freut. Weil er siegt. Über den Zwang. Über die Grammatik. Die Sprache. Vernunft. Stil. Wir glauben fast, heute nacht ist klarer Himmel über der Literatur.
Aber nun klaren Text: Der Autor heißt Benjamin Lebert. Er ist behindert. Er verdient Respekt. Das Buch verdient keinen Respekt. Das Buch ist trotzdem nicht gut so.

Anatol