Die Gazette Nr. 12, März 1999:

Neulich im Diabelli-Club (2)

Auf besondere Einladung des Diabelli-Clubs, der, wie wir wissen, im gleichnamigen Restaurant zwischen dem CSU-Hauptquartier und dem Sitz des VIAG-Konzerns in der Nymphenburgerstraße zu München liegt, sprach an einem der letzten Freitagnachmittage Professor Alcide Rütt-Cernagora, Inhaber des Lehrstuhls für vergleichende Religionswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universtität, über das Thema

Die Zerrüttungserscheinungen der gegenwärtigen Regierungskoalition im Licht der vergleichenden Religionswissenschaft

Meine Damen und Herren (entschuldigen, eben gewahre ich, daß sich gar keine Damen im Raum befinden [Heiterkeit]), meine Herren also!

Nicht ohne eine gewisse heitere Anteilnahme haben wir in den letzten Wochen die wachsenden Zerrüttungserscheinungen in der rot-grünen Regierungskoalition verfolgt. Und wir waren und sind natürlich alle geneigt, sie in erster und einziger Linie auf schlichte Inkompetenz und Führungsschwäche des Kanzlers zurückzuführen.

Zweifellos ist solche Imkompetenz am Werk; aber ich glaube, daß wir es uns zu leicht machen, sie als einzige Ursache der fraglichen Phänomene zu orten und alle anderen, vielleicht sogar wichtigeren Ursachen aus unserem Gesichtskreis zu verbannen.

Sie wissen, welches Fachgebiet ich vertrete, und Sie können sich denken, welchen (möglichen oder wahrscheinlichen) Ursachenkomplex ich Ihnen hier und jetzt vorstellen möchte. Meine These lautet:
Die zentrale Ursache der Zerrüttungserscheinungen in der rot-grünen Regierungskoalition ist die Inkompatibilität der Religionen, denen die Schlüsselfiguren dieser Koalition anhängen.
Eine solche These bedarf natürlich der Erörterung.

Meine Herren! Wir können hier von der ziemlich selbstverständlichen, ja banalen These ausgehen, daß die seit geraumer Zeit herrschende Religion unserer Gesellschaft der ökonomische Fundamentalismus ist. Wie jeder Fundamentalismus hat er den gewaltigen Vorteil, das Weltbild seiner Anhänger auf wenige einfache Strukturelemente zurückzuführen - auf die Elemente Berechenbarkeit, ethischen Darwinismus und die Einstufung aller gesellschaftlichen und politischen Aktivitäten nach ihrem wirtschaftlichen Nutzen. Lange Zeit war diese Wirklichkeit durch die Existenz zweier ökonomischer Konfessionen verdunkelt, die sich im sogenannten Kalten Krieg erbittert bekämpften - seit 1989 ist dieser Konfessionskrieg passé, die geschmeidigere und attraktivere Konfession beherrscht das globale Feld. Reste älterer Religionen, etwa des Christentums oder des militanten Liberalismus, werden marginalisiert und in den Freizeitbereich abgedrängt; hier üben sie wohltätige hygienische Funktionen aus. (Die Niederlage der marxistisch-leninistischen Konfession war nicht zuletzt durch die Verbohrtheit bedingt, mit der sie diese liebenswürdigen Reste der Vergangenheit zu unterdrücken suchte.)

Wie jeder Fundamentalismus hat auch der ökonomische seine Nachteile. Der wichtigste ist zweifellos der Wirklichkeitsverlust, den jeder Fundamentalismus zwangsläufig mit sich bringt. Er wird wohl dazu führen, daß er die Welt über kurz oder lang ruiniert - aber das ist hier nicht unser Gegenstand. (Leichte Unruhe)

In einer aufgeklärten Gesellschaft konnte es nicht ausbleiben, daß dieser Wirklichkeitsverlust von einer Minderheit bemerkt wurde, die den Versuch unternahm (werden wir allegorisch, das macht die Dinge deutlicher), den guten alten Mammon zu entthronen oder ihm doch zumindest eine andere Gottheit entgegenzusetzen, die wir nach der antiken Erdgöttin GAIA nennen wollen. (Es gibt tatsächlich eine Evolutionstheorie dieses Namens, die nicht wenig zur Willens- und Theoriebildung dieser Minderheit beigetragen hat.)

Glauben Sie nun nicht, meine Herren, daß ich die Anhänger dieser Gottheit schlichtweg mit der Grünen Partei gleichsetze! Die Perspektive, die sie vermittelt, wird durchaus auch von einigen Anhängern der Sozialdemokratie, ja sogar der Christdemokraten, wahrgenommen, und nicht wenige Aktivisten der Grünen Partei können nur sehr wenig mit den Werten der GAIA- Religion anfangen. Dennoch: Die Gründung der neuen Partei in den Siebzigerjahren, die ja aus einer breiten sozialen Bewegung hervorging, ist ohne das Auftauchen der neuen Göttin schlcht vorstellbar.

Nun wurde aber der Sieg der SPD bei den letzten Bundestagswahlen sehr entscheidend durch die Übernahme von ‘mammonistischen' Propagandamethoden ermöglicht; lauthals verkündeten sie die noch treuere, die noch exaktere Befolgung der fundamentalistischen Lehre, warfen dem konservativen Gegner mangelnden Eifer im Tempeldienst des gemeinsamen Gottes vor, proklamierten einen Vorkämpfer, der ganz offensichtlich den bedenken- und skrupellosen Typus des darwinistische Missionars verkörpert.

Die Rechnung ging, wie wir alle wissen, auf. Und die Grüne Partei, die nun endlich „mitgestalten" wollte, glaubte die Stunde gekommen, um gewissermaßen eine polytheistische Staatsreligion zu installieren.

Alle Schatten- und Spiegelgefechte, meine Herren, die wir in den letzten Wochen und Monaten innerhalb dieser Koalition erlebt haben und erleben, haben nun ihren Hauptgrund darin, daß die beiden Religionen imkompatibel sind. Beide sind in letzter Konsequenz so monotheistisch angelegt wie seinerzeit das Bündnis vom Sinai - wir wissen, wie dessen Erstes Gebot lautete:
DU SOLLST KEINE ANDEREN GÖTTER NEBEN MIR HABEN!

Es zeugt von der Kompliziertheit der Situation, daß die Grüne Partei (und einige Individuen in der Sozialdemokratie) diese Exklusivität nicht begriffen haben und begreifen. Wer sie instinktiv begreift, ist der Kanzler. Die mageren Tempelgaben, die den GAIA-Priestern in der Koalitionsvereinbarung gewährt wurden, werden ihnen Zug um Zug vom Kanzler des Mammon wieder entrissen, es wird ihnen aufgezeigt, daß ihre schüchterne Dame im Staatstempel gänzlich unerwünscht ist, daß sie über kurz oder lang völlig zu verschwinden hat. Und so erleben wir einerseits Wunder der Selbstverleugnung und Selbsttäuschung, andererseits eine irritierende Diplomatie des Großen Stocks gegen eben diesen, sich ständig verleugnenden Partner, der, wie alle melancholischen Renegaten, den fremdartigen Weihrauchgeruch seines alten Kultes dennoch nie ganz los werden wird.

Meine Herren! Als Wissenschaftler habe ich nicht die Aufgabe, irgendjemand politische oder gar religiöse Ratschläge zu erteilen. Wäre ich ein Grüner Partei-Aktivist, würde ich mir allerdings sehr genau überlegen, wie lange die Pose des eifrigen Renegatentums noch durchgehalten werden kann, ohne die eigene Identität gänzlich zu verlieren - und der Sozialdemokratie bekäme es vielleicht ganz gut, die Wirklichkeitsfremde des ökonomischen Fundamentalismus grundsätzlich zu durchschauen. ...
ZWISCHENRUF GUNTSCH (VIAG): Was soll das? Sind Sie gegen die Freie Marktwirtschaft?
RÜTT-CERNAGORA: Hören Sie, ich bin kein Wirtschaftswissenschaftler. Ich spreche aus den Voraussetzungen meines Fachgebiets. Ich ...
ZWISCHENRUF ZIEGLGÄNSBERGER (LANDESLEITUNG CSU): Was war vorhin mit „Welt ruinieren"? Wie kommen Sie auf so eine Schnapsidee?
ZWISCHENRUF SCHRADERER (ATOMEXPERTE): Zur Geschäftsordnung! Ich beantrage ...
ZWISCHENRUF GUNTSCH: Wirklichkeitsfremde! Hat man sowas schon gehört?
ZWISCHENRUF SCHRADERER: Ich beantrage ...
MODERATOR: Wir danken alle Professor Rütt-Cernagora für seine sehr erhellenden Ausführung und gehen jetzt zum geselligen Teil über. Pietro, nehmen Sie bitte die Getränkewünsche auf.(Für das Protokoll: Pietro Aretino)