Die
Gazette Nr. 12, März 1999:
Buchkunst
"Vom
besten Zustand der Republik"
Fast gleichzeitig mit Machiavelli, der im Jahr 1513 seinen „Principe"
herausbrachte, schrieb Sir Thomas More sein Buch von der „Neuen Insel Utopia"
(wörtlich: Nicht-Ort). Das Problem, das beide behandelten, war das
Zusammenwirken von Moral und Politik (eine Frage, die heute oft damit übers
Knie gebrochen, daß die beiden nichts miteinander zu tun hätten).
Der Verfasser tritt hier nicht mit einem trockenen Lehrtraktat auf,
sondern gibt sich als „Herausgeber" eines Gesprächs, das er angeblich
mit einem Reisebegleiter des Entdeckers Amerigo Vespucci in seinem Garten
geführt hat (in „lässiger Schlichtheit", wie er sagt).
Themen, die uns auch heute noch beschäftigen, tauchen hier im
politischen Zusammenhang der Zeit auf, etwa die Beseitigung gesellschaftlicher
Mißstände als Vorbedingung einer Justiz- und Strafrechtsreform
oder auch die Effekte einer verschwenderischen Konsumwirtschaft, speziell
ihre inflatorische Wirkung. Lösungen werden nicht aus ideologischen
Wahrheitsbesitz geliefert, sondern eher satirisch-praktisch angedeutet
und ohne dem Andersdenkenden eine „ungewohnte und ungewöhnliche Rede
aufdrängen" zu wollen, nicht als - altes oder neues - Goldenes Zeitalter,
sondern als vernünftige politische Tätigkeit.
Trotzdem ist seit diesem Werk das Wort „Utopie" („Un-Ort") in allen
westlichen Sprachen zum Begriff des Nicht-Verwirklichbaren geworden.
Die Abbildung zeigt die Titelseite der Basler Ausgabe der „Neuen Insel
Utopia" von 1518, also kurz nach der Erstausgabe von Löwen 1516.