Die
Gazette Nr. 11, Februar 1999:
Texte, die wir nicht verstehen
Ergriffen von der Angst vor der Jahrtausendwende vermissen wir schmerzlich den zukunftsfrohen Optimismus, den uns die Atomenergie noch vor achtundzwanzig Jahren schenkte:
Strahlen steigern die landwirtschaftliche Produktion
Wesentlich weiter ist man bei der Bestrahlung von Lebensmitteln zur
Konservierung. Man kann das Auskeimen von Kartoffeln und Zwiebeln durch
Bestrahlung verhindern oder zumindest stark verzögern. Die Lagerzeit
von frischen Tomaten und Erdbeeren läßt sich verdoppeln, und
die Larven und Insekten, die erheblich an der Vernichtung unserer Getreidevorräte
beteiligt sind, kann man auf diese Weise wirkungsvoll bekämpfen. Dieser
neuartigen - kalten - Lebensmittelkonservierung sind jedoch Grenzen gesetzt
durch die im Prinzip unvermeidlichen chemischen und physikalischen Veränderungen,
die die Bestrahlung in den Lebensmitteln selbst auslöst. Es kann zu
Veränderungen der Farbe, des Geschmacks und des Geruchs kommen, und
möglicherweise werden die Eiweißstoffe verändert, so daß
die Verdaulichkeit der Lebensmittel nachläßt. Es können
sogar giftige Substanzen entstehen, und man muß die Möglichkeit
ins Auge fassen, daß krebsbildende oder mutagene, also Änderungen
der Erbeigenschaften auslösende Stoffe durch die Betrahlung erzeugt
werden.
Um diese Entwicklung aktiv weiterzuverfolgen, ist im Frühjahr
1971 in Karlsruhe, im Institut für Strahlentechnologie der Lebensmittel,
ein internationales Forschungsprojekt angelaufen. Sein Ziel ist die Entwicklung
von Bestrahlungsverfahren, durch die die Unschädlichkeit und Zuträglichkeit
der bestrahlten Lebensmittel nicht in Fage gestellt wird. Angesichts der
Tatsache, daß heute von der Weltnahrungsmittelproduktion durch Verderb
und Insektenfraß ein großer Teil - man spricht von einem Drittel
- verlorengeht, haben solche Forschungs- und Entwicklungsprojekte große
praktische Bedeutung.
aus: Robert Gerwin, Kernkraft heute und morgen, 1971