Die Gazette Nr. 11, Februar 1999:

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Chilenische Vergangenheitsbewältigung

Der Durchschnittslohn in Chile beträgt etwa siebenhundert Mark im Monat. Ein mittleres Buch kostet dort zwischen zwanzig und vierzig Mark. Wenn sich also ein Titel sagen wir zweitausendmal verkauft, ist das schon ein Bestseller. Nun wurden von einem neueren Buch gleich dreißigtausend Exemplare verkauft. Und dabei handelt es sich um ein politisches Buch von Tomas Moulian mit dem kaum appetitanregenden Titel „Chile heute: Anatomie eines Mythos". Gerade ist die vierundzwanzigste Auflage erschienen. 
Woher der unwahrscheinliche Erfolg? 
„Das Land hat seine jüngste Vergangenheit nicht untersucht", erklärt der Journalist und Buchautor Faride Teran, „der Übergang zur Demokratie kam ohne eine tiefreichende Diskussion dessen, was vorher geschehen ist." Gemeint sind die siebzehn Jahre der Pinochet- Diktatur bis 1989. 
So ist denn auch „Die verborgene Geschichte des Übergangs zur Demokratie" von Ascanio Cavallo ebenfalls seit Wochen auf der chilenischen Bestsellerliste (mit sechs weiteren Polit- Analysen). Cavallo kennt bisher unbekannte Episoden der Pinochet-Herrschaft. Zum Beispiel setzte der Diktator einmal die gesamte Armee in drohende Alarmbereitschaft, nur weil die Presse über die parlamentarische Untersuchung eines dubiosen Deals berichtet hatte: Pinochets Sohn hatte der Armee eine stillgelegte Fabrik verkauft, für drei Millionen Dollar. 
„Das wird so weitergehen", sagte ein Vertreter des Verlags, der Tomas Mulians Buch herausbringt, „die Chilenen müssen sich jetzt trauen, alles so zu sagen, wie es gewesen ist." 
 

Tschernobyl? Nicht in Frankreich!

Während in halb Europa der Sand in den Kinderspielplätzen ausgetauscht wurde, war der französische Spinat weiterhin unbelastet und eßbar. Hieß es damals, Ende April 1986. Erst siebzehn Tage nach der Explosion stoppte der Industrieminister Alain Madelin den Verkauf, und dann auch nur im Elsaß. 
„In Frankreich war es Business as usual", sagt Jean-Michel Jacquemin heute, „das heißt, die Kühe wurden mit verstrahltem Heu gefüttert, und ein Jahr später gaben sie radioaktive Milch, und ihr Fleisch war ebenfalls verseucht." 
In seinem soeben erschienenen Buch „Die berühmte Wolke - Tschenobyl" enthüllt er nun, wie die französischen Stellen wider besseres Wissen die Bevölkerung irreführten und die radioaktive Verseuchung herunterspielten. 
Der Grund: Frankreichs Stromproduktion ist mehr als alle anderen Staaten Europas, nämlich zu drei Vierteln von der Atomindustrie abhängig, die wollte man sich nicht schlechtreden lassen. Hinzu kamen noch zwei bevorstehende Feiertage, der 1. und der 8 Mai, da durften offenbar die Ausflugswilligen nicht verunsichert werden. Speziell damit begründete Pierre Perrin, Frankeichs führender Atomwissenschaftler, daß die Information über eine zwei- bis vierhundertfach höhere Verstrahlung mehr als zwei Wochen lang zurückgehalten wurde. 
 

Inspiriert durch Clinton

Daß wir jetzt, nachdem das Impeachmentverfahren endlich vorbei ist, vor einer alles enthüllenden Bücherflut stehen, wird man als unvermeidlich hinnehmen müssen. Als Kuriosum mögen auch noch drei begeisterte Fünf-Sterne-Rezensionen des Lewinsky-Buches „Monica's Story" durchgehen, die der Online-Buchhändler Amazon.com veröffentlichte: Das Buch gibt es nämlich noch gar nicht. 
Der seriösere Autor ist vermutlich noch „Newsweek"-Reporter Michael Isikoff, der in seinem demnächst erscheinenden Buch „Uncovering Clinton: A Reporter's Story" die Verzweigungen der Präsidentenjagd tief hinein in ziemlich extrem rechte Gruppierungen und Institutionen verfolgt hat. Eine „riesige" Verschwörung (wie Hillary Clinton meinte) war es vielleicht nicht, es genügte schon, schreibt Isikoff, eine Handvoll entschlossener und von ihm identifizierter Personen. 
Die leidige Geschichte hat nun aber auch weitere Kunstgattungen inspiriert. Der texanische Komponist Steve Hilton hat Aussagen vor der Grand Jury vertont und damit „zwölf politische Kantaten" geschrieben. Titel „Under Oath". In Los Angeles hatte am 11. Februar ein Musical mit dem Titel „Starr Struck" Premiere. Starr selbst hat darin einen Song („Die Präsidentschaft ist befleckt, Mr. President"). Und im April kommt beim Theater-Festival in Aspen, Colorado, ein neues Stück heraus: „Die Vernehmung der Monica Lewinsky". 
Man muß nicht gespannt sein. 
 

Der belesene Vorsitzende

Der republikanische Abgeordnete Henry Hyde, der in seiner Abschlußrede vor dem Impeachment-Ausschuß die Reste des verlorenen Ansehens zu retten versuchte, ist ein belesener Mann. An mehreren Stellen ruft er den Beistand der höheren Literatur an (und nicht etwa bloß de Gaulle oder so unelegante italienische Sprichwörter wie das von dem in Seide gekleideten Hirten, der immer noch nach Ziege stinkt). 
Nein, er hat auch „Heinrich V." von Shakespeare gelesen und zitiert die Ansprache des Königs an seine kleine Armee („Wir Wenigen, wir glücklich Wenigen"). Auch ein Stück des Dramatikers Terence Rattigan zieht er heran, „The Winslow Boy", wo König Eduard VII. den brauchbaren Satz spricht: „Möge das Recht seinen Lauf  nehmen." Aus einem ungenannten Werk von Saul Bellow holt er sich die passende Bemerkung, daß immer dann viel Intelligenz mobilisiert wird, wenn „der Bedarf an Illusion" besonders groß ist. Und schließlich muß ihm auch noch Edward Gibbon beispringen; der Historiker beschreibt in seinem „Verfall und Untergang des Römischen Reiches" die mangelnde Eidtreue des Kaisers Septimus Severus. Mag ein bißchen weit hergeholt sein, aber bitte, wenns der Wahrheitsfindung dient. 
„Und jetzt", so Hyde, „laßt uns unseren Platz in der Geschichte an der Seite der Ehre einnehmen." 
Wenn da mal keine Verwechslung vorliegt. 
 

Warum schwindelt Betty Friedan?

Die Begründerin der Frauenbewegung („Der Weiblichkeitswahn oder Die Selbstbefreiung der Frau") geht ziemlich lax um mit ihrer Vergangengenheit. Ihre Selbstbeschreibung der braven Dienerin in einem „Konzentrationslager" von Haushalt ist ein Schwindel. So hat sie das alles gar nicht erlebt, allein deshalb nicht, weil sie kaum zuhause war. Schon ihr Ehemann Carl hatte sich beschwert, daß Betty während der ganzen Ehe dauernd irgendwo „in der Welt" herumfuhr und ziemlich selten die angebliche Hausfrau und Mutter spielte. 
Jetzt hat Professor Daniel Horowitz eine Biographie der Ur-Feministin vorgelegt. Darin weist er nach, daß Betty Goldstein, wie Friedan vor ihrer Heirat hieß, bis zum Alter von fünfunddreißig (1956) eine überzeugte Stalinistin war. Die Verdammung des amerikanischen Familienlebens, sagt er, kommt demnach weniger aus eigener Anschauung und aus Befreiungsdrang als vielmehr aus ihrem marxistischen Kampf gegen den liberalen Westen. Horowitz weiß sogar von einer frühen Liaison mit einem kommunistischen Physiker, der mit Robert Oppenheimer in Berkeley an der Atombombe arbeitete. Also nicht nur Kommunistin, sondern auch Agentin vielleicht? 
Der Biograph, selbst ein Linker und Sympathisant der Frauenbewegung, ist jedoch keineswegs boshaft. Im Gegenteil, er bezeichnet Friedans "Beschreibung" ihres biederen Haushaltslebens als legitime Notlüge in Zeiten des McCarthyismus.  Die Frage ist für ihn eher die: Warum schwindelt sie heute noch? 
 

Nicht nur im Iran

Auch in Kolumbien leben Journalisten gefährlich. Der vierndfünfzigjährige Alfredo Molano, der für die zweitgrößte Tageszeitung „El Espectador" schreibt, sieht keinen anderen Ausweg mehr als die Flucht. 
Schon mehrmals hat er von Carlos Castano, dem Anführer einer rechtsextremen Privat-Miliz, der „Selbstverteidungskräfte", für seine Artikel gegen die Gewalt im Land drohende Faxe erhalten. Castano, vierunddreißig Jahre alt, fährt öffentlich im gepanzerten Wagen herum, begleitet von zwei Leibwächtern. Im letzten Droh-Fax vom 30. Dezember nannte er Molano „einen Feind nicht nur der Selbstverteidigungskräfte, sondern der kolumbianischen Nation". Am gleichen Tag schlugen Unbekannte dem Journalisten die Tür seines Stadtbüros ein, raubten Bargeld, ließen aber den Schreibcomputer noch stehen. 
„Ich fürchte mich vor dem Sterben" sagte Molini, „aber ich fürchte mich auch vor dem Schweigen". Er will seine Kolumne auch vom baldigen Exil aus weiterschreiben. 
In Kolumbien sind seit 1987 mindestens siebenundvierzig Journalisten für ihre Artikel getötet worden (mehr, sechzig, sind es nur in Algerien). 
 

Preistreibender Zusammenhang

Wenn es nur irgendwas mit der „Titanic" zu tun hat, steigt der Preis ins Irrationale. Seit dem Film kaufen die Leute Titanikiana jedweder Sorte gieriger als Gold. Die Preise betragen das Sechs- bis Siebenfache der Vor-Film-Höhe. 
Das Auktionshaus Henry Aldridge and Sons bietet jetzt eine spezielle Gruseligkeit an: Briefe von Überlebenden des Untergangs. Allein die telefonische Nachfrage, sagt Andrew Aldridge, sei schier „unfaßlich" (selbst der pure Schrott ist verkäuflich, wenn er nur von der „Titanic" stammt, etwa das verwaiste Bein von einem Teetisch). In den Briefen werden manchmal sogar Details der Rettungsaktionen geschildert, sogar - man stelle sich vor - die Erschießung sich vordrängelnder Passagiere durch einen Schiffsoffizier. Ein einziger dieser Briefe soll bis zu  dreißigtausend Mark kosten, wahrlich „ein Haufen Geld für einen Brief" (Andrew Aldridge). Aber bitte: Auf manchen ist sogar das originale „Titanic"-Emblem zu sehen. Und das ist nun mal etwas teurer. 
Immerhin gibt es bei all dem Wahnsinn auch eine kleine gute Nachricht: Die Nachkommen einer Frau, deren Briefe nun versteigert werden, zeigen nur wenig Interesse an den überteuerten Schriftstücken. Die Überlebende, sagen sie, habe ihnen ohnehin bereits alles erzählt. 
 
 

Schenkt Bücher (aber die richtigen)!

Amsterdam meinte es mit dem IOC-Mitglied Joao Havelange besonders gut: Die Stadt schenkte ihm Bücher, nicht irgendwelche, auch keine, die eigentlich zum Lesen waren, sondern kostbare, „exklusive Kunstbücher". Aber die allein reichten noch nicht zum endgültigen Kauf seiner Stimme für die Spiele von 1992. Da mußte man schon noch etwas drauflegen: Diamanten, Fahrräder, diverse Sportgeräte, Delfter Porzellan und ein paar alte Meister. Und falls er dann noch, wie manche anderen IOC-Mitglieder, nach einem Videorekorder und einem Fernseher gefragt hätte, was man halt so braucht zum häuslichen Glück, dann hätte er die auch geschenkt bekommen. 
„Wollen Sie meine Stimme? Dann kaufen Sie mir einen Mercedes!" soll ein Afrikaner der Abgeordneten Marijn de Koning gesagt haben, und sie „hatte nicht den Eindruck, daß solche Äußerungen als Scherz gemeint waren". 
Darüber hinaus hatte Amsterdam dem Brasilianer und seinen Kollegen aber noch eine eigene Spezialität zu bieten: Sex. Ein holländischer Olympia-Funktionär war im „Vollzeitjob" (De Telegraaf) mit der Organisation der entsprechenden Ausflüge in die Amsterdamer Rotlichtviertel beschäftigt. Auch diese Bordellbesuche waren für die Umworbenen natürlich. kostenlos. 
Am vorletzten Wochenende hat die Untersuchungskommission sechs IOC-Mitglieder ausgeschlossen (aber bitte nur „provisorisch" bis zum Sonderplenum Mitte März), und zwar vor allem aus der Dritten Welt, aus Ecuador, der Republik Kongo, dem Sudan, aus Mali, Kenia und Chile. 
Der Brasilianer ist der Untersuchungskommission bislang noch gar nicht aufgefallen. 
PS 
Japan hat sich da geschickter verhalten. Hier wurden sämtliche Unterlagen aus dem Jahr 1992 über das Zustandekommen der Entscheidung für Nagano (Winterspiele 1998) kurzerhand und vollständig vernichtet. Noch im Jahr 1992 selbst. „So machen wir das immer in Japan", meinte ein Offizieller, „wenn ein Vorgang abgeschlossen ist." Na dann. 
 

Keine Versöhnung: De Klerks Memoiren 

Allein die Tatsache, daß die Lebenserinnerungen des letzten weißen Ministerpräsidenten Südafrikas jetzt (am 20. Januar) nicht im Land, sondern in London, also im Mutterland der Exkolonie, herausgekommen sind, verrät etwas über den Autor. Selbst wenn er der Meinung war, in seinem Land interessiere sich sowieso niemand dafür, ist die Wahl des Erscheinungsorts demütigend. 
Und so darf man erwarten, daß das Buch alte Wunden aufreißt. Auch wenn der Autor das Gegenteil behauptet. 
Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Mandela und de Klerk werden bestimmt nicht dadurch überbrückt, daß der letzte Apartheid-Präsident sich selbst als den großen Reformer beschreibt und schwarze Politiker eher nur als Randfiguren. 
Der eigenen Rechtfertigung mehr als einem anderen Zweck dient auch de Klerks eingehende Schilderung seines „tiefen Schreckens", als er - angeblich spät - von den Bomben-Attentaten der weißen Regierung gegen Anti-Apartheid-Politiker erfuhr. 
Die alte Garde, die der Mandela-Regierung immer noch mißtrauisch gegenübersteht, kann sich bestätigt fühlen. 
 

Ein unentdecktes Leonardo-da-Vinci-Manuskript?

Carlo Pedretti, ein italienischer Renaissance-Forscher, ist - wie er auf einem Gelehrtentreffen am 20. Januar mitteilte - davon überzeugt. Den entscheidenden Beleg fand er in dem Buch „Trattati dell' oreficeria e della scultura" (1568) des Goldschmieds und Bildhauers Benvenuto Cellini. Der Autor spricht dort von Leonardos Überzeugung, daß „die Malerei immer auf der Bildhauerei aufbauen muß", was der gängigen Meinung widerspricht, die beiden Künste lägen für Leonardo im Konflikt miteinander. Cellini zufolge fertigte Leonardo sogar Lehmfigurinen als Modelle für seine Fresken an, etwa für das „Abendmahl". 
Cellini muß also, so die Schlußfolgerung, einen uns bislang unbekannten Leonardo-Text über Malerei und Skulptur vor Augen gehabt haben. 
„Er versteckt sich irgendwo in der Welt", sagte Pedretti. 
Zur Erinnerung: Das Notizbuch Leonardos, den sogenannten Leister-Codex, eine Abhandlung über Astronomie und die Geheimnisse des Wassers, besitzt seit 1994 Bill Gates. Er mußte dafür mehr als dreißig Millionen Dollar hinlegen. 
 

Das Pentagon ist doch kein Zensor

Der frühere Chef der UNSCOM, Scott Ritter, muß sein Buchmanuskript, in dem er die Clinton-Regierung für ihre Irak-Politik einer scharfen Kritik unterzieht, nun doch nicht vor der Drucklegung dem Pentagon vorlegen. 
Es war alles nur ein Mißverständnis, heißt es dort. Man habe dem Autor am 23. Dezember nur einen Brief geschrieben mit dem freundlichen Hinweis, er könnte womöglich und unabsichtlich Geheimdokumente veröffentlichen, und man könnte ihm dabei helfen, diese Gefahr zu vermeiden. „Es war ein Angebot", wird erläutert, „keine Aufforderung."Und selbstverständlich gebe es keine administrative Handhabe gegen Ritter, da er ja seit letztem Sommer nicht mehr der Armee untersteht. 
Das Buch soll im Frühjahr bei Simon & Schuster herauskommen. Unzensiert. 
 

Die Wagners schreiben wieder 

Das Aufsehen, das die Familienkräche in Gottfried Wagers Familien-Wäsche „Wer nicht mit dem Wolf heult", wird sich mit Nike Wagners Buch „Wagner Theater" (ohne Bindestrich) kaum wiederholen. 
Die Autorin, die 1945 geborene Tochter Wieland Wagners und damit Richards Urenkelin, befaßt sich in der ersten Hälfte des Essay-Bandes auschließlich mit dem Werk des Urgroßvaters und seiner Rezeption. Im zweiten Teil beschreibt sie die Familiengeschichte seit dem Einzug in Bayreuth. 
Wobei sie zwischen dem „Fliegenden Holländer" oder dem „Parsifal" und der Familie verblüffende Parallelen zieht: Hier wie dort erkennt sie dieselben Hierarchien. Auch einen erotischen Strukturvergleich bietet sie uns an: Das Inzest-Motiv im „Ring" wird in Beziehung gesetzt zu der familiär verbreiteten Frauen-Neigung zu erheblich älteren Männern. Und natürlich kommt die Hitlerbewunderung, aber auch die Anja-Silja-Liaison Wieland Wagners vor. Aber sachlich, thematisierend, unsensationalistisch. 
 

Das neueste Desaster-Buch

Die Katastrophe war nahezu total: Außer Noah und seiner Arche blieb nach der Sintflut nicht viel übrig (der Landeplatz Ararat zum Beispiel). 
Zwei amerikanische Geologie-Professoren, William Ryan und Walter Pitman, sagen uns in ihrem soeben erschienenen Buch „Noahs Flood", wie so etwas passieren konnte. 
Es gibt ihnen zufolge tatsächlich Gründe für die Annahme, daß um das Jahr 5600 v. Chr. wirklich eine riesige Überschwemmung stattfand, nicht gerade in biblischem Land, aber immerhin der Zeitpunkt stimmt mit der traditonellen Lebenszeit Noahs überein. 
Der Ort der großen Flut mag Bibelforscher überraschen - und nicht nur sie: Ryan und Pitman identifizieren nämlich als Überschwemmungsgebiet das Schwarze Meer. Zusammen mit einer russischen Expedition und mit modernster Technologie untersuchten sie hier 1993 Ablagerungen und Meeresfauna. Dabei stellten sie unter anderem fest: Frühere Süßwassermuscheln mit zerbrochenen Schalen treten zurück und machen Salzwassermuscheln mit intakten Schalen Platz. Mit der Radiokarbonmethode wurde der Übergang auf das Jahr 5600 v. Chr. datiert. Und so sieht das Katastrophenszenario der Forscher aus: Bis zu diesem Zeitpunkt war das Schwarze ein mickriger Süßwasser- Binnentümpel, erheblich tiefer gelegen als das Mittelmeer. Dann brach der natürliche Damm am Bosporus, und die Wassermassen strömten mit achtzig kmh und tödlicher Urgewalt hinunter nach Nordwesten, unter ständigem Nachschub aus Mittelmeer und Atlantik. Und so bildete sich die heutige Meerenge am Bosporus und das salzhaltige Schwarze Meer. 
Der Charme der Theorie ist, daß in der Türkei, gewissermaßen am Südufer der Überflutung, wirklich ein Berg Ararat liegt. Und noch etwas: Die beiden Forscher berechneten aus Gefälle und langsamem Niveau-Ausgleich die Dauer der Flutwelle mit dreihundert Tagen. Und in Genesis 8,5 ist - damit übereinstimmend - von einer zehn Monate dauernden Flut, bevor die Spitzen der Berge wieder auftauchten. 
Nur der biblische Regen paßt da nicht recht hinein. Aber wer will jetzt so kleinlich sein, wenn fast alles andere so schön stimmt? 
 

Das Wörterbuch des Anstoßes

Der Online-Service AOL arbeitet mit dem angesehenen Verlag Merriam-Webster zusammen, der unter anderem ein berühmtes Synonymen-Wörterbuch herausgibt, den Merriam-Webster Thesaurus. Der Thesaurus ist für AOL-Kunden einzusehen und zu benützen. 
Seit dem 19. Januar allerdings nicht mehr. AOL hat ihn aus seinem Service-Angebot herausgenommen, weil sich einige Kunden über zwei angeblich diskriminierende Synonyme für „homosexuell" („faggot" und „fruit") beschwert hatten. Dabei waren die schlimmen Einträge präzise mit „abwertend"-Symbolen markiert. Der Haken: die Symbole sind fünf Web-Seiten entfernt erläutert, und nicht nochmal auf jeder Wörterbuchseite. Das war für besonders diskriminierungssensible Benutzer offensichtlich unzumutbar viel Blättern und Suchen. „Wir entschuldigen uns dafür", sagte Deborah Burns, die Marketing-Chefin von Merriam-Webster. 
Erfreulich bei der kuriosen Geschichte ist immerhin, daß die Anti-Diskriminerungsliga nicht gleich die Totalresektion verlangte. In wenigen Wochen soll der Thesaurus wieder online gehen, jetzt mit den nötigen Markierungen auf jeder Seite. 
 

Wenigstens einige profitieren vom Millenniums-Crash

Vor der Doppel-Null in den nur zweistelligen Jahreszahlen im Computer geht eine panische Angst um. Glaubt man den professionellen Angstmachern, so stürzt die zivilisierte, d.h. die Maschinen-Welt an Sylvester 1999 ins Chaos, weil die allgegenwärtigen Computerchips „00" entweder nicht oder als „1900" verstehen - mit unausdenkbaren Folgen. 
Da braucht man dann unbedingt so etwas wie das „Überlebens-Notgepäck" von Jerry Gentry, das schon für eintausendzweihundertneunzig Dollar zu haben ist: Es enthält zwanzig Kanister Weizen, acht Container Mais und Sojabohnen und mehrere Wasserfilter, ausreichend für vier Personen und ein Jahr. 
Wer aber denkt an die seelischen Bedrohungen der Jahrtausend-Katastrophe? Steve Farrar. Er brachte eben ein Buch heraus, Titel: „Spirituelles Überleben während der 2000-Krise". Darin schlägt er Familien, die ihr Haus nicht mehr verlassen können, abendliche Bibellesungen vor und feste, offenbar glaubensfeste Bunker. 
Auf einer drei Tage währenden Jahr-2000-Verkaufsmesse in Lubbock (Texas) sagte eine Besucherin: „Ich möchte nicht mit heruntergelassenen Hosen dastehen, wenn es passiert." In ihrem Korb lag das Buch dazu, mit dem Titel „Lassen Sie sich nicht mit heruntergelassenen Hosen erwischen". 
 

Dreiundvierzig Raketen

Ein irakischer General namens Hazim Razzaq Shihab enthüllt in seinem Buch „Dreiundvierzig Raketen auf das zionistische Gebilde" (erschienen zum achten Jahrestag des Golfkriegs am 17. Januar) erstmals die genaue Zahl der Scud-Raketen, die der Irak damals auf Israel abfeuerte. Der handschriftliche Befehl Saddam Husseins lautete: „Beginnt, mit der Hilfe Gottes, die schwerstmöglichen Schläge gegen Ziele in dem verbrecherischen zionistischen Gebilde, und seid wachsam, daß ihr nicht entdeckt werdet." 
Von der genannten Zahl schafften es nur sechzehn Raketen bis Israel (zwei Tote und zweihundertdreißig Verletzte). 
Weitere fünfzig Scuds wurde Shihab zufolge auf Ziele in Saudi-Arabien abgefeuert, wo allein bei einem einzigen Angriff auf Dharan achtundzwanzig Amerikaner getötet und hundert verwundet wurden. 

Autor: Osama bin Laden

In Bangladesh stehen sieben Personen seit dem 1. Februar unter Anklage wegen der nicht genehmigten Veröffentlichung des Buches „Amerika und der Dritte Weltkrieg" eines terrororismusverdächtigen Autors in Afghanistan: Osama bin Laden, dem die zwei letzten Sprengstoffattentate in Afrika zur Last gelegt werden. Nach einer achten Person, dem Übersetzer, wird noch gefahndet. 
Die Regierung in Bangladesh behält sich üblicherweise das Recht vor, bestimmte Publikationen nicht zu genehmigen, wenn sie geeignet sind, Spannungen zwischen Muslims und Hindus hervorzurufen. Die Höchststrafe beträgt sechs Monate Gefängnis, aber in den meisten Fällen kommen die Schuldigen mit einer Verwarnung davon.
 

Die Kleine Rote CD

Ein bißchen krumm ist der Gedenktag schon, aber trotzdem wird gefeiert: Am 26. Dezember dieses Jahres wäre Mao einhundertfünf Jahre alt geworden. Und so hat das Politbüro der KPCh jetzt alle zwanzig Bände der politischen Werke des Großen Vorsitzenden neu herausgegeben - auf einer Multimedia-CD, zusammen mit unzähligen Fotos, Sound- und Video-Clips und einer Menge bisher nicht in den Partei-Kanon aufgenommener Gedanken und Sprüche Maos. 
Der verstorbene Autor liegt immer noch einbalsamiert und ausgestellt in seinem Glassarg unter einer chinesischen Flagge, und täglich ziehen Tausende in langen Schlangen an ihm vorüber. 
 

Schindler nur auf Platz zwei

Erheblich mehr Juden, als der Industrielle Schindler auf seiner berühmten Liste hatte, wurden durch 
einen englischen Botschaftsangestellten vor dem drohenden Tod gerettet, und zwar rund zehntausend. Das allein ist schon bemerkenswert. Aber außerdem war er auch noch bescheiden und sprach nie über seine Rettungsaktion: Frank Foley, während der Nazizeit Geheimdienstler an der Britischen Botschaft in Berlin.
Michael Smith, Journalist des Daily Telegraph, hat jetzt ein Buch über Foley geschrieben. Der Agent, bei Kriegsausbruch schon ein graumelierter Vierundfünfzigjähriger hatte als Coverstory die Zuständigkeit für die Paßabteilung in der Botschaft. In dieser Eigenschaft konnte er Visa für Großbritannien ausgeben, und zwar erheblich mehr, als ihm offiziell erlaubt war. Die Schlange der Menschen, die bei ihm ein Visum beantragten, reichte regelmäßig kilometerlang um den ganzen Häuserblock herum. Und seine Vorgesetzten hatten keine Ahnung von der inflationären Visa-Erteilung an die gefährdeten Juden. Manchmal nahm er auch verfolgte Juden unter den Augen der Gestapo zum Übernachten mit nach Hause. Foley, der übrigens auch noch Rudolf Hess nach seinem Englandflug verhörte, ist 1958 gestorben.
Hoffentlich kriegen wir jetzt nicht auch noch einen Film „Foleys Liste".
 

Mozart, ab jetzt jährlich

Man kann nicht früh genug anfangen mit dem Feiern, wenn man allen anderen zuvorkommen möchte.
Die meisten von uns denken noch gar nicht dran, daß uns im Jahr 2006 ein Megajubiläum droht: der zweihundertfünfzigste Geburtstag Mozarts. Aber das ist ein Fehler. Andere denken nämlich schon lange daran, zum Beispiel Wien und Prag. Und jetzt auch, logisch, Salzburg, das sich von den beiden Hauptstädten nicht abhängen lassen will. Und so hat es seine Pläne bereits heute bekanntgegeben.
Am 23. Januar hat sich in der Innstadt zur Beratung der Feierlichkeiten erstmals ein internationaler Beirat versammelt, dem Mitglieder aus der Schweiz, Belgien, Japan und Österreich angehören. Eine eigene Zeitschrift mit dem windschnittigen Namen „Mozart News" ist ebenfalls geplant. 
Die Ankündigung liest sich fast wie das Investitionsvorhaben für einen neuen Autotyp: Es soll ein (wörtlich:) „Netzwerk aus Menschen und Ideen" geschaffen werden, das „zukunftsgerichtete Initiativen" zu entwickeln hat. Salzburger Künstler sollen „Projektvorschläge" einreichen, die zu einer „kreativen Auseinandersetzungg" mit Mozart anregen.
Und damit man Salzburg und dies alles bis zur Geburtstagsfeier in sechs Jahren nicht etwa vergißt, sind die Projektleiter auf eine geniale Idee gekommen. Sie feiern Mozart bis dahin ganz einfach in jährlichen Tagungen. Und zwar global: „Mozart und Afrika" im Jahr 2002. Die nächsten Themen errät man leicht: „Mozart und Amerika" 2003, „Mozart und Australien" (tatsächlich?) 2004 und „Mozart und Europa" 2005 („Mozart und Asien" fehlt irgendwie). Und Im Jubiläumsjahr selbst werden dann die Ergebnisse in einem Salzburger Supersymposium zusammengefaßt.
 

Ein Buch für Pinochet

Der berühmte chilenische Journalist Hermogenes Perez de Arce hat in aller Eile ein Buch herausgebracht, mit dem er die Unschuld Pinochets beweisen möchte. Er sucht noch einen Verleger in Europa.
Die übrigen Anhänger des Diktators haben sich ihrerseits etwas einfallen lassen, um Pinochet in das Guiness-Buch der Rekorde zu bringen. Sie bastelten die größte Grußpostkarte aller Zeiten. Das Geld dafür und für Anwaltkosten in England bringt eine sogenannte Pinochet- Stiftung durch Spenden zusammen und durch den Verkauf einer Schallplatte mit Militärmusik.
Die Sympathisanten demonstrieren nicht nur in Chile. Zweihundert von ihnen sind zur Auslieferungsentscheidung nach London gereist.
Wir wünschen ihnen aufrichtig, daß sie umsonst gereist sind.
 

Sicherheitspanne bei Mobilcom

Die Idee war so schön: Die Telefongesellschaft Mobilcom hatte im Dezember 1998 ihren Kunden einen speziellen Internetzugang angeboten, bei dem durch einen monatlichen Pauschalbetrag sowohl eine beliebig lange Internetnutzung als auch die dafür anfallenden Telefongebühren abgegolten waren. Das von vielen freudig begrüßte Angebot galt zwar nur in den Nebenzeiten und am Wochenende, aber immerhin.
Jetzt ist die schöne Idee eines frühen Todes gestorben: Am 22. Januar stellte Mobilcom den Service ein. Und zwar deshalb, weil die Telefongesellschaft auf den Ansturm der vielen tausend Interessenten technisch nicht vorbereitet war. Die überlasteten Leitungen gaben stundenlang nur noch das Besetztzeichen her.
Und als wäre das noch nicht peinlich genug, kam noch ein Sicherheitsmanko hinzu. Abonnenten eines Onlinedienstes hatten es nämlich geschafft, die E-Mail von Mobilcomkunden zu lesen und sogar zu löschen, und sogar Radioreporter fanden ohne Hacker-Kenntnisse Zugang zu den Anmeldenamen und Telefonnummern der nichtsahnend surfenden Mobilcomkunden.
Ab dem 1. Februar sind daher alle diese Internet-Anmeldungen bei Mobilcom gelöscht.
Zwar müssen die Düpierten netterweise keinen Pfennig für die Nutzung dieses glücklosen Service bezahlen (falls sie denn bis ins Web durchkamen). Aber bei solcher Stümperei kann man lange darauf warten, daß das Internet in Deutschland populär wird.
 

Triste Japaner

Sie lesen keine Liebesromane mehr, sondern - nach dem Erfolg einschlägiger Titel zu urteilen - nur noch düstere Bücher über ihre Wirtschaftsmißerfolge.
„Die Lehren aus dem Fehlschlag" lautet einer der erfolgreichen Titel, von dem gleich im ersten Monat dreißigtausend Exemplare abgesetzt wurden (für den Verleger immerhin kein Fehlschlag). Ein weiterer Titel heißt mit aller Deutlichkeit „Japans Fehler", ein dritter, etwas eleganter,  „Das Wesen der Fehler dieses Landes", andere „Japans Krise" oder „Japans Nullwachstum".
Vorbei die Zeiten, in denen es Japan dem Rest der Welt zu zeigen unternahm. Jetzt herrscht nicht nur die Krise, sondern auch noch die Krisenliteratur.
Kimindo Kusaka („Die Lehren aus dem Fehlschlag") zitiert als wehmütiges Beispiel aus den letzten zehn Jahren den vergeblichen Versuch, mit dem Typ „Zero" ein allen anderen überlegenes Kampfflugzeug zu produzieren, aber auch das Versagen der japanischen Banken. Der Philosophie-Professor Kenichi Matsumoto („Japans Fehler") ist der Meinung, das Land habe noch immer nicht die Gründe seiner Niederlage im Zeiten Weltkrieg wahrgenommen, geschweige denn daraus gelernt.
Defätismus kann man den Autoren jedoch nicht vorwerfen. Alle Krisen-Autoren verlangen nach einer Abkehr von der beengenden Tradition und nach grundlegend neuen Produktions- und Denk-Prozessen.
Wer die Anpassungsfähigkeit des Landes kennt, kann sich also auf neue und ganz andere „asiatische Werte" freuen.
 

Rechtsstaat China

Duan Ruofei steht in Peking als Ankläger vor Gericht. Er ist der Verfasser vier anonymer Flugblätter, die als die „Essays der zehntausend Schriftzeichen" bekannt wurden. Sie enthalten eine scharfe Kritik der kapitalistischen Liebäugeleien der chinesischen Kommunisten. Im vergangenen April nun fiel Ruofei das Buch „Gekreuzte Schwerter" in die Hand, und darin fand er zu seiner Überraschung seine Essays zum Teil abgedruckt (und als „Panikmache" zerpflückt). „Das ist eine Verletzung meines Urheberrechts", sagte er. Zwar gibt er im Hauptberuf eine marxistische Monatsschrift heraus, aber er kennt seine Rechte: „Der Marxismus tritt für das gesellschaftliche Eigentum an den Produktionsmitteln ein. Das heißt jedoch nicht, daß alles allen gehört." Nun verlangte er umgerechnet  vierzigtausend Mark als Schadensersatz von dem nachdruckenden Verlag.
Zum ersten dreitägigen Verhandlungtermin war ein ungewöhnlich zahlreiches Publikum erschienen: sechzig Personen. Als die Anwälte der beiden Seiten in den offenbar unvermeidlichen ideologischen Streit gerieten, fuhr der Richter dazwischen: „Das Gericht hat nicht über Ideologien zu befinden; halten Sie sich an die Tatsachen!"
Das Urteil ist noch nicht gesprochen. Aber schon jetzt hat der Richter weitere Auflagen des inkriminierten Buches verboten und im Weigerungsfall mit der Schließung des Verlags gedroht.
Vielleicht geht demnächst auch noch die Sonne des Rechtsstaats im Osten auf.
 

Rushdie-Songs

Der immer noch von der iranischen Fatwa bedrohte Autor liefert Songtexte für die irische Rockgruppe U2.
Nicht nur die in Rushdies neuem Roman „The Ground Beneath Her Feet" enthaltenen Gedichte darf der U2-Sänger Bono für eigene Songs verwenden. Auch das Cover des neuen Albums der Gruppe wird am 13. April mit dem Titel des Rushdie-Romans herauskommen.
Der Autor und Bono sind seit Jahren befreundet. Er hatte dem Sänger das Manuskript zum Lesen geschickt, und Bono hatte sich mit ein paar Melodien dafür bedankt. „So einfach ist das", erklärte Rushdie.