| Ein ziemlich
unspektakulärer Tod
Wer sich als Amerika-Reisender sich an der offenen, verheißungsvollen
Weite des Landes begeistert, denkt kaum daran, daß die Geographie
sich ihre eigenen Menschen schafft. In den Wüsten der USA ist Platz
für viele: drop-outs und Naturschwärmer, Aussteiger und Versager,
Spinner und Sinnsucher. An einem zivilisationsfernen Ort namens „Oh-My-God
Hot Springs" zum Beispiel versammeln sich alljährlich einige von ihnen
auf einem
seltsamen Lagerplatz, an dem gut zweihundert Menschen
in ihren fahrbaren Untersätzen überwinterten. Die Kommune lebte
jenseits aller gesellschaftlichen Normen, sie war gleichsam eine Vision
des postapokalyptischen Amerika. Man traf dort auf Familien, die sich in
billigen Zeltanhängern verschanzten, alternde Hippies in bunt bemalten
Kleinbussen und Charles- Manson-Doppelgänger in verrosteten Studebakers,
die schon seit Eisenhowers Zeiten rumstanden. Viele liefen splitternackt
herum. Im Schatten einer Palmengruppe im Zentrum des Lagers war Quellwasser
aus einer hießen Thermalquelle in zwei seichte, dampfende, von Steinen
umrandete Becken geleitet worden. Dies war Oh-My-God Hot Springs.
Hier lagert zeitweise auch der Held des Buches (wenn man ihn so nennen
kann), Chris McCandless, bevor er wieder weiterzieht. Irgendwohin, einfach
weiter. Am Ende stirbt er, kaum erwachsen geworden, allein und krank, in
einem verrosteten Bus in der eisigen Wildnis von Alaska.
Krakauer ist dem bizarren Schicksal des jungen Mannes nachgegangen,
mit dem wilden Unternehmen, „ihn zu verstehen". Hat er ihn nach gut dreihundert
Seiten verstanden?
McCandless ist ein Außenseiter. Er studiert erst noch, sozusagen
ordentlich, mit Abschluß, dann verbrennt er fast sein ganzes Geld,
packt ein paar Sachen ein und trampt herum: per Anhalter, springt auf fahrende
Güterzüge auf, schleppt ein Boot durch mexikanische Sümpfe,
geht schließlich zu Fuß in die Berge, eigensinnig taub für
alle Tips und Ratschläge, ohne die nötige Kleidung, Ausrüstung
oder Verpflegung. Er liest Tolstoi wie andere die Bibel. Er lebt völlig
asexuell („Keuschheit und moralische Unbeflecktheit waren Werte, über
die McCandless oft und ausgiebig sinnierte"). Er schreibt anfangs noch
Briefe und Postkarten an Freunde (nicht an seine Eltern) und führt
eine Art Tagebuch. Es ist eine ziemlich angelesene, pathetisch aufgeblasene,
reichlich pubertäre Prosa, eine mäandernde Suche nach etwas Wesentlichem.
Und das soll Stoff für eine Reportage sein?
Jon Krakauer hatte in der Zeitschrift „Outside", für die er regelmäßig
schreibt, einen einfühlsamen, aufsehenerregenden McCandless-Artikel
publiziert. Unter der Masse von Zuschriften war auch diese aus einer Eskimosiedlung:
In den letzten fünfzehn Jahren sind mir hier draußen
mehr als nur ein McCandless über den Weg gelaufen. Immer das gleiche:
idealistische, energiegeladene Jungs, die ihre Kräfte über- und
die der Natur unterschätzen, und ehe sie sich's vesehen, stecken sie
bis zum Hals in Schwierigkeiten. McCandless ist wahrlich kein Einzelfall.
Von diesen Typen hängen jede Menge bei uns herum. Sie sind einander
zum Verwechseln ähnlich und schon beinahe zu einem allgemeinen Klischee
geworden. Der einzige Unterschied besteht darin, daß McCandless am
Ende mit dem Leben zahlte und seine Blödheit in sämtlichen Gazetten
Verbreitung fand. ...(In „Feuer im Schnee" hat Jack London all dies sehr
treffend beschrieben. McCandless ist letztlich nichts weiter als eine blasse,
zeitgenössische Parodie auf Londons Protagonisten, der erfriert, weil
er jeglichen Ratschlag in den Wind schlägt und Opfer seiner eigenen
Selbstüberschätzung wird) ...
Was McCandless umgebracht hat, ist seine Ignoranz, der
er ohne weiteres durch eine Geländekarte und das allgemeine Pfadfinderhandbuch
hätte abhelfen können. Für seine Eltern tut es mir leid,
für ihn jedoch kann ich kein Mitgefühl aufbringen. Ein solches
Ausmaß an vorsätzlicher Ignoranz ... läuft auf schiere
Respektlosigkeit gegenüber der Natur hinaus, und paradoxerweise liegt
ihr die gleiche Art von Arroganz zugrunde, die zu dem Tankerunglück
der Exxon Valdez führte - noch so ein Fall von überheblichen
und völlig unzureichend vorbereiteten Männern, die vor sich hin
wursteln und vor allem deshalb versagten, weil ihnen die nötige Demut
fehlte. Der Unterschied zu McCandless ist rein quantitativ.
McCandless' aufgesetztes Asketentum und seine pseudoliterarische
Geisteshaltung verschlimmern all diese Unzulänglichkeiten nur, statt
sie zu mildern. ... McCandless' Postkarten, Notizen und Tagebücher
... lesen sich wie die Ergüsse eines überdurchschnittlich begabten,
ein wenig zur Theatralik neigenden Schuljungen - oder habe ich da etwas
mißverstanden?
Das ist die deutliche Stimme der Vernunft. Man kann ihr kaum widersprechen.
Aber Krakauer gräbt noch tiefer. Er sucht die streunenden, kurzzeitigen
Weggenossen des Jungen, die Mitschüler und Freunde und läßt
sie von ihren mal flüchtigen, mal ergreifenden Beziehungen zu McCandless
erzählen. Einer aus dem Sportteam erinnert sich, daß Langstreckenlauf
für McCandless eine „spirituelle Übung war, die einer religiösen
Erfahrung nahekam". Es komme darauf an, erklärte er, „gegen die Kräfte
der Finsternis oder die Wand des Bösen anzurennen". Krakauer referiert
das ein bißchen wie nebenbei und läßt das Thema im nächsten
Absatz mit dem eiligen Übergang „Aber Langstreckenlauf war nicht auschließlich
eine spirituelle Angelegenheit. Es war auch ein Wettkampf" geradezu desinteressiert
links liegen.
Hat er den Schlüssel zu McCandless wirklich übersehen? Oder
traut er seinen Lesern keinerlei Restreligiosität mehr zu, selbst
wenn ihr das moderne Mäntelchen „Spiritualität" umgehängt
ist? Die Antwort ist nicht eindeutig zu geben.
Denn noch einmal, obgleich nur in Paranthese, kommt Krakauer darauf
zu sprechen, „um McCandless zu verstehen". Auf schüchternen anderthalb
Seiten erzählt er von den „papar", den Mönchen des 5. oder 6.
Jahrhunderts, die sich auf kleinen Booten in die völlig unbekannte
Wildnis Islands flüchteten und später, im 9. Jahrhundert, noch
weiterfuhren bis nach Grönland, als die ersten Norweger vor Island
auftauchten und es den Siedlern nicht mehr einsam genug war. Und er nennt
ihren Mut, ihre „verwegene Unschuld", ihre große Sehnsucht „zutiefst
berührend".
Vermutlich ist auch für den Autor der junge Mann kein ordinärer
Aussteiger, trotz aller Mängel an Demut und Verstand. Krakauer hat
ihm mit diesem Buch eine einfühlsame Biographie gewidmet, verständnisvoll,
in jedem Gelände kompetent, detailliert und glänzend recherchiert,
speziell in den bewegenden Porträts mancher Weggefährten. In
einer beneidenswert sauberen Sprache ohne falsche Zutaten, ohne Langweiler
und Durchhänger.
So sehnig und zupackend muß eine Reportage geschrieben sein.
Beispielhaft.
Alexandra Simon |
Jon Krakauer
In die Wildnis. Allein nach Alaska
Serie Piper 02708, München 1998
302 S., 12 x 19 cm
16,90 DM, 16,- sFr, 123,- öS
|