Die Gazette Nr. 11, Februar 1999:

Leseproben
 
Ein ziemlich unspektakulärer Tod

Wer sich als Amerika-Reisender sich an der offenen, verheißungsvollen Weite des Landes begeistert, denkt kaum daran, daß die Geographie sich ihre eigenen Menschen schafft. In den Wüsten der USA ist Platz für viele: drop-outs und Naturschwärmer, Aussteiger und Versager, Spinner und Sinnsucher. An einem zivilisationsfernen Ort namens „Oh-My-God Hot Springs" zum Beispiel versammeln sich alljährlich einige von ihnen auf einem 

seltsamen Lagerplatz, an dem gut zweihundert Menschen in ihren fahrbaren Untersätzen überwinterten. Die Kommune lebte jenseits aller gesellschaftlichen Normen, sie war gleichsam eine Vision des postapokalyptischen Amerika. Man traf dort auf Familien, die sich in billigen Zeltanhängern verschanzten, alternde Hippies in bunt bemalten Kleinbussen und Charles- Manson-Doppelgänger in verrosteten Studebakers, die schon seit Eisenhowers Zeiten rumstanden. Viele liefen splitternackt herum. Im Schatten einer Palmengruppe im Zentrum des Lagers war Quellwasser aus einer hießen Thermalquelle in zwei seichte, dampfende, von Steinen umrandete Becken geleitet worden. Dies war Oh-My-God Hot Springs. 

Hier lagert zeitweise auch der Held des Buches (wenn man ihn so nennen kann), Chris McCandless, bevor er wieder weiterzieht. Irgendwohin, einfach weiter. Am Ende stirbt er, kaum erwachsen geworden, allein und krank, in einem verrosteten Bus in der eisigen Wildnis von Alaska. 
Krakauer ist dem bizarren Schicksal des jungen Mannes nachgegangen, mit dem wilden Unternehmen, „ihn zu verstehen". Hat er ihn nach gut dreihundert Seiten verstanden? 
McCandless ist ein Außenseiter. Er studiert erst noch, sozusagen ordentlich, mit Abschluß, dann verbrennt er fast sein ganzes Geld, packt ein paar Sachen ein und trampt herum: per Anhalter, springt auf fahrende Güterzüge auf, schleppt ein Boot durch mexikanische Sümpfe, geht schließlich zu Fuß in die Berge, eigensinnig taub für alle Tips und Ratschläge, ohne die nötige Kleidung, Ausrüstung oder Verpflegung. Er liest Tolstoi wie andere die Bibel. Er lebt völlig asexuell („Keuschheit und moralische Unbeflecktheit waren Werte, über die McCandless oft und ausgiebig sinnierte"). Er schreibt anfangs noch Briefe und Postkarten an Freunde (nicht an seine Eltern) und führt eine Art Tagebuch. Es ist eine ziemlich angelesene, pathetisch aufgeblasene, reichlich pubertäre Prosa, eine mäandernde Suche nach etwas Wesentlichem. 
Und das soll Stoff für eine Reportage sein? 
Jon Krakauer hatte in der Zeitschrift „Outside", für die er regelmäßig schreibt, einen einfühlsamen, aufsehenerregenden McCandless-Artikel publiziert. Unter der Masse von Zuschriften war auch diese aus einer Eskimosiedlung: 

In den letzten fünfzehn Jahren sind mir hier draußen mehr als nur ein McCandless über den Weg gelaufen. Immer das gleiche: idealistische, energiegeladene Jungs, die ihre Kräfte über- und die der Natur unterschätzen, und ehe sie sich's vesehen, stecken sie bis zum Hals in Schwierigkeiten. McCandless ist wahrlich kein Einzelfall. Von diesen Typen hängen jede Menge bei uns herum. Sie sind einander zum Verwechseln ähnlich und schon beinahe zu einem allgemeinen Klischee geworden. Der einzige Unterschied besteht darin, daß McCandless am Ende mit dem Leben zahlte und seine Blödheit in sämtlichen Gazetten Verbreitung fand. ...(In „Feuer im Schnee" hat Jack London all dies sehr treffend beschrieben. McCandless ist letztlich nichts weiter als eine blasse, zeitgenössische Parodie auf Londons Protagonisten, der erfriert, weil er jeglichen Ratschlag in den Wind schlägt und Opfer seiner eigenen Selbstüberschätzung wird) ... 
Was McCandless umgebracht hat, ist seine Ignoranz, der er ohne weiteres durch eine Geländekarte und das allgemeine Pfadfinderhandbuch hätte abhelfen können. Für seine Eltern tut es mir leid, für ihn jedoch kann ich kein Mitgefühl aufbringen. Ein solches Ausmaß an vorsätzlicher Ignoranz ... läuft auf schiere Respektlosigkeit gegenüber der Natur hinaus, und paradoxerweise liegt ihr die gleiche Art von Arroganz zugrunde, die zu dem Tankerunglück der Exxon Valdez führte - noch so ein Fall von überheblichen und völlig unzureichend vorbereiteten Männern, die vor sich hin wursteln und vor allem deshalb versagten, weil ihnen die nötige Demut fehlte. Der Unterschied zu McCandless ist rein quantitativ. 
McCandless' aufgesetztes Asketentum und seine pseudoliterarische Geisteshaltung verschlimmern all diese Unzulänglichkeiten nur, statt sie zu mildern. ... McCandless' Postkarten, Notizen und Tagebücher ... lesen sich wie die Ergüsse eines überdurchschnittlich begabten, ein wenig zur Theatralik neigenden Schuljungen - oder habe ich da etwas mißverstanden? 

Das ist die deutliche Stimme der Vernunft. Man kann ihr kaum widersprechen. Aber Krakauer gräbt noch tiefer. Er sucht die streunenden, kurzzeitigen Weggenossen des Jungen, die Mitschüler und Freunde und läßt sie von ihren mal flüchtigen, mal ergreifenden Beziehungen zu McCandless erzählen. Einer aus dem Sportteam erinnert sich, daß Langstreckenlauf für McCandless eine „spirituelle Übung war, die einer religiösen Erfahrung nahekam". Es komme darauf an, erklärte er, „gegen die Kräfte der Finsternis oder die Wand des Bösen anzurennen". Krakauer referiert das ein bißchen wie nebenbei und läßt das Thema im nächsten Absatz mit dem eiligen Übergang „Aber Langstreckenlauf war nicht auschließlich eine spirituelle Angelegenheit. Es war auch ein Wettkampf" geradezu desinteressiert links liegen. 
Hat er den Schlüssel zu McCandless wirklich übersehen? Oder traut er seinen Lesern keinerlei Restreligiosität mehr zu, selbst wenn ihr das moderne Mäntelchen „Spiritualität" umgehängt ist? Die Antwort ist nicht eindeutig zu geben. 
Denn noch einmal, obgleich nur in Paranthese, kommt Krakauer darauf zu sprechen, „um McCandless zu verstehen". Auf schüchternen anderthalb Seiten erzählt er von den „papar", den Mönchen des 5. oder 6. Jahrhunderts, die sich auf kleinen Booten in die völlig unbekannte Wildnis Islands flüchteten und später, im 9. Jahrhundert, noch weiterfuhren bis nach Grönland, als die ersten Norweger vor Island auftauchten und es den Siedlern nicht mehr einsam genug war. Und er nennt ihren Mut, ihre „verwegene Unschuld", ihre große Sehnsucht „zutiefst berührend". 
Vermutlich ist auch für den Autor der junge Mann kein ordinärer Aussteiger, trotz aller Mängel an Demut und Verstand. Krakauer hat ihm mit diesem Buch eine einfühlsame Biographie gewidmet, verständnisvoll, in jedem Gelände kompetent, detailliert und glänzend recherchiert, speziell in den bewegenden Porträts mancher Weggefährten. In einer beneidenswert sauberen Sprache ohne falsche Zutaten, ohne Langweiler und Durchhänger. 
So sehnig und zupackend muß eine Reportage geschrieben sein. Beispielhaft. 

Alexandra Simon 

Jon Krakauer
In die Wildnis. Allein nach Alaska
Serie Piper 02708, München 1998
302 S., 12 x 19 cm
16,90 DM, 16,- sFr, 123,- öS
Umschlag Krakauer