Die
Gazette Nr. 11, Februar 1999:
Lese-Effekte
Ratgeber: Wie werde intellektuell fit?
Ein Text aus dem frühen 12. Jahrhundert bietet dazu genaue Hinweise. Seine Maxime: Nobody is perfect (damals hieß das Demut). Hier ein paar Auszüge aus den Lese- Anleitungen:
Ihr habt den Plato gehört, ihr werdet auch den Chrysippus hören.
Im Sprichwort heißt es: „Was du nicht weißt, weiß vielleicht
ein Eselein." Niemandem ist es gegeben, alles zu wissen; aber es gibt hinwiederum
auch niemanden, dem nicht von Natur aus irgendeine Geistesgabe zuteil geworden
wäre. Der verständige Leser hört daher alle gern, liest
alles, verachtet kein Schriftwerk, keine Person, keine Lehre. Unterschiedslos
such er bei allen das, was ihm, wie er sieht, abgeht, und er betrachtet
nicht, wieviel er weiß, sondern wieviel er nicht weiß. Deshalb
wird auch jener Ausspruch des Plato angeführt: „Ich will lieber bescheiden
von anderen lernen, als unbescheiden anderen mein eigenes Wissen aufdrängen."
...
Wie bei den Tugenden, so gibt es auch bei den Wissenschaften bestimmte
Stufen. Aber du sagst mir: Vieles finde ich in den geschichtlichen Büchern,
was mir keinen Nutzen zu bringen scheint; warum soll ich mich mit solchem
beschäftigen? Gut! Es gibt zwar viele Stellen in der heiligen Schrift,
die, für sich allein betrachtet, nichts Begehrenswertes zu enthalten
scheinen. Wenn du dieselben aber mit anderen Stellen, mit welchen sie in
Verbindung stehen, vergleichst und in ihrem Zusammenhang abzuwägen
beginnst, so wirst du einsehen, daß dieselben ebenso notwendig wie
angemessen sind. Einige Stellen sind an und für sich wissenswert;
wiewohl andere Stellen an und für sich unserer Mühe nicht wert
erscheinen, so darf man solche nicht sorglos beiseite liegen lassen, weil
ohne sie jene Stellen der ersten Art nicht deutlich verstanden werden können.
Lerne alles; später wirst du einsehen, daß nichts überflüssig
ist. Beschränktes Wissen bringt keine Freude.
Hugo de Saint Victor, Didascalion, um 1128