Die Gazette Nr. 11, Februar 1999:

Kommentar

Was will Norman Mailer im Harz?

von Ulrich Greiwe

Für die literarische Welt war es die Sensation des Jahres: Norman Mailer lernt deutsch, um auf den Spuren Goethes zu wandeln. Nach Muhammwed Ali, dem Kennedy-Mörder Oswald, Marilyn Monroe, dem zweifachen Mörder Gary Gilmore und Jesus, dem der 75jährige sein bislang letztes Buch widmete, nun also John Wulfgäng van Göte, wie die Amerikaner zu sounden pflegen.
Der deutsche Genius als letzter Superlativ eines turbulenten amerikanischen Schriftstellerlebens? Ich jedenfalls erwarte jeden Moment, daß Norman Mailer mir in Wernigerode über den Weg läuft. Ausgerechnet Wernigerode? Jene Stadt unterm Harzer Brocken, der Rudolf Schneider seinen abgrundtief schlechten und abgrundtief kritischen Roman „Die Tage in W." widmete? Jene Stadt, die Hermann Löns, der Heidedichter, in dessen Grab Dieter Hildebrandt einen zwei Meter langen Neger vermutet, werbekräftig die „bunte Stadt" nannte? Und die wahrlich eine der schönsten Städte Deutschlands, wenn nicht die hübscheste ist. Schon Ernst Jünger, einst entzückt von Mailers Kriegsroman „Die Nackten und die Toten", wollte sich eigentlich im Harz auf jenen Lorbeeren ausruhen, die ihm gleichermaßen Adolf Hitler und Henry Miller in persönlichen Briefen gestreut hatten.
Nun also Mailer (wie Erich Loest schreiben würde). Was will der alte Wichser, der Suffkopp, der einstige New Yorker Oberbürgermeisterkandidat und Frauenprügler da? Es liegt auf der Hand und hat wohl mit einer der Schlüsselfiguren in Goethes Leben zu tun, mit Friedrich Victor Leberecht Plessing.
Nie war Goethe aufregender. Bei Plessing wurde der Weimarer zum Wallraff. 1777 hatte Plessing dem Geheimen Legationsrat, der mit seinem „Werther" auch den Ruf eines Lebensberaters gewonnen hatte, in zwei Briefen seine Konflikte und seine Lebenszweifel geklagt. Goethe ließ das Selbstmitleid des lästigen Pastorensohnes keine Ruhe, und so beschloß er, ihn in Wernigerode aufzusuchen. Incognito, als „Weber", Beruf Maler. Nur so glaubte er mehr über die „selbstquälerische" intellektuelle Persönlichkeit Plessings zu erfahren, den er in seinem Tagebuch als „jungen, durch Schulen und Universität gebildeten Mann" charakterisierte, dem nun aber sein sämtlich Gelerntes zu eigener, innerer, sittlicher Beruhigung nicht gedeihen wollte". Ein psychisches Schicksal, das er mit mindestens tausend deutschen Intellektuellen teilt. Norman Mailer scheint von dieser Goethe-Episode erfahren zu haben - durch die Goethe-Studie des amerikanischen Psychoanalytikers K. R. Eissler.
Oder sollte ihn Eisslers pikante Beweisführung, warum Johann Wolfgang in seinen Werken die alten Hexen den jungen vorzog, noch mehr interessieren? Auflösung: Goethe mochte kein Menstruationsblut, wenn er sich einer Frau hingab. Bei den „jungen" Hexen war er zu oft damit konfrontiert worden.
Bei seinen Gängen durch Goethes Gelände mag sich der Starschriftsteller aus
Amerika dann auch an das elende erotische Gebräu erinnern, das ihm eine seiner Ex- Gattinnen, die alte Hexe Adele jüngst unter dem Titel „Die letzte Party" nachgerufen hat: offenbar mit dem Besen geschrieben.