Die Gazette Nr. 11, Februar 1999:

Kalenderblätter, sozusagen

Seit September und bis zum Juli nächsten Jahres zeigt jede Nummer dieser Zeitschrift eine Art Kalenderblatt, und zwar als Vorabdruck aus dem „Taschenlexikon Goethe" von Friedemann Bedürftig, das im Juli 1999 im Piper Verlag herauskommt. Monatlich bringen wir aus diesem Goethe-Manual einen Artikel, der den Klassiker auch einmal aus andersartiger, nicht-klassischer Perspektive betrachtet.
Als sechstes Stichwort kommt die
 

Leidenschaft

Sie wirft poetische Perlen an den Strand, /
Und das ist schon Gewinn des Lebens.
(West-östlicher Divan Buch der Sprüche)
 Als ins Äußerste gesteigerte Gefühlsregungen verstand Goethe die Leidenschaften, deren Produktivität wie Zerstörungskraft er immer wieder dargestellt hat. Im Sturm und Drang gehörte Übersteigerung von Gefühl bis hin zur »Raserei« zu den Stilmitteln, die Goethe virtuos beherrschte, aber auch gekonnter als andere zu bändigen wußte, da für ihn schon damals galt: Was Leidenschaften »heilen könnte, macht sie erst recht gefährlich« (Wahlverwandtschaften II,4). In seinem Leben gewährte er der Leidenschaft, vornehmlich der erotischen, zwar viel Raum, hatte immer aber auch den Fluchtimpuls bereit, wenn »Erfüllung« drohte. Werthers Bekenntnis, daß seine Leidenschaften »nie weit vom Wahnsinn« waren, läßt sich auf den Autor nicht übertragen. Die sichere Distanz, die er allzu mächtigen Reizen gegenüber einhielt, wurde mit den Jahren noch vergrößert. Schlaglichtartig deutlich wird das in der Entscheidung Goethes, das Angebot, von Italien nach Griechenland überzusetzen, auszuschlagen und es beim Suchen seines gelobten Landes »mit der Seele« zu belassen. Ob er gefürchtet hat, die Realität könnte die Idealität des inneren Bildes beschädigen oder gar zerstören? Nach der Italienischen Reise betonte er nicht von ungefähr stärker das Besonnene, weniger Gefühlsgeladene, Organische und warnte vor den Leidenschaften, die »so leicht auseinanderzerren, was vernünftige und wohlmeinende Menschen zusammenzuhalten wünschen« (Lehrjahre V,16). Daß »Leidenschaft Leiden bringt«, erfuhr der Dichter selbst oft und ein letztes Mal in der Liebe zu Ulrike von Levetzow. Er erlebte aber auch den starken poetischen Impuls solchen Leides (Motto), dem wir die Marienbader Elegie verdanken: »Leidenschaft erhöht und mildert sich durchs Bekennen« (Wahlverwandtschaften II,4).

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