Die Gazette Nr. 11, Februar 1999:

Interview mit Wolfgang Balk, geschäftsführendem Verleger, dtv

Wird Ihrer Meinung nach die Brüsseler Forderung, die grenzüberschreitende Buchpreisbindung aufzugeben, mit Bonner Hilfe demnächst abgewehrt oder verläuft sie in ein paar Jahren im Sand?
Ich glaube, so einfach liegen die Dinge nicht. Zum einen kommt ab 2002 der Euro, so daß es dann eine grenzüberschreitende Preisbindung im eigentlich Sinn gar nicht mehr geben kann; vielmehr gilt dann ein Euro-Preis. Das Problem dabei sind die unterschiedlichen Mehrwertsteuersätze in Europa. Das ist es, was den österreichischen Buchhandel irritiert, denn dann müßte es einen deutschen und daneben einen österreichischen Europreis geben, und das ist natürlich absurd. Es besteht also die Hoffnung, daß die Mehrwertsteuersätze gesamteuropäisch angeglichen werden, insbesondere zwischen den deutschsprachigen Staaten.
Das andere Problem sind die Preisbindungen generell. In der Presse wird gern übersehen, daß nicht nur der Buchpreis gemeint sein kann, sondern jegliche Art der Preisbindung. So kostet ja auch eine Schachtel Zigaretten, gleichgültig, wo Sie sie kaufen, immer gleichviel; auch hier besteht also ein Preiskartell. Dasselbe gilt für Zeitungen und Zeitschriften. Man kann also nicht nur allein gegen den Buchhandel vorgehen.
Ich bin der Meinung, daß die Preisbindung für einen Teil des Buchhandels sehr viel Sinn macht, insbesondere für Bücher, die querkalkuliert werden müssen und einen hohen Arbeitsaufwand erfordern. Hinzu kommt, daß die Vielfalt des Bucheinzelhandels zerstört würde, wenn der gebundene Ladenpreis oder auch die Teilwertabschreibung wegfiele. Ein entsetzlicher Gedanke.

Was ist von dem Vorschlag van Mierts zu halten, die Preisbindung für kulturell wertvolle Bücher aufrechtzuerhalten, für die übrigen aber nicht?
Also da müßte es dann eine Zensurbehörde geben, die festlegt: Hier ist die Grenze. Im übrigen kommen wir da in Geschmacksfragen. Es gibt Menschen, die Comics für ein Kulturgut halten, schließlich gibt es Asterix ja auch auf lateinisch, es gibt wissenschaftliche Asterix-Studien. Ich glaube nicht, daß hier eine Kommission oder ein Einzelner eine Linie zwischen Kultur und Unkultur ziehen kann. Ich denke, das geht nicht. Das führt nur zu so scheußlichen Ergebnissen wie „Entarteter Kunst" und dergleichen.

Dabei scheint nun sowohl den Verfechtern der Preisbindung wie auch van Miert selbst ein speziell kultureller Charakter des Buches vorzuschweben, der verbieten würde, es ausschließlich als Ware zu behandeln wie Autos oder Tomaten.
Mein Standpunkt ist: Was in der Warenwirtschaft hergestellt wird, wird dort gehandelt und unterliegt als Handelsgut denselben Gesetzen wie alles andere. Sonst müßte ich ja auch sagen, ein Bordeaux-Winzer, der mit Liebe zum Detail arbeitet, keine Massenweine produziert, seine Reben hingebungsvoll pflegt (wie mancher Verleger seine Autoren), darf auch nicht schlechter gestellt werden: Wieso ist sein Wein nicht auch ein Kulturgut? Nun wird aber dieser Wein als schnödes Handelsgut unter die Leute gebracht, und sein Preis reguliert sich über den Markt. Das Buch nun hat meiner Auffassung nach die gleiche Doppelnatur wie andere Waren auch.

Wie gepflegte Weine zum Beispiel.
Wie manche Weine, ja, aber ich denke auch an Zeitschriften und vieles andere. Nur müßte man hier natürlich wieder unterscheiden etwa zwischen einer Illustrierten und einer Literaturzeitschrift wie „Akzente". All dies unterliegt jedoch denseben wirtschaftlichen Bedingungen, und das ist auch für das Buch gerechtfertigt.

Eine Frage zur Doppelnatur des Buches: Wenn mit der einen der Warencharakter gemeint ist, was ist dann die andere Natur des Buches?
Ich denke, das Buch hat - wie jedes Handelsgut - einen Nutzen, egal ob er nun in Richtung Kultur und Kunst oder mehr zur Unterhaltung hin tendiert. Auch von einem Waschmittel könnten wir sagen, es ist ein Kulturgut. Vermutlich können sich viele Menschen eher eine Welt ohne Bücher vorstellen als eine ohne Waschmittel. Selbst ein Auto ist nicht als reine Ware zu betrachten, es wird vielmehr als Kultgegenstand gepflegt. Mit anderen Worten: Man tut der Warenwelt unrecht, wenn man das Buch auf ein Podest hebt, ihm einen Nimbus gibt und ihm damit auch wieder etwas wegnimmt. Dahinter steht doch die Überzeugung: Wir müssen hier etwas schützen, weil die Leute damit nicht so richtig umgehen können, weil sie den wirklichen Wert nicht erkennen.

Ist das denn nicht der Fall?
Ich glaube, wir werden zu der Erwartung erzogen, daß Bücher billig zu sein haben. Für anderes wird ohne weiteres erheblich mehr Geld ausgegeben. Da liegt die eigentliche Problematik des Buchhandels: daß man dem Käufer die besondere Wertigkeit des Buches nicht plausibel gemacht hat. Sie müssen sich nur die Preissteigerung der letzten fünfzig Jahre bei Lebensmitteln oder Textilien ansehen und sie mit der Preisentwicklung von Büchern vergleichen; dann werden Sie feststellen, daß Bücher nicht wie andere Waren das Zehnfache, sondern nur etwa das Vier- bis Fünffache kosten, und Hardcover-Bücher liegen sogar noch darunter. Von ihrem Gebrauchswert her müßten Hardcover-Bücher eigentlich hundertfünfzig bis hundertachtzig Mark kosten, wenn wir jetzt einmal von den technischen Fortschritten der Buchproduktion absehen. Im Verhältnis zu anderen Waren sind Bücher also im Durchschnitt zu billig.

Noch einmal zur Doppelnatur des Buches: Sehen Sie in der Tatsache spezieller Gesetze, etwa des Urheberpersönlichkeitsrechts, eine Besonderheit des „geistigen Eigentums" an dieser Ware?
Nein, ich kann darin keinen entscheidenden Unterschied erkennen. Jede Ware hat ihre besonderen Eigenschaften, etwas für sie Spezifisches, ihr Design, ihre Aura. Jede Ware hat sozusagen ihren Urheber, immer hat sich irgendjemand etwas ausgedacht und in Form gebracht. Ein Autor nimmt die vierzig Zeichen und Buchstaben unseres Alphabets und stellt sie zu den erstaunlichsten Kombinationen zusammen. Und der Designer arbeitet mit Materialien und Farben und Formen ganz ähnlich. Vielleicht liegt ein Unterschied darin, daß in unserm Fall ein Sprung von der Materie zum Geist stattfindet. Daß hier nicht die Ware als solche, sondern das, was sie transferiert, vom Bentzer zu aktualisierende Texte, im Vordergrund steht, wenn wir einmal von Bildern absehen.
Trotzdem ist das Buch natürlich durch nichts zu ersetzen und selbst unter Umweltgesichtspunkten konkurrenzlos gegenüber anderen Medien.

Was ist mit diesem Aspekt gemeint?
Ich meine damit nicht nur die heute umweltschonende und energiesparende Produktion von Papier und Druckfarbe. Sie müssen sich vor Augen halten: Wenn Sie ein Buch lesen, brauchen Sie keine Steckdose wie bei allen Geräten der Unterhaltungselektronik; Sie verbrauchen beim Lesen also kaum Energie. Weiter: Die Geräte veralten sehr schnell, ihr Kunststoffanteil muß recycelt oder entsorgt werden, während ein Buch noch nach Jahrzehnten im Bücherschrank stehen wird. Das Buch ist als Informations- und Wissensmedium in hohem Maß umweltverträglich.

Ein so konkurrenzloses Medium braucht also Ihrer Überzeugung nach keinen besonderen „Schutz"?
Ich möchte hier differenzieren. Zu schützen ist niemals das Materielle, der Corpus des Buches, wie man ja auch nicht sagen kann, man muß jetzt den Fernseher oder das Radio „schützen". Auch wenn das jetzt häretisch klingt: Das Buch ist ein wunderbares Transportmittel. Ich kann damit großen Unfug transportieren, aber auch philosophische, historische, literarische Texte. Aber entscheidend ist der Inhalt, der - informationstheoretisch gesagt - vom Rezipienten aktualisiert wird. Das Medium ist nicht unbedingt das Entscheidende.
Es ist ja kein Geheimnis, daß mit Büchern nach wie vor sehr viel Geld verdient wird; das zeigen uns Weltbild und Bertelsmann und andere. Das sind sicher zum großen Teil Bücher zur Alltagsinformation, Unterhaltung auf dem Niveau einer Seifenoper. Ob man damit nun eine bestimmte Schutzfunktion verbinden kann (wieder abgesehen von zum Beispiel sehr arbeitsaufwendigen Klassiker-Ausgaben), scheint mir zweifelhaft.

Verlangen Sie also, das Buch müßte sich ohne Sonderschutz, aus eigener Kraft durchsetzen und seinen Wert behaupten?
Wenn eine Ware akzeptiert wird und vom Verbraucher als Steigerung der Lebenslust gesehen wird, wie etwa das Automobil, wird er das nötige Geld dafür aufbringen. Das Buch hat sich jedoch nur bei einem ganz kleinen Teil der Bevölkerung so durchgesetzt, daß dafür viel Geld ausgegeben wird, daß es also gekauft wird, egal, was es kostet. In der Etatplanung einer Familie rangiert das Buch allenfalls an sehr niedriger Stelle, unter „Bildung und Unterhaltung". Es gibt ja diese Grobeinteilung der erwachsenen Verbraucher: Ein Drittel sind absolute Nicht- Leser, ein Drittel kauft hin und wieder ein Buch (ungefähr eines bis fünf pro Jahr), und ein Drittel kauft mehr als fünf Bücher jährlich, und von diesem Drittel sind nur noch wenige extreme „Kulturbeflissene", die viele Bücher kaufen, und von ihnen lebt der literarische Buchhandel in großem Maße.

Versäumt hier die Schule eine Aufgabe, nämlich die jungen Menschen zum Buch hinzuführen?
Zu erwarten, die Schule müßte die Kinder zu kritischen Lesern heranbilden, hieße in einer Phantasiewelt leben. Es liegt auf der Hand, daß heute eher fähige Arbeitskräfte verlangt werden. Literatur hatte ja zu allen Zeiten auch etwas Eskapistisches, und „Selbstdenker", wie Lichtenberg sagen würde, sind in keinem System sonderlich gefragt.

Die Konkurrenz anderer Medien läßt sie nicht fürchten für die Zukunft der Lesekultur?
Offen gesagt, nein. Heute werden in Deutschland mehr Bücher gedruckt, gekauft und auch gelesen als je zuvor. Das sollte man nicht unterschätzen.
Und was die anderen Medien betrifft, gebe ich zu bedenken: In den zwanziger, dreißiger Jahren gab es noch kein Fernsehen, die Filmindustrie etablierte sich erst, die Deutschen waren sozusagen ein Volk von Lesern. Trotzdem haben sie in wenigen Jahren unsägliche Zerstörungen angerichtet, ganz ohne Fernsehen. Das macht mich nach wie vor skeptisch. Für mich ganz persönlich ist durch die Nazizeit die Glorifizierung der Buchkultur unmöglich geworden. Wenn sich hier nicht ein „Volk der Dichter und Denker", mit Hölderlin im Tornister, so barbarisch aufgeführt hätte, würde ich es vielleicht anders sehen. Ich nehme meinen Kindern also ihr Fernsehen nicht übel. Die angelesene Bildung ist nicht das Entscheidende. Gebildetste Leute waren damals zu größten Verbrechen fähig. Dr. Goebbels war ein promovierter Germanist. Erheblich wichtiger ist die Charakterbildung und daß kritische, individuell denkende Menschen in diesem Land das Sagen haben, und das kann auch über andere Medien als nur Bücher erreicht werden. Denken Sie doch nur daran, wieviel Schrott auch in Büchern steckt, das ist genauso grauenhaft wie der Schrott, der  im Fernsehen kommt. Man kann die Medien nicht gegeneinander ausspielen und dafür verantwortlich machen, daß für die Manager auf beiden Seiten lediglich die Absatzzahlen bzw. die Quote.zählt.

Sie sind kein Kulturpessimist.
Nein, ich neige überhaupt nicht zum Kulturpessimismus. Es stimmt einfach nicht, daß früher alles besser war.
Sogar im Gegenteil. Die Rotationspresse und das Taschenbuch - das ich natürlich besonders vertrete - haben zu einer Demokratisierung des Lesens geführt wie zu keiner Zeit vorher. Manches Hardcover stellt sich der Zahnarzt ins Bücherregal, nur weil es die Wohnung nobilitiert. Aber gut gemachte, gut gestaltete Taschenbücher werden wirklich gelesen. Ich glaube, so schlecht sind die Zeiten heute nicht. Weite Teile der Bevölkerung kamen früher überhaupt nicht zum Lesen, heute werden sie immerhin dazu animiert, und das Buch hat bei ihnen eine Chance. Wir haben eine Buchhandelsdichte wie nirgendwo sonst auf der Welt; ich vermute, es gibt genauso viele Buchläden wie Apotheken in Deutschland. Das Buch ist durchaus präsent, in jeder Fußgängerzone ebenso lebendig wie neuerdings im Internet.
Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus unserm Haus. Wir haben eine vierzehnbändige Goethe- Ausgabe gemacht, und innerhalb von zwei Monaten haben wir sie zwanzigtausendmal verkauft. Und ich denke, sie wurde von Leuten gekauft, die auch damit umgehen werden.

Also gar keine Besorgnisse?
Nicht generell. Allerdings mache ich mir große Sorgen um manche Verlage und die Individualität von Programmen. Der Zugriff der Konzerne ist hier extrem, wie sich gerade im letzten Jahr gezeigt hat. Da mendeln sich Oligarchien heraus, die ich für sehr bedenklich halte. Diese Konzerne sind vor allem wachstums- und rendite-orientiert. Wenn sie dagegen die Biographien von bedeutenden Verlegern lesen, sehen Sie, mit welchen Opfern, mit wieviel Begeisterung und individuellem Engagement damals Autoren und Programme gefördert wurden unter Hintansetzung der Rentabilität. Jetzt sitzen da Manager und Controller und passen auf. Viele große Verlagsnamen sind in Wirklichkeit heute nur maskierte Profitcenter der Konzerne.
Andererseits gibt es noch standfeste mittlere und kleinere Verlage, die sich nicht korrumpieren lassen und auf die sowohl die Leser wie auch die Presse achten, von Suhrkamp bis Hanser, von Wagenbach bis Antje Kunstmann und, ja, bis zum dtv.