Die
Gazette Nr. 11, Februar 1999:
Was „Zeit"-Zukunftsforscher vergessen haben
von Ulrich Greiwe
Warum entsteht bloß immer wieder das Gefühl, daß die
„führende" deutsche Wochenzeitung, DIE ZEIT, kulturell zu wenig entdeckerisch
arbeitet (vom SPIEGEL ganz zu schweigen)? Wochenzeitungen sind die eigentlichen
Kompasse einer Nation, gerade in Zeiten des Globalismus. Sie sind die Horte
kreativer Individualität in den Zeiten wirtschaftlicher Cholera. Globalismus?
Wenn Globalisierung zum besinnungslosen Selbstläufer zu werden droht,
wird sie zum Globalismus.
In dieser Situation hat die „Zeit" jüngst an Boden gutgemacht.
Durch eine geballte Ladung vorgezogener Zukunftserkundung ein Jahr vor
der Millenniumswende. Wer will schon, rein marketingmäßig, in
die große Flut futurologischer Deutungen hineingeraten, die zur Jahrtausendwende
ausbricht? Also bot die „Zeit" zum Jahresende großartig verzettelte
Weltrundschauen zu allen Fragwürdigkeiten des Lebens. Zu allen? Auf
jeden Fall stand am Ende der Eindruck, vor lauter Bäumen den Wald
nicht mehr zu sehen.
Vier weitere Umstände haben die „Zeit" wieder zu einem absoluten
Führungsblatt gemacht:
1. Die geheimnisvolle Schwächung der „Woche" nach dem Versuch
ihres Chefredakteurs Manfred Bissinger, eine Große Koalition herbeizuschreiben
und für sich den Posten des Regierungssprechers. 2. Das Auftauchen
der Rosa-Grünen-Koalition, denn die überwiegende Majorität
der „Zeit"-Mannschaft war schon längst rosa-grün mit ein bißchen
Gelb. 3. Die wiedererwachte große Background-Aktivität von Helmut
Schmidt und seines „Ziehkinds" Roger de Weck. 4. Die sich anbahnende
Glorifizierung der historischen Rolle der „Zeit" durch gleich zwei großangelegte
Biographien: Ralf Dahrendorf schreibt die Geschichte des „Zeit"-Gründers
Gerd Bucerius, und Hermann Schreiber, des Spiegels bester Bonn-Reporter,
biographiert den Mann, der Bucerius das Geld beschaffte, um die „Zeit"
mit den Überschüssen des „Stern" zu finanzieren: Henri Nannen.
Das heimliche Herz der „Zeit" war immer das Feuilleton, Politik und
Wirtschaft nur Lunge und Niere. Die vitalsten Debattenanstöße
gingen zeitweilig vom Kulturteil aus. Nun aber hat neben der „Wirrsal heutiger
Kunstphänomene" (Sigrid Löffler) auch der Definitionsmachtverlust
das „Zeit"-Feuilleton ereilt.
Die Macht der Kultur war allenthalben eine gewisse Definitionsmacht
in Gestalt geistiger Antworten auf die Sehnsüchte der Zeit. Statt
dessen ist der Haupteindruck, den das „Zeit"- Feuilleton gegenwärtig
hinterläßt, ein Mischmasch brillant formulierter Halbherzigkeit.
Ganz konkret: keine wirklich originellen Zusammenhangs-Entdeckungen jenseits
der Schröder- Stoiber-Politik! Keine tiefempfundenen Klugsheits-Kampagnen
gegen wuchernden Stumpfsinn.
Zwei Beispiele: Abgesehen von der problematischen Rolle der „Zeit"
beim laufenden Kräfteschwund der Erzählkultur sowohl in der deutschen
Literatur als auch im deutschen Kino (noch am lustvollsten und extrovertiertesten
war die Phase von Rudolf Walter Leonhardt und H. C. Blumenberg), ist die
Drehbuchkultur die eigentlich wunde Schnittstelle zwischen Literatur und
Kino. In der „Zeit", die große Verdienste beim Aufbau der essyistisch
tendierenden deutschen Problemliteratur hat, wurde das Thema der nationalen
Drehbuchkrise nie entdeckt. Die Jünger von Roland Barthes, die Kunst
in Bewegung ermessen, verprassen ihre Sensibilität lieber in wolkigen
postmodernen Fragen, statt eine angloamerikanisch orientierte Erzählkultur
voll fesselnder Erwartung und vitalem suspense zu fördern.
Zum zweiten Beispiel: Trotz Barbara Sichtermann, der neunmalgescheiten
„Zeit"- Fernsehkritikerin, hat man den Eindruck, daß die deutsche
Fernsehszene von der „Zeit" ohne große Umsicht verfolgt wird. Eher,
so scheint es, werden zum fünften Male die „religiösen Funktionen
des Fernsehens" erwogen als einmal die „Verkogelung" des Privatfernsehens
systematisch untersucht. Fred Kogel, eine Art Chefideologe des SAT1-Senders,
hat sich offenbar zum Ziel gesetzt, alle grauenhaften gesellschaftlichen
Szenarios mit zynischen Plots und platter Action-Manier vorwegzunehmen.
Bis zur Verwurstung des süßen Christiane- Paul-Images für
eine üble rechte Verschwörungs-Phantasie aus dem Untergrund Berlins
mit dem sinnigen Titel „Götterdämmerung". Wer sich wie die „Zeit"
in den gehobenen Katakomben der Betrachtungsästhetik verzettelt, sorgt
dafür, daß die neuen, gescheiten geistigen Bewegungen weiterhin
nur in Frankreich und den USA angestoßen werden. Aufgemerkt, da hat
doch einer der erstklassigen Drehbuchautoren Amerikas die Eigenwilligkeit
entwickelt, aus zwei Tschechow-Erzählungen einen großen Film
mit Holly Hunter und Danny de Vito zu stricken. Daß Filme wie „Die
Truman-Show" oder David Finchers „Sieben" nicht in Deutschland entstehen,
liegt nicht so sehr am mangelnden Geld, sondern an einer erzählerischen
Potenz, an der es nicht nur mangelt. Sie ist in den abgehobenen Feuilletons
mit all ihrem Gebrochenheits-Gefasel immer noch verpönt.