Die Gazette Nr. 11, Februar 1999:

Florilegium

Gedankenhexel

VII
Was ist das Kapital des Politikers, wenn nicht Glaubwürdigkeit?  ‘Altkanzler' Schmidt --der es wissen müsste-- soll, ich war nicht dabei, behauptet haben, von dem, was uns von den Medien als Neuigkeiten beschert wird, sei ‘bestenfalls die Hälfte' wahr.   Wir alle wissen, dass Politiker lügen.   Nein, nicht immer, wenn sie das Maul aufmachen, wie es der Volksmund gern formuliert, aber oft, und fast ebenso oft wird aus der kleinen rosa Notlüge ein Monster.   Schauen wir nur nach Washington und Clintons gewesenes Privatissimum an mit der voluptuösen Praktikantin:  ist eigentlich niemandem aufgegangen, wie schwer es gewesen sein muss, nach all diesem Aufgeheize nicht ‘zu dem zu schreiten', was er unter Sex verstanden wissen will und sie angeblich so sehr begehrte, nämlich Penetration und Ejakulation in Vagina?      2  Womit wir bei der Umsatzsteuer wären, auch Mehrwertsteuer genannt --obwohl strictissime da von Mehrwert nicht die Rede sein sollte--, über deren Erhöhung immer wieder Versuchsballons hochgelassen werden, mit der Massgabe, dass ja die Brüder in Euro sämtlich (zum Teil wesentlich) höhere Sätze hätten.   Das ist nicht sofort falsch, wenn nur die Umsatzsteuer besehen wird.   Dazu müssen wir jedoch wissen, was dem Bürger schon von der letzten, und von dieser Regierung kein Iota weniger --was sie doch alles gemeinsam haben!-- trotzig und hartnäckig verheimlicht wird:  die anderen können auch nicht annähernd mit einem ähnlichen Rattenschwanz und -könig indirekter Steuern aufwarten;  wenn die Bundesrepublik nun (schlauerweise ist nunmehro gleich von 2% die Rede, sodass beim Bürger dann das Gefühl relativer Erleichterung einsetzt, wenn's bei ‘nur' einem Prozent das Bewenden hat, zumal bei diesen Gelegenheiten jeweils plötzlich die obligatorischen Löcher im Haushalt aufplatzen -- was an den Deppenwitz erinnert, in dem einer sich immer wieder mit Hammer auf Daumen kloppt und, gefragt, sagt, es sei so schön ein Gefühl, wenn der Schmerz nachlässt)      3  Ja, Glaubwürdigkeit.   Wir alle wissen doch, ohne erst nachdenken zu müssen, dass Werbung lügt, unsre graue New York Times beispielsweis alles andre tut, als mit ihrer Maxime ‘All the news that's fit to print' tätermässig zu werden.   Nichts anderes trifft fuer die FAZ zu, wenn sie behauptet, dass dahinter immer ein kluger Kopf stecke (warum eigentlich stecken?), wie uns' Joschka uns eben schlagend bewiesen hat, denn wäre er klug, er liesse nicht so merken, dass Politiker Lakaien der Wirtschaft sind.   Selbst wenn er die Erträge seiner schlechtberatenen, ich verkneife mir das Wort ‘degoutanten', Werbetätigkeit wohltätigen Zwecken zuschiebt, was ich ihm zuguthalten will:  wie soll jemand, der dafür Geld nimmt, dass er lügt, je seine Glaubwürdigkeit wiederherstellen?
4  ‘Bill jetzt billiger' kräht eine der neuen Telefongesellschaften unter einem Brustbild mit ‘Handy' gross los, insinuierend, Joschka spräche des öfteren mit Clinton (was nicht der Fall ist), ihren Transatlantiktarif von 68 Pfennig per Minute (wir zahlen von hier aus 15 Cent, mithin 25 Pfennig) preisend.   Mit ‘Wer keine Ahnung hat, hat auch keine Meinung' tritt Joschka dann für Brockhaus an.   Meine Meinung dazu wäre, und die sollte ihn interessieren, denn viele Leute --ob sie nun Ahnung haben oder nicht, eine Stimme haben sie allemal;  die brauchen Joschka und Konsorten frueher und viel mehr als sie denken, und nicht immer ist die Denkspanne der Bevölkerung so kurz, wie die Politische Klasse das gern moechte-- denken wie ich, der immerhin auch Einsehen hat, dass der Drang, die unter Widerstreben angeschaffte und zurschaugetragene Edelkluft nun auch wirksam unter die Leute zu bringen, nicht leicht zu zähmen ist.   Aber damit hat sich's dann auch schon: bei jedem Blättern im Spiegel muss ich inzwischen fürchten, über einen neuen Joschka zu fallen ... So:  Knock it off;  mit der Würde ---sollte ich sagen:  dem Amt?-- eines Abgeordneten, Sprechers und gar Ministers-cum-Vizekanzler ist dieser Schabernack nicht zu vereinbaren -- und womöglich ist es sogar verfassungswidrig (aber im Gegensatz zu hiesigen Verhältnissen gibt es ja in Deutschland so viele Verfassungsverstösse, dass die Strassen damit geteert werden können;  fürmeinLebengern würdich wissen, wie das kommt;  niemand kann's sagen)      5  Nachdem ihm doch ein Modikum meiner Sympathie geblieben ist, mache ich Joschka im folgenden Dr. Oliver Neckers Bescheidenen Vorschlag zur Vermeidung weiterer Umsatzsteuererhöhungen zum Geschenk, der zwar eine neue Steuer ist, jedoch den Bürger entlastet statt ihn zu belasten und überall, wo's drauf ankommt, Beifall finden wird.   Wo gibt's das noch ausser hier!  lchweissichweiss, Joschka hat mit Steuern gar nichts zu tun, aber das hat er auch mit Brockhaus, 68-Pfennig-Atlantiktelefonaten und, halt, FAZ!;  er wird alles meistbietend, will sagen mit den nötigen Auflagen weitergeben.   Und so geht's:
6  Als Präambel ein Wort zur Last der Werbung.  Wälder holzen wir ab, karren Fertigprodukt, Roh- und Altmaterial (das mit Toxinen entfärbt werden muss):  unvertretbarer Treibstoffaufwand;  wir vergiften Flüsse und Gewässer (und damit unser Trinkwasser, das wir deswegen mit viel Mühe und neuen Giften verschlimmbessern müssen), um uns dann einen Bruch an (beispielsweise) kiloschweren Hochglanzheften holen zu können, in denen vor lauter --und sogar auch mal leiser-- Werbung schon das lnhaltsverzeichnis kaum mehr lokalisierbar ist.   Auch unsre Briefkästen laufen mit unbestelltem, -gewolltem und -nötigem Werbezeug über.   Dann die aufdringlichen und ebenso lauten wie unverschämten wie dummen Werber, die uns im eigenen --wir erinnern uns:  My home is my castle, wenngleich Typen wie erst Kanther und nun nahtlos Schily dieses Edifiz kräftig und nicht ohne Erfolg durchlöchern-- Zuhause vergewaltigen, sei es im Radio und Fernsehen oder mit Telefonaten!  lst's gedruckt, müssen wir's obendrein proper entsorgen      7  Nachdem wir uns längst nicht mehr helfen, geschweige zur Wehr setzen können, wird ein Werbezehnt eingeführt (der auch für in ihrer Häufung so lastend lästig werdende Eigenwerbung, so sich ‘Programmhinweise' nennt, im Funk anfällt).   So sollten alle Steuern sein;  ausweichen ins Nachbarland geht nicht.   Firmen werden --hoffentlich-- weniger werben, wir mehr Ruhe vor ihnen haben,  mit diesem meist dummen Kram, den niemand anschaut       8  ln den USA werden 1998 um die 200 Milliarden Dollar, fast so viel wie (offiziell! in Fakt ist's mehr) für Rüstung ausgegeben;  dann dürfte die Werbung in Deutschland 60 Mrd Mark kosten, fast 750 Mark pro Einwohner 14 Jahre und älter.   Fünf Mrd Euro jährlich, kompromisslos in die Energieforschung gesteckt, bringen alsbald neue Patente, Technologien und Anwendungen, Exporte -- und ein Füllhorn hochbezahlter Arbeitsplätze, mithin neue Hoffnung, neues Leben

VIII
Nicht Bomben auf Bagdad;  Nicht das empörend hasserfüllt-würdelose Gekläff unserer sämtlich staatsanwaltspielenden und auch sonst übergeschnappten Volksvertreter, die dafür wg unamerikanischer Umtriebe, aber genau das Gegenteil der McCarthyischen Sorte, zur Rechenschaft gezogen werden sollten (denn Amerikaner sind so nicht -- wie die Reaktionen der Wähler beweisen);  Nicht der Ausgang des langen Kesseltreibens gegen Clinton -- das sind Kinkerlitzchen:  die Einfuehrung des Euro wird die schwerstwiegende Entwicklung unserer Tage, jedoch mitnichten, weil, wie (Aussenminister und|oder Model?) Fischer sagt, Staaten einen Teil ihrer Souveränität aufgeben -- obwohl das bewundernswert ist      2  Annehmend, es tritt ein, was alle Rechtdenkenden hoffen, nämlich dieses Kunstgebilde EU, ein undemokratischer Kaumbekannter --in dem das Parlament den Kommissar nicht zur Rechenschaft ziehen darf--, kann dem arg in dünner Luft hängenden Homunkulus --trotz neuem Deutschen Weltökonom-- geziemend Leben einblasen (natürlich muss es auch das haben, was der Alte Fritz von seinen Officiers verlangte, naemlich Fortune), werden die Folgen für den Dollar und damit unsre Wirtschaft (mithin unsre Politik --wenn wir sie derzeit so nennen wollen--, mithin das Leben jedes Einzelnen) ebenso gross wie unschön      3  Vor allem hängt das mit der Funktion des Dollars als Reservewährung zusammen:  fünf Billionen liegen in Tresoren -- bis jemand sie irgendwann ganz schnell und geräuschlos braucht.   Wie problematisch diese Reserven werden können, zeigt ein Blick fünf Jahre zurück, als der Dollar im Rahmen eines Jahrs fast ein Drittel seines Aussenwerts verlor;  noch einmal 200 Jahre früher hatte Universalgenie Goethe geschrieben 'Jeder Zinsfuss, er sey, welcher er wolle, muss fest seyn.   Es kann dieser Grundsatz nicht oft genug wiederhohlt werden.   Er ist die Basis von allen'.   Dabei hatteer wenig Grund zu Klagen;  die bei ihm geltende Währung war nicht politikbestimmtes Papier und durchaus fest, gar wehrhaft:  Goldmünzen namens Pistole, ziviler Amalie d'or genannt, nach der Landesmutter Anna Amalia      4  Wir haben, nicht völlig legitim, Vorteile aus dieser Lage genutzt:  von niemandem gestraft arg über unsre Verhältnisse gelebt --was hierher Exportierende zu schätzen wissen--;  jedes Jahr produzieren wir unverschämt negative Handelsbilanzen, derzeit bei 200 Milliarden (ja, ebensoviel, wie wir für Werbung rausschmeissen), und stehen mit anderthalb Billionen bei Dritten in der Kreide.   Nur lauten eben diese Schulden auf Dollar und lassen sich --wir haben Uebung darin seit dem Koreakrieg, für den (wie für alle folgenden) auf diese Weise andere Länder mehr bezahlt haben als wir selbst-- manipulieren:  mit einem geringeren Aussenwert.    Mir ist noch ein Dollar erinnerlich, für den 360 Yen erlegt werden mussten;  vor fünf Jahren waren es um die 80. Oder über die Geldpresse und|oder durch Zinssenkungen.   Strenggenommen sind das auch nicht Auslandsschulden, lauten sie ja auf eigene Währung      5  So haben wir die Tatsache ausmanövriert, dass keine Nation fortgesetzt negative Handelsbilanzen auflaufen lassen kann, denn irgendwann erdrückt der Zinseszins das Nationalbudget.   Die Dollarreservennutzer haben sich's mit stiller, aber siedender Wut bieten lassen, bestand ja keine Alternative.   Entwickelt sich der Euro in eine harte Währung, wird das schnell anders;  Euroland hat mehr Menschen als wir und eine Wirtschaft, die der unseren nicht in viel nachsteht, traditionell positive Aussenhandelsbilanzen und fast so viele Aussenstände wie wir Schulden (!)      6  Die lronie ist, dass, wenn bisherige, über unsere Machenschaften verärgerte Dollarreservennutzer auf Euro umsteigen, dieser stärker (und der Dollar und der Yen, dem der Euro ebenfalls schwere Probleme, vor allem imperialer Art, servieren wird, schwächer) wird als verdient.   Auf jeden Fall aber wird uns dann nicht mehr ohneweiteres zugestanden, unbegrenzt Schulden zu machen und, zweite lronie, das ausgerechnet an dem Zeitpunkt, in dem wir befreundeten asiatischen Staaten aus Schwulitäten helfen sollten, was klassischerweise mit lmporten geschieht      7  Auch Alan Greenspan und seine Zentralbank sieht sich einer völlig neuen, unerwartet gefährlichen Situation gegenüber:  konnte er bisher ohne Rücksicht auf den Aussenwert des Dollars fast nach Belieben am Zinshahn rucken, wenn es die welt- oder die einheimischen Umstände erforderten, hat er dann dieses lnstrument nicht mehr.   Fliessen namhafte Reservebeträge in den Euro, werden wir höhere Zinsen für unsere Auslandsschulden bezahlen müssen, ja vielleicht Schwierigkeiten haben, überhaupt Geld aufzunehmen.   Auf jeden Fall wäre Greenspan seine Wunderlampe genommen.   Dann muss die Politik fiskalisch agieren, was nicht nur weh tut (zudem das seit Reagans Abtreten ‘mega-out' ist, inzwischen von den neo-Oekonomen schamlos pupuht wird;  dabei war Reagans Supply side economics Schulbuch-Keynes -- aber Keynes ist heutzutag --auch hier gibt es Moden-- eben ein Nobody: der Markt ist es, die unsichtbare Hand, die alles --einschliesslich die allermeisten von uns-- richten wird      8  Jedoch können derlei Massnahmen nur funktionieren, wenn sie mutig und schnell kommen, und unsre lädierte Regierung hat weder Muskeln noch Stehvermögen, sie durch den Kongress zu kriegen.   Wie das, vor allem vor dem Hintergrund der zitternd-flattrigen Wall Street --die zurecht oft die Hosen voll hat und zu Unrecht globalisiert--, weitergehen kann, darüber ein andermal.   Mittlerweilen, bis zur einigermassen Gesundung, täglich zwei Esslöffel vor dem Schlafengehen, Goethes zwischen 8. und 23. November l793 entstandene ‘Ausarbeitung des Schemas für ein Münzgutachten' komplett, frisch eingelesen:

Jeder Münzfuß, er sey
welcher er wollte, muß fest seyn.
Es kann dieser Grundsatz nicht oft genug wiederhohlt werden.
Er ist die Basis von allen,
er muß uns als ein Raisonnement durch die ganze bevorstehende Abhandlung leiten;
der Staatsmann muß sich ihn einprägen;
er muß ihn ganz allein vor Augen haben,
er mag sich nun als Vormund der ganzen Vermögensmasse,
als Verwalter der Fürstlichen Cassen,
als Rathgeber der Kapitalisten und großen Besitzer,
als Aufseher über Handel und Wandel,
als Beobachter der Operationen benachbarter oder entfernter Fürsten und Mächte,
als Arzt in unglücklichen Münzzerrüttungen,
als Beurtheiler, der leider so vielfältig sich kreuzenden Palliarivvorschläge,
er mag unter einem Gesichtspunkte sich ansehen, unter welchem er will,
so wird er diesem einzigen Grundsatze jederzeit wie dem Polarstern in der Nacht,
oder dem ariadnäischen Faden folgen können

IX
‘Schöne naive Sachen' seien kategorischer Imperativ und Freihandel, sagte Nietzsche, und mit einem der bei ihm üblichen gedanklichen Husarenritte gelangte er schnell zu seiner Konsequenz daraus:   dass zum ‘Wohl des Ganzen ... spezielle, vielleicht sogar böse Aufgaben' zu stellen und zu lösen sind, und zwar ‘für ganze Strecken der Menschheit'      2  Nietzsche starb vor 99 Jahren.   In diesem Jahrhundert haben wir einige ganz doll schön naive Sachen dazuaddiert.   Der gute Mensch Gorbatschow zum Beispiel hat uns, hochintelligenter Mensch, der er ist, ach er wusste nicht, was er sich selbst und uns tat, HErr, an eine solche ‘ganze Strecke' geschlossen:  erst hat er uns Amerikanern, die ihre --von ihnen selbst-- oftgerühmte Wettbewerbsfreudigkeit gern schon in utero ansaugen, politisch den Grossen Feind genommen, auf den, wennschon er sich mit uns bereits eine ganze Weile nicht mehr messen konnte, wir wenigstens mit der Ueberzeugung (nein, nicht notwendigerweise herunter-) schauen konnten, dass es ihn immerhin noch gab;  denn wer weiss, könnte er uns vielleicht wieder einmal mit etwas Sputnikigem überraschen und dergestalt uns vor die Notwendigkeit stellen, die Säfte und das Geld so richtig in Wallung zu bringen?      3  Damit liesse sich's leben, abgesehen davon, dass wir nun mit Vizinalfiguren wie Saddam (dabei ist der Lehrsatz, dass Demokratien keine Kriege anfangen, zu Bruch gegangen -- wir sollten das durchaus zum Anlass nehmen, uns zu fragen, inwieweit wir noch Demokratie sind, wenn die im Vormarsch begriffenen ultrarechten Fanatiker in aller Ruhe mit vom Staat grosszügigst finanzierten legalistischen Machenschaften einen Coup d'etat durchziehen und einen gewählten, möglicherweise priapischen Präsidenten, hinter dem die Bevölkerung mit in der amerikanischen Geschichte unerhörten Mehrheiten steht, in die Wüste schicken können) oder Fidel kabbeln müssen, die ernst zu nehmen schon, pardon, bombigen Aufwand an unwohltemperierter Propaganda braucht -- fast wie den, der uns jetzt überzeugen soll, dass Clinton ein Verbrecher ist      4  Gesellschaftlich noch weniger akzeptable Folgen entstehen in der --und durch die-- Wirtschaft.   Hatte die Globalisierung schon vor geraumer Zeit begonnen (die EWG|EG|EU, wird gern vergessen, war ein früher Schritt in diese Richtung), jetzt wurde es ernst.   Buhmann Kommunismus ist tot, Manchestertum ob seines universellen Umfangs in krudester Form auferstanden, die, damit's nirgendwo nachzuschlagen ist, jetzt unter Korporatismus läuft      5  Es muss am (bekanntlich immer dummen) Zeitgeist liegen.   Während in Amerika viele Leute sich nur mit zwei und drei Jobs über Wasser halten können und in Europa und überall sonst die Arbeitslosen sich vermehren wie Mais und generell seit vielen Jahren die Löhne in Relation zur Kaufkraft bestenfalls stagnieren, laufen den Gewerkschaften Mitglieder links und rechts davon, denken mithin nicht einmal daran, der Diktatur der Rentiers und der bei denen in Pflicht stehenden Managerklasse gegenzuhalten.   Wahrscheinlich können sie sich immer noch genug Benzin kaufen für ihre Kutschen, dieses Opium von heute, und ist auch noch Platz auf den Strassen:  dass sie nicht nur im Stau stehen müssen.   Aber war da nicht kürzlich durchaus glaubhaft zu lesen, dass der Mensch des ausgehenden zweiten Jahrtausends sich auch im Stau wohl fühlt, solang er im gepflegtschönen Pfühl des eigenen Autos zwischen den Schalltapeten seiner Wahl hockt?      6  ln China haben nota bene Wissenschaftler nun tatsächlich errechnet, was sogar uns in Automanie Gefangenen schon aufgegangen ist:  dass ihre Landesfläche entweder mit Strassen und Parkplätzen vollgeknallt oder zum Anbau von Nahrungsmitteln verwendet werden kann, beides gleichzeitig gehe nicht, was natürlich, wie kennen wir das! andrerseits auch nicht dazu führen wird, dass in China aller Strassen- und Autobau ab- und der Ackerbau angeschafft wird.   Selbst aus der absoluten Zahl, und sei sie wie in diesem Fall 1200 Millionen, entsteht ja nicht immer absoluter Druck      7  Eine viel skurrilere Rechnung als die Chinamänner hat das ansonsten ziemlich ernstzunehmende World Watch Institute jetzt in seinem Jahrtausendbericht (sic!) gemacht:  Sollte unser Lebensstil (das ist der lhrige in Westeuropa und meiner in Amerika) Weltstandard werden, führen statt 500 Millionen Autos deren fünf Milliarden (als ob die Welt und wir dann noch atmen könnten), was eine Förderung --darüber freuten sich gewiss die Saudis, denen es jetzt so schlecht geht, und die ebenfalls notleidenden griechischen Grossreeder!-- von 360 Millionen Barrel Oel voraussetzte (heutige Förderung:  so gut wie vernachlässigenswerte 67 Millionen)      8  Das könnte doch auch dem Massenelend der fortlaufend numerierten Welten, von dem World Watch unbetroffen schweigt, irgendwo etwas aufhelfen, oder?      9  Bleibt, bitte wieder ernsthaft jetzt, die Frage, wo tun die Chinesen und anderen noch auf  ‘dann-Weltstandard' zu bringenden nur dieses Oel hin, wo doch die ganzen Flächen schon fuer Autos und Parkierungen verbraten sind?  Müssen sie dann immer erst das viele Oel, in welcher Erscheinungsform auch, wegräumen (und dann wohin?), bevor sie losfahren können?   Womit Nietzsches ‘schöne naive Sachen' wieder mal um ein, zwei gemehrt wären
© l998, l999  oliver necker