Die Gazette Nr. 11, Februar 1999:

Die Adresse
 
Verstolperter Ehrgeiz 

So überwältigend kann das Unterfangen doch nicht gewesen sein, einen Abriß der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts ins Netz zu stellen. Trotzdem haben die kühnen Pioniere: das Fraunhofer ISST, das Deutsche Historische Museum (Berlin) und das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Bonn) fast alle Fehler gemacht, die man dabei überhaupt machen kann. Es vergeht einem, geradezu walserisch, die Lust zum Hinsehen. 
Aber beginnen wir mit den neutralen und einigen guten Nachrichten. 
Das Jahrhundert wird eingangs in handliche Portionen eingeteilt: vom Wilhelminischen Deutschland über den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik ins NS-Regime und den Zweiten Weltkrieg, dann die Nachkriegsjahre, das geteilte Deutschland, die deutsche Einheit und schließlich die derzeitige Gegenwart. 
Beim Anklicken eines dieser Links öffnet sich eine Seite mit einem zusammenfassenden Übersichtsartikel (und einigen weiterführenden Links), dazu werden ein paar die Epoche kennzeichnende Bilder und Jahr für Jahr jeweils die Chronik der Ereignisse geliefert. Die Chronik ist gelungen: Sie hält das richtige Maß zwischen Verzetteltheit und lakonischer Kürze; bei dramatischen Jahren, etwa 1939, finden sich Einträge zu fast einhundertfünfzig Daten, alle relevant und präzise formuliert. Auch die weiterführenden Links bringen wichtige Unteraspekte auf den Bildschirm. Natürlich findet man auch hier wieder Links, zumeist auf Sachinformationen wie Biographien (wer war Gottfried Feder?) und Begriffsserklärungen (was ist eigentlich die Konservative Revolution?). Lediglich die Fotos auf diesen Seiten bieten weder originelle Erhellung noch wesentliche Standardinformation; die Auswahl erscheint ein bißchen willkürlich. Gut sind zum Beispiel ein Plakat der Olympischen Spiele 1936 oder das optimistische Marshall-Plan-Poster (siehe Abbildungen). Anderes verrät eine kleiniche Gehässigkeit, etwa das „Unser Plan"-Schild aus mageren DDR-Zeiten (Abbildung). Und einiges gehört ganz einfach wieder raus, zumindest das viel zu klein geratene Geheimprotokolls (Abbildung), auf der nur der Graphologe noch Ribbentrops Unterschrift errät. 
Sehr aufschlußreich, ein echter Gewinn, sind die Tondokumente, etwa Goebbels heiseres Geschrei zum Judenboykott, sowie die Video-Clips (die allerdings eine Ausrüstung auf dem letzten, teuren Stand der Technik verlangen, nämlich einen Real-Player G2!). 
Ende der erfreulichen Durchsage. 
Nun der Ärger. Er beginnt schon beim ersten Aufruf des neckisch LeMO genannten Lebendigen Museums Online: Das LeMO-Logo ist unverständliche zweihunderteinundneunzig kB dick, braucht gut und gern zwei Minuten zum Laden und dient zu nichts anderem, als es anzuklicken und zur Epochenübersicht weiterzukommen (außer daß sich der blaue Sektor, siehe Abbildung rechts oben, mit wechselnden Ausschnittbildchen im Kreis dreht, mein Gott ja!). Dieses Logo ist eine Zumutung. 
Wenn man dann endlich auf der nächsten Seite ist, werden einem wahlweise dreidimensionales VRML oder schichte HTML-Seiten geboten. Wer so dumm ist und die - im übrigen ziemlich primitive - VRML-Präsentation anklickt, sitzt schon wieder in der Warte-Falle: Bis alles da ist, vergehen wieder kostbare Minuten, und dann fehlen in den 3D-Räumen offenbar die Bilder an der Wänden; nur einige Leitbilder lassen sich dahin bringen, ins Blickfeld zu schweben. Das Gästebuch des LeMO ist bereits voller Beschwerden über diese überflüssige, funktionslose, ja nicht einmal ordentlich funktionierende Dreidimensionalität. 
Irgendwie scheinen die Webdesigner selber die Lust an dem Projekt verloren zu haben. Für die frühen Epochen, etwa das Wilhelminische Deutschland haben sie noch Ersatztexte für Grafikplatzhalter angebracht, so daß man entscheiden kann, ob man sich eine bestimmte Abbildung tatsächlich herunterladen möchte. Bei den späteren Epochen gähnen einen da leere, beschreibungslose Kästen an, und man muß jeden einzelnen laden, bis man weiß, worum es sich handelt. Andererseits hat ihnen aber das Glasnost-Plakat so gut gefallen, daß sie es unsinnigerweise gleich auf zwei Seiten verwendet haben. 
Schließlich das Unverzeihliche: jede Menge tote Links. Angeblich kann man - unter anderen - Honecker und Krenz und de Maizière anklicken, aber das Ergebnis ist jedesmal die gefürchtete Fehlermeldung 404, „Document not found". Die Westdeutschen hat man da etwas besser behandelt, Helmut Schmidt klappt immerhin, und bei Helmut Kohl erhält man wenigstens den Hinweis: „Sorry, diese Seite befindet sich noch im Aufbau." 
Dringende Anfrage: Soll mit diesen Ärgerlichkeiten die erst kürzlich wieder verlangte Erinnerungsfähigkeit gefördert werden? Ich könnte jeden verstehen, der das LeMO frustriert verläßt und sich in die nächste Disco rettet.

LeMO-Logo
(Link)

Olympiade-Plakat 1936

ERP-Plakat

Unser Plan

Geheimprotokoll
(Original-LeMO-größe)