| Verstolperter Ehrgeiz
So überwältigend kann das Unterfangen doch nicht gewesen sein,
einen Abriß der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts ins Netz
zu stellen. Trotzdem haben die kühnen Pioniere: das Fraunhofer ISST,
das Deutsche Historische Museum (Berlin) und das Haus der Geschichte der
Bundesrepublik Deutschland (Bonn) fast alle Fehler gemacht, die man dabei
überhaupt machen kann. Es vergeht einem, geradezu walserisch, die
Lust zum Hinsehen.
Aber beginnen wir mit den neutralen und einigen guten Nachrichten.
Das Jahrhundert wird eingangs in handliche Portionen eingeteilt: vom
Wilhelminischen Deutschland über den Ersten Weltkrieg, die Weimarer
Republik ins NS-Regime und den Zweiten Weltkrieg, dann die Nachkriegsjahre,
das geteilte Deutschland, die deutsche Einheit und schließlich die
derzeitige Gegenwart.
Beim Anklicken eines dieser Links öffnet sich eine Seite mit einem
zusammenfassenden Übersichtsartikel (und einigen weiterführenden
Links), dazu werden ein paar die Epoche kennzeichnende Bilder und Jahr
für Jahr jeweils die Chronik der Ereignisse geliefert. Die Chronik
ist gelungen: Sie hält das richtige Maß zwischen Verzetteltheit
und lakonischer Kürze; bei dramatischen Jahren, etwa 1939, finden
sich Einträge zu fast einhundertfünfzig Daten, alle relevant
und präzise formuliert. Auch die weiterführenden Links bringen
wichtige Unteraspekte auf den Bildschirm. Natürlich findet man auch
hier wieder Links, zumeist auf Sachinformationen wie Biographien (wer war
Gottfried Feder?) und Begriffsserklärungen (was ist eigentlich die
Konservative Revolution?). Lediglich die Fotos auf diesen Seiten bieten
weder originelle Erhellung noch wesentliche Standardinformation; die Auswahl
erscheint ein bißchen willkürlich. Gut sind zum Beispiel ein
Plakat der Olympischen Spiele 1936 oder das optimistische Marshall-Plan-Poster
(siehe Abbildungen). Anderes verrät eine kleiniche Gehässigkeit,
etwa das „Unser Plan"-Schild aus mageren DDR-Zeiten (Abbildung). Und einiges
gehört ganz einfach wieder raus, zumindest das viel zu klein geratene
Geheimprotokolls (Abbildung), auf der nur der Graphologe noch Ribbentrops
Unterschrift errät.
Sehr aufschlußreich, ein echter Gewinn, sind die Tondokumente,
etwa Goebbels heiseres Geschrei zum Judenboykott, sowie die Video-Clips
(die allerdings eine Ausrüstung auf dem letzten, teuren Stand der
Technik verlangen, nämlich einen Real-Player G2!).
Ende der erfreulichen Durchsage.
Nun der Ärger. Er beginnt schon beim ersten Aufruf des neckisch
LeMO genannten Lebendigen Museums Online: Das LeMO-Logo ist unverständliche
zweihunderteinundneunzig kB dick, braucht gut und gern zwei Minuten zum
Laden und dient zu nichts anderem, als es anzuklicken und zur Epochenübersicht
weiterzukommen (außer daß sich der blaue Sektor, siehe Abbildung
rechts oben, mit wechselnden Ausschnittbildchen im Kreis dreht, mein Gott
ja!). Dieses Logo ist eine Zumutung.
Wenn man dann endlich auf der nächsten Seite ist, werden einem
wahlweise dreidimensionales VRML oder schichte HTML-Seiten geboten. Wer
so dumm ist und die - im übrigen ziemlich primitive - VRML-Präsentation
anklickt, sitzt schon wieder in der Warte-Falle: Bis alles da ist, vergehen
wieder kostbare Minuten, und dann fehlen in den 3D-Räumen offenbar
die Bilder an der Wänden; nur einige Leitbilder lassen sich dahin
bringen, ins Blickfeld zu schweben. Das Gästebuch des LeMO ist bereits
voller Beschwerden über diese überflüssige, funktionslose,
ja nicht einmal ordentlich funktionierende Dreidimensionalität.
Irgendwie scheinen die Webdesigner selber die Lust an dem Projekt verloren
zu haben. Für die frühen Epochen, etwa das Wilhelminische Deutschland
haben sie noch Ersatztexte für Grafikplatzhalter angebracht, so daß
man entscheiden kann, ob man sich eine bestimmte Abbildung tatsächlich
herunterladen möchte. Bei den späteren Epochen gähnen einen
da leere, beschreibungslose Kästen an, und man muß jeden einzelnen
laden, bis man weiß, worum es sich handelt. Andererseits hat ihnen
aber das Glasnost-Plakat so gut gefallen, daß sie es unsinnigerweise
gleich auf zwei Seiten verwendet haben.
Schließlich das Unverzeihliche: jede Menge tote Links. Angeblich
kann man - unter anderen - Honecker und Krenz und de Maizière anklicken,
aber das Ergebnis ist jedesmal die gefürchtete Fehlermeldung 404,
„Document not found". Die Westdeutschen hat man da etwas besser behandelt,
Helmut Schmidt klappt immerhin, und bei Helmut Kohl erhält man wenigstens
den Hinweis: „Sorry, diese Seite befindet sich noch im Aufbau."
Dringende Anfrage: Soll mit diesen Ärgerlichkeiten die erst kürzlich
wieder verlangte Erinnerungsfähigkeit gefördert werden? Ich könnte
jeden verstehen, der das LeMO frustriert verläßt und sich in
die nächste Disco rettet. |
(Link)
(Original-LeMO-größe)
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